
Vier Jahrzehnte Auslandskorrespondenz: Helmut Hetzel hat erlebt, wie sich der Journalismus verändert hat. Ein Gespräch über Haltung statt Recherche, den verengten Meinungskorridor und den Blick auf Deutschland von außen.
Er hat in Peking gearbeitet, einflussreiche Politiker und Unternehmer interviewt und über Verbrechen berichtet, die bis heute Fragen aufwerfen. Seit 1983 lebt der Journalist Helmut Hetzel in Den Haag. In seinem Buch »Ungefiltert – Unzensiert« blickt er auf sein Berufsleben zurück – und rechnet mit Entwicklungen ab, die aus seiner Sicht die Glaubwürdigkeit der Medien untergraben. Roberto De Lapuente sprach mit ihm über Nähe und Distanz zu Gesprächspartnern, den Zeitdruck in den Redaktionen und die Grenzen der freien Debatte.

De Lapuente: Herr Hetzel, seit mehr als vier Jahrzehnten berichten Sie aus dem Ausland. Bereits als junger Mann wollten Sie Auslandskorrespondent werden – und haben sich diesen Traum dann auch verwirklicht. War dieser Beruf am Ende das, was Sie sich vormals erträumt hatten?
Hetzel: Ja. Viele meiner Träume und Erwartungen haben sich erfüllt. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt und interviewt. Von Helmut Kohl, Angela Merkel, Joachim Gauck, bis Johannes Heesters und Louis van Gaal. Von Morris Chang, dem »Godfather of Semiconductors« und Gründer der TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company), von Markus Lüpertz (Das Genie) bis zum großen Sozialphilosophen Norbert Elias; Wim Duisenberg, den ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank und André Leysen, den genialen belgischen Unternehmer. Ebenso Mark Rutte, den einstigen niederländischen Premier und heutigen NATO-Generalsekretär, die US-Präsidenten George Bush sr., Bill Clinton, sowie Donald Trump auf dem NATO-Gipfel in Den Haag 2025, US-Außenministerin Madeleine Albright, um nur einige zu nennen. Und viele Royals wie König Willem-Alexander, Königin Maxima, Prinz Claus, Ex-Königin Beatrix.
De Lapuente: Für Ihr Interview mit Wim Duisenberg zum Euro erhielten Sie den »Europäischen Journalistenpreis« der EU-Kommission – und für Ihr Interview mit Morris Chang den »International Communications Award« von Taiwan …
Hetzel: Ja. Darauf bin ich stolz. Für mein Engagement für Europa als internationaler Präsident der Vereinigung Europäischer Journalisten EJ, deren Ehrenpräsident ich heute bin, wurde ich mit der »Medaille für ein Vereintes Europa« der Ferdinand-Martinenga-Stiftung in Bratislava, Slowakische Republik, ausgezeichnet. Ich bin natürlich auch viel gereist – und reise noch immer viel. Ich habe in Peking gelebt und gearbeitet, habe mehr als die halbe Welt gesehen. Den Haag – meine Lieblingsstadt – und die Niederlande sind meine neue Heimat geworden. Auch in vielen Ländern Asiens, in China, in Taiwan, Thailand, Indonesien, Vietnam war ich oft und bin noch immer regelmäßig dort. Meine Lieblingsländer dort sind: Thailand und Taiwan. Dort habe ich Freunde, dort fühle ich mich auch wohl.
De Lapuente: Früher waren Auslandskorrespondenten die Augen und Ohren ihrer Leser in der Welt. Heute kann jeder über das Internet verfolgen, was in Peking, Washington oder Den Haag – von wo aus Sie seit langer Zeit berichten – geschieht. Sind die goldenen Zeiten der Auslandskorrespondenz vorbei?
