»Der freie Wille ist ein Mythos«

Moral und Ethik
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ist Moral das Fundament jeder Zivilisation – oder ihr größtes Hindernis? Der Blogger und Autor Stephan Erdmann stellt in seinem Buch Moral. Seine These: Nicht Moral, sondern eine rationale Ethik sei der Schlüssel zu einer friedlicheren Gesellschaft.

Stephan Erdmann betreibt den Blog Feynsinn und ist promovierter Philosoph. In seinem jüngsten Buch Moral – Die Mär von Gut und Böse rechnet er mit einem Begriff ab, den die meisten Menschen für unverzichtbar halten.

Im Gespräch mit Roberto De Lapuente erläutert er, warum Moral seiner Ansicht nach Ausgrenzung und Krieg begünstigt, weshalb er den freien Willen für einen Mythos hält und warum Diplomatie dort beginnen müsse, wo moralische Gewissheiten enden.

 

De Lapuente: Du schreibst, dass die Kategorien »gut« und »böse« letztlich in die Barbarei führen. Ist das a) nicht selbst eine moralische Aussage – und b) nicht eine dieser Dekonstruktionen, die sich in den letzten Jahrzehnten gerade im linken Milieu so großer Beliebtheit erfreuten?

Erdmann: Nein. Die Aussage ist die Konklusion, die sich aus der Analyse moralischer Ansätze und der Funktionen von Moral selbst ergibt. Um selbst moralisch zu sein, müsste sie explizit werten. »Barbarei« meint nicht irgendetwas Schlimmes, sondern einen tendenziell vorzivilisatorischen Gesellschaftszustand.  Was du da im »linken Milieu« verortest, kann ich nicht finden. Im Gegenteil triefen aktuelle Formationen, die sich »links« nennen, vor Moral und verzichten größtenteils auf die Frage, was aus politischen Forderungen bzw. deren Umsetzung folgt.

De Lapuente: Du plädierst dafür, Moral durch Ethik zu ersetzen. Wo siehst du bei diesen Begriffen eine Unterscheidung?

Erdmann: Ethik ist die Wissenschaft von der Sozialen Ordnung, Moral ist das Management der Zugehörigkeit. Ethik fragt nach effizienten Möglichkeiten, Schaden zu minimieren und Nutzen zu mehren, während Moral markiert, was und vor allem wer gut ist. Wenn das Gute, das die Guten tun, zu Tod und Verwüstung führt, ist es so richtig. Ethik wird zu rationalen Kriterien kommen, nach denen Handlungsstrategien entworfen werden; Moral folgt zumeist emotionalen Impulsen und eben dem Status der Handelnden.

»Der Humanismus hat Gottes Willen durch den des Menschen ersetzt«

Nachdenken über Ethik und Moral.

De Lapuente: Du behauptest – für mich in ziemlich dekonstruierender Weise –, es gebe keine universelle Moral. Dennoch finden sich in vielen – fast möchte ich sagen: in allen – Kulturkreisen Tötungsverbote oder Regelungen und Gesetze gegen Diebstahl und Betrug. Ist das einfach nur ein Zufall oder gibt es letztlich nicht doch einen Universalismus, wie ihn gewissermaßen auch Kant wirken sah?

Erdmann: Wie universal ist ein Tötungsverbot, wenn es keine Kultur gibt, in der die Tötung von Menschen nicht als moralisch gut gelten kann? Nenne mir eine Kultur, in der das Töten von Menschen nicht spätestens im Krieg aktiv betrieben wird und bis dahin – vor allem im Diskurs – befürwortet wird. Zudem muss man historisch erstens feststellen, dass halbwegs konsequente Tötungsverbote sehr jung sind (zudem gibt es ja auch noch die Todesstrafe) und dass losgelassene Moral in Pogromen und Bürgerkriegen immer wieder vorgekommen sind. Wo ist denn eine formale Ethik wie Kants wirksam? Zudem sprechen wir vom Kategorischen Imperativ. Der ist zunächst einmal eine Forderung und keine Realität.

De Lapuente: Der Krieg stellt eine Sondersituation dar – hat es immer, auch wenn derlei zu anderen Zeiten häufiger stattfand. Dennoch war den Menschen auch während des Dreißigjährigen Krieges bewusst, dass da etwas Unerhörtes passiert, wenn ein Mensch einem anderen Menschen das Leben nimmt. Dass die Tötung eines Vertreters der eigenen Spezies vorkommt, ist klar – aber viele Mörder leiden hernach an Traumata und der Militärpsychologe erklärt zudem – und nicht als einziger seiner Zunkft –, dass Menschen eine angeborene oder tief sozialisierte Hemmung haben, andere Menschen direkt zu töten. Gibt es also nicht gute Gründe, einen apriorischen Ursprung der Sittlichkeit, um es mit Kant zu sagen, als universellen Wert annehmen zu dürfen?

