
Wie klingt eine Gesellschaft, die sich auf Krieg einstimmt? Welche Wörter verwendet sie? Und gleicht sich der Sound aller kriegsertüchtigenden Gesellschaften?
Im Gespräch mit Roberto De Lapuente zeigt Konfliktforscher Leo Ensel, wie sich Militarisierung längst in unsere Alltagssprache eingeschlichen hat – von »wehrhaft« bis »nachhaltige Armeen«. Ein Interview über alte Parolen, neue Propaganda und die Macht der Worte.
De Lapuente: Herr Ensel, Sie haben allerlei Wörter und Redensarten zusammengetragen und sie in einem »Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit« veröffentlicht. Hat sich denn das Vokabular der Kriegstüchtigen vergrößert, seitdem Sie anfingen, deren Ausdrücke aufzuschreiben?
Ensel: Und wie! Ich habe seit Redaktionsschluss (1. Dezember letzten Jahres) schon wieder über 300 Schmetterlinge mehr in meiner Sammlung. Der Irankrieg brachte übrigens eine besonders reichhaltige Ernte. Aktuelles Beispiel gefällig? Bitte: »Dies sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist auch kein fairer Kampf. Wir schlagen auf sie ein, während sie am Boden liegen, und genau so sollte es auch sein.« Pete Hegseth spricht hier Klartext. – Oder um ein anderes Bild zu bemühen: Ich muss nur mein Segel hissen oder mein Netz auswerfen – Wind und Fische kommen von ganz alleine!
De Lapuente: Ist denn die Sprache der Kriegstüchtigkeit von der Sprache des Krieges noch zu unterscheiden?
Ensel: Beides soll jedenfalls darauf hinauslaufen, dass man, wenn es soweit ist, tüchtig Krieg führen kann!
»Ein Wort wie eine Promenadenmischung aus Habermas und Pistorius«

De Lapuente: Würden Sie sagen, dass viele der Wörter, die Sie da zusammengestellt haben, schon eine gewisse Kriegstradition haben? Anders gefragt: Wurden unsere Urgroßväter im Ersten Weltkrieg schon mit ihnen konfrontiert?
Ensel: »Wer töten will, muss sterben können.« Wissen Sie, wann und wo diese Überschrift gedruckt wurde? – In der ZEIT vom 21. Oktober 2025! »Moskau dem Erdboden gleichmachen« oder »weit in die Tiefe des russischen Raumes« sind ebenfalls nicht besonders originelle Formulierungen. Von der »tödlichsten Streitmacht in Europa« oder dem »Willen zum Kampf« war sicher auch zu früheren Zeiten schon die Rede. Wie ja auch das Wort »kriegstüchtig« nicht etwa eine Erfindung von Herrn Pistorius ist, sondern sich nicht zuletzt Anfang der Vierzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hierzulande großer Beliebtheit erfreute. (Was ja auch kein Zufall ist, schließlich müssen wir uns ja laut NATO-Generalsekretär Mark Rutte »auf ein Ausmaß von Kriegen vorbereiten, wie sie unsere Großeltern und Urgroßeltern ertragen mussten«.) Einiges ist allerdings auch zeitgemäß etwas modernisiert: Wo man früher »Kein Fußbreit dem Feind!« brüllte, wird heute der NATO-Luftraum »Zentimeter für Zentimeter« verteidigt. – Es gibt sie also noch, die guten alten Aufmunterungs- und Durchhalteparolen.
De Lapuente: Was hat Sie beim Zusammentragen der Begriffe am meisten überrascht?
