
Das Bologna-Prozess hat Hochschulen zu Konformitätsschmieden degradiert. Wie konnte es dazu kommen?
Roberto De Lapuente im Gespräch mit der Historikerin Sandra Kostner.
De Lapuente: Im Cicero haben Sie neulich dargelegt, wie der Bologna-Prozess Konformität zum Erfolgsweg erhoben hat: Was sind die Mechanismen, die eine solche Anpassung bewirken?
Kostner: In erster Linie handelt es sich um systemische Faktoren, die nicht unbedingt aus der Bologna-Erklärung als solche abgeleitet werden können, aber mit der konkreten Umsetzung in Deutschland zu tun haben. Der Bologna-Prozess wollte ja erreichen, dass es ein Europa des Wissens gibt, also einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum, wo Studierende dann aus den verschiedenen europäischen Ländern von einem Land ins andere wechseln können. Dazu wollte man die Studiensysteme vergleichbar machen. Hierfür hat man aus dem angelsächsischen Raum das zweistufige Studiensystem mit Bachelor und Master übernommen. Und zum anderen hat man entschieden, dass es abgeschlossene Module gibt, sodass man leichter ins Ausland gehen kann.
»Diesen Druck hatten wir damals nicht«
De Lapuente: Klingt erstmal nicht grundsätzlich falsch.
Kostner: Das ist richtig. Das Problem liegt nicht in der Reformidee, sondern darin, dass die Umsetzung an vielen Hochschulen zu einer zu starken Verschulung der Studiengänge geführt hat. Diese wiederum war vor allem die Folge davon, dass für jedes Modul Credit Points vergeben werden, die die Stunden abbilden sollen, die an Arbeit anfallen, entweder im Seminarraum oder in der Vor- und Nachbereitung des Seminars. Und das war ein Signal an ganz viele Lehrende, zu sagen: wenn ich jemandem ganz konkrete Leistungspunkte gebe, dann kann es nicht sein, dass die Person diese Punkte nur bekommt, indem sie teilnimmt, sie muss auch etwas leisten. Dadurch wurde dieses Bachelor-Master-System in Deutschland total prüfungsfixiert. Es hat sich zwar inzwischen etwas abgebaut, aber es ist immer noch zu sehr auf Prüfungsleistungen fokussiert.
De Lapuente: Wie hat sich das zur Vor-Bologna-Zeit verändert?
Kostner: Vor Bologna war es so, dass die Abschlussnote die am Ende des Studiums abgelegten Prüfungen abbildete. Das signalisierte Studierenden: Ihr könnt Euer Studium dazu nutzen, intellektuell zu experimentieren und das Argumentieren einzuüben. Wenn Hausarbeiten nicht gut benotet wurden, konnte das viel leichter als Ansporn gesehen werden, in Zukunft besser zu werden. Heute zählt jede Note in die Endnote, sodass Studierende, von Anbeginn auf möglichst gute Noten achten. Anders gesagt: die für eine Hausarbeit erzielte Note erscheint aus studentischer Sicht wichtiger als intellektuelles Wachstum. Das ist nachvollziehbar, weil das System die Studierenden notenfixiert agieren lässt. Es ist aber intellektuell betrachtet problematisch, weil Studierende, um erfolgreich zu sein, intellektuell weniger riskieren. Dann kommen aber auch noch externe Impulse hinzu, also gesamtgesellschaftlich wirkende Impulse, etwa die Verengung des Meinungskorridors bei gesellschaftspolitisch wichtigen Themen, allen voran Transformationsagenden im Namen der Identitäts- und Klimapolitik.
De Lapuente: Neben der Anpassung: Hat der Bologna-Prozess nicht auch eine Verwässerung der Lerninhalte bewirkt?
Kostner: In manchen Studiengängen schon, das hängt jedoch nicht mit den Bologna-Zielen zusammen, sondern damit wie sie vor Ort an den Hochschulen umgesetzt wurden. Wesentlich allerdings im Hinblick auf die Studienanforderungen erscheint mir der in den frühen 2000er-Jahren intensivierte Akademisierungstrend. Internationale Vergleichsstudien zeigten, dass es in Deutschland weniger Hochschulabsolventen gibt als in anderen Ländern. Hinzu kam, dass gerade nach dem sogenannten PISA-Schock der Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung bzw. eines Hochschulabschlusses zu dem Gradmesser für Bildungsgerechtigkeit schlechthin erklärt wurde. So wurden berufliche Abschlüsse ab- und Studienabschlüsse aufgewertet. Jungen Menschen und ihren Eltern wurde vermittelt, dass ein Studium der Weg zum Erfolg ist. Viele hörten die Botschaften, wie die Entwicklung der Studierendenzahlen zeigt: Gab es im Jahr 2000 ungefähr 1,8 Millionen Studierende, waren es 20 Jahre später fast drei Millionen. Zugleich ist die Zahl der Studiengänge stark gestiegen. Vor der Umsetzung von Bologna gab es ungefähr 12.000 Studiengänge – jetzt sind es schon etwa 21.000. Interessanterweise gibt es mehr Master- als Bachelorstudiengänge, obwohl 1,7 Millionen in Bachelor- aber nur 600.000 in Masterstudiengängen eingeschrieben sind. Die Studiengänge sind daher auch im Masterbereich, der dazu gedacht war, dass Studierende sich wissenschaftlich vertiefen, oftmals verschult aufgebaut und bieten nicht hinreichend Freiräume für eigene Schwerpunktsetzungen.
»Man hat natürlich schon eine Lenkung des Studiums gewollt«
De Lapuente: Würden Sie so weit gehen und annehmen wollen, dass das der Grund für die Hochschulreform war: Die Studentenschaft einfangen und ruhigstellen?
Kostner: Wenn Sie sich gerade mal die Neunzigerjahre anschauen, dann war das kein Jahrzehnt, wo Studierende wirklich ruhiggestellt hätten werden müssen. Politisch inaktiv waren die schon ohne Hochschulreform. Und die kam bekanntlich erst etwas später. Insofern kann das jetzt nicht als unmittelbare Reaktion einer Bildungspolitik, die Wege gesucht hätte, Studierende auf den Konformitätspfad zu führen, begriffen werden. Ich denke, dass hier andere Faktoren ausschlaggebend sind.