Erdmann: Nein. Die letztere Frage greift tief in psychologische und vor allem biologische Bereiche vor. Mit letzterem meine ich die Struktur des menschlichen Gehirns. Ich hätte dazu einiges beizutragen, aber das sprengte jeden Rahmen. Der Dreißigjährige Krieg ist ein höchst interessanter Forschungsgegenstand. Die vor allem protestantischen Pogrome – Hexen- und Ketzerverfolgungen, von denen fälschlich angenommen wird, das sei eine katholische Domäne gewesen – sind ein Paradebeispiel für mörderische Moral ohne Hemmungen. Kriegstraumata wiederum sind kein Resultat eines schlechten Gewissens, sondern der permanenten Lebensgefahr und einer quasi gelebten Unmöglichkeit, die viele Gehirne nicht verarbeiten können.

De Lapuente: Du argumentierst stark materialistisch – ob es letztlich nicht mehr gibt als den Materialismus, sprengte an dieser Stelle thematisch den Rahmen. Am Ende müssen wir aber über den freien Willen und die persönliche Verantwortung sprechen. Sind das für Dich überflüssige Kategorien?

Erdmann: Der freie Wille ein Mythos. Der Humanismus hat Gottes Willen durch den des Menschen ersetzt, aber das enge Korsett, innerhalb dessen jeder einzelner Mensch handeln kann, lässt für Willensfreiheit gar keinen Spielraum. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

De Lapuente: Der Strafvollzug wäre demnach auch antiquiert?

Erdmann: Strafrecht ist eine der modernsten Versuche, ethische Strukturen zu etablieren, aber auch er ist nach wie vor von Moral, Schuld, Sühne und am Ende auch Vergeltung geprägt.

»Ab einer kritischen Größe und Komplexität wird Moral kontraproduktiv«

De Lapuente: Die Reflexe gegen Religiosität sind in deinem Buch deutlich zu spüren. Moral ist aus deiner Sicht ein vormodernes Konzept, dass sich aus dem Religiösen speiste. Ich lasse offen, ob das so zutrifft, habe aber persönliche Zweifel. Wenn es aber so gewesen sein soll, warum sollte Moral heute ein Atavismus sein? Und hat sie nicht auch insofern etwas geleistet, weil sie menschlichen Gesellschaften perspektivisch eine Ordnung gab? In letzter Konsequenz sind auch Verfassungen nichts anderes als durch Moral entstandene Texte.

Erdmann: Das sind keine Reflexe, das ergibt die wissenschaftliche Analyse. Moral und Religiosität haben sich so lange gehalten, weil sie die vormodernen Gesellschaften stabilisieren konnten und dazu notwendig waren. Ab einer kritischen Größe und Komplexität wird das aber kontraproduktiv. Was in Clans und Dörfern funktioniert, in persönlichen Begegnungen, erweist sich in der Massengesellschaft als fatal. Vor allem müssen wir moralische Wertungen im zwischenstaatlichen Bereich durch Diplomatie ersetzen. Auch und gerade mit Feinden, deren Art und verhalten wir kategorisch ablehnen.

De Lapuente: Ich bin ja bei Dir, wenn du Moralismus im diplomatischen Wesen für kontraproduktiv hältst. Deine Vorstellungen gehen aber über die Diplomatie hinaus. Aber warum soll eine moralische Attitüde am Arbeitsplatz stören, wenn man den unflätigen Kollegen auf Grundlage seiner moralischen Vorstellungen verurteilt?

Erdmann: Letzteres behaupte ich nicht. Moral kann in kleineren Gruppen nicht nur hilfreich sein, sie wird sich in solchen ohnehin etablieren. Sie kann auch da funktionieren, wo jeder Betroffene Zugang zum Diskurs hat und die Verwaltung der Moral sich den unmittelbaren Konsequenzen ihres Waltens stellen muss. Dass das zu optimalen Ergebnissen führt, bezweifle ich, aber es führt selten zu größeren Katastrophen.

De Lapuente: Als Katholik muss ich dringend intervenieren, wenn du darlegst, dass Moral ein »Wir« und »die Anderen« herausbildet, das der Spaltung dient. Ich weiß, dass alle Menschen Fehler haben und – katholisch gesprochen – in Sünde leben, weswegen ich mich nicht über den Anderen erheben kann, sondern verstehen muss, dass er eine menschliche Kreatur ist, die vielleicht falsch abgebogen ist – ein Schicksal, das auch mir widerfahren könnte. Kurz gesagt: Das »Wir« und »die Anderen« verschwimmen vor diesem Kontext deutlich. Ist Moral damit nicht ebenso gut eine Brücke, wie sie eine Abrissbirne sein kann, je nach Auslegungsart?

Erdmann: Ich lasse mich nicht auf innerreligiöse Argumentationen ein. Was du beschreibst, benennt einen Prozess, der erst durch moralische Verurteilung ermöglicht wird, um sie dann letztlich willkürlich mit derselben Moral gnädig zurückzunehmen. Wer das ernst nimmt, ist verloren.