Ensel: In der Tat gibt es auch einen völlig neuen Sound. »Woke & wehrhaft« hat ja laut dem (ungedienten) Professor an der Münchner „Universität der Bundeswehr“ Carlo Masala die postmoderne Truppe zu sein. (Sämtliche Minderheiten der bunt-diversen Gesellschaft all inclusive.) Entsprechend ist nun von »queerfeldein marschieren«, »mehr Sichtbarkeit« oder von »in der Gesellschaft ankommen« die Rede. Äußerst beliebt ist übrigens auch ein oliv-grüner Öko-Sound: »nachhaltige Wehrhaftigkeit«, »Greening the armies«, »technologische Ökosysteme«. Also Militarismus mit Öko-Siegel: Nachhaltige Armeen, Panzer mit Hybridantrieb aus doppelt-grünem Stahl, Kasernen mit Solardach – alles für den klimaneutralen Atomkrieg! Auch um den Jugendjargon bemüht man sich sehr: »Absolut mega!« findet ein deutscher Hauptmann den Empfang seiner Truppe in Litauen und unser Verteidigungsminister nimmt doch tatsächlich in aller Öffentlichkeit das Wörtchen »geil« in den Mund! Gefragt ist nicht mehr der im Befehlston schnarrende Preuße, sondern der kommunikative Buddy mit Medienkompetenz – vielleicht sogar genderoffen und festivalerprobt. (Und für die Intellektuellen gibt es noch ein paar ganz besondere Leckerlis: »Diskurstüchtigkeit«, eine Promenadenmischung aus Habermas und Pistorius, sowie nichts weniger als schlichtes »Glück«! Denn: »Europa erlebt derzeit, historisch gesehen, etwas, das einem Glück gleicht. Wir haben wieder Feinde. Echte Feinde.« So Meisterdenker Peter Sloterdijk.) – Dazu kommt noch eine weitere wichtige Kategorie: Tausend Formulierungen, die (aus durchsichtigen Gründen) die Grenze zwischen Krieg und Frieden vernebeln. Da ist von einem »grauen Krieg«, von »hybridem Gesamttableau« oder schlicht von »irgendwas dazwischen« die Rede. Den Vogel allerdings schoss Generalinspekteur Carsten Breuer ab: Ihm zufolge befinden wir uns gerade in einer »dämmrigen Übergangszeit«!
»Meine Kinder sollen 100 Jahre alt werden«
De Lapuente: Hat Sie der Prozess der Recherche für Sprache nochmal sensibilisiert? Überhaupt: Ertappen Sie sich nicht dabei, das eine oder andere Wort aus Ihrem Lexikon selbst im Alltag zu verwenden?
Ensel: Das Ohr schärft sich in der Tat immer stärker. Dass mir in atemberaubendem Tempo immer mehr Fische ins Netz gehen, hat mit Sicherheit damit zu tun – und natürlich mit der Tatsache, dass die Lage selbst sich immer rasanter verschärft. Entsprechend radikalisiert sich auch die Sprache. – Ich selbst verwende keine dieser Formulierungen. Es reicht mir, dass ich mich tagtäglich mit ihnen am Schreibtisch auseinandersetzen muss!
De Lapuente: Welcher der aufgeführten Begriffe imponiert Ihnen am meisten dem Sinne nach, dass da jemand offenbar sein propagandistisches Handwerk meisterhaft versteht?
Ensel: Ein wahres Meisterwerk ist zum Beispiel »SAFE«, die Abkürzung für »Security Aktion for Europe« – eine neue kreative Möglichkeit der EU, sich via Anleihen Geld für die dringend erforderliche Aufrüstung zu beschaffen. Hier waren – Chapeau! – absolute Wort-Profis am Werk. Besonders gut gefällt mir aber auch die »Kaltstart-Akte« für Soldat-Sternchen-innen: Laut Wehrbeauftragter Eva Högl »eine gute Grundlage, um frühzeitig Regelungen für den Ernstfall zu treffen«. Testament, Patientenverfügung, Sorgerechtsfragen – all inclusive! (Passwörter zu Social-Media-Profilen und E-Mailfächern, Zugänge zu Bankkonten und Versicherungen oder Codes für Alarmanlagen an Haus oder Wohnung nicht zu vergessen.) Über den eigenen Tod nachzudenken, fällt zwar (laut Högl) schwer. »Jedoch ist eine gewisse Vorbereitung unabdingbar, um Familie und Freunde in schweren Zeiten zu entlasten.«
De Lapuente: Sie widmen Ihr Buch jungen Menschen beiderlei Geschlechts, die nach 2008 geboren wurden und ein Recht darauf haben, ihr Leben zu genießen. Sie haben in Ihrem Umfeld selbst junge Leute, um die Sie fürchten, Herr Ensel?
