»Der freie Wille ist ein Mythos«

Moral und Ethik
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ist Moral das Fundament jeder Zivilisation – oder ihr größtes Hindernis? Der Blogger und Autor Stephan Erdmann stellt in seinem Buch Moral. Seine These: Nicht Moral, sondern eine rationale Ethik sei der Schlüssel zu einer friedlicheren Gesellschaft.

Stephan Erdmann betreibt den Blog Feynsinn und ist promovierter Philosoph. In seinem jüngsten Buch Moral – Die Mär von Gut und Böse rechnet er mit einem Begriff ab, den die meisten Menschen für unverzichtbar halten.

Im Gespräch mit Roberto De Lapuente erläutert er, warum Moral seiner Ansicht nach Ausgrenzung und Krieg begünstigt, weshalb er den freien Willen für einen Mythos hält und warum Diplomatie dort beginnen müsse, wo moralische Gewissheiten enden.

 

De Lapuente: Du schreibst, dass die Kategorien »gut« und »böse« letztlich in die Barbarei führen. Ist das a) nicht selbst eine moralische Aussage – und b) nicht eine dieser Dekonstruktionen, die sich in den letzten Jahrzehnten gerade im linken Milieu so großer Beliebtheit erfreuten?

Erdmann: Nein. Die Aussage ist die Konklusion, die sich aus der Analyse moralischer Ansätze und der Funktionen von Moral selbst ergibt. Um selbst moralisch zu sein, müsste sie explizit werten. »Barbarei« meint nicht irgendetwas Schlimmes, sondern einen tendenziell vorzivilisatorischen Gesellschaftszustand.  Was du da im »linken Milieu« verortest, kann ich nicht finden. Im Gegenteil triefen aktuelle Formationen, die sich »links« nennen, vor Moral und verzichten größtenteils auf die Frage, was aus politischen Forderungen bzw. deren Umsetzung folgt.

De Lapuente: Du plädierst dafür, Moral durch Ethik zu ersetzen. Wo siehst du bei diesen Begriffen eine Unterscheidung?

Erdmann: Ethik ist die Wissenschaft von der Sozialen Ordnung, Moral ist das Management der Zugehörigkeit. Ethik fragt nach effizienten Möglichkeiten, Schaden zu minimieren und Nutzen zu mehren, während Moral markiert, was und vor allem wer gut ist. Wenn das Gute, das die Guten tun, zu Tod und Verwüstung führt, ist es so richtig. Ethik wird zu rationalen Kriterien kommen, nach denen Handlungsstrategien entworfen werden; Moral folgt zumeist emotionalen Impulsen und eben dem Status der Handelnden.

»Der Humanismus hat Gottes Willen durch den des Menschen ersetzt«

Nachdenken über Ethik und Moral.

De Lapuente: Du behauptest – für mich in ziemlich dekonstruierender Weise –, es gebe keine universelle Moral. Dennoch finden sich in vielen – fast möchte ich sagen: in allen – Kulturkreisen Tötungsverbote oder Regelungen und Gesetze gegen Diebstahl und Betrug. Ist das einfach nur ein Zufall oder gibt es letztlich nicht doch einen Universalismus, wie ihn gewissermaßen auch Kant wirken sah?

Erdmann: Wie universal ist ein Tötungsverbot, wenn es keine Kultur gibt, in der die Tötung von Menschen nicht als moralisch gut gelten kann? Nenne mir eine Kultur, in der das Töten von Menschen nicht spätestens im Krieg aktiv betrieben wird und bis dahin – vor allem im Diskurs – befürwortet wird. Zudem muss man historisch erstens feststellen, dass halbwegs konsequente Tötungsverbote sehr jung sind (zudem gibt es ja auch noch die Todesstrafe) und dass losgelassene Moral in Pogromen und Bürgerkriegen immer wieder vorgekommen sind. Wo ist denn eine formale Ethik wie Kants wirksam? Zudem sprechen wir vom Kategorischen Imperativ. Der ist zunächst einmal eine Forderung und keine Realität.