De Lapuente: Ökonomische?
Kostner: Ja, Bologna fiel in eine Zeit, in der New Public Management en vogue war. Mit diesen Ansätzen wollte man Wettbewerbselemente in die Institutionen einführen. Ein ökonomischer Faktor war auch, dass Teile der Wirtschaft forderten, Studierende müssten so ausgebildet werden, dass ihre Kompetenzen unmittelbar anschlussfähig an den Arbeitsmarkt sind. Ein weiterer ökonomischer Faktor war, dass man die Studienzeit, die vielen in Deutschland als zu lang galt, verkürzen wollte. Studierende sollten nach 3 bis 4 Jahren Studium einen Bachelor erwerben und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ein Masterstudium war v.a. für diejenigen gedacht, die sich wissenschaftlich weiterqualifizieren wollten, direkt nach dem Bachelor oder nach einigen Jahren Arbeitserfahrung. Zudem wollte man auf diese Weise die Studienabbrecherquote senken. Die ist aber nach wie vor ja relativ hoch. Jeder Dritte bricht noch sein Bachelor- und jeder Fünfte sein Masterstudium ab. Die Reform hat an dieser Stelle also nicht den großen Erfolg gebracht.
»Ich glaube, die Studierenden heute sind zielstrebiger als meine Generation«
De Lapuente: Vor den Neunzigerjahren waren Hochschulen durchaus auch ein Hort der Rebellion. Haben Sie den Eindruck, dass sie heute ein Ort für die Reaktion sind? Stichworte wären: Cancel Culture und Einengung des Debattenraumes – wie Sie es vorhin schon in einem Nebensatz erwähnten.
Kostner: Ich würde diese Phänomene auch als reaktionär bezeichnen. Aber paradoxerweise sehen sich diejenigen, die das Canceln betreiben oder den Meinungskorridor verengen als progressiv. Wichtig ist mir darauf hinzuweisen, dass nicht alle Hochschulen und Fachbereiche gleichermaßen von einem ideologisch motivierten Klima der Unfreiheit betroffen sind. Es sind im Wesentlichen die ohnehin für gesellschaftspolitische Themen offenen Fachbereiche, also Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, die das hervorbringen. In diesen Fachbereichen ist der Anteil an ideologisch motivierten Wissenschaftlern und Studierenden in den letzten Jahren angestiegen. Ihr Ziel ist es, Forschung und Lehre zu nutzen, um ihre Weltanschauung durchzusetzen. Manche von ihnen gehen dabei so weit, dass sie zu freiheitsfeindlichen Mitteln greifen, allen voran der moralischen Diskreditierung, sozialen Ausgrenzung und institutionellen Bestrafung Andersdenkender.
De Lapuente: So sind aber doch hoffentlich nicht alle Studenten …
Kostner: Die große Mehrheit der Studierenden agiert nicht so, sie ist relativ unideologisch und duckt sich eher weg vor diesen ideologischen Strömungen als sich diesen aktiv zu stellen und in die argumentative Auseinandersetzung zu gehen. Das ist zum einen ein Spiegel des gesamtgesellschaftlichen Klimas, das sich viele wegducken. Aber zum anderen eben auch, dass sie schon von der Schule aus sehr stark darauf gedrillt sind: Wichtig ist, dass du gut vorankommst, einen guten Abschluss machst und deinen Weg im Leben gehst. Gerade wenn ideologische Positionen in freiheitsfeindlicher Manier von Lehrenden vertreten werden, werden sich viele überlegen, ob sich Widerspruch lohnt oder ob es nicht klüger ist zu schweigen, weil man sonst Nachteile erfahren könnte, z.B. bei der Benotung.
De Lapuente: Also provokativ gefragt: Die Studenten sind heute gar nicht doofer als noch vor einem Vierteljahrhundert?
Kostner: Nein, keineswegs. Wir Menschen sind soziale Wesen, als solche passen wir uns stark an die Kontexte an, in denen wir uns bewegen. Und es sind ebenjene Kontexte, die sich verändert haben. So wurde in der Bologna-Universität zu einer der wichtigsten Fragen für viele Studierende in Bezug auf Seminarinhalte: Ist das prüfungsrelevant? Und wenn sie dann Nein sagen, dann schalten viele ab. Dieses Verhalten ist m.E. auch eine Folge des Bologna-Prozesses, weil das System Studierenden signalisiert, dass sie bestimmte Seminare belegen müssen und ab Tag 1 gute Note erzielen müssen. Mein Eindruck ist, dass die heutigen Studierenden zielstrebiger sind, als meine Generation es war, weil wir an den Unis mehr Freiraum hatten. Wir mussten gar nicht so zielstrebig sein oder wir waren nicht so darauf gedrillt, zielstrebig vorzugehen.
»Mein Eindruck ist, dass man damals sehr viel sagen und argumentieren konnte«
De Lapuente: Was finden Sie persönlich besser? Diesen Weg, den sie hatten, auf dem sie sich austesten konnten? Oder dieses enge Korsett, das wir heute für Studenten ersonnen haben?
Kostner: Rückblickend bin ich sehr froh darüber, dass ich vor der Einführung des Bologna-Systems studiert habe. Wir hatten deutlich mehr Freiheiten. In meiner Erinnerung konnten wir damals auch viel unbefangener Argumente zur Diskussion stellen als dies heutzutage der Fall ist. Das hat jetzt erstmal direkt nichts mit Bologna-System zu tun, aber es verstärkt zumindest, dass viele Studierende schon mit einer gewissen gesellschaftlich vorgeprägten Selbstzensur an die Unis kommen.
De Lapuente: Wir leben am Rande eines Krieges, der sich jederzeit zu einem kontinentalen Krieg auswachsen könnte. Auch an den Universitäten regt sich wenig Aufruhr. Sie haben mit Ihrem Kollegen Stefan Luft ein Buch mit dem Titel »Ukrainekrieg. Warum Europa eine neue Entspannungspolitik braucht« herausgegeben. Schweigt man im Hochschulbetrieb auch, weil dort Angst herrscht, sich hervorzuwagen?
