„Dass wir mit der AfD sprechen, haben wir nie verborgen“

John Lucas Dittrich
BSW Sachsen-Anhalt, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Das Zentrum für politische Schönheit sucht öffentlich nach kompromittierendem Material über den jungen BSW-Politiker John Lucas Dittrich.

John Lucas Dittrich, Jahrgang 2004, ist Landesvorsitzender des BSW in Sachsen-Anhalt, seit dem 6. September ist er auch Mitglied des dortigen Landtages.

Das umstrittene „Zentrum für politische Schönheit“ hatte kürzlich dazu aufgefordert kompromittierende Infos über Dittrich zu sammeln. Wörtlich heißt es: „Dafür, dass das BSW unser Land übermorgen an die AfD ausliefert, reden wir verdammt wenig über die Partei: Ihr wichtigster Akteur ist ein 22-jähriger John Lucas Dittrich. Der sitzt plötzlich am Hebel der Macht. Kennt ihn jemand? Hat jemand kompromittierende Infos? Bitte per Mail.“

Ramon Schack hat mit Dittrich gesprochen.

 

Schack: Herr Dittrich, was denken Sie über den Aufruf des Zentrums für politische Schönheit?

Dittrich: Ich hoffe nur, dass man beim Zentrum für politische Schönheit nicht erfährt, dass ich durch meinen albanischen Vater einen Migrationshintergrund habe und bei meiner alleinerziehenden Mutter in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen bin. Denn dadurch könnte die mir zugeschriebene Rolle als angeblicher Steigbügelhalter der AfD etwas ins Wanken geraten. Aber im Ernst: Ich finde den Vorgang schon bemerkenswert. Eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, die Demokratie zu verteidigen, ruft öffentlich dazu auf, kompromittierendes Material über einen demokratisch gewählten Abgeordneten zu sammeln. Man darf mich politisch hart kritisieren, meine Positionen auseinandernehmen und selbstverständlich auch über meine Rolle im BSW berichten. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Aber gezielt nach persönlichem Material zu suchen, weil einem meine politischen Positionen nicht gefallen, hat mit einer sachlichen politischen Auseinandersetzung wenig zu tun. Ich nehme das trotzdem relativ gelassen. Wer etwas über mich wissen möchte, kann mich übrigens auch einfach fragen.

Schack: Fühlen Sie sich durch solche Fremdzuschreibungen eher geehrt oder beleidigt?

Dittrich: Weder noch. Ich finde sie teilweise eher amüsant. Vor ein paar Jahren war ich noch Lehramtsstudent und habe nebenbei Politik gemacht, jetzt soll ich plötzlich allein ‚am Hebel der Macht‘ sitzen. Ich weiß, wo ich herkomme, und brauche keine Fremdzuschreibungen, um meine politischen Überzeugungen zu erklären. Dass Menschen mit meiner Biografie offenbar nicht immer in die Schubladen passen, die manche politischen Milieus vorgesehen haben, finde ich allerdings amüsant.

„Wo es Übereinstimmungen gibt, kann es Sachmehrheiten geben“

Schack: Fühlen Sie sich durch diese Kampagne in Ihrer früheren Kritik an der Linken bestätigt?

Dittrich: Ein Stück weit schon. Mich hat an Teilen der politischen Linken irgendwann gestört, dass immer stärker darüber gesprochen wurde, wer jemand ist, aus welchem Milieu er kommt und welcher Gruppe er zugerechnet wird und immer weniger darüber, welche sozialen Interessen er eigentlich vertritt. Ich bin politisch aktiv geworden, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was soziale Ungleichheit bedeutet. Für mich sind gute Schulen, vernünftige Löhne, bezahlbare Energie und soziale Sicherheit deshalb keine abstrakten Themen. Wenn die politische Auseinandersetzung stattdessen darin besteht, über Menschen Dossiers anzulegen und sie moralisch in die richtige Schublade einzusortieren, bestätigt mich das eher darin, warum ich diesen politischen Weg verlassen habe.

Schack: Was ist dran an dem Vorwurf, dass das BSW in Sachsen-Anhalt zu dicht an der AfD ist und ihr eventuell zur Macht verhilft?

Dittrich: Dass wir mit der AfD sprechen, haben wir nie verborgen. Wir sprechen genauso mit SPD, Grünen und Linken. Daraus eine politische Nähe oder gar eine automatische Unterstützung abzuleiten, halte ich für falsch. Wir haben eigene Positionen und werden parlamentarische Entscheidungen daran messen. Wo es Übereinstimmungen gibt, kann es Sachmehrheiten geben; wo unsere Überzeugungen auseinandergehen, werden wir widersprechen. Gerade sozialpolitisch oder bei der Frage immer höherer Militärausgaben gibt es Unterschiede zwischen BSW und AfD. Gleichzeitig halte ich nichts davon, politische Vorschläge allein danach zu bewerten, von welcher Partei sie stammen. Ein Parlament muss mit dem Wahlergebnis arbeiten, das die Bürger hervorgebracht haben. Gespräche sind deshalb für mich zunächst einmal ein ziemlich normaler Bestandteil parlamentarischer Demokratie.

Ramon Schack

Ramon Schack, Jahrgang 1971, geboren in Kiel, aufgewachsen in Bad Oldesloe, Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien). Nach längerem Aufenthalt in London seit 2003 freier Journalist in Berlin, schreibt u. a. für die Berliner Zeitung, Neues Deutschland, seit 2018 moderierte er den Video-Podcast Impulsiv TV. Bis März 2023 war er Redakteur für Außenpolitik des ND. Er berichtete als Korrespondent unter anderem aus Iran, Irak, den USA und Neuseeland, El Salvador, Ecuador, Russland, Armenien, der Ukraine, Kasachstan und Äthiopien. Große Aufmerksamkeit erlangte sein Interviewbuch mit Peter Scholl-Latour aus dem Jahr 2015. Sein neues Buch “Traum/Rausch/Realität, teilnehmende Beobachtungen zum BSW” erscheint im September 2026.
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3 Kommentare

  1. Ich möchte nicht in einem Magazin wie Overton nicht den vereinnahmenden Kampfbegriff „ umstritten“ lesen, auch wenn es das völlig entgleiste Zentrum für politische Blödheit betrifft.

    1. Ein schönes Beispiel von Unzähligen dafür, dass die sog. Zivilgesellschaft sich zusehends in eine Vorfeld-Organisation der verschiedenen Agenturen der Staatssicherheit verwandelt. Dass diese zukunftsweisende Variante demokratischer Öffentlichkeit dann den Staatshaushalt des Innenresorts nur gelegentlich belastet (und über die paar bezahlten IMs natürlich, die braucht es nun mal für eine geplegte Diskussionkultur) macht die Sache perfekt!

    2. Dem möchte ich zustimmen und schlage statt »umstritten« folgende Formulierung vor:
      »Die staatlich finanzierte Nicht-NGO mit der zynischen (oder „schwer ironischen“) Selbstbeschreibung „Zentrum für politische Schönheit“…«

      Da weiß jeder, woran man ist.

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