»Die Kompetenzorientierung hat die Mittel des Unterrichts zu dessen Zweck erhoben«

Lehrerin vor der Schulklasse
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Seit einigen Jahren lehren deutsche Schulen »Kompetenzen« – und setzen dabei Inhalte zurück. Ist das ein Grund für die Bildungsmisere?

Roberto De Lapuente hat sich mit Lehramtsstudent Aaron Richter unterhalten.

 

De Lapuente: Seit geraumer Zeit hört man oft, dass in Schulen Kompetenzen vermittelt werden sollen. Als ich zur Schule ging, da gab es Lehrstoff, den sie uns beibringen wollten. Haben sich nur die Begriffe verändert – oder auch die Schwerpunkte?

Richter: Es haben sich durchaus auch die Schwerpunkte verändert, nur leider nicht zum Positiven. Die »Bildungswissenschaften«, wie der universitäre Zweig der Pädagogik heute heißt, verstehen ihre Aufgabe seit circa 20 Jahren darin, Schülerinnen und Schüler mit Kompetenzen auszustatten, statt ihnen bloß »totes Wissen« zu vermitteln. Was im Ansatz wie eine logische Entwicklung klingt, ist eigentlich ein Etikettenschwindel: Denn natürlich wurden auch in den 1970er Jahren bereits Kompetenzen entwickelt und geschult. Es ist schließlich so, dass eine Fähigkeit – also etwa Lesen, Rechnen oder Urteile bilden – immer erst am Gegenstand reift. Für die Pädagogen vergangener Jahrzehnte lag daher der Fokus auf den Materialien: Welche Rechenaufgaben, welche historischen Quellen, welche biologischen Schaubilder führen am direktesten zu meinem Unterrichtsziel? Man hat sich darauf verlassen, dass eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung auch die dafür erforderlichen Fähigkeiten herausbilden oder verbessern wird.

De Lapuente: Und das ist heute anders gelagert?

Richter: Ja: Während also bis in die frühen 2000er die schulischen Inhalte Vorrang hatten und ihre Bearbeitung nachgelagert war, kehrte die Kompetenzorientierung dieses Verhältnis um. Ziel des Unterrichts ist jetzt eben nicht mehr der Lehrstoff, sondern eine Fähigkeit, die man gebrauchen könnte, um ähnliche Inhalte zu bearbeiten. Die heutigen Bildungsziele der Schule lauten also nicht mehr: Binomische Formeln, Photosynthese oder Französische Revolution, sondern: »Teambuilding«, »Lesekompetenz« und »Medienkompetenz«. Mit einem Satz: Die Kompetenzorientierung hat die Mittel des Unterrichts zu dessen Zweck erhoben.

»Was du nicht weißt, kannst du dir einfach selbst erarbeiten«

De Lapuente: Was hatte das für Folgen?

Richter: Damit einher ging eine Abwertung der Vorstellung, dass die Schule einen gesellschaftlichen Wissenskanon vermitteln soll; dieses Konzept gilt vielen Bildungswissenschaftlern heute als rückständig und paternalistisch. Stattdessen sieht man sich gerne in der Rolle des fortschrittlichen Pioniers, der endlich das sture Lernen überkommt. Mächtig stolz ist man daher auf den Begriff der »Kompetenzen«, der im Grunde aussagt: Was du nicht weißt, kannst du dir dank deiner schulischen Ausbildung einfach selbst erarbeiten – angeblich ganz ohne Paukerei.

De Lapuente: Versteht sich Schule nach diesem Konzept also als eine Art »Anleitung zum selber lernen«? Oder gar zum »wissen, wo man nachschlagen muss«?

Richter: Ja. Albert Einstein soll einmal lapidar gesagt haben: »Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht«. Nach diesem Motto agiert die Kompetenzpädagogik. In einer schnelllebigen, hochtechnisierten Industrienation erscheint das ja auch attraktiv. Schließlich stehen junge Menschen heute vor der Paradoxie, dass die profitabelsten Branchen – Software, Medizin, Finance – Spezialwissen voraussetzen; doch der Berufsweg dorthin führt in der Regel über das Abitur, dessen eigentlicher Zweck die »allgemeine Hochschulreife« ist. Insofern passen der historische Anspruch des Gymnasiums und die heutige Berufswelt scheinbar nicht zusammen. Die Kompetenzpädagogik verspricht als Antwort darauf eine breite Palette an bunten Befähigungen, die letztlich für jeden Beruf gleichermaßen qualifizieren sollen. Insofern richtet die Kompetenzpädagogik ihre Inhalte übrigens nicht an gesellschaftlichen Idealen aus, sondern an den Anforderungen der Wirtschaft. Dass auf diese Weise letztlich weniger Inhalte gelernt werden als zuvor, ist ein Grund dafür, weshalb der Standard des deutschen Abiturs in den letzten Jahren stetig gesunken ist. Wer beispielsweise als Deutscher in der Schweiz Mathematik studieren möchte, muss einen Aufnahmetest bestehen, zu dem ein Schweizer Kandidat nicht einmal antreten muss.