De Lapuente: Der Krieg stellt eine Sondersituation dar – hat es immer, auch wenn derlei zu anderen Zeiten häufiger stattfand. Dennoch war den Menschen auch während des Dreißigjährigen Krieges bewusst, dass da etwas Unerhörtes passiert, wenn ein Mensch einem anderen Menschen das Leben nimmt. Dass die Tötung eines Vertreters der eigenen Spezies vorkommt, ist klar – aber viele Mörder leiden hernach an Traumata und der Militärpsychologe erklärt zudem – und nicht als einziger seiner Zunkft –, dass Menschen eine angeborene oder tief sozialisierte Hemmung haben, andere Menschen direkt zu töten. Gibt es also nicht gute Gründe, einen apriorischen Ursprung der Sittlichkeit, um es mit Kant zu sagen, als universellen Wert annehmen zu dürfen?

Erdmann: Nein. Die letztere Frage greift tief in psychologische und vor allem biologische Bereiche vor. Mit letzterem meine ich die Struktur des menschlichen Gehirns. Ich hätte dazu einiges beizutragen, aber das sprengte jeden Rahmen. Der Dreißigjährige Krieg ist ein höchst interessanter Forschungsgegenstand. Die vor allem protestantischen Pogrome – Hexen- und Ketzerverfolgungen, von denen fälschlich angenommen wird, das sei eine katholische Domäne gewesen – sind ein Paradebeispiel für mörderische Moral ohne Hemmungen. Kriegstraumata wiederum sind kein Resultat eines schlechten Gewissens, sondern der permanenten Lebensgefahr und einer quasi gelebten Unmöglichkeit, die viele Gehirne nicht verarbeiten können.

De Lapuente: Du argumentierst stark materialistisch – ob es letztlich nicht mehr gibt als den Materialismus, sprengte an dieser Stelle thematisch den Rahmen. Am Ende müssen wir aber über den freien Willen und die persönliche Verantwortung sprechen. Sind das für Dich überflüssige Kategorien?

Erdmann: Der freie Wille ein Mythos. Der Humanismus hat Gottes Willen durch den des Menschen ersetzt, aber das enge Korsett, innerhalb dessen jeder einzelner Mensch handeln kann, lässt für Willensfreiheit gar keinen Spielraum. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

De Lapuente: Der Strafvollzug wäre demnach auch antiquiert?

Erdmann: Strafrecht ist eine der modernsten Versuche, ethische Strukturen zu etablieren, aber auch er ist nach wie vor von Moral, Schuld, Sühne und am Ende auch Vergeltung geprägt.

»Ab einer kritischen Größe und Komplexität wird Moral kontraproduktiv«

De Lapuente: Die Reflexe gegen Religiosität sind in deinem Buch deutlich zu spüren. Moral ist aus deiner Sicht ein vormodernes Konzept, dass sich aus dem Religiösen speiste. Ich lasse offen, ob das so zutrifft, habe aber persönliche Zweifel. Wenn es aber so gewesen sein soll, warum sollte Moral heute ein Atavismus sein? Und hat sie nicht auch insofern etwas geleistet, weil sie menschlichen Gesellschaften perspektivisch eine Ordnung gab? In letzter Konsequenz sind auch Verfassungen nichts anderes als durch Moral entstandene Texte.

Erdmann: Das sind keine Reflexe, das ergibt die wissenschaftliche Analyse. Moral und Religiosität haben sich so lange gehalten, weil sie die vormodernen Gesellschaften stabilisieren konnten und dazu notwendig waren. Ab einer kritischen Größe und Komplexität wird das aber kontraproduktiv. Was in Clans und Dörfern funktioniert, in persönlichen Begegnungen, erweist sich in der Massengesellschaft als fatal. Vor allem müssen wir moralische Wertungen im zwischenstaatlichen Bereich durch Diplomatie ersetzen. Auch und gerade mit Feinden, deren Art und verhalten wir kategorisch ablehnen.

De Lapuente: Ich bin ja bei Dir, wenn du Moralismus im diplomatischen Wesen für kontraproduktiv hältst. Deine Vorstellungen gehen aber über die Diplomatie hinaus. Aber warum soll eine moralische Attitüde am Arbeitsplatz stören, wenn man den unflätigen Kollegen auf Grundlage seiner moralischen Vorstellungen verurteilt?