De Lapuente: Verlangst du zu viel »vom Menschen«, indem du ihm – wie eben – vorwirfst, er würde in seinem Inneren zunächst verurteilen, um es dann nach Außen doch nicht zu tun? Sind freie Gedanken also ein moralisches Dilemma?

Erdmann: Ich verlange gar nichts von Menschen, das widerspräche ja allem, was ich darlege. Ich stelle Ansprüche an die Strukturen, die sich zivilisierte Organisationen wie etwas Staaten geben. Dort hat Moral nichts verloren. Dazu gehört u.a., dass aus Anlass einzelner Ereignisse keine Gesetze geändert werden, es sei denn, man wolle unbedingt die moralische Empörung nutzen, solange die Faktenlage unsicher ist. Das führt sicher nicht nur einer Verbesserung der Rechtslage.

De Lapuente: Du schreibst, dass Kriege regelmäßig durch moralische Aufladung legitimiert werden. Die Grünen wollen Waffen liefern, um den Krieg zu beenden. Willst du die Moral abschaffen, damit es keinen Krieg mehr geben kann?

Erdmann: Will ich den Regen abschaffen, damit ich nicht mehr nass werde? Was irgendwelche aus dem Hut gezauberten Gruppen angeblich oder tatsächlich wollen, ist ja keine Entität, sondern eben ein beliebiger vergänglicher Konsens. Zudem ist die Behauptung lächerlich, man könne einen Abnutzungskrieg durch Waffenlieferungen verkürzen. Ein gutes Beispiel dafür, wie faktenfrei Moral und Absichtserklärungen daherkommen. Auch hier wird es erst sinnvoll, wenn wir das Pferd von vorn aufzäumen: Um Frieden zu erreichen oder zu sichern, hilft nicht Moral und schon gar nicht Aufrüstung, sondern nur Diplomatie.

»Der Mensch muss sich als Faktor zurücknehmen«

De Lapuente: Was auch immer der moralische Reflex ist: Er erscheint mir eine menschliche Regung zu sein. Ein Grundbedürfnis. Träumst du in letzter Konsequenz von einem neuen Typus Mensch?

Erdmann: Ich bin frei von Syphilis und trage auch keinen komischen Schnauzbart. Zudem ergibt sich aus meinem Ansatz das exakte Gegenteil. Der Mensch muss sich als Faktor zurücknehmen und auf die möglichen Folgen relevanter Entscheidungen fokussieren. Soziale Ordnung in der Massengesellschaft braucht Rationalität und Realismus. Moral agiert im Wünsch-dir-was.

De Lapuente: Dass sich der Mensch zurücknehmen muss, finde ich einen interessanten Einwand. Darf ich das für mich so übersetzen: Der Mensch stört im Grunde nur und Gesellschaft habe unter nichtmenschlichen Aspekten zu funktionieren?

Erdmann: Der Mensch als Epistem, ja. Das war das, was Foucault am Ende von »Die Ordnung der Dinge« meinte. Man muss sich irgendwann entscheiden, ob man Diskurs rational betreiben will oder den Menschen stets ins Zentrum rücken will. »Der Mensch« in diesem Sinne ist der Mythos vom Menschen. Es ist der Mythos, der »stört«.

De Lapuente: Wenn deine Analyse stimmt und Moral vor allem der Herrschaft, Identitätsbildung und Ausgrenzung dient: Warum hält sie sich seit Jahrtausenden so hartnäckig? Ist sie womöglich evolutionär erfolgreicher als Vernunft?

Erdmann: Wie gesagt, die Zeiten, da sie nützlich war, sind vorüber. Entweder lernt die Menschheit, an ihrer Stelle zeitgemäße Strukturen zu entwickeln, oder Evolution wird dies regeln.

De Lapuente: Und was, wenn die Moral ein evolutionärer Impuls ist, der der menschlichen Kreatur das Überleben gesichert hat und womöglich und es auch weiterhin regelt?

Erdmann: Das halte ich für restlos widerlegt.

Redaktion

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Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
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Ein Kommentar

  1. „Kriegstraumata wiederum sind kein Resultat eines schlechten Gewissens, sondern der permanenten Lebensgefahr und einer quasi gelebten Unmöglichkeit, die viele Gehirne nicht verarbeiten können.“, sagt Herr Erdmann.
    Das halte ich für sehr theoretisch und unvollständig.
    Das was man SIEHT, hört und riecht kann schwere Traumata verursachen, in meiner ganzen Familie habe ich das erlebt.
    Leichen, Schreie, zerfetzte Körper haben die alle gesehen und konnten etliche nie verarbeiten.
    Ich brauchte auch Unterstützung, als ich meine Frau sah, nachdem sie sich in den Kopf geschossen hatte.
    Das kommt immer wieder hoch und triggert einen, wenn man nicht damit rechnet.

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