Kostner: Das hängt stark davon ab, wie die Hochschule aufgestellt ist – ob es dort Personen gibt, die Andersdenkende bekämpfen. Also wenn sie zum Beispiel an der LMU im Bereich der osteuropäischen Geschichte sind und wissen, dass sie dort eine Kollegin haben, die in den Sozialen Medien Personen, die von ihren Positionen abweichen, massiv diskreditiert, dann ist es naheliegend, sich die Frage zu stellen: Was bedeutet das für mich im direkten beruflichen Umfeld, wenn ich so ein Buch veröffentliche? Es war auf jeden Fall hilfreich, nicht vor dieser Frage zu stehen. Ich hätte zwar das Buch trotzdem herausgegeben, wäre aber das Projekt mit einer viel größeren inneren Anspannung angegangen.
De Lapuente: Wie ist bei diesem Thema der Umgang mit den Studenten?
Kostner: Der Beginn des Krieges fiel in die vorlesungsfreie Zeit – im April ging das Semester los. Da haben mich Studierende auf den Ukrainekrieg angesprochen. Ich habe einen Moment überlegt: Wie stelle ich jetzt meine Überlegungen dazu dar? Ich verfuhr wie auch sonst, d.h. ich habe ihnen einfach verschiedene Blickpunkte aufgezeigt. Perspektiven, wie man das sehen kann und dann habe ich gefragt, wie sie die Argumente für oder wider bewerten würden. Also wo sehen Sie stärkere Argumente, wo sehen Sie empirische Lücken – und wo halten sie die Indizien für Argumente für zu schwach?
»In der Wissenschaft wird der Gesellschaft noch viel mehr an Kreativität und Innovationen entzogen«
De Lapuente: Klingt wie ein klassisch demokratisches Vorgehen. Für und wider, pro und contra, abwägen …
Kostner: Vor einigen Jahren haben mich Studierende gefragt: Wo stehen Sie eigentlich? Ich wollte wissen, warum sie das jetzt wissen wollten. Sie meinten, ich sei die einzige Lehrende, bei der sie überhaupt keine Idee hätten, wo ich eigentlich politisch stehe. Damals ging es besonders um die Migrationsfrage. Bei all den anderen wüssten sie immer, wo sie positioniert seien. Sie fänden es gut, dass sie es nicht wüssten bei mir, weil sie das Gefühl hätten, sie könnten wirklich offen sprechen. Anderseits verunsichere sie das dann doch. Ich antwortete, was ich ihnen vorher schon mehrmals sagte: »Sie können bei mir für ganz unterschiedliche Perspektiven argumentieren. Es kommt nur darauf an, dass Sie argumentativ stringent vorgehen und dass Sie es gut belegen können. Und wenn Sie dann zu einer Argumentation kommen, die meiner Meinung hundertprozentig diametral widerspricht, kriegen Sie trotzdem eine Eins.« Daran sieht man natürlich, dass sie im Bologna-System sozialisiert worden sind und sich inhaltlich am Lehrenden ausrichten wollen.
De Lapuente: Wenn die Hochschulen nachhaltig ausfallen als Hort des freien Gedankenaustausches: Was bedeutet das für unsere zukünftige Gesellschaft?
Kostner: Das ist ein großes Problem, weil die Hochschulen nicht der einzige, aber ein wichtiger Motor für Kreativität und Innovation für jede Gesellschaft sind. Wenn sich Studierende dort zu stark selbst Konformität auferlegen, wird diese Haltung später auch in die Gesellschaft getragen. Und das ist für jede Gesellschaft eine Bürde. Die Studierenden sind natürlich nur eine Seite dieser Entwicklung. Der andere Teil – und da geht der Gesellschaft vielleicht sogar noch mehr verloren – sind die Wissenschaftler. Da greifen ja ähnliche Prozesse. Nicht über Bologna, sondern über die Public-Management-Reformen. Dort wird der Gesellschaft noch viel mehr an Kreativität und Innovationen entzogen, als es jetzt direkt nur über die Studierenden ist.
Sandra Kostner studierte Geschichte und Soziologie an der Universität Stuttgart und promovierte an der University of Sydney. Seit 2010 ist sie Geschäftsführerin des Masterstudiengangs „Migration, Diversität und Teilhabe“ an der PH Schwäbisch Gmünd. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migrations- und Integrationspolitik, die Zukunft von Demokratie und Liberalismus im Westen sowie Konfliktforschung.
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Die Variante: Gute Idee – nur in D schlecht umgesetzt ist im pol. Alltag nicht unbekannt. Hier vertreten von einer „Historikerin“. Die vermutlich de Prozess der konformistischen Anpassung selbst durchlaufen hat. Oder wie`s im Merkspruch heißt: das eine was man will und das andre was man kann.
„Hier vertreten von einer „Historikerin“.. “
… und als Soziologin, naturgemäß selber akademisch-affimierender Teil der neoliberalen Gesellschaft, ist sie am Wenigsten in der Lage, wahrlich Erhellendes – geschweige denn Ursächliches – zum Thema beizutragen. Ganz im Gegenteil trägt die Soziologie zur Verschleierung der Zustände bei…
Ein wirklich interessanter Beitrag, in dem meine eigenen Erfahrungen mit heutigen Studenten bestätigt und vertieft werden.
Da ist inzwischen mehr als eine ganze Generation junger Leute verdorben worden.
Die heikle Frage ist natürlich, ob bzw. wie es gelingen könnte, den freien Geist wieder an die Hochschulen zu bekommen?
Unwillkürlich fällt mir die Gründung der Freien Universität Berlin im Jahre 1948 ein, mit der auf die ideologische Gleichschaltung der eigentlichen Berliner Universität, also der Humboldt-Universität im Ostteil der Stadt, reagiert wurde. Allerdings wurde diese Neugründung durch viel Geld und politische Unterstützung aus den USA gefördert.
Trotzdem meine ich, dass man um das Projekt der Neugründung einer privaten Hochschule, später vielleicht auch mehrerer, mit freiheitsbewussten Professoren und alternativem Profil nicht herumkommt. Die Frage ist, ob das finanzierbar wäre? Eine andere Frage wäre, ob man Studenten an solche freien Hochschulen bekommt, obwohl man dort nicht die Bologna-Abschlüsse erwerben würde?