Erdmann: Letzteres behaupte ich nicht. Moral kann in kleineren Gruppen nicht nur hilfreich sein, sie wird sich in solchen ohnehin etablieren. Sie kann auch da funktionieren, wo jeder Betroffene Zugang zum Diskurs hat und die Verwaltung der Moral sich den unmittelbaren Konsequenzen ihres Waltens stellen muss. Dass das zu optimalen Ergebnissen führt, bezweifle ich, aber es führt selten zu größeren Katastrophen.

De Lapuente: Als Katholik muss ich dringend intervenieren, wenn du darlegst, dass Moral ein »Wir« und »die Anderen« herausbildet, das der Spaltung dient. Ich weiß, dass alle Menschen Fehler haben und – katholisch gesprochen – in Sünde leben, weswegen ich mich nicht über den Anderen erheben kann, sondern verstehen muss, dass er eine menschliche Kreatur ist, die vielleicht falsch abgebogen ist – ein Schicksal, das auch mir widerfahren könnte. Kurz gesagt: Das »Wir« und »die Anderen« verschwimmen vor diesem Kontext deutlich. Ist Moral damit nicht ebenso gut eine Brücke, wie sie eine Abrissbirne sein kann, je nach Auslegungsart?

Erdmann: Ich lasse mich nicht auf innerreligiöse Argumentationen ein. Was du beschreibst, benennt einen Prozess, der erst durch moralische Verurteilung ermöglicht wird, um sie dann letztlich willkürlich mit derselben Moral gnädig zurückzunehmen. Wer das ernst nimmt, ist verloren.

De Lapuente: Verlangst du zu viel »vom Menschen«, indem du ihm – wie eben – vorwirfst, er würde in seinem Inneren zunächst verurteilen, um es dann nach Außen doch nicht zu tun? Sind freie Gedanken also ein moralisches Dilemma?

Erdmann: Ich verlange gar nichts von Menschen, das widerspräche ja allem, was ich darlege. Ich stelle Ansprüche an die Strukturen, die sich zivilisierte Organisationen wie etwas Staaten geben. Dort hat Moral nichts verloren. Dazu gehört u.a., dass aus Anlass einzelner Ereignisse keine Gesetze geändert werden, es sei denn, man wolle unbedingt die moralische Empörung nutzen, solange die Faktenlage unsicher ist. Das führt sicher nicht nur einer Verbesserung der Rechtslage.

De Lapuente: Du schreibst, dass Kriege regelmäßig durch moralische Aufladung legitimiert werden. Die Grünen wollen Waffen liefern, um den Krieg zu beenden. Willst du die Moral abschaffen, damit es keinen Krieg mehr geben kann?

Erdmann: Will ich den Regen abschaffen, damit ich nicht mehr nass werde? Was irgendwelche aus dem Hut gezauberten Gruppen angeblich oder tatsächlich wollen, ist ja keine Entität, sondern eben ein beliebiger vergänglicher Konsens. Zudem ist die Behauptung lächerlich, man könne einen Abnutzungskrieg durch Waffenlieferungen verkürzen. Ein gutes Beispiel dafür, wie faktenfrei Moral und Absichtserklärungen daherkommen. Auch hier wird es erst sinnvoll, wenn wir das Pferd von vorn aufzäumen: Um Frieden zu erreichen oder zu sichern, hilft nicht Moral und schon gar nicht Aufrüstung, sondern nur Diplomatie.

»Der Mensch muss sich als Faktor zurücknehmen«

De Lapuente: Was auch immer der moralische Reflex ist: Er erscheint mir eine menschliche Regung zu sein. Ein Grundbedürfnis. Träumst du in letzter Konsequenz von einem neuen Typus Mensch?

Erdmann: Ich bin frei von Syphilis und trage auch keinen komischen Schnauzbart. Zudem ergibt sich aus meinem Ansatz das exakte Gegenteil. Der Mensch muss sich als Faktor zurücknehmen und auf die möglichen Folgen relevanter Entscheidungen fokussieren. Soziale Ordnung in der Massengesellschaft braucht Rationalität und Realismus. Moral agiert im Wünsch-dir-was.

De Lapuente: Dass sich der Mensch zurücknehmen muss, finde ich einen interessanten Einwand. Darf ich das für mich so übersetzen: Der Mensch stört im Grunde nur und Gesellschaft habe unter nichtmenschlichen Aspekten zu funktionieren?