»Kompetenzorientierung ist Kapitulation vor der Komplexität«

De Lapuente: Was spricht denn gegen eine Bildungsausrichtung nach wirtschaftlichen Vorstellungen?

Richter: Eine klassische humanistische Bildung würde nicht nur die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Wer Autoren wie Immanuel Kant gelesen und verstanden hat, dem darf man auch eine gewisse »Lesekompetenz« unterstellen. Lesekompetenz ist hier nur die Begleiterscheinung einer inhaltlich-philosophischen Beschäftigung. Wer so gebildet wird, verfügt am Ende über beides: Wissen und Können. Wer aber nach den Maßstäben der Kompetenzpädagogik gebildet wird, der lernt nur eines: Im Zweifelsfall kann ich ja googeln. Ich überspitze etwas, aber das Prinzip bleibt gleich: Die Kompetenzorientierung entschuldigt letztlich die Kapitulation vor der Komplexität.

De Lapuente: Wie kam es zur Kompetenzschulung? Wer hat dieses Konzept entwickelt?

Richter: Die Kompetenzschulung geht auf ein ca. 200 Seiten umfassendes Richtungspapier zurück, das 2003 unter dem Titel »Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards« unter Federführung des Bildungswissenschaftlers Eckhard Klieme entwickelt wurde. Impulsgeberin war die damals amtierende Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Die erste PISA-Studie war kurz zuvor veröffentlicht worden und hatte eine Schockwelle in Deutschland ausgelöst: »Die neue Bildungskatastrophe«, titelte beispielsweise der SPIEGEL. Da deutsche Schüler im europäischen Vergleich bemerkenswert schlecht abgeschnitten hatten, sah die Politik sich im Zugzwang, mit neuen Konzepten nachzuziehen. Alte Lehrpläne sollten »entschlackt« und die Bildungsziele neu formuliert werden. Die Stunde der Kompetenzorientierung hatte geschlagen.

»Das Lehramtsstudium gibt viele Anreize für schwammige Kompetenzbegriffe«

De Lapuente: Hat sich das auf dem Beruf des Lehrers ausgewirkt?

Richter: Vor allem schlägt es sich in der Lehrerbildung nieder. Das geht, wie angedeutet, schon in der Universität los. Auch die Lehrpläne enthalten oft nur noch grobe Beschreibungen von Kompetenzzielen statt konkreter Themenfelder. Vor allem aber regiert die Kompetenzorientierung das Referendariat. Statt – wie in den späten 1990er Jahren – konkrete Lernziele einzeln aufzulisten, müssen Referendare ihre Unterrichtsentwürfe heutzutage mit Kompetenzen rechtfertigen. Das klingt dann beispielsweise so: »Indem die Schülerinnen und Schüler erklären können, inwiefern Staatsbankrott, ungerechtes Steuersystem, politische Machtlosigkeit des Dritten Standes und Reformunfähigkeit des absolutistischen Königs zur Staatskrise in Frankreich führen, erweitern sie ihre Fähigkeit zu multifaktoriellem Sachurteil als Bestandteil von Urteilskompetenz.« (1) Man merkt: Ein solches Ziel ist nicht nur unhandlich, es bleibt auch vage. Für keine der gängigen Kompetenzen, die im Unterricht geschult werden sollen, gibt es eine einheitliche Definition. Im Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg von 2004 finden sich beispielsweise mehr als 1.800 Kompetenzbegriffe. Ich habe in der Praxis selbst erlebt, dass Referendare sich diese Beschreibungen auch heute noch aus den Fingern saugen. Daraus resultiert eine frappierende Beliebigkeit der Zielsetzungen, die deshalb auch schlechter überprüft werden können.