An eine Reformierbarkeit der vorhandenen Hochschulen innerhalb überschaubarer Zeiträume glaube ich nicht, dagegen spricht schon allein das Berufsbeamtentum der Hochschullehrer und die Abhängigkeit dieser Hochschulen vom Staat.
„Freier Geist“ durch Privatisierung am Wettbewerb ausgerichteter Lehren?
Neoliberaler geht’s nicht…
Ich habe nicht geschrieben, dass es sich um solche (neoliberalen) Geldgeber handeln sollte. Weshalb auch? Die größeren Unternehmen würden ja gar keine Notwendigkeit sehen, die heutigen Hochschulen zu ändern. Die Unis sind ja schon auf ihre Interessen zugeschnitten.
Nein, das müssten und sollten schon Geldgeber sein, die aus dem konservativen Milieu stammen. Kapitalstarke Leute die selbstverständlich nicht links-sozialistisch ausgerichtet sind, aber trotzdem eine gewisse Distanz zur Ideologie des globalisierten Neoliberalismus haben und ein freies Geistesleben sowie eine andere, freie Lehre befürworten. Solche Leute gibt es.
Ich nehme aber mal an, dass Ihnen das nicht gefallen würde.
@Wolfgang Wirth
„Da ist inzwischen mehr als eine ganze Generation junger Leute verdorben worden.“
Es gehören immer ZWEI dazu, die EINEN die verderben wollen und die ANDEREN die sich verderben lassen!
Ich bezweifele – bzw. schließe aus – dass junge Menschen vor allem nach Durchlaufen unserer „Bildungseinrichtungen“ ein Bewusstsein für derlei Verderbtheit haben.
@ Chefkoch01
Das haben Sie nett formuliert!
Ja, das schließe ich auch für die ganz große Mehrheit der Studenten aus. Die kennen ja auch nichts anderes mehr.
@Otto0815
Na ja, dem Gruppendruck ist gerade für junge Menschen schwer auszuweichen. Hinzu kommt, dass gerade die meinungsbildenden und für „progressiv“ gehaltenen Gruppen (auch innerhalb der Studentenschaft) sowohl den Bologna-Prozess als auch die woke Gleichschaltung der Hochschulen wohlwollend oder zumindest nur mäßig kritisch begleitet haben.
Die Studenten kennen ja auch nichts anderes mehr.
@ Wolfgang Wirth
Ich korrigiere mich:
Die Studentenschaft hat den Bologna-Prozess vor 15 bis 20 Jahren nicht begrüßt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Studentenproteste_in_Deutschland_2009
Ich zitiere:
„11.12.1947
Wahlen zum 2. Studentenrat an der Berliner Universität (Vulgo Humboldt-Universität)
Die Wahlbeteiligung beträgt 75,5%. Die 30 Mandate verteilen sich wie folgt: SED: 3, CDU: 3, SPD: 2, LDP: 1, Parteilose: 21. In der Philosophischen Fakultät erhält der Vorsitzende der SPD-Hochschulgruppe, Otto Stolz, mehr als zwei Drittel der gültigen Stimmen. Die Juristische Fakultät wählt den Vorsitzenden der CDU-Hochschulgruppe, Ernst Benda, den späteren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts.“
https://web.fu-berlin.de/chronik/chronik_1945-1948.html
Seltsame Art von „ideologischer Gleichschaltung“.
„Reagiert“ wurde mit der Gründung der FU Berlin wohl eher auf die ökonomische und noch ausstehende politische Spaltung Deutschlands durch die Währungsreform (20. Juni) in den Westsektoren, darunter denen Berlins, die von sowjetischer Seite mit der sog. Berlinblockade beantwortet wurde. Der Gründungsaufruf zur Gründung der FU erfolgte am 23. Juli.
Ach ja:
„Januar 1948
Entnazifizierung der Berliner Universität
Durch die Entnazifizierung der Berliner Universität verlieren 349 Mitglieder des Lehrkörpers ihre Stellungen.“
https://web.fu-berlin.de/chronik/chronik_1945-1948.html
Ich bin mir sicher, dass diese 349 „Mitglieder des Lehrkörpers“ sich anschließend vehement für die Gründung einer richtig Freien Universität eingesetzt haben. Herr Wirth weiß natürlich, dass die westdeutschen Hochschulen nach 1945 nicht entnazifiziert wurden. Ein Entzug der Lehrerlaubnis wie im Fall Heidergger stellte die absolute Ausnahme dar.
Wer dazu mehr hören möchte sei beispielsweise auf den Vortrag von Prof. Sandkühler „Philosophie im Nationalsozialismus“ verwiesen.
https://www.youtube.com/watch?v=nX2wSMb3ZJ4
Auch interessant:
„25.5.1948
Aufruf des „Tagesspiegel“ an „ganz Deutschland“
In einem Artikel ruft der Tagesspiegel dazu auf, eine private Stiftung für eine freie Berliner Universität zu gründen. Die Professorenschaft der Humboldt-Universität habe sich mit wenigen Ausnahmen „der Tyrannei gefügt“.“ <—- LOL
https://web.fu-berlin.de/chronik/chronik_1945-1948.html
Im übrigen existierte im britischen Sektor Berlins natürlich bereits eine "freie Universität", nämlich die TU Berlin.
@ Besdomny
Na, Sie kennen sich ja gut aus.
Ich möchte Ihnen gar nicht widersprechen, zumal Sie ja den zentralen Punkt meiner Gedanken – Notwendigkeit einer Art von Neubeginn im deutschen Hochschulwesen – nicht bestritten haben.
P.S.
Es kommt ja wohl nicht darauf an, ob jemand im Dritten Reich als Professor tätig war, sondern darauf, was er in dieser Zeit getan und veröffentlicht hat.
So soll es ja auch Hochschullehrer aus der DDR gegeben haben oder vielleicht sogar immer noch geben, die wegen nur geringer politischer Belastung / Vergehen im SED-Staat nach 1990 weiterhin gelehrt haben. Darüber ärgern Sie sich ja wahrscheinlich nicht.
Macht euch mal keine Unnötige Sorge, die Akademische Ausbildung wird auf Kriegswirtschaft umgestellt, und da zählt nur Effizienzsteigerung und Qualität.