Erdmann: Der Mensch als Epistem, ja. Das war das, was Foucault am Ende von »Die Ordnung der Dinge« meinte. Man muss sich irgendwann entscheiden, ob man Diskurs rational betreiben will oder den Menschen stets ins Zentrum rücken will. »Der Mensch« in diesem Sinne ist der Mythos vom Menschen. Es ist der Mythos, der »stört«.

De Lapuente: Wenn deine Analyse stimmt und Moral vor allem der Herrschaft, Identitätsbildung und Ausgrenzung dient: Warum hält sie sich seit Jahrtausenden so hartnäckig? Ist sie womöglich evolutionär erfolgreicher als Vernunft?

Erdmann: Wie gesagt, die Zeiten, da sie nützlich war, sind vorüber. Entweder lernt die Menschheit, an ihrer Stelle zeitgemäße Strukturen zu entwickeln, oder Evolution wird dies regeln.

De Lapuente: Und was, wenn die Moral ein evolutionärer Impuls ist, der der menschlichen Kreatur das Überleben gesichert hat und womöglich und es auch weiterhin regelt?

Erdmann: Das halte ich für restlos widerlegt.

Redaktion

Redaktion
Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
Mehr Beiträge von Redaktion →

Ähnliche Beiträge:

22 Kommentare

  1. „Kriegstraumata wiederum sind kein Resultat eines schlechten Gewissens, sondern der permanenten Lebensgefahr und einer quasi gelebten Unmöglichkeit, die viele Gehirne nicht verarbeiten können.“, sagt Herr Erdmann.
    Das halte ich für sehr theoretisch und unvollständig.
    Das was man SIEHT, hört und riecht kann schwere Traumata verursachen, in meiner ganzen Familie habe ich das erlebt.
    Leichen, Schreie, zerfetzte Körper haben die alle gesehen und konnten etliche nie verarbeiten.
    Ich brauchte auch Unterstützung, als ich meine Frau sah, nachdem sie sich in den Kopf geschossen hatte.
    Das kommt immer wieder hoch und triggert einen, wenn man nicht damit rechnet.

  2. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Ich zitiere aus dem Roman „Der im Regen tanzt“ den Stasi-Oberst Bernard Müller:
    „Sie wollen doch, dass Ihre Kinder später einmal studieren dürfen und Ihre Eltern noch lange und erfolgreich forschen können, oder? Dann sollten Sie etwas kooperativer sein. In jedem System macht die Seite, auf die man sich stellt, den Unterschied aus. Sie können mit den Wölfen heulen, gegen sie ankläffen oder sich vor ihnen verstecken und sich selbst jeden Tag die Hucke volllügen. Aber nicht uns! Nicht mich! Gut und Böse sind nur eine Frage des Standpunktes, der wiederum abhängig ist von dem Anteil an Macht, den wir Ihnen zugestehen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, hat Marx gesagt. Ich sage Ihnen etwas anderes: Gut und Böse sind weder taugliche Kategorien zur Bewertung der objektiven Realität, noch Ihres Lebens, Genosse Gneidsen. In dem ist nur eines wirklich und das mit absoluter Sicherheit: Täter und Opfer.

  3. Ist Ethik nicht in erster Linie ein Anspruch an einen selber und Moral der Anspruch an den anderen? Schon daher ist wohl Moral und Vorurteil eine Einheit, während Ethik ein Vorurteil ausschließt. Und dann schwingt immer auch die Trennung hinein. Wir und Die ist kein ethisches Konstrukt, sondern Konsequenz von Moral. All das konnte man an dem Verhalten von VonderLeyen, Baerbock, und kann man jetzt an Pistorius, Wadephul und Merz deutlich sehen. Die Verurteilung des anderen (Russland) ist logische Konsequenz moralischen Handelns, nicht einmaliger Ausrutscher. So sehe ich das.