Ensel: Ja. Ich habe, wie beim »Kaukasischen Kreidekreis«, zwei Kinder – eine Tochter (16) und einen Sohn (15) – in Armenien. Schrecklicherweise wurden sie dort 2020 und 2023 schon in frühem Alter mit dem Thema »Krieg« direkt konfrontiert. Vielleicht werden sie in ein paar Jahren in Deutschland studieren. Ich möchte nicht, dass sie vom Regen in die Traufe kommen! Beide sollen 100 Jahre alt werden.
Leo Ensel: „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten“, Promedia Verlag, Wien 2026. 20,00 Euro
Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“), ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt seit 2014 sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens.
Ähnliche Beiträge:
- »Die Grenzüberschreitungen der Politik werden durch die Ignoranz der Bürger erst so richtig ermöglicht«
- „Das Christentum verwarf prinzipiell Krieg und Blutvergießen“
- Leo Ensel: »Die entscheidende Frage lautet: Gemeinsam überleben oder gemeinsam zugrunde gehen?«
- »Es sollte nicht in erster Linie Soldaten gegen den Krieg protestieren, sondern alle Menschen«
- »Wenn Sie das einmal gesehen haben, sind Sie von solch dümmlicher Propaganda-Presse geheilt«



Ich denke es ist vorbei unsere Jugend will sterben.
War Zeuge als eine Horde Teenager-Jungs, alle sportlich fit gut, drauf, raspelkurzer militärisch korrekter Haarschnitt, vermutlich weil Mutti es so richtig findet für richtige Jungs, machten sich über einen Altersgenossen mit bunter Punkerfrisur lustig, der das sanft ignorierte, Mir kamen dabei verschiedene Gedanken: die haben sicher keinen Antrag auf Militärdienstverweigerung gestellt ? Der Bunte hoffentlich schon. Wenn die dann beim beim Bund in wenigen Jahren zeigen dürfen, was richtige Männer sind und dann das häufige Ende einer solchen Performance nehmen, winselnd irgendwo zu verrecken oder als Krüppel in einem Hinterzimmer gepflegt zu werden, ob sie dann immer noch große Fresse haben und sich über „Weicheier“ lustig machen ? Und weiter, müssen die einem dann leid tun, oder deren Mütter ?
Fragen über Fragen die mir kamen.
„jungen Menschen beiderlei Geschlechts, die nach 2008 geboren wurden und ein Recht darauf haben, ihr Leben zu genießen“
Mal abgesehen davon, dass es gesellschaftliche Konsens ist, hier an die Geschlechter sehr unterschiedliche Maßstäbe anzulegen, ist es nicht so, dass man sich ein solches Recht dadurch erwirbt, wie man selbst Anderen ,Schwächeren gegenüber auftritt, freundlich, nachsichtig, friedfertig, und nicht eine Frage des Geburtsdatums ?
Nana! Jetzt will hier schon Sprache, dass wir in den den Krieg ziehen. Gibt es denn keine psychopathischen Kapitalisten mehr, die uns in den Fleischwolf drehen wollen? Keine namentlich bekannten Protagonisten diesseits wie jenseits des Großen Teichs? Wer ist denn für die veränderte Sprache verantwortlich?
Ich habe während des Jugoslawienkrieges mir eine Reportage über den Beschuss von Sarajewo angesehen, indem ein junger Reporter das „Trommelfeuer“ beschrieb, unter dem Sarajewo läge.
Nun ist alle halbe Stunde eine Granate zwar schlimm genug, aber bei weitem kein Trommelfeuer.