Hetzel: Die goldenen Zeiten der Auslandskorrespondenten waren die Zeiten, bevor es das Internet gab. Damals konnte man noch regelmäßig mit exklusiven Nachrichten und Stories aufwarten. Mit Beginn des Internet-Zeitalters und der jetzt laufenden nächsten Stufe der digitalen Revolution mit Künstlicher Intelligenz (KI) hat sich die öffentliche Kommunikation, der öffentliche Diskurs, grundlegend verändert. Die öffentliche Kommunikation ist viel schneller, viel schriller, aber auch viel oberflächlicher geworden. Die Welt kommt digital über den Laptop ins Wohnzimmer. Jeder kann sich in den sozialen Medien als »Journalist« präsentieren. Manche Journalisten lassen sich nun vom digitalen Mainstream nicht nur »digital«, sondern auch »inhaltlich« beeinflussen. Sie haben grundlegende Prinzipien ihres Berufes ganz oder teilweise aufgegeben, etwa die Trennung von Nachricht und Meinung – oder das Prinzip der Unabhängigkeit. Für manche »Kollegen« gilt jetzt: Publish first – check later. Aber das »Asset« professioneller Journalisten ist: die Glaubwürdigkeit und die Unabhängigkeit. Beides sollte man nicht aufs Spiel setzen oder gar aufgeben, indem man so genannten »Haltungs- oder Aktions-Journalismus« betreibt, der sich leider immer weiter ausbreitet. »Aktions- und Haltungs-Journalisten« sehen durch ihre ideologisch gefärbte Brille die Realität oft nicht mehr.
»Für manche Journalisten gilt heute: Publish first – check later«
De Lapuente: Sie schildern in Ihrem Buch – und haben es eben auch schon angerissen – Begegnungen mit Politikern, Unternehmern und anderen einflussreichen Persönlichkeiten. Wie wichtig sind persönliche Kontakte und gewachsenes Vertrauen für einen Auslandskorrespondenten?
Hetzel: Sehr wichtig! Zu diesem gegenseitigen Vertrauen gehört aber auch der gegenseitige Respekt. Beispiel: Ich gebe jedem meiner Interviewpartner immer die Gelegenheit, das Interview vor Publikation gegenzulesen, es zu autorisieren. Erst danach publiziere ich es. Vor Publikation des historischen Interviews mit Wim Duisenberg zum Euro, das um die ganze Welt ging, erst in der WELT, der Börsen-Zeitung, der Finanz und Wirtschaft und dann im Wall Street Journal und sogar noch in japanischen Zeitungen veröffentlicht wurde, habe ich Duisenberg angerufen und gesagt: »Wim, das Interview ist fertig, ich habe es Dir gemailt. Bitte lesen und autorisieren. Ich glaube, Deine Äußerungen werden den Wechselkurs Euro-Dollar bewegen.« Kurz darauf antwortete Duisenberg ganz cool: »Helmut, das will ich doch. Du kannst es so publizieren.«

De Lapuente: Sie stimmen mir aber zu, wenn ich die Behauptung in den Raum stelle, dass zu viel Nähe dann doch wieder schlecht ist?
Hetzel: Ja, dessen muss man sich aber bewusst sein und es reflektieren. Dass ich mich mit manchen Politikern oder Managern privat duze, was in den Niederlanden eher üblich ist als in Deutschland, heißt noch lange nicht, dass ich ihnen nach dem Mund plappere. Im Gegenteil. Ich sage grundsätzlich, was Sache ist. Ein Beispiel: Ich verstehe mich auch mit König Willem-Alexander und Königin Maxima gut und schätze beide sehr. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht kritisiere. Das habe ich getan, als sie während der Corona-Pandemie einen von der Haager Regierung verhängten Lockdown brachen und mit dem Regierungsjet zum Urlaub nach Griechenland flogen. Das war völlig daneben. Ich schrieb damals: »Auch ein König oder eine Königin stehen nicht über dem Gesetz.« Willem-Alexander und Maxima haben sich für dieses Fehlverhalten übrigens beim niederländischen Volk entschuldigt.