  4. Die Vereinnahmung der „Moral“ durch unsere politischen sog. „Eliten“ hat diesen Begriff vollkommen diskreditiert.
    Ich würde lieber von „Ethik“ sprechen und da sollte man unterscheiden zwischen Gesinnungs- und Verantwortungs-Ethik.
    Während unsere Regierung für ihre Gesinnungs-Ethik Hunderttausende junge ukrainische Männer in den sicheren Tod schickt („die Ukraine muss gewinnen, es darf keinen „Diktatfrieden geben, …“), besitzt unsere Regierung keinerlei Verantwortungs-Ethik. Dass sie mit der Unterstützung von Raketen- und Drohnenangriffen gegen tief im Inneren Russlands gelegene militärische wie aber auch zivile Ziele, einen Krieg mit Russland herbeiführt, das weist sie weit von sich, das will sie nicht sehen.

    Zum „freien Willen“:
    Ich bin immer wieder skeptisch, wenn die Existenz eines freien Willens rundweg abgelehnt wird.
    Einige mutige Menschen in der NS-Diktatur haben sich durchaus aus einer bewussten Willensentscheidung in den Widerstand begeben und mussten dafür oft mit ihrem Leben bezahlen.
    Da möchte ich zB die Geschwister Scholl und die weiße Rose nennen. Deren mutige willentliche Entscheidungen sollte man nicht durch Philosophismen entwerten.
    Der heute heroisierte Stauffenberg hatte anfangs Hitler im Krieg gegen die Sowjetunion treu gedient.
    Erst als er realisierte, dass dieser Krieg veloren ist, hat er sich gegen Hitler gewandt.

    1. wenn einsteins relativitätstheorie stimmt, und es deutet viel darauf hin, dass das stimmt, dann gibt es für uns keinen freien willen. einsteins konzept des raumzeit-kontinuums bedeutet u.a., dass zeit u raum aus einem block bestehen. sehr vereinfacht ausgedrückt: das was für uns gewesen ist, die vergangenheit, ist immer noch da, das was für uns kommen wird, die zukunft, ist schon da, aber f uns nicht sichtbar. die scholls konnten sich nicht anders entscheiden, als sie sich entschieden haben, es stand bereits fest und steht immer noch fest. die erkenntnisse der quantentheorie beweisen nicht, dass die relativitätstheorie falsch ist. sie sind z.t. nicht damit vereinbar, aber sie falsifizieren diese nicht.

      1. Darüber nochmals nachzudenken, lohnte sich eventuell.
        Wenn die Annahme zutreffen würde: „…konnten sich nicht anders entscheiden..“, dann galt und gilt dies für ALLE Teile der Menschheit.
        Dann waren/sind selbst sämtliche menschliche Perversen/Perversionen/Tragödien – die kleinen wie großen – nebensächlich und entschuldigt, da niemand Herr seiner selbst, sondern lediglich einer (Relativitäts)Theorie Spielfigur (gewesen) wäre.

        Die Behauptung („Der freie Wille ist ein Mythos“) hat aber neben dem unentwegt und epischen Philosophieren, ohne jemals Beweise geliefert zu haben oder liefern zu müssen, durchaus etwas stringent Erheiterndes.
        „Weil sie (nur die Deppen) nicht wissen, was sie tun“, bedürfen sie der geistigen Führung und Einhegung durch andere.
        Finde den klitzekleinen Widerspruch.

        1. die relativitätstheorie ist keine annahme. sie ist ein physikalisch-mathematisch-experimentell bewiesenes weltmodell. lassen Sie das in ruhe sacken. es ist in der tat nicht so einfach, das mit dem freien willen aufzugeben.
          stimmt, niemand ist schuld an irgendwas in dem sinne, dass seine taten auf freien entscheidungen beruhen. natürlich muß die gesellschaft vor menschen, die z.b. ihren sexualtrieb nicht beherrschen (bei frauen eher selten) können, geschützt werden. wenn ich einer frau, die nicht so will, wie ich das gerne hätte, meinen willen nicht aufzwinge, dann ist das schön f mich und auch f die frau. stolz kann ich darauf nicht sein. denn ebensowenig wie ich etwas „schuld“ bin, im negativen sinne, bin ich etwas „schuld“ im positiven sinne. wohlverhalten zum wohle und gegen schaden f die gesellschaft ist nicht m e i n verdienst. das ist das nächste problem wenn es keine willensfreiheit gibt. auf meine leistung kann ich mir nichts einbilden. ohne freien willen verlieren die meisten menschen den boden unter den füßen.