De Lapuente: Das klingt nach einer Spirale des Bildungsniederganges …

Richter: Es ist tatsächlich ein Teufelskreis. Dass mit der Kompetenzorientierung Mittel und Zweck des Unterrichts vertauscht wurden, hat für angehende Lehrer eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt: Das Lehramtsstudium gibt kaum noch Anreize zur eigenständigen Materialerstellung, aber viele Anreize für schwammige Kompetenzbegriffe; frischgebackene Referendare sind daher mit unterrichtspraktischen Fragen oft überfordert; in dieser Not wird die Orientierung an Schulbüchern wichtiger; diese richten sich aber an den sinkenden Standards der Lehrpläne aus; also nimmt das Niveau der Inhalte insgesamt ab; und so verschlechtern sich auch die Fähigkeiten zur Bearbeitung solcher Inhalte. Wenn man diese systemischen Zusammenhänge betrachtet, wird der Rückgang des Bildungsniveaus in Deutschland begreiflich. Von den Lehrern der 1970er, die ihre Materialien mit deutlich weniger technischen Möglichkeiten als heute selbst erstellten, ist jedenfalls kaum etwas übriggeblieben.

(1) Meyer, Helmut (2014): Von den Lernzielen über die Kompetenzen zu den Lernzielen? Der Fall Lena B. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 65 7/8, S. 472-481. Hier S. 479.

 

Aaron Richter, Jahrgang 1998, ist Gymnasiallehramtsstudent für Englisch und Geschichte. Er arbeitet zudem als Nachhilfelehrer und Übersetzer. Beim Manova-Magazin setzt er sich unter anderem mit bildungspolitischen Themen auseinander.

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32 Kommentare

  1. Der Treppenwitz an dieser ganzen Misere ist, dass die Schüler nun weder Sachwissen, noch Kompetenzen haben, wenn sie die Schulen verlassen.
    Insoweit ist eine fragwürdige Änderung auch noch miserabel umgesetzt worden und verfehlt ihr Ziel komplett.
    Wie in so vielen Bereichen geht es weg vom Verbindlichen hin zu marketinggerechten Floskeln. Politsprech, deren Höhepunkte in so etwas wie „gute KiTa Gesetz“ oder eben hier die Umgestaltung des Lehrsystems sind.
    Symptome einer erheblichen Infantilisierung der Politik unseres Landes, die kaum mehr über Absichtserklärungen hinaus kommt und immer reichlich Ausreden parat hat, warum alle anderen, oder die bösen Sachzwänge, so gut gemeinte Vorhaben verhindern, wie sie sich in den Slogans und Buzzword-Symphonien der politischen Praxis finden.
    Je weniger verbindlich und messbar etwas ist, umso weniger konkret kann auch ein Mißerfolg analysiert werden. Wer also die Übernahme von Verantwortung scheut, der wird sich immer lieber mit wohlklingenden Absichtserklärungen einhüllen, als mit konkreten Maßnahmen.

    Holde Absichtserklärungen ersetzen auch die Beschäftigung mit der konkreten Umsetzung.

    Inzwischen glaube ich manchmal, dass das gar nicht absichtlich passiert, sondern Folge einer psychologischen Beschränkung in Bezug auf Selbstreflexion ist. Wer als Kind immer nur gelobt wird, gleich welchen Mist er auch verzapft hat, lernt diese „Kompetenz“ der Selbstreflexion und -Einschätzung eben nicht…und kann nicht anders, als sich und seine Wünsche zum Maß aller Dinge zu erheben und sich selbst für großartig zu halten.
    Deswegen stellen sich heutzutage auch so viele mit so breiter Brust und noch breiterer Inkompetenz hin und haben den Anspruch zu führen, wenn schon jedem Beobachter klar ist, dass da größere Limitierungen vorliegen.

  2. Im Gegenteil, der Lehrplan wird immer dichter und Oberstufen-Schüler von heute werden im Vergleich zu ihren Eltern 1-2 Jahre eher mit einem bestimmten Stoff konfrontiert. Genau das ist das Problem. Die Schüler leiden an Wissens-Bulimie. Wenn eine Klassenarbeit unangekündigt ein zweites Mal nach 8 Wochen geschrieben werden würde, könnte es gut sein, dass es Fünfen und Sechsen hagelt für jene, die vorher eine Eins hatten.