Räder müssen Rollen für den Sieg
verzagte Dinge sagt man nicht, die Front erwartet Zuversicht.
»Sie können bei mir für ganz unterschiedliche Perspektiven argumentieren. Es kommt nur darauf an, dass Sie argumentativ stringent vorgehen und dass Sie es gut belegen können. Und wenn Sie dann zu einer Argumentation kommen, die meiner Meinung hundertprozentig diametral widerspricht, kriegen Sie trotzdem eine Eins.«
Belegte Stringenz
– auf dem Boden der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“?
– auf der Basis der herrschenden politisch-ökonomischen Bedingungen?
– auf der Grundlage eines gedachten prospektiven oder utopischen Systems?
– oder wie oder was?
Kann ein Student Kriege, Genozide, Faschismus etc. stringent mit Belegen argumentativ rechtfertigen oder gar fordern und dafür eine Eins bekommen?
Entweder erfasst Frau Kostner den Bedeutungsgehalt ihrer eigenen Aussagen nicht oder sie versteht das Verdikt, Freiheit sei immer auch die Freiheit des Andersdenkenden, nicht oder sie führt Übles im Schilde.
Es wird immer mühseliger, eine Restübereinstimmung als Voraussetzung für gelingende Diskurse zu finden.
Z.B. sind Staaten, die ohne Wenn und Aber imperiale Interesse verfolgen, für einen Friedensdiskurs nicht zu haben. Sie sind dafür völlig untauglich.
Z.B. sind Selbstmordattentäter, die ihr Leben verlieren wollen, für einen Diskurs über Lebensrettung völlig unzugänglich.
Z.B. sind Neoliberale für einen Diskurs zur sozialen Angleichung jenseits der angeblich segensreichen Wirkungen des freien Marktes völlig ungeeignet.
usw. usw.
Offensichtlich war die „Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse“, die sich eine ganze „Gäng“ überwiegend sozialdemokratischer und weiblicher Kultusministerinnen europaweit auf die Fahnen geschrieben hatte, nur ein VORWAND!
Tatsächlich war damals das Auslandsstudium weit verbreitet, und zwar nicht nur im Denglischen, sondern auch in wirklichen Sprachen und Kulturen quer durch die Welt! – Also wurde eine hochbürokratische Lösung für etwas gesucht, das gar kein Problem darstellte!
Deshalb hatten wir, die damals als Student*innen an den Unis gegen die Einführung des Bologna-Systems protestierten, einen Verdacht gegen diese „Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse“. Sie war nur vorgeschoben! Tatsächlich ging es um die Verschulung und das ständige Schielen auf die Prüfungsrelevanz von viel mehr Präsenzstunden, abzusitzenden „Modulen“ (früher „Sitzscheine“ genannt) – auf Kosten der stärker selbstbestimmten, eher forschenden und mäandrierenden Seminare im Lande der einstigen Dichter und Denker (heute: Faktenschecker, Narrativ-Controller).
Als ein Ergebnis von Bologna ist das Auslandsstudium sogar zurückgegangen. Also hat Bologna hat das Gegenteil seines Vorwands erreicht. Aber wen interessiert das heute noch? (Für Denglisch gibts‘ ja Apps, und Trips zu Gastfamilien können sich die buchen, die das nötige Geld haben.)
Auch das Lesen von Büchern durch Student:innen ist extrem stark zurückgegangen. Bücher und Bildung sind nicht prüfungsrelevant.
„Rückblickend bin ich sehr froh darüber, dass ich vor der Einführung des Bologna-Systems studiert habe.“
Genauso wie Sandra Kostner gings‘ mir auch. Mit Diplom schloss ich ab, während gerade erst begonnen wurde, die allerersten Studiengänge auf „Schmalspur“ umzustellen – wie wir das in unseren Protesten gegen diese Reform nannten. „Schmalspur“ meinte den Bachelor: Bis dahin gab es die Zwischenprüfung und Studienabbrecher, die zum Arbeitsamt in Umschulung und dann in die Berufe gingen.
Bologna brachte auch die „Generation Praktikum“ hervor oder ging mit ihr einher. Diese Abqualifizierung der Abschlüsse im Arbeitsleben, ihre ganz klar schlechtere Bezahlung wird kaum diskutiert.
Und politisch heißen die Lektionen:
— Als die Sozialdemokratie satte Mehrheiten in Europa hatte, aber nichts draus machte und auch nicht wusste, was sie draus machen sollte.
— War die „Förderung des Auslandsstudiums“ eine ähnliche Mogelpackung wie die EU als „Union des Wohlstands und Friedens“?
„Tatsächlich war damals das Auslandsstudium weit verbreitet, und zwar nicht nur im Denglischen, sondern auch in wirklichen Sprachen und Kulturen quer durch die Welt! – Also wurde eine hochbürokratische Lösung für etwas gesucht, das gar kein Problem darstellte!“
Doch. Tat es und leider ist es oft immer noch so. Die deutschen Studiengaenge, insbesondere im Ingenieurwesen, wurden eben nicht anerkannt. Mit einem „alten“ Diplomingenieur in USA, Kanada, Australien oder sonst wo als Ingenieur zu arbeiten, war ohne ein weiteres lokales Studium oft nicht moeglich. Erst recht galt das fuer Architekten. Man wurde und wird teilweise immer noch als Techniker eingestuft. Anders ist es als Ingenieur mit Projektleitungserfahrung. Da geht es dann wieder leichter. Man arbeitet aber nicht als verantwortlicher Ingenieur, Entwickler oder Architekt.
Die Hoeflichkeit dieser Laender gebietet es, Studienabschluesse „brilliant“ oder „excellent“ zu finden, aber die tatsaechlichen Karriereaussichten sind absolut begrenzt ehe man nicht ein Gleichwertigkeitsverfahren oder aber ein Anerkennungsverfahren eines Boards durchlaufen hat, welches Jahre / Jahrzehnte dauern kann. Aerzte koennen aehnliche Lieder singen. Deswegen fahren in Kanada viele davon Taxi um sich ueber Wasser zu halten.