De Lapuente: Sie beschreiben, wie sich die journalistische Arbeit von Schreibmaschine und Telex bis zur künstlichen Intelligenz verändert hat. Mittlerweile muss alles möglichst umgehend veröffentlicht werden. Würden Sie sagen, dass die Geschwindigkeit zum größten Feind journalistischer Sorgfalt geworden ist?
Hetzel: Ja, in gewisser Weise schon. Zwar gehört der »Kampf gegen die Deadline« zu unserem Beruf wie das Amen in der Kirche, aber Internet und jetzt KI haben noch einmal einen Turbo gezündet. Die Zeiten, in denen mich ein Redakteur anrief und sagte: »Helmut, ich möchte einen Korr-Bericht zu diesem oder jenem Thema, aber bitte einen ausgeruhten mit viel Analyse und Hintergrund. Du hast dafür drei Tage Zeit« – die Zeiten sind endgültig vorbei. Ich sagte ja bereits, für manche Journalisten gilt heute: Publish first – check later. In der neuen schnellen digitalen Kommunikationswelt wächst auch die Gefahr der Desinformation. Sie generiert Fake News. Falsche Nachrichten – Fake News- werden oft auch gezielt im Netz gestreut und strategisch gesteuert. Länder wie Russland und China sind auf diesem Gebiet der Desinformation im Netz besonders aktiv, was nicht heißt, dass andere Länder, etwa die USA oder europäische und asiatische Länder – oder Personen und Organisationen – das nicht auch tun.
De Lapuente: Sie haben auch in China gearbeitet und dort erfahren, was staatliche Kontrolle und eingeschränkte Pressefreiheit bedeuten. Erkennen Sie heute Entwicklungen in westlichen Gesellschaften wieder, die Sie an die damalige Zeit erinnern?
Hetzel: Ja, leider. Erst ein Beispiel aus China. Ich wohnte damals im Friendship Hotel. Dort lebten viele Ausländer. Es war eine kleine, aber internationale Gemeinschaft: Amerikaner, Australier, Inder, Japaner, viele Europäer, Franzosen, Deutsche, Schweizer, Italiener, Portugiesen – und eine Niederländerin, meine damalige Frau Aletta. Sie war aber in China anno 1983 persona non grata. Der Grund: Die Niederlande hatten damals Taiwan U-Boote geliefert. Peking boykottierte Holland deswegen. Meine Frau war damals neben dem Geschäftsträger der niederländischen Botschaft – der Botschafter musste gehen – die zweite Niederländerin, die noch in China war. Selbst Philips war 1983 in China nicht mehr präsent und musste seine Repräsentanz schließen. Daneben lebten im Friendship Hotel auch Südamerikaner aus Peru, Argentinien und viele Studenten aus afrikanischen Ländern. Aber die afrikanischen Studenten wurden von vielen Chinesen diskriminiert. Es war Un petit monde – eine kleine, aber interessante Welt, dieses Friendschip Hotel in Peking damals. Wenn chinesische Freunde mich dort besuchen wollten, mussten sie einen Besuchsantrag stellen, sich einer Kontrolle unterwerfen. Waren sie endlich bei mir im Appartement angelangt, waren sie ängstlich. Sie trauten sich nicht, frei zu reden. Oder sie redeten in Andeutungen oder erzählten oft lange Anekdoten, um etwas »Brisantes« zu beschreiben. Denn nach Rückkehr an ihren Arbeitsplatz wurden sie dort von der chinesischen Stasi verhört. Sie mussten sogar schriftliche Gesprächsprotokolle anfertigen und der China-Stasi mitteilen, worüber sie mit mir gesprochen hatten. Das ist auch heute noch ähnlich. Nur die Überwachung der 1,3 Milliarden Chinesen findet jetzt digital statt und ist nahezu total. George Orwell lässt grüßen. Bei meinem letzten Besuch in Peking habe ich festgestellt, dass junge Chinesen nichts über das Massaker auf dem Tiananmen-Platz vom 3./4. Juni 1989 wissen, als die so genannte »Volksbefreiungsarmee« tausende friedlich für Freiheit und Demokratie demonstrierende Chinesen mit Panzern niederwalzte oder einfach massenhaft erschossen hat. Das Tiananmen-Massaker in China ist tabu.