    1. Ja da kommt einiges zusammen. Auf der einen Seite die Kompetenzen wie im Artikel beschrieben, auf der anderen Politiker, die Angst haben in der zukünftigen hochtechnologischen Wissensgesellschaft den Anschluss zu verpassen. Dann wird der Lehrplan vollgestopft, weil viel hilft viel, statt zu eruieren, was gebraucht wird an Wissen und Fähigkeiten in Zukunft und dann geguckt wird, wie man das am Besten in den gegebenen Schuljahren unterbringt. Die verschiedenen Fächer sollte man auch besser verzahnen. Ich muss da immer an meine eigene Schulzeit denken: in der elften Klasse brauchten wir Ableitungen in Physik, in Mathe aber erst in der zwölften Thema. Gibt natürlich noch mehr Beispiele, wo man das besser Zusammenwirken könnte. Stattdessen haben wir Inselfächer, die nichts von den anderen Inseln wissen und auf die jedes neue Modethema (meistens irgendwas mit Computer, KI etc) abgeladen wird und sich alles immer weiter auftürmt.

      Von den praktischen täglichen Problemen das alles zu Lehren in Klassen in denen oft die wenigsten Kinder gut deutsch sprechen und dann noch aus schlechten Verhältnissen kommen, mag man gar nicht erst anfangen.

      1. Eine Freundin meines Sohnes arbeitet als Lehrerin und verwendet mittlerweile Google Translater auf dem Handy, um in der Klasse mit 80% Schülern, die kein Deutsch sprechen und aus mehr als zehn verschiedenen Ländern kommen, irgendwie zu kommunizieren. Unterricht, sagt sie, ist das nicht und jeder weiß es, dass kein Unterricht mehr stattfindet.

    2. Ich habe den gegenteiligen Eindruck. Ich vergleiche mit meinen DDR-Lehrbüchern. Manches 1 oder 2 Jahre später oder extrem zusammengedampft.

  3. „[Lese]kompetenz ist hier nur die Begleiterscheinung einer inhaltlich-philosophischen Beschäftigung. Wer so gebildet wird, verfügt am Ende über beides: Wissen und Können.“

    Kurz und präzise auf den Punkt gebracht. Nur ist dies nicht mehr zielführend, da tatsächliche Kompetenz schlimmstenfalls den „Geist“ erweckt, der nicht mehr kontrollierbar wäre.☝️

    Wenn einstmals das berühmte „Licht am Ende des Tunnels“ verheißungsvoll wartete, so verdichtet sich dieses zu immer satterem Schwarz.😵‍💫

  4. Ein lohnender Artikel!

    Natürlich kommen bei der heutigen Bldungskatastrophe zum Irrtum der Kompetenzorientierung noch eine Reihe andere Irrtümer hinzu (insbesondere im methodischen und disziplinarischen Bereich), aber das mit den Kompetenzen spielt auch schon eine erhebliche Rolle.

    Zur Anmerkung von @ Frau W. aus D. an der E.:
    Vermutlich rührt der von Ihnen beobachtete Umstand daher, dass viele Lehrer die von oben verordnete Kompetenzorientierung insgeheim ablehnen, in der Praxis nach dem Referendariat nicht mehr beachten und unter Berufung auf ihr eigenes Berufsethos´ trotzdem auf Inhalte Wert legen.
    Dass dies wiederum so manchen Schüler überfordert, kann durchaus auch Ursachen haben, die im Schüler selbst begründet liegen, z.B. falsche Schulwahl, Faulheit, Konzentrationsschwäche. Auch um 1970 oder 1980 mussten Gymnasiasten eine ganze Menge lernen und wissen, darunter vieles, was heute gar nicht mehr verlangt wird.
    Aber Sie haben natürlich recht, dass heute viele anspruchsvolle Themen bereits zu einem früheren Zeitpunkt gelehrt werden als vor 40 oder 50 Jahren und daher wegen dieser Verfrühung mitunter eine kognitive Überforderung darstellen.

    1. Das ist vielleicht gefühlt so, wie auch Frau W. aus D. an der E. beschreibt. Wenn man von gefühlten Eindruck weggeht und mal in die Arbeiten schaut, sieht das aber eher anders aus.
      Eine Mthematik-Prüfung für die mittlere Reife von 1970 wird heute kaum eine Schüler der gymnasialen Oberstufe fehlerfrei oder auch nur befriedigend rechnen können.
      Das ist auch belegbar und ein Grund für das Video hier:
      https://youtu.be/GhmEYB3Kq-o?feature=shared

      Das ist schon sehr bezeichnend, was Professor Dr. Bernhard Krötz hier zu aktuellen Lehrplänen ausführt. Am Ende stellt er noch besagte Prüfung der mittleren Reife vor…..mag sich jeder selbst ein Bild machen….