Das Selbstbild der Deutschen stimmt nicht mit der Realitaet ueberein. Der Bologna-Prozess war ein Schritt in die richtige Richtung, zumindest in Europa eine Vergleichbarkeit zu erreichen, sicherlich mit Verbesserungsbedarf da oder dort. Mein persoenliches Bestreben waere ein Pflicht-Auslandsjahr fuer alle Studenten innerhalb Europas bei einer Partneruni, damit es gegenseitig anerkannt wird. Erasmus wird dem ganzen nicht gerecht.
Ihr Beispiel hinkt: „USA, Kanada, Australien“ sind nicht im Bologna-System der EU.
Und noch ein zweites Mal hinkts, weil Sie den springenden Punkt gar nicht kennen: die gegenseitige Anerkennung von Studienabschlüssen – darum gehts. Auf Gegenseitigkeit durch die Diplomatie der Akademischen Auslandsämter der Universitäten.
Aber in Ihrem Nichtwissen FORDERN Sie den Umbau des gesamten Universitäts- und Prüfungssystems, nur damit einige Hände voll Ingeniööre besser in USA arbeiten können.
Welche Hybris der Ingäniööre. Die toppt sogar die Hybris der Bologna-Monstermacher.
Meine Güte Estragon. So viel heiße Luft und Grütze in einem kurzen Text. Geht’s Ihnen nicht gut?
Es ist richtig, dass der Bologna-Prozess sich auf Europa bezieht. Er hatte aber zur gleichen Zeit auch direkte Auswirkungen auf die internationale Anerkennung in den englischsprachigen Ländern. Stw. Washington D’accord Abkommen. Der deutsche gute alte Diplom-Ingenieur war eben nicht anerkannt. Ich weiß das deshalb so genau, weil wir durch solche Prozesse durchgegangen sind. Von daher zieht Ihre Behauptung über meine „Unwissenheit“ nicht.
Die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen ist ein Gewinn nicht nur für Europa, sondern insbesondere für die Studenten und ermöglicht europäische Flexibilität.
Haben Sie ein Problem mit Ingenieuren? Nicht nur Sie. In Deutschland bevorzugt man Genderforschung statt Naturwissenschaften. Z.B. stehen 7 Lehrstühlen für Nuklearforschung 170 oder mittlerweile mehr Lehrstühle für Genderforschung gegenüber. Das sind die, die die bahnbrechenden Erfindungen machen, die Häuser Brücken, Häfen und Schienen bauen und vor allem die zukunftsfähigen umweltfreundlichen Arbeitsplätze schaffen.
Also, lieber Estragon, doch eher mal einen Gang runterschalten, bevor man so sinnlos um sich tritt.
„Lehren heißt nicht ein Fass zu füllen, sondern eine Flamme anzuzünden“
– Heraklit –
Das Bolognasystem, dessen Einführung ich an einer naturwissenschaftlichen Fakultät erleben musste, ist auf das Füllen von Fässern ausgerichtet. Die verwässerten Inhalte können keine Flamme mehr erhalten.
Die Kreativität und Eigeninitiative bleibt auf der Strecke.
Auch die Akkumulation von Wissen und Können ist durch die Zerstückelung und das System der Credit Points stark erschwert worden. Was vor 2 Semestern erlernt wurde, braucht bereits heute nicht mehr gewusst zu werden.
Ein schönes Heraklit-Zitat! –
Der Spruch der Medizinstudenten vor ihren endlosen Multipe Choice-Prüfbögen:
Das Vermögen des erfolgreichen Prüflings besteht darin, ein Telefonbuch in kürzester Zeit auswendig zu lernen
und es dann bis zum Lernen für die nächste Prüfung wieder zu vergessen.
Ich hoffe
der Genderstern war ein typographischer Ausrutscher?
Fuer die Geisteswissenschaften mag das zutreffen, dass man das so empfindet. Geisteswissenschaftler scheinen auch eher ein diskussionsfreudiges Publikum zu sein.
Ingenieurstudiengaenge waren schon immer „verschult“, weil der Stoff ansonsten gar nicht anders zu bewaeltigen ist. Vermutlich ist es in anderen STEM Faechern ganz aehnlich. Wie es der Zufall will, sind nahezu saemtliche Maenner in unserer Familie Ingenieure verschiedener Richtungen aus 3 verschiedenen Generationen, die noch leben. Sie hatten alle einen aehnlich „verschulten“ Stundenplan mit teilweise 40 und mehr Pflichtstunden pro Woche. Lernen und Aufgaben kamen noch obendrauf.
Die Abbruchquoten waren auch von jeher immer sehr hoch. Damals wie heute. Von daher wundern mich die Klagelaute ueber „Verschulung“ schon sehr. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da waren 20 Semester „Studienzeit“ bei Geisteswissenschaftlern und Lehrern keine Seltenheit. Es wurde allerdings auch nicht wirklich studiert. Es war eher eine Reise ins Erwachsenwerden. 😉
Ingenieurwissenschaften haben auch das „Problem“ mit der Realität umgehen zu müssen.
Entweder es funktioniert oder es funktioniert nicht.
Das Problem irgendwelche Realitäten berücksichtigen zu müssen haben die anderen Wissenschaften nicht in dem Maße.
Ok Jura und Mathe sollten streng logisch sein, Medizin auch Evidenz-basiert. Aber schon Medizin hat mit ihrem Objekt, dem Patienten einen eigenen Kosmos vor sich, in dem es keine absoluten Gewissheiten gibt.. Da kann eine Therapie einmal funktionieren, einmal nicht. Aber sonstige Fächer, da kann Wissenschaft ziemlich frei drehen…
-Reise ins Erwachsen werden ist gut gesagt. Da hat man oft den Eindruck der Weg ist das Ziel….
Ich lese „Lehrende“ und „Studierende“ UND lese nicht weiter!
Dieser Neusprech geht einfach nicht in meinen Kopf – schade -, denn der Inhalt ist bestimmt wertvoll; so jedoch leider nicht, für mich.
Hallo GH et.al.
zustimme Satz 1. Widerspreche Satz 2. Mit der These: wer anstatt Dozies und Studies was Sie Neusprech nennen nur`s Gerundium kann kann keinen „bestimmt wertvollen Inhalt“ produzieren. Ums polemisch zuzuspitzen: Scheiße gehört inn´ Arsch und nicht inn´ Kopp. Genauer: die Form kann nur die Form des Inhalts sein (nach Hegel).