»Der öffentliche Diskurs in Deutschland wird nicht mehr rational«
De Lapuente: So weit ist es hierzulande noch nicht …
Hetzel: Aber es gibt besorgnisweckende Tendenzen. Der Paragraf 188 StGB beispielsweise, der die »Majestätsbeleidigung« von Politikern in Deutschland durch die Hintertür wieder eingeführt hat. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl die »Schwachkopf-Affäre« um den einstigen Wirtschaftsminister Robert Habeck und den fränkischen Rentner Stefan Niehoff, der eine satirische Aussage über Habeck im Internet teilte, in der Habeck als »Schwachkopf« bezeichnet worden war. Habeck erstattete Strafanzeige gegen Niehoff. Morgens um sechs klingelte bei dem Rentner dann die Polizei: Hausdurchsuchung. Niehoff starb am 31. Januar 2026 im Alter von nur 65 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Nachricht von seinem Tod lief in Deutschland am 1. Februar 2026 über die Agenturen, als ich gerade an meinem Buch »Ungefiltert – Unzensiert« das Kapitel »Medien und Meinungsfreiheit« schrieb – darin geht es auch um die »Schwachkopf-Affäre«. Ich bekam Gänsehaut und musste eine Weile innehalten. Der »Fall Habeck«, so sollte man die »Schwachkopf-Affäre« wohl nennen, beweist, wie eng der Meinungskorridor der freien Rede in Deutschland geworden ist.
De Lapuente: Sie sprechen von strafrechtlichen Konsequenzen. Wie stark wird die freie Debatte daneben durch gesellschaftlichen Druck eingeschränkt – also dadurch, dass Menschen bestimmte Positionen lieber verschweigen, um nicht öffentlich an den Pranger gestellt zu werden?
Hetzel: Die öffentlichen Moralapostel schwingen permanent die große Nazi-Keule in Deutschland. Wer es auch nur wagt, die Migrationspolitik – oder gar Migranten – zu kritisieren, oder seine Stimmen gegen die Gefahren der schleichenden und immer weiter fortschreitenden Islamisierung unserer Gesellschaft zu erheben, wird als »Nazi, Rassist, islamophob« gebrandmarkt und an den öffentlichen Pranger gestellt. So wird versucht, unbequeme Meinungen auszugrenzen. Der öffentliche Diskurs in Deutschland wird nicht mehr rational, sondern fast ausschließlich nur noch moralisierend geführt. Eine grün-links gefärbte Meinungsgewalt, die aber nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentiert, hat den öffentlichen Diskurs in den moralischen Würgegriff genommen in Deutschland. Das Land und der freie Diskurs drohen daran zu ersticken. Es ist höchste Zeit, sich wieder einmal an den großen Jürgen Habermas zu erinnern und an dessen Ideal des »herrschaftsfreien Dialogs«. Ein Dialog, in dem jeder Gesprächspartner immer respektiert wird, auch wenn er oder sie eine andere Meinung hat. Das ist ein Dialog des freien Diskurses, ohne dass man Angst haben muss, wegen einer unliebsamen Meinung ausgegrenzt zu werden – oder gar eine Hausdurchsuchung der Polizei morgens um sechs Uhr fürchten zu müssen.
De Lapuente: Auslandskorrespondenten sollen ihren Lesern fremde Länder verständlich machen. Zugleich erwarten Redaktionen jedoch recht häufig Berichte, die in ein bereits bestehendes Weltbild passen. Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere erlebt, dass Redaktionen in Deutschland Ihre Berichte nicht etwa aus sachlichen Gründen, sondern aus politischen Erwägungen verändert oder zurückgehalten haben?