  5. Erdmann: Der freie Wille ein Mythos.

    Was zu beweisen wäre, klingt aber unglaublich praktisch: „Du weist gar nicht, was du willst, denn du hast keinen Willen, nur Affekte und Bedürfnisse, und welche das sind, sage ICH dir.“
    Bezaubernd, gell?

    Erdmann: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

    Das Sein bestimmt das Bewusstsein UND das Bewusstsein bestimmt das Sein. Es ist eine fortlaufende Wechselwirkung von Zuständen, die nicht konstant, monolithisch, auf immer und ewig identisch sind.

    De Lapuente: Der Strafvollzug wäre demnach auch antiquiert?
    Erdmann: Strafrecht ist eine der modernsten Versuche, ethische Strukturen zu etablieren, aber auch er ist nach wie vor von Moral, Schuld, Sühne und am Ende auch Vergeltung geprägt.

    Der eine sagt »Strafvollzug«, der andere sofort »Strafrecht«. Sprechen die beiden überhaupt miteinander oder ist das eine Privataufführung von „Was ich schon immer mal sagen wollte“?

    …dass Moral ein »Wir« und »die Anderen« herausbildet, das der Spaltung dient. Ich weiß, dass alle Menschen Fehler haben und – katholisch gesprochen – in Sünde leben…

    Ähem, genau da liegt es doch, das Perfide: Entweder Spaltung von der Gruppe oder Spaltung in einem selbst. Und aus der Machtperspektive: Bestenfalls beides.

    Vor einiger Zeit hat jemand den Zusammenhang von Moral und Herrschaft sehr gut auseinander genommen – leider finde ich das gerade nicht.
    „Q., übernehmen sie.“ 😉

    1. Da kann und mag ich jetzt nicht aushelfen, El-G, zumal ich, wie mein Lebtag, darauf bestehen wollte, meine Weisheiten auf die jeweilige Gegebenheit, Umgebung, Gelegenheit zuzuschneiden, statt mit Bauklötzen rumzumachen.

      Deshalb verschwende ich meinen ersten Streich an einen kurzen Hinweis:
      Die Idee einer subjektlosen „Ethik“ ist exakt so alt, wie das Gottkönigtum und seine Gesetzestafeln. Für irgend was anderes is sie auch nicht gut.

      1. Wie kann man nur die Wirklichkeit wie eine Grammatik behandeln? Mit Materialismus hat das jedenfalls nichts zu tun, und damit auch nichts mit der materiellen Welt. Wahrscheinlich geht es nur um die Erklärung ideologischer Dogmen.

    2. Bei den Essensvorbereitungen ließ mir keine Ruhe, dies nicht auch noch hingeschrieben zu haben:
      Erdmann tut wahrscheinlich nur so, als habe er Null Ahnung, was Moral ist – oder es handelt sich tatsächlich um einen Maschinenalgorithmus, der da spricht. Das zeigt schlagend, was da über „Moral und Krieg“ steht. Jeder M…o (das ist kein K-Wort, sondern buchstäblich gemeint) weiß im klaren Unterschied zu dieser … Quelle, Moral ist „dazu da“, Unvereinbares zu vereinbaren, und zwar in erster Instanz zur Bekämpfung und vorübergehenden Versöhnung des sprichwörtlichen „Inneren Schweinehundes“ – damit der nicht tollwütig und tot geschlagen wird. Oder in der Gosse verreckt.

  6. rdl kann ihn nicht verstehen, oder will es einfach nicht. aber klar, der -freie wille- ist von gott gegeben. das kann er nicht so einfach akzeptieren. die wenigsten menschen, auch nichtkatholiken, mögen das konstrukt des freien willens so einfach aufgeben. ihr -würde- hängt daran, des menschen würde. ansonsten bliebe noch zu sagen, dass der herr mit den komischen schnauzbart das bereits vor ca 150 jahren erkannt hatte. ebenfalls wäre zu empfehlen der -antichrist- und die -kritik der moralen- so gesehen, sollte der herr erdmann seinen spott lieber etwas mehr im zaume halten. ohne den syphilitischen herrn wäre die philosophie des herrn erdmann vielleicht gar nicht möglich.