Was willst denn anderes erwarten? Nur noch Grützköppe unterwegs.
Sie sind damit nicht alleine.
Ich habe nach dem zweiten entsprechenden Lapsus aufgehört zu lesen.
Ich lese „Lehrende“ und „Studierende“ UND lese nicht weiter!
Ob sie das sind so 7-8 Stunden am Tag ? Denn Sie müssen ja auch mal Schlafende, Essende, Kackende, Fickende sein.
Gewiss sind es aber sehr oft Halluzinierende, und das 24/7
Ich habe es zwar gelesen und mir einfach gedacht, dass Studenten, jedenfalls die meisten von ihnen, gelegentlich auch Studierende sind, aber genervt hat es mich auch.
Keine Ahnung, warum Menschen bewusst falsches Deutsch entsetzen, von dem sie wissen, dass 80% der denkbaren Rezipienten es ablehnen, obwohl sie doch eine Aussage um diese Leser vermitteln wollen.
Dieser Kommentar wurde auf Wunsch des Autors gelöscht.
@ Altlandrebell
wünsche einen guten Vormittag zu haben!
Haben Sie gut geschrieben. Eine zutreffende und gewohnt kernige Lektüre.
—
Nur einige kurze Ergänzungen zu den Studienbedingungen in den 1970er und 1980er Jahren:
Ein sehr wichtiger Unterschied zu heute bestand unter anderem auch darin, dass es innerhalb der Professorenschaft eine viel größere Meinungsbandbreite gab als heute.
Da tummelten sich dann an einem Fachbereich, nehmen wir mal Geschichte, meistens Leute mit sehr unterschiedlicher politischer Ausrichtung, die sich zwar gegenseitig nicht unbedingt mochten, aber alle gleichermaßen anerkannt waren. Die heute gegebene geistige Anähnelung bzw. Gleichschaltung war noch überhaupt nicht da. Sie schien auch gar nicht vorstellbar und unmöglich und wäre – im Falle, dass sie irgendwo trotzdem gegeben gewesen wäre (wie z.B. ausnahmsweise bei den Politologen vom Otto-Suhr-Institut der FU Berlin) als anrüchig und nicht wirklich seriös oder ernstzunehmend angesehen worden.
Spätestens im Hauptstudium, also in etwa dem, was heute „Masterstudium“ genannt wird, wählte man sich dann seine Professoren ganz bewusst aus. Es bestand im Studium also nicht nur im Hinblick auf die Art der belegten Veranstaltungen, sondern auch auf die Ausrichtung des Professors die Möglichkeit, eigene Interessen und Schwerpunkte zu verwirklichen. Das war sehr wichtig, denn ein Lernen ohne ein gewisses Mindestmaß an intrinsischer Motivation und Neugier ist bekanntlich ein schlechtes Lernen!
Ich habe es im Studium wirklich nie erlebt, dass ein Student wegen seiner Meinung angegriffen wurde – zumindest erinnere ich mich nicht daran. Kritik gab es in der Regel für Formfehler wie z.B. für schlechtes Zitieren, Gliederungsfehler, zu geringes Literaturverzeichnis, Nichtberücksichtigung wichtiger Lehrmeinungen oder für zu oberflächliche oder gar sachlich falsche Äußerungen. Disziplinprobleme durch Studenten gab es ohnehin nicht – wenn man mal von einigen absichtlichen Störungen in Lehrveranstaltungen konservativer Professoren absieht.
Es deutet viel darauf hin, dass die Verengung des anerkannten Meinungskorridors nach der Jahrtausendwende mindestens ebenso viel Schaden angerichtet hat wie der Bolognaprozess mit seinen albernen „Modulen“ und komischen Namen wie z.B. „Bachelor“. Was ist ein Bachelor? Wie ist überhaupt die deutsche Übersetzung dafür? Weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht.
Hinzu kam, dass auch in den Prüfungskommissionen ganz überwiegend eine gewisse Meinungsbandbreite normal war, sodass es für einzelne Prüfer gar nicht möglich war, allzu geringe Anforderungen und absurde Bewertungen durchzusetzen. Und die Note 1 war in vielen Fachbereichen – wenn man mal von jenen absieht, die auch schon um 1980 herum von 68ern gekapert und übernommen worden waren – wirklich eine absolute Ausnahmenote. Schon auf eine 2,0 war man stolz, und eine 3,0 war zwar nicht schön, aber keine Katastrophe, denn man hätte ja auch durchfallen können.
Dass ein Student in seiner entscheidenden Abschlussprüfung versagte, kam erheblich häufiger vor als heute. Das betraf allerdings besonders die Staatsexamensprüfungen, da der Vorsitzende der Prüfungskommission gar kein Hochschullehrer war und den Prüfling meistens kaum kannte. Ich habe erzählen hören, dass die Durchfallquote beim Erstversuch in manchen Fachbereichen an die 50 % betragen haben soll. Da war so mancher froh, wenn er nach einer Stunde(!) mündlicher Prüfung mit einer 3 nach Hause ging. Allerdings gibt es ja heute im damaligen Sinne kaum noch wirklich mündliche Abschlussprüfungen, sodass das Problem des Durchfallens in gewisser Weise entfällt. Oder anders gesagt: Wer heute sein Studium nicht schafft, der scheitert ja schon bei den Anforderungen für die kleinen Teilprüfungen – warum auch immer. Und mit Chat GPT o.ä. sind dann auch die schriftlichen Arbeiten nicht mehr so schwer. Wenn doch nur das Zitieren nicht wär … !
Ein weiterer Unterschied zu heute bestand damals darin, dass es noch nicht diese Vielzahl kleiner, sehr spezieller und teils auch direkt auf den Arbeitsmarkt zugeschnittener Studiengänge gab. Viele Studiengänge waren also allgemeiner und umfassender angelegt und bei manchen heutigen Studiengängen hätte man damals gesagt: „Ach was, das soll ein Studium sein? Dieses kleine Gebiet.“
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@Altlandrebell
Interessant, wie Sie Ihre Hochschulerfahrungen beschreiben.