Hetzel: Ja, das habe ich erlebt. Ich habe einen »Bauchladen«, wie das in der Branche heißt. Ich berichte für viele Medien, meist deutschsprachige in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Seit langem arbeite ich aber auch für niederländische Medien als Kommentator, Moderator und politischer Analyst – in Niederländisch, in Talkshows. Als große Ehre empfand ich, dass ich die Beisetzung von Helmut Kohl – von Straßburg nach Speyer – am 1. Juli 2017 live im niederländischen TV kommentieren durfte. Auch bin ich regelmäßig als politischer Analyst und Kommentator in der Sendung Business Class von Harry Mens zu Gast. Lange moderierte ich auch meine eigene Sendung De Duitse Connectie (Die deutsche Verbindung) bei der VPRO. In den Niederlanden – Rang zwei im Pressefreiheitsindex der »Reporter ohne Grenzen« (RSF) in 2026 – Deutschland: Rang 14 – kann ich sagen und senden, was ich will. Eine Zensur findet nicht statt. Das gilt in Deutschland auch für den Springer Verlag. Ich arbeite seit 40 Jahren für Springer, lange für die WELT und jetzt für WELT-TV. Auch dort kann ich schreiben und senden, was ich will.
»Wir müssen damit rechnen, dass Le Pen neue Präsidentin in Frankreich wird«

De Lapuente: Das ist also nicht bei allen Verlagshäusern so?
Hetzel: Nein. Zwei Beispiele: Eine große und einflussreiche Regionalzeitung veränderte häufig meine Berichterstattung über den niederländischen Populisten Pim Fortuyn, der am 6. Mai 2002 von einem fanatischen Tierschützer erschossen wurde. Ich bezeichnete Fortuyn, den ich sehr gut kannte, in meinen Berichten als »Populisten«, die Redaktion dort machte daraus immer »Rechtspopulisten«. Aber schlimmer war: Eine Kündigung. Ein großer Verlag in Westdeutschland kündigte die Zusammenarbeit mit mir, nachdem ich für diesen Verlag rund 30 Jahre gearbeitet hatte. Ohne Angabe von Gründen. Die neue Ressortleiterin, sie war noch relativ jung, als sie zur Chefin des Auslandsressorts berufen wurde, war nicht einmal zu einem Gespräch mit mir bereit. Aber mir war klar: Meine Korr-Berichte und Kommentare passten nicht in ihr politisches Weltbild.
De Lapuente: Wie groß ist letztlich die Gefahr, dass Korrespondenten irgendwann nicht mehr die Wirklichkeit vor Ort beschreiben, sondern nur noch die Erwartungen ihrer Heimatredaktionen bedienen?
Hetzel: Gute Frage. Es ist Frage nach der Anpassung und dem vorauseilenden Gehorsam. Der neue Mainstream-Journalismus, auch »Haltungs-Journalismus« genannt, ist eine Zeiterscheinung. Aber eine gefährliche. Journalisten sollten ihr Publikum nicht erziehen, sie sollen informieren, analysieren und kommentieren. Heute aber wollen viele »Haltungs-Journalisten« ihr Publikum erziehen. Sie spielen sich auf wie Oberlehrer in der Schule. Ich bemühe mich, zu sagen und zu beschreiben, was ist. Ohne ideologische Scheuklappen. Beispiel: Als Theo van Gogh, den ich auch sehr gut kannte, am 2. November 2004 von dem Islamisten Mohammed Bouyeri ermordet wurde, weil er zusammen mit Ayaan Hirsi Ali einen kritischen Film über den Islam und die Unterdrückung der Frauen im Islam gedreht hatte, übte ich in einer niederländischen TV-Sendung heftige Islamkritik. Folge: Morddrohungen. Beispiel zwei: Von außen, von Den Haag aus, beobachte ich, dass in Deutschland eine Anpassung der Berichterstattung von manchen Auslandskorrespondenten an die Erwartungen der Heimatredaktionen stattfindet. Aktuelles Beispiel: Öffentlich-rechtliche TV-Sender berichten nach tagelangen gewalttätigen Protesten in Frankreich in Sendungen immer noch von »Protesten der Schüler und Studenten«, obwohl doch klar ist, dass das nicht mehr stimmt. Der linksradikale Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon und radikale islamisch geprägte Migranten-Milieus haben die Proteste in Frankreich angeheizt und instrumentalisiert, so meine Einschätzung nach den mir vorliegenden Informationen. Die rechtsradikale Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen wird bei den Wahlen im April/Mai nächsten Jahres vermutlich davon profitieren. Wir müssen damit rechnen, dass sie neue Präsidentin in Frankreich wird.