      1. Ja es ist eine Abwärtsspirale seit Jahrzehnten. Die Schüler kommen mit Wissens- und Fähigkeitsmängeln aus der Grundschule und auf den weiterführenden baut sich ein immer größeres Loch auf, weil man gar nicht den Stoff gelehrt bekommt weil man mit den Mängeln kämpft. Das fehtl dann natürlich später usw. Die Lösung dafür war bisher immer die Absenkung der Ansprüche und das Verteilen guter Noten und Abschlusszeugnisse. Wir haben heutr auch Abiquoten von 50% und mehr. Das kann ja nur aus einer Absenkung der Ansprüche resultieren. Die Kinder dürften von ihren angeborenen Anlagen her so schlau oder doof sein, wie sie immer waren.

      1. Ja, so etwas hatte ich auch in etwa erwartet…
        Satire ist tot….hat nur die Mehrheit noch nicht gemerkt.
        Marketing hat uns wenig Gutes gebracht, dafür aber das Werkzeug gegeben, allerlei Sachverhalte zu verschleiern.
        Die „Reform“ ist wohl der bekannteste Euphemismus diesbezüglich.
        Aber da alles in Wellen verläuft, wird das auch wieder umkehren….irgendwann… oder auch nicht. Dann ist das eben die Realität.

    1. Ich staune nicht, weil ich das Video schon kannte und mein Entsetzen etwas älter ist. Aber ich glaube, er hat Unrecht. In Berlin hat sich die Zahl der Abiturabschlüsse in wenigen Jahren verzehnfacht! Wir haben also zehnmal mehr hervorragende Abiturienten. Ist ja wohl klar bewiesen und Zweifel daran sind auf jeden Fall rechts und wahrscheinlich auch antisemitisch.
      Und außerdem ist es ziemlich sicher, dass die Schrift von alten, vielleicht nicht ganz weißen, aber Männern erfunden wurde und Lesen und Schreiben, wenn nicht rassistisch, so auf jeden Fall sexistisch kontaminiert sind. Wer wird ernsthaft fordern, so was weiter zu vermitteln?

      Meine Fresse, ist das alles bizarr.

  5. Google: Zu den Schlüsselqualifikationen gehören beispielsweise Leistungsbereitschaft, Zielstrebigkeit, Kreativität, Kommunikations- und Teamfähigkeit.
    Der englische Begriff „soft skills“ wird häufig synonym verwendet.

    Ich, Abitur im Jahr 1973, was mussten wir alles lernen und lesen! Ich beobachte all die „Verdächtigen“ und die „Anschläge“ auf das deutsche Bildungssystem sind seit vielen Jahren und sind somit bekannt; einst wurde es als Vorbildlich bezeichnet! Mit alldem was heute geschieht wird den Forderungen der „Wirtschaft“ [siehe parteipolitische Spenden der Wirtschaft] Rechnung getragen, das ist von sozialen und gemeinnützigen Qualifikationen losgelöst. Alles dreht sich um „Wirtschaft“ und Profitmaximierung!
    Name Amtszeit (Beginn) Amtszeit (Ende) Partei
    Edelgard Bulmahn 26. Oktober 1998 22. November 2005 SPD
    Annette Schavan 22. November 2005 14. Februar 2013 CDU
    Johanna Wanka 14. Februar 2013 14. März 2018 CDU
    Anja Karliczek 14. März 2018 8. Dezember 2021 CDU
    Bettina Stark-Watzinger 8. Dezember 2021 amtierend FDP
    Ein dummes Volk, ja ein dummes Volk mit nur einer Kompetenz, „Dienen“, ist leichter zu regieren!
    MfG KB

    1. Die Wirtschaft stöhnt wegen Fachkräftemangels. Ja zum Teil ist das auch nur getarnte Lohndrückerei, aber in vielen Firmen fehlen Fachleute und man findet auch keine. Also Verdummung ist wirklich nicht im Sinne der Wirtschaft.