Meine sind ja schon ein Weilchen her … 40 Jahre und mehr.
Nur ganz kurz zur Verengung des Meinungskorridors:
Ja, das begann natürlich schon in den frühen 1990ern, doch fiel es mir erst später stärker auf.
Ein Grund für diese Verengung mag auch sein, dass um das Jahr 2000 herum jene letzte Generation in den Ruhestand wechselte, die noch nicht in stärkerem Maße durch „68“ geprägt war und die sich andere Muster und Maßstäbe bewahrt hatte.
Ruhestand ab ca. 2000 minus 65 Jahre =gleich Jahrgang ca. 1935.
Wer etwa aus dem Jahrgang 35 kam, der war 1968 schon 33 Jahre alt und innerlich schon so geprägt und gefestigt, dass er auch danach in den 1970er bis 1990er Jahren nicht mehr so sehr anders wurde.
(Es hatte ja damals auch geheißen: „Trau keinem über 30.“)
Und diese Pensionierungs- und Verrentungswelle um 2000 herum fiel dann ungefähr zusammen mit dem Triumph neoliberaler Positionen unter Schröder.
Aber ich fasse mich jetzt kurz, das Abendbrot steht an.
Gruß
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@ Altlandrebell
Guten Mittag und danke für Ihre umfangreiche Antwort.
Sie haben so viel und so interessant geschrieben, dass ich versucht bin, erneut umfangreich zu antworten. Um Ihre Zeit zu schonen verkneife ich es mir aber, zumal die Überschneidung unserer Vorstellungen nun doch größer ist als zunächst gedacht. Dies gilt auch für die Themen „Deutschland und die EU“, „Handhabung der Drogenpolitik“ und „Prägung bei Hippies und Naturvölkern“. Manches ist zudem bloß Definitionssache, etwa das Verständnis von „deutsche Interessen“ oder es müsste tiefer erörtert werden, wozu hier aber nicht der Raum ist.
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Dissens besteht jedoch bei dem wichtigen Thema „Prägung des Menschen durch technische Verhältnisse“. Mit „Sachzwänge“ meinte ich dort übrigens nicht von Menschen bewusst herbeigeführte Sachzwänge (z.B. ökonomische), keine Ergebnisse von Politik, nicht etwas, was man beeinflussen könnte, sondern so etwas wie unvermeidliche Auswirkungen, unvermeidbare Folgen nun einmal gegebener Dinge. Und zu diesen Dingen gehört nicht nur die Biologie des Menschen (seine Natur), sondern eben auch gerade die Technik.
Ja, der Mensch schafft die Technik, aber er kontrolliert nicht wirklich deren Folgen. Umgekehrt! Ich glaube, Friedrich Georg Jünger behandelt in „Die Perfektion der Technik“ diese Dinge, die Sie angerissen haben – allerdings skeptischer als Sie.
Wir sollten dieses sehr wichtige und komplexe Thema vertagen!
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Sie haben ganz recht: Die politische Situation insbesondere im Hinblick auf das erschreckend schnelle Umschalten von Politik und Medien in Richtung auf Militarisierung und „Kriegsfähigkeit“ macht einen schier sprachlos. Klar, da wird man galliger und lakonischer, und als jüngerer Mensch, der noch mehr Zeit vor sich haben sollte, um so mehr! Andere bedrückende Fehlentwicklungen kommen hinzu. Möge sich zudem Ihre persönliche Situation verbessern!
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Mit Freude habe ich Ihre Gedanken zu den Dingen hinter den Dingen gelesen. Sie merken schon: Ich meine jetzt nichts Politisches, sondern eher etwas Metaphysisches. Man braucht ja Quellen und belastbare Fundamente in dieser nebligen und gefährlichen Zeit …
Ich wünsche Ihnen ein schönes Frühlingswochenende. Ich werde es mit dem Garten, mit meiner besseren Hälfte und wohl auch etwas mit Uwe Johnsons „Jahrestagen“ verbringen.
Gruß
Wolfgang
Früher schloss man das Studium mit einem Doktortitel ab.
Als man mehr Akademiker brauchte, als man Führungsposten
hatte, wurde das Diplom vor dem Doktortitel eingeschoben.
Jetzt, wo man noch mehr Akademiker braucht, hat man den
Bachelor eingeschoben.
Mal sehen, wie das Sieb weiterentwickelt wird.
MfG SoDa
Sehr gutes Interview! Gerne mehr davon. Ich kann es persönlich und beruflich bestätigen; gehöre wohl zur letzten Generation Prä-Bologna (2000-2005).
Man könnte noch die Perspektive der sozialen Gerechtigkeit ergänzen: Ich habe z.B. über die Jahre immer wieder Studierende gesehen, die zwar schlau sind und hart arbeiten, doch aus bildungsfernen Umgebungen kommen (das war bei mir selbst so). Die haben erst einmal ein paar Jahre nötig, um sich an der Uni einzufinden. Am Ende werden sie dann vielleicht gut bis sehr gut, haben aber aufgrund des Noten-Fetischs am Ende eine schlechtere Durchschnittsnote als andere. D.h. sie kommen am Anfang z.B. nicht in die begehrten Honours-/Elite-Programme und am Ende nicht in die besten Masterprogramme.
Zur Bologna-Reform könnte man noch ergänzen, dass es nicht nur um Standardisierung und Vergleichbarkeit ging, was bis heute nicht realisiert wurde, sondern ausdrücklich auch um Marktmechanismen und Wettbewerb. Die echte Bologna-Erklärung ist und bleibt die Magna Charta Universitatum.
Und den Konformitätszwang gibt’s natürlich unter Wissenschaftlern ebenso: Die, die keine feste Stelle haben, schicken einem dann z.B. vorab eine E-Mail mit der Frage, ob sie einen als Gutachter angeben dürfen. Aus der Antwort schließen sie dann darauf, wie positiv das Gutachten aussehen könnte. Dabei sollen die Gutachten offiziell für „objektivere“ Bewertungen sorgen. Und Kollegen zu kritisieren kann sowieso den Karriere-Tod bedeuten, denn die begutachten morgen vielleicht den eigenen Forschungs- oder Beförderungsantrag. Viel Spaß!
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