De Lapuente: Prägt dieses Weltbild auch die Auswahl der Themen?
Hetzel: Wenn ich von Den Haag aus öffentlich-rechtliche deutsche TV-Sendungen sehe, bekomme ich häufig den Eindruck, dort berichtet man manchmal nach der Devise: »Es kann nicht sein, was nicht sein darf.« Auch die Themenauswahl in typischen Auslandsberichterstattungen, wie Weltspiegel, oder Auslandsjournal gibt manchmal zu denken. Im niederländischen TV-Magazin »Nieuwsuur« sah ich gerade eine hervorragende Dokumentation und Analyse über den Konflikt zwischen China und Taiwan. Darin wurde die Sichtweise Chinas und die so genannte »Ein-China-Politik« Pekings heftig kritisiert. So etwas vermisse ich in deutschen TV-Sendungen. Tatsache ist schließlich: Taiwan war niemals Teil der Volksrepublik China, die erst am 1. Oktober 1949 von Mao ausgerufen und gegründet wurde. Kann China überhaupt Anspruch auf Taiwan geltend machen? Diese Frage stellen sich in Deutschland offenbar nur wenige Journalisten. Ich gebe in meinem neuen Buch eine Antwort darauf.
De Lapuente: Ohne jetzt den schlechten Kenntnisstand des hiesigen Journalismus verteidigen zu wollen: Am Ende spielt das für die Menschen in diesen Gefilden ja nun wirklich keine Rolle, wenn Großmächte auf der anderen Seite des Globus Großmachtpolitik machen. Sie wollen nur nicht hineingezogen werden. Schon Henry David Thoreau fragte sich einst, was es ihm nutze, dass er nun wisse, dass in irgendeiner Stadt in den USA ein Mord geschehen sei. Im Grunde hat er bereits recht früh das Prinzip des Korrespondenten an einem weit entfernten Ort kritisiert. Stellt sich für einen Auslandskorrespondenten im Laufe eines langen beruflichen Lebens nicht irgendwann mal die Frage, ob das, was man tut, wirklich von Belang ist für die Menschen, die weit weg von den Ereignissen leben, die er ihnen vorstellen will?
Hetzel: Wenn in Chicago oder Shanghai wieder ein Mord passiert, dann hat das natürlich in der Regel keinen Einfluss auf die Weltpolitik oder die Menschen in München, Berlin, Den Haag, Wien oder Zürich – es sei denn, dort wird der amtierende Präsident des Landes erschossen. Zu erklären aber, wie geschickt China die so genannte »Ein-China-Politik« eingefädelt, die USA getäuscht und über den Tisch gezogen hat in den Siebzigerjahren, und wie Peking dann die Ideologie der so genannten »Ein-China-Politik« weltweit durchgesetzt hat, dafür braucht es schon Experten, die recherchieren, die Land und Leute und die die Geschichte Chinas und die Geschichte Taiwans kennen. Das können Wissenschaftler sein, das können aber auch Auslandskorrespondenten sein. Oder zu erklären, warum es das magische digitale Dreieck: ASML (Niederlande, größter Halbleitermaschinenhersteller der Welt), TSMC (Taiwan, größter Halbleiterproduzent der Welt) und Nvidia (USA, wichtigster Chipdesigner und Hersteller für Künstliche Intelligenz) gibt und wie wichtig dieses digitale Dreieck für die gesamte Weltwirtschaft ist, dafür braucht es schon gut informierte und gut ausgebildete Auslandskorrespondenten. Denn das ist relevant für die ganze Welt.