    2. Vielleicht denken die ja, „Wer dienen kann, kann auch herrschen“ ?
      Oder was sonst, sollte man von dererlei Anwandlungen halten:

      Pistorius wird übermütig: „Wir sind bereit, die Führung zu übernehmen“

      Boris Pistorius war beim „Großen Bruder“ in Washington, D.C., zu Besuch. In einer Grundsatzrede hat er dort für die Bundesrepublik Deutschland eine militärische Führungsrolle beansprucht – und zwar weltweit. Man könne nicht einfach zusehen, wie „unsere Ordnung und unsere Werte zerstört werden“.

      https://freedert.online/international/205234-pistorius-kampflustig-wir-sind-bereit/

    1. Worte und Begriffe zu ahben, was man nachschkagen will ist wichtig für den Start. Man braucht dazu auch Wissen um das Nachgeschlagene einordnen und bewerten zu können. Sonst sind das nur Worte ohne Bedeutung auf dem Bildschirm, die man nachplappert ohne selbst zu verstehen

    2. @ andreas h

      Ja, an der Stelle wurde der Herr Einstein wörtlich missverstanden. Man kann sich mit dem selben Effekt drei mal die große Bratpfanne auf den Kopf schlagen.
      Es ist zwingend, Grundbegriffe und grundsätzliche Zusammenhänge zwischen diesen im Kopf zu haben. Dann kann man Details nachschlagen. Genau so hatte er es auch gesagt:
      »Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht«

      Grüße

  6. Adieu Faktenwissen

    Ein sehr aufschlussreiches Interview! Nimmt es da Wunder, dass Deutschland seit Jahren bei den PISA-Studien der OECD immer schlechter abschneidet? Weitere Beispiele:

    1)Schulabschluss
    Das Ideologieklassenziel: Jeder Schüler kann Abitur mit 1,0!

    2)Deutsch
    Orthographie und Interpunktion werden immer unwichtiger; Beispiel Schleswig-Holstein:
    https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Rechtschreibung-in-Aufsaetzen-Fehlerquotient-soll-in-SH-abgeschafft-werden,shnews448.html

    https://www.kn-online.de/schleswig-holstein/rechtschreibung-schleswig-holstein-schafft-fehlerquotient-in-deutsch-ab-WYW6UKAYKZC6PJSGM5LOH7AIRM.html .

    Bemerkung
    In der Quarta haben wir Deklinationen, Konjugationen, sämtliche Tempora in sämtlichen Modi sowie sämtliche Satzarten nebst Kommaregeln bis zum Erbrechen gepaukt. Fragen Sie heute einmal, was man unter einem Plusquamperfekt versteht. Tipp: Ist kein Tier!

    3)Mathematik
    Hierzu empfehle ich den YouTube-Kanal von Prof. Dr. Bernhard Krötz, Mathematiker und Hochschullehrer an der Universität Paderborn. Hier „Schulmathematik: Vergleich Indien-NRW“

    https://www.youtube.com/watch?v=GhmEYB3Kq-o .

    4)Über die Wichtigkeit von Faktenwissen für die Leistung des Gehirns
    Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und seit 1998 ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik / ferner Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) daselbst, das sich vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt, liefert kurzweilig evidenzbasierte Erkenntnisse:

    Wie lernen Kinder – Aktuelles aus der Gehirnforschung ( https://www.youtube.com/watch?v=IqJWq1fC79s ),

    Manfred Spitzer – Stoppt die Digitalisierung von Schulen!
    ( https://www.youtube.com/watch?v=-ADidVIxTo0 ) .

    FAZIT
    Menschen ohne Faktenwissen lassen sich viel leichter lenken und indoktrinieren. Und genau dieses strebt Politik mit Hilfe diverser Faktenchecker-Einrichtungen an, welche ständig einordnen und dem ‚betreuten Denken / Urteilbilden‘ Bahn bereiten. Faktenwissen ist eben störend und nicht sonderlich erwünscht. Dies be-legen die Diskussionen um den Ukrainekrieg seit dem 24.02.2022.

    1. @ Roland Weinert

      Es gut, dass Sie etwas deutlicher anreißen, wie umfassend das Problemfeld ist. Natürlich ist das mit der Kompetenzorientierung ein Fehler, doch gibt es daneben eben noch sehr viel mehr Fehler und Fehlentwicklungen. Einige, wie z.B. die Smartphonesucht, sind leider ein Stück weit außerhalb der Beeinflussbarkeit durch die Schulen. Selbst ein Handy- bzw. Smartphoneverbot auf dem Schulgelände würde die diesbezüglichen Aktivitäten ja nur auf den Nachmittag verschieben. Dass Spitzer inzwischen in den Medien kaum noch kommuniziert wird, beseitigt natürlich noch nicht die von ihm genannten Probleme!