Da ging mir auf, das der junge Mann überhaupt nicht wusste, was ein Trommelfeuer ist!
Da habe ich mich gefreut, das die junge Generation offenbar weit entfernt von militärischen Begrifflichkeiten ist, das sich also offenbar etwas verändert hatte….
Umso mehr schmerzt mich die Rückkehr und allgemeine Akzeptanz des militärischen Vokabulars.
Allein dessen Präsenz schon verändert etwas in den Köpfen, die ständige Benutzung derlei Begrifflichkeiten sorgt für den Eingang in den Alltag, schafft neue Selbstverständlichkeiten.
Das ist gefährlich, da tröpfelt reines Gift in die Köpfe der Menschen, aus Gedanken ergeben sich irgendwann Handlungen.
Ich kann das nur schwer aushalten!
Das Buch von Hrn Ensel ist wichtig und notwendig, wird aber nicht die Reichweite haben, die nötig wäre, um den Kampf um die Köpfe zu gewinnen!
Kein deutscher Staatsbürger sollte sich für diesen Staat oder die sog. ‚Westliche Un-Wertegemeinschaft‘, den z. B. die ÖRR propagandistisch unterstützen ( u. a. durch Propaganda-Formate wie https://www.ardmediathek.de/sendung/die-100-was-deutschland-bewegt/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTU0 ) und für den diese u. a. stehen, auch durch tätiges Nichttun / Verschweigen ( NATO-Osterweiterung als eine Kriegsursache ), Verdrehen von ( vermeintlichen ) Tatsachen, in welchem Pazifistinnen und Pazifisten u. a. Gruppen systematisch straffrei diffamiert werden, zu welchem Dienst auch immer zur Verfügung stellen – womöglich noch sein Leben riskieren, welches deutsche Politik leichtfertigst aufs Spiel setzt seit dem Jahre 2001 bzw. dem 24.02.2022.
Ferner bin ich der Auffassung, dass Deutschland angesichts seiner Geschichte alles unternehmen muss, um friedenstüchtig zu werden bzw. eine Friedensbewegung zu etablieren. Deutschland ist wieder Waffenexport-Großmeister. Daher Stopp deutscher Waffenexporte ( direkt und indirekt ), Rüstungsfinanzierungen im Ausland usw. – https://aufschrei-waffenhandel.de/ .
Angesichts der Schuld Deutschlands für Krieg und Leid und Genozid im 20. Jahrhundert, sollte es die Neutralität nach Schweizer Modell anstreben. ASAP!
„Die schnellstmögliche Herbeiführung eines größtmöglichen Allgemein- / Weltwohles muss das oberste Ziel allen Denkens und Handelns in ziviler Bürgergesellschaft, Politik, Staat, Wirtschaft und Wissenschaft sein.“ ( RW ) – Davon sind wir jedoch sehr weit entfernt!
Literaturhinweise
Karl Dietrich Bracher: Die Auflösung der Weimarer Republik.
Ders.: Die deutsche Diktatur.
Ders.: Zeit der Ideologien.
Zu meinem Entsetzen kam mal im TV eine Sendung, in der Palästinenserfrauen ihren Stolz darüber geäußert haben, dass ihre Söhne als Märtyrer gestorben sind. Von Trauer hat man nichts gemerkt.
Besonders stößt mir die Anbiederung an eine junge Generation und einen vermeintlich woken Zeitgeist auf. Ich werte es Verarsche und Respektlosigkeit.
Unabhängig von diesem, und bei berechtigten Kritik am politischen System, lohnt sich hier der Blick über den Zaun zur US Army. Natürlich erwartet man auch dort vom Soldaten, dass er Handwerker des Tötens ist. Drill und Respekt herrschen dort aber gleichermaßen. Vom Unterschied in der persönlichen Ansprache, kann man sich ein Bild machen, indem man den AFN einschaltet. Das Motto dort lautet Wertschätzung und dieses durchzieht das gesamte Soldatenleben.