»Ich mache mir große Sorgen um Deutschland«
De Lapuente: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich ausführlich mit dem Vertrauensverlust der etablierten Medien. Sie sprechen sogar von einer zunehmenden Medienverdrossenheit. Journalisten galten aber von jeher als wenig vertrauenswürdig, man begegnete ihnen mit Vorsicht. Idealisieren Journalisten, die diesen Vertrauensverlust thematisieren, nicht ein Stück weit die journalistische Vergangenheit?
Hetzel: Meine Wahrnehmung ist: Das Ansehen der Journalisten hat sich zum Negativen verändert. Dazu haben manche Journalisten aber auch einen erheblichen Beitrag geleistet. Stichwort: Die Hitler-Tagebücher des Stern etwa. Oder die Relotius-Affäre beim Spiegel – oder die vom Rechercheteam Correctiv ausgelöste so genannte Remigrationsaffäre. Dann muss man sich nicht wundern, wenn plötzlich Anschuldigungen wie »Lügenpresse« auftauchen.
De Lapuente: Sie widmen dem Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux ein eigenes Kapitel und dokumentieren Ihre damalige Berichterstattung. Gerade solche Geschichten verlangen langwierige Recherchen und genaue Kenntnisse eines Landes. Würde eine deutsche Redaktion heute noch die Zeit und das Geld aufbringen, einen Korrespondenten über Monate an eine solche Geschichte zu setzen?
Hetzel: Nein, sicher nicht. Denn solche Recherchen kosten – Sie sagten es bereits – viel Geld und Zeit. Reisekosten fallen an. Viele Redaktionen heute wollen oder müssen sparen. Auslandskorrespondenten aber müssen finanziert und bezahlt werden, damit sie ihre Arbeit gut machen und viel recherchieren können. Qualität hat seinen Preis. Aber den wollen viele Redaktionen nicht mehr zahlen. Wir freiberuflichen Auslandskorrespondenten sind völlig unterbezahlt. Angemessene Honorare für Journalisten gibt es derzeit in Europa nach meiner Erfahrung nur in der Schweiz und bei manchen Medien in den Niederlanden. Außerdem: Die Arbeitszeit des Auslandskorrespondenten wird dann von nur einem einzigen Thema lange sehr stark beansprucht. Heute schicken viele Redaktionen schnell einen »Katastrophen-Reporter« zum Tatort im Ausland. Er oder sie kennt aber das Land und die Gesellschaft, über die er oder sie dann ad hoc berichten sollen, in der Regel nicht. Da kann einiges in der Berichterstattung schief gehen. Oder es wird einfach die Berichterstattung der Agenturen wie dpa, afp oder Reuters nachgebetet.
De Lapuente: Bis heute gibt es Spekulationen darüber, ob hinter Dutroux ein größeres Netzwerk stand. Der Fall Jeffrey Epstein hat gezeigt, wie eng sexuelle Ausbeutung Minderjähriger mit einflussreichen gesellschaftlichen Kreisen verflochten sein kann. Sehen Sie Parallelen zwischen beiden Fällen? Und haben Sie damals bei Ihren Recherchen Hinweise gefunden, die über die Taten von Dutroux selbst hinausgingen?