  7. Um es nochmals klar zu benennen:

    Tötungs- und Diebstahlverbote gelten
    1. immer nur nach innen
    2. niemals von oben nach unten.

    Auf Deutsch: nach aussen (Krieg, miltärisch aber auch ökonomisch) kann, darf und wird genauso getötet und gestohlen werden wie von oben nach unten (Aneignung des Mehrwerts, Niederschlagung von Unbotmäßgkeit, sei es gegen einzelne oder Gruppen usw usf).
    Allen Erscheinungen ist gemein, dass beim straffreien Morden und Stehlen immer im Interesse der Machthaber operiert wird, die sich im Ernstfall dabei natürlich nicht durch irgendwelche Regeln binden lassen, die für „die da unten“ gelten sollen. Wo kämen wir da hin.
    Man kann da gerne Zivilsationskleister drüber schmieren, dieser Lack ist aber früher oder später immer ab .

  8. Ins Sterbliche übersetzt hieße es, Ethik wäre das Lebensprinzip, das alle unterschreiben können, die Moral die Vorschriften der Herrschenden oder der nach Macht Strebenden zur Dominierung und Unterjochung der Menschen, ein Surrogat der Ethik.
    Dazu zählt auch, mit welchem Finger in der Nase gebohrt werden darf und wie viel Zeichen ein Kommentar zu sein hat.

  9. „Der freie Wille ist ein Mythos. Der Humanismus hat Gottes Willen durch den des Menschen ersetzt, aber das enge Korsett, innerhalb dessen jeder einzelner Mensch handeln kann, lässt für Willensfreiheit gar keinen Spielraum. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“
    Dann gäbe es also, werter Herr Erdmann, sowohl für das eigene Handeln wie auch zwischen alternativen Rechtfertigungs-Ansätzen dafür, wie: verantwortungs- vs. gesinnungs-ethisch (von denen Sie eingangs sprechen), keinerlei Spielraum? (Zugegeben: Mit dem einen wie dem anderen beruhigt man nur allzu oft bloss das eigene Gewissen…)
    Wird da aber nicht letztlich alles Sein, egal auf welcher Ebene, so, wie es ist, alternativlos? Herr Erdmann, zu welchem Zweck reden Sie dann überhaupt mit Overton und uns über das alles? Soll dadurch Ihr Sein irgendwie bestimmend werden für ein anderes, z.B. meins? Oder nur für mein Bewusstsein? Und für letzteres – oder beides – hinge nichts davon ab, was ich daraus in meinem Leben mache? (z.B. solch einen Kommentar schreiben? weil ich dazu gar keine Alternative habe…)
    Spitzen wir doch die Frage des freien Willen (und die des Gewissens) auf eine Extrem-Situation zu, die ich niemandem wünsche, die aber durchaus immer wieder bittere Realität ist:
    Ist der freie Wille auch dort ein Mythos, wo er durch (immer ausgefeiltere) Foltermethoden gebrochen werden soll? Gibt es ein a priorisches Sein der Foltersituation, der ja sowohl der Folterknecht (unabhängig von der „Fortschrittlichkeit“ seiner Methoden) als auch der Gefolterte (unabhängig von seinem Gewissen) ausgesetzt sind, welches generell bewusstseins-bestimmend ist für egal was dabei herauskommt: Wahrheit, Lüge, Verrat, Verletzung, Tod…? Haben also in einer derart zugespitzten Konfrontation zweier (oder mehrerer) Bewusstseine weder der Folterer noch sein Auftraggeber noch der Gefolterte irgendeine Wahl? Inwiefern lässt sich hier sagen, hier bestimme das Sein („enges Korsett“ des einen) über das Bewusstsein (des andern)? Gibt es auch in der Folter für niemanden irgendeinen „Spielraum“, innerhalb dessen sich entscheidet, ob sich das Sein (oder das Bewusstsein?) des Folterers gegen das des Gefolterten durchsetzt oder umgekehrt? (Immer wieder erweist sich in der Geschichte, dass der Gefolterte gegen das extrem enge „Korsett“ seiner Situation durchaus eine Wahl behält.) Oder ist das, was da gebrochen werden soll, gar kein Wille, sondern nur ein Bewusstseins-Phantom, ein fataler ontologischer Irrtum, dem der Gefolterte gemeinsam mit dem Folterknecht aufsitzt? …zum Leiden des eines, zum Broterwerb des andern…
    …im Grunde also alles einfach „Gottes Wille“?
    Oder: Könnte es nicht auch sein, dass ein freier Wille sich weniger in einzelnen Handlungen zeigt, als vielmehr in der Hartnäckigkeit, mit der ein bestimmtes Ziel verfolgt wird? Also z.B. – um die Frage wieder in menschenfreundlichere Gefilde zu lenken: Der freie Wille, Pianist zu werden, zeigt sich nicht, indem man sich ans Klavier setzt und in die Tasten greift, sondern in der Ausdauer und Gewissenhaftigkeit, mit der man gegen alle Widerstände (gegen „das enge Korsett“) übt und übt und übt, das Klavierspielen zu einem Teil seines Lebens macht…
    Freier Wille als Frage des Gewissens und der Gewissenhaftigkeit…