      Worüber deshalb in der Öffentlichkeit viel zu wenig gesprochen wird, das sind die negativen Einflussgrößen innerhalb des Lebensumfeldes der Schüler und auch in der Person der Schüler selbst.

      Leider ist es heute der Normalfall, dass fast jeder, der sich bemüßigt fühlt, über die Bildungsprobleme zu schreiben, bloß einen Teil der Probleme vornimmt und das Feld nicht umfassend ausleuchtet. Da wird dann je nach politischem Interesse mal die eine oder die andere unbequeme Sache weggelassen. Oft wird der Anteil der heutigen Methodik oder der Migration oder des Anspruchsniveaus oder der Lehrerausbildung oder der verzogenen Persönlichkeiten der Schüler oder der Implosion der gesellschaftlichen Bildungsidee oder der Digitalisierung zu sehr als alleiniger Grund betont. Es sind alle zusammen und noch mehr kommen hinzu! Zumindest sind mir nur sehr wenige Darstellungen bekannt, die wirklich in die Breite gehen. Schon etwas gelungener fand ich in diesem Zusammenhang übrigens die fünfteilige Serie von Miriam Stiehler in Cicero.
      https://www.cicero.de/kultur/serie-bildungsmisere-teil-1-kindergarten

      Sehe ich auch so: Die wirklich gebildete und kritische Persönlichkeit scheint nicht mehr das Ziel zu sein. So ganz war sie es wahrscheinlich nie, aber die Anbnäherung gelang auch schon mal besser.

    2. Ob Prof. Spitzer eine gute Quelle ist? Das Corona-Quartett auf Servus TV in dem er Prof. Homburg die wissenschaftlichen Fähigkeiten absprach, ist mir gut in Erinnerung. Wie auch Liessmann oder Zeh ist dieser Gruppe die Mainstream-Medien-Präsenz wichtiger als die Sachlage. Oder habe ich deren Entschuldigung für ihr Mitläufertum verpasst?

      1. @ Hypothese

        Ich frage mich, was Spitzer bei einer Corona-Gesprächsrunde zu suchen hatte? Das ist doch gar nicht sein Fachgebiet.

        Allerdings würde ich ihm deswegen nicht die Qualifikation in seinen eigenen Fachbereichen absprechen wollen.

  7. Ein guter Anstoß für eine an sich schon lange überfällige Diskussion. Da Kompetenzen nicht wirklich gemessen werden können und auch nicht direkt ausgebildet werden können, bleibt an dem Konzept vieles schwammig. Als es bei uns eingeführt worden ist, war es in den USA schon heftig in die Kritik geraten (s. Diane Ravitch 2010). Allerdings halte ich die Vorstellung, man könne einfach zur traditionellen Bildung über einen definierten Kanon zurückkehren aus mehreren Gründen für nicht gangbar. Die schlechter werdenden Testergebnisse unserer Jugendlichen hängen doch anscheinend auch sehr mit den durch Mediennutzung veränderten Lern- und Arbeitsgewohnheiten zusammen (jedenfalls gibt es diesen Trend zuletzt auch in etlichen anderen entwickelten Ländern) und offenbar auch mit der Wertschätzung von Lernen sowie Schule in den Gesellschaften. Die Lehrpersonen sollten allerdings wieder lernen eigene Aufgaben zu erstellen, ihre Anforderungsstruktur zu verstehen und sich gezielt Feedback dazu von ihren Lernenden holen. Derzeit sind Lehrpersonen vor allem eines: Sie fühlen sich gestresst und alleingelassen mit gestiegenen Anforderungen. Aber das Geld und das Engagement in diesem Land werden ja derzeit ins Militär gelenkt – was so nicht hingenommen werden darf. Sonst: gute Nacht.

    1. ich wusste, dass es vorbei ist, als es irgendwo einmal soviel kinder gab, dass eine klasse nur noch 18-20 schüler hatte. man legte schulen zusammen, dass es wieder mindestens 30 waren. okay, dachte ich, habe einfach alles falsch verstanden! dann las ich, dass man sich doch mühe geben müsse, dass die masse nicht zu schlau werden dürfe. könnten zu viele fragen stellen …. für kenntnisse und wissen, bildung und den ganzen unsinn sind dann die eliteschulen der vermögenden zuständig. eigentlich logisch, oder?

  8. Wie ich in Erinnerung habe, gibt es sehr bald eine Lösung für alle Probleme in der Bildung. Es ist nur notwendig, die PARTEI zu wählen. Die fordert Abitur für alle. Abschaffung aller Zensuren außer am Schluss. Da bekommen dann alle ein Einserabitur.
    Klar, dass jedem von uns, dem Bildung am Herzen liegt, die Wahlentscheidung leicht fallen sollte?

  9. gespräch mit jungen lehrern, die mir allen ernstes erklärten, jeder solle das lernen, was er wolle 🤣 also wenn jemand musisch begabt ist, solle er eben das vorzugsweise lernen. auf meine frage hin, wie er durch die welt kommen wolle, wenn er keine ahnung von den hebelgesetzen habe oder was er von logarithmischen entwicklungen verstünde, kam nur zusammenhangloses geblubbere. diese, alle diese personen wissen gar nicht mehr im ansatz das wort >bildung< zu deuten. es passt zum gepredigten hyperindividualismus. wir müssen dann auch gar nicht mehr anführen, was eine gesellschaft, die sich „modern“ zu nennen behauptet, denn für ein spektrum an solcher bildung bräuchte. bei dieser frage blickt man in schon jetzt in tote gesichter, leere augen. da ist nichts mehr- schon lange keine antwort!

  10. Schulen haben ein Grundwissen und Können zu vermitteln.
    Beispielhaft:
    JEDER Bürger des normsetzenden Staates – muss wissen, dass 1 + 1 = 2 ist. Notfalls in der Form: 1 Finger und noch ein Finger – ich fange wieder an zu zählen und komme bis 2. Im Zahlenraum bis 100.000 sollte jeder nachvollziehbar rechnen können und wissen, dass 3 Äpfel etwas anderes sind als 3 Birnen. Welche Normverfahren verwendet werden ist egal.
    Jeder Schüler sollte wissen, dass unterschiedliche Schreibweise gleichbedeutend sein kann mit einem inhaltlichen Unterschied. Es gibt deshalb eine `Rechtschreibung´. [Im Deutschen z. B. Meer und mehr – Busse und Buße]. „Rechtschreibung“ ist keine Foltertechnik, sondern sollte im Zweifelsfall dazu veranlassen in Listen und/oder Wörterbüchern nachzusehen. Zeitungstexte in den digitalen Ausgaben dessen, was man immer noch `Zeitung´nennt, lassen mich vermuten, dass dies nicht mehr gilt. Ob dafür die noch nicht ausgreifte KI verantwortlich ist, Schlamperei, mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder der Zeitdruck unter dem Tipper, Tippsen, Eingebenden stehen …. kann ich nicht beurteilen. Dass häufige Schreibfehler das Verständnis erschweren oder mindern, dürfte nachvollziehbar sein.
    Das „Bulimiewissen“ war auch vor fast 60 Jahren schon ein wesentliches Element des gymnasialen Unterrichts in der BRD. Das ist nicht neu. Was mich damals nicht interessiert hat, habe ich vergessen und muss es mir erneut aneignen, wenn ich es aktuell will oder brauche. Anders kann ich mir nicht erklären, dass einige Menschen meines Alters (70 + x), die 8 oder max. 9 Jahre eine sog. Volksschule besucht haben, bezogen auf vielerlei Gegenstände über mehr grundlegendes Wissen verfügen als ich. Wesentlich dafür könnte der Unterschied sein zwischen „handelnd erfahren“ und „angelesen“. Der frühere Unterricht an Grundschulen UND Hauptschulen war stark von Selbsttätigkeit bestimmt. [ Erkunden, Sammeln, Betrachten, Ordnen – und irgendwann messen]. Meines Wissens auch der Unterrricht in der DDR bis zur 10. Jahrgangsstufe.
    Das Bemühen von Kindern und Jugendlichen um eine Sache oder die Beziehung zu einem Menschen ist in aller Regel sympathiebestimmt. Es gibt individuelle und situationsbestimmte Unterschiede in der Sympathie. Dem Vernehmen nach meinen aktuell viele Eltern, die bedingungslose Unterstützung ihres Nachwuchses gegen das Lehrpersonal verschaffe ihnen Sympathiepunkte bei ihren Kindern. Sympathie für den Unterrichtenden erleichtert und ein Mangel daran erschwert das Lernen, lässt sich aber weder durch Verschenken von Smilies noch durch Verschenken von guten Bewertungen erzeugen. Unterrichtende UND Lernende müssen lernen, damit zu leben. Eltern sollten sich in diesen Beziehungen neutral verhalten.

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