Hetzel: Ja. In Belgien waren in den Achtzigerjahren auch die »Killer von Brabant« (Bende van Nijvel) aktiv. Sie haben meist bei Überfällen auf Supermärkte wahllos gemordet und mindestens 28 Menschen erschossen. Bis heute ist unklar, wer diese Killer waren und warum sie so grausam gemordet haben. Ob es Verbindungen zwischen den Killern und Dutroux gab, ist auch unklar. Dass die Morde der »Killer von Brabant« aber nie aufgeklärt wurden, das ist mehr als seltsam und wirft viele Fragen auf. Ich hatte noch ein Hintergrundstück dazu in meinem Buch. Das ist aber aus Platzgründen nach Rücksprache gestrichen worden. Auch gab es Gerüchte – und Verschwörungstheorien – wonach Dutroux Minderjährige für einflussreiche pädophile Netzwerke zum Sex »besorgt« haben soll. Ob das aber eine »belgische Epstein-Connection« war, ist bis heute ebenfalls unklar. Es gibt auch Stimmen in Belgien, die behaupten, die »Killer von Brabant« sollten Belgien durch ihren Terror reif machen für einen Staatsstreich – beispielsweise der Militärs. Aber das sind Gerüchte.
De Lapuente: Herr Hetzel, Sie leben seit über 40 Jahren in Den Haag und beobachten Deutschland gewissermaßen aus der Ferne. Wenn Sie heute auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Ihrer alten Heimat blicken: Sind Sie manchmal regelrecht froh, Deutschland verlassen zu haben?
Hetzel: Ja. Ich lebe seit 1983 nicht mehr in Deutschland. Ich bin in Den Haag zuhause. Ich fühle mich hier sehr wohl, wie ein Fisch im Wasser. Deutschland und die Entwicklungen in meinem Geburtsland betrachte ich seither von außen. Die Bundesrepublik befindet sich derzeit in der schwersten politischen und wirtschaftlichen Krise seit ihrer Gründung 1949. Ich hoffe und wünsche mir, dass die amtierenden Politiker zur Vernunft kommen und das Wohl des Landes und seiner Bürger vor das Wohl ihrer politischen Karriere und ihrer Ideologie stellen. Ich mache mir große Sorgen um Deutschland.
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»Wenn chinesische Freunde mich dort besuchen wollten, mussten sie einen Besuchsantrag stellen, sich einer Kontrolle unterwerfen. Waren sie endlich bei mir im Appartement angelangt, waren sie ängstlich. Sie trauten sich nicht, frei zu reden.«
Wenn chinesische Freunde von Herr Hetzel sich nicht trauten frei mit ihm zu reden, wieso besuchten besuchten sie ihn dann?
Könnte es vielleicht sein, dass Herr Hetzel nicht ganz unvoreingenommen ist?
Danke Internet! Dank diesem können wir jetzt vieles, daß uns vorher unüberprüfbar vorgesetzt wurde, selbst (in gewissen Grenzen)nachvollziehen.
Bzw. ist man nicht mehr auf immer ein und diesselben Medienkonzerne angewiesen, die ja mit ihrer Berichterstatung schon immer auch polit. Ziele verfolgten/Narrative bestimmen wollte- auch zu den Hochzeiten des hier beschrieben Auslandjournalismus. Auch ein Herr Hetzel betrieb Haltungsjournalismus, mußte bestimmten Narrativen folgen und den Erwartungen der Auftraggeber gerecht werden. Es gibt keinen haltungsfreien Journalismus- nirgends. Gab es nie, wird es nie geben. Selbst wenn sich der Journalist einzig der absoluten Wahrheit verpflichtet sieht und dementsprechend berichtet, bezieht er Stellung, vertritt er eine Haltung, macht er sich mit einer Sache gemein.
“ Eine grün-links gefärbte Meinungsgewalt, die aber nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentiert, hat den öffentlichen Diskurs in den moralischen Würgegriff genommen in Deutschland.“
Aha, na dann erklären Sie mal, wie das mit den aktuellen Medienkampagnen gegen Linke zusammenpasst. Kann er nicht. Und so entpuppt sich der ganze Artikel bzw. Interview mal wieder nur als Parteiwerbung für die AfD.