    1. Nachschlag:
      Für uns humanistischen Süssholzraspler beweist ein Folterknecht, hat er einmal diese Karriere eingeschlagen, wohl a priori nur seine Willen- und Gewissenlosigkeit – aber was, wenn er seine Foltermethoden mit äusserster Gewissenhaftigkeit perfektioniert und überzeugt ist, damit nur der guten Sache zu dienen?
      Wenn er aber seinen Beruf auf einmal an den Nagel hängt und aus dem System, dem er diente, aussteigt oder gar anfängt, ernsthaft dagegen zu agitieren, dann fänden wir wohl, er beweise seinen freien Willen und dass er ein Gewissen hat.

      1. dass Sie bei sich ein gewissen wahrnehmen, ist kein indiz dafür, dass es den freien willen gibt. sondern es ist ein indiz dafür, dass Sie nicht allein aufgewachsen sind, sondern in einer gesellschaft mit anderen menschen. deren normen- u wertesystem haben Sie wahrscheinlich, trotz einiger ausnahmen, im großen u ganzen übernommen. verstoßen Sie dann dagegen, meldet sich das gewissen.

    2. Der freie Wille ist ein Mythos.
      Gemeint ist hier, dass der Wille nicht frei ist von den vorgegebenen Umständen sondern von diesen abhängig. Er ist nicht absolut frei, im philosophischen Sinne.

      Im Materialismus heißt das: Das materielle Sein bestimmt das Bewusstsein, das Denken, Fühlen und Wollen (den Willen); und letztlich auch die Ideologie und die Moral-Vorschriften einer Gesellschaft.

  10. „Ethik ist die Wissenschaft von der Sozialen Ordnung, Moral ist das Management der Zugehörigkeit. Ethik fragt nach effizienten Möglichkeiten, Schaden zu minimieren und Nutzen zu mehren, während Moral markiert, was und vor allem wer gut ist. …“

    Was für seltsame Definitionen, die Moral und Ethik zu Gegenpolen erklärt, was allem Gängigen widerspricht. Danach ist Moral nichts als praktische Ethik, Ethik ist die Wissenschaft vom moralischen Handeln. Diese Definitionen gibt es nicht erst seit Kant, sein kategorischer Imperativ ist moralischer Natur und damit Teil seiner Ethik.

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
    (Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 421)

    Dieser Satz ist genial formuliert, er unterscheidet _nicht_ zwischen Gut und Böse und natürlich spielt auch eine „kritische Größe und Komplexität“ der Gesellschaft keine Rolle. Vielmehr beschreibt er die Aufgabe der Gesetzgebung, die individuellen Freiheiten des Einzelnen, seinen freien Willen zu Handeln, mit den Freiheiten von Allen in Einklang zu bringen. Und das gilt für Politiker, die die Interessen von Staaten repräsentieren genau so wie für jedes andere kleine Licht.

    Tiefer darauf einzugehen, was ich von einem Text halte, der schon diese Grundlagen missachtet, erspare ich mir.

    1. Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

      Genau nach dieser Maxime haben ja auch die Reichen gehandelt, sie haben ihre Interessen (dem Schutz und der Vermehrung des Reichtums) zum allgemeinen Gesetz gemacht. So sind wir zum bürgerlichen Rechtsstaat gekommen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen