Wie frei darf Freiheit sein?

Die Freiheit führt das Volk, Eugene Delacroix
Eugène Delacroix, Public domain, via Wikimedia Commons

Freiheit gilt oft als höchstes Gut – doch gerade ihre lautesten Verteidiger ziehen Grenzen, sobald unbequeme Meinungen auf dem Spiel stehen.

So gibt es gegenwärtig keine leidenschaftlicheren Verfechter der Freiheit als die westlichen Sympathisanten der russischen Sowjetregierung. Wie kommt es, dass sie empört sind, wenn Mister Burleson eine Zeitung unterdrückt, und zufrieden, wenn Lenin es tut? Und warum befürworten umgekehrt die antibolschewistischen Kräfte in der Welt die Einschränkung der verfassungsmäßigen Freiheit als Voraussetzung für die Herstellung echter Freiheit in Russland? Offensichtlich hat der Streit um die Freiheit kaum einen tatsächlichen Bezug zu ihrer Existenz. Es ist der Gegenstand sozialer Konflikte, nicht die Meinungsfreiheit, die den Parteigängern am Herzen liegt. Das Wort »Freiheit« ist eine Waffe und ein Lockmittel, aber sicher kein Ideal, das über alle Einzelziele hinausreicht.

Gäbe es einen Menschen, der losgelöst von konkreten Zielen an die Freiheit glaubte, so müsste es sich bei diesem Menschen um einen Einsiedler handeln, der mit hoffnungsfrohem und unbeteiligtem Blick auf das Dasein schaute. Für ihn könnte es letztlich nichts geben, dem zu widersetzen sich lohnte; und nichts, was es tatsächlich wert wäre, erreicht oder verteidigt zu werden – nicht einmal das Recht der Einsiedler, mit kaltem und unbeteiligtem Auge das Dasein zu betrachten. Er würde einfach den Fähigkeiten des menschlichen Geistes die Treue halten, selbst denjenigen, die seine Vielfalt und seine Funktionsfähigkeit am stärksten beeinträchtigen. Ein solcher Mann hat in der bisherigen Geschichte des Politischen nie viel gegolten. Denn was die Freiheitstheoretiker eigentlich verfolgen, ist eine Neuverhandlung bereits bestehender Regeln des Verhaltens und der Meinung. Alle scheinen sie zu sagen, dass das Denken und das Handeln frei sein sollten; dass die Freiheit das höchste und heiligste Gut des Lebens ist. Aber irgendwann folgt stets eine Klausel, die besagt, dass die gewährte Freiheit »natürlich« nicht zu destruktiv genutzt werden darf. Es ist diese Klausel, die den Überschwang eindämmt und uns daran erinnert, dass wir hier allem Anschein zum Trotz ganz gewöhnlichen Sterblichen lauschen, die sich für eine konkrete Sache einsetzen.

Mit dieser Textgrundlage könnte man geradewegs eine Inquisition organisieren

Unter den englischen Klassikern sind keine so repräsentativ wie John Miltons Areopagitica und John Stuart Mills Essay On Liberty. Unter den Zeitgenossen ist vermutlich Bertrand Russell der herausragende Anwalt der Freiheit. Zusammengenommen stellen diese drei eine beeindruckende Reihe von Zeugen dar. Doch nichts ist einfacher, als jedem dieser Texte Passagen zu entnehmen, die entweder als Argument für absolute Freiheit angeführt werden können oder aber als Entschuldigung für das gerade wünschenswerte Maß an Repression. So sagt Milton:

»Wenn jedoch nicht alle eines Sinnes sein können, wer sieht darauf, dass sie es sein sollten? Es ist ohne Zweifel heilsamer, klüger und christlicher, dass viele lieber geduldet, als dass alle gezwungen werden.«

So viel zur Verallgemeinerung. Nun zu der unmittelbar folgenden Einschränkung: »Ich meine nicht die Duldung des Papsttums und offenbaren Aberglaubens, welches, wie es alle religiöse und bürgerliche Obrigkeit vernichtet, selbst ausgerottet werden sollte, vorausgesetzt, dass vorher alle liebreichen und mitleidigen Mittel angewendet worden sind, die Schwachen und Missleiteten zu gewinnen und wiederzuerlangen. Auch nicht, dass ein Gesetz, wenn es sich nicht selbst so einer Gesetzeskraft berauben will, unmöglich dasjenige dulden kann, was gottlos oder, sei es gegen den Glauben oder gegen die gute Sitte, unbedingt böse ist; sondern jene nachbarlichen Differenzen und bedeutungslosen Zwiste beziehungsweise Indifferenzen entweder über einen Punkt der Lehre oder Zucht sind es, von denen ich spreche, welche, wenn ihrer auch viele sind, dennoch nicht nötigen, die Einheit des Geistes aufzugeben, wenn wir nur das Band des Friedens unter uns finden können.«

Mit dieser Textgrundlage könnte man geradewegs eine Inquisition organisieren. Und doch findet sie sich im edelsten Plädoyer für die Freiheit, das die englische Sprache kennt. Der entscheidende Punkt in Miltons Gedanken offenbart sich am Ausdruck »Indifferenzen«. Der Meinungsbereich, den er befreien wollte, umfasste die »nachbarlichen Differenzen« bestimmter protestantischer Sekten, und zwar nur dort, wo sie nicht in Bezug auf Sitten und Moral zum Tragen kamen. Milton war, kurz gesagt, zu dem Schluss gelangt, dass gewisse Konflikte der Doktrin hinreichend unbedeutend sind, um toleriert zu werden. Diese Schlussfolgerung hing weit weniger von seiner Auffassung vom Wert der Freiheit ab als vielmehr von seiner Vorstellung von Gott und seinem Verständnis der menschlichen Natur sowie der Lebenswirklichkeit im England seiner Zeit. Er forderte Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, die sich im Prozess befanden, gleichtgültig zu werden.

„Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit“

Wenn wir das Wort »Indifferenz« oder »Gleichgültigkeit« durch das Wort »Freiheit« ersetzen, kommen wir der wahren Absicht, die hinter dem klassischen Argument steckt, sehr viel näher: Freiheit ist dort zu gewähren, wo es keine großen Differenzen gibt. Es ist diese Definition, welche die Praxis im Wesentlichen angeleitet hat. In Zeiten, in denen die Leute sich in Sicherheit wähnen, kultiviert man Häresien gleichsam als eine Art Würze des Lebens. Aber in Kriegszeiten verschwindet die Freiheit, da die Gesellschaft sich bedroht fühlt. Und steht eine Revolution bevor, so wird die Jagd auf Ketzer gar zu einer respektablen Beschäftigung. Mit anderen Worten: Wenn die Leute keine Angst haben, haben sie auch keine Angst vor Ideen; haben sie jedoch Angst, so breitet sich diese auf alles aus, was aufrührerisch erscheint oder auch nur damit in Zusammenhang gebracht werden kann. Deshalb besteht unser Streben, zu leben und leben zu lassen, zu neun Zehnteln im Beweis, dass die zu tolerierenden Elemente unserer Gesellschaft gleichgültig sind.

Bei Mill offenbart sich diese Wahrheit noch weitaus deutlicher. Obgleich sein Argument eindeutiger und vollständiger ist als das von Milton, ist auch die Einschränkung eindeutiger und vollständiger:

»Wir haben nun die Gründe aufgezeigt, die es zur Pflicht machen, dass die Menschen ihre Meinungen frei bilden und rückhaltlos aussprechen. Und ebenso haben wir die üblen Folgen nicht verschwiegen, die sich für die intellektuelle und damit auch für die moralische Natur des Menschen ergeben, wenn diese Freiheit nicht gewährt oder nicht allen Hindernissen zum Trotz dennoch erkämpft wird. Weiterhin wollen wir nun untersuchen, ob dieselben Gründe nicht auch fordern, dass die Menschen auch die Freiheit haben, nach ihrer Meinung zu handeln und ihre Überzeugungen im Leben durchzusetzen, ohne moralischen oder physischen Zwang von ihren Mitmenschen zu erfahren – solange es auf persönliche Rechnung und Gefahr des Einzelnen geht. Dieser letzte Vorbehalt ist natürlich unerlässlich. Niemand wird behaupten, dass Handlungen so frei sein sollen wie Meinungen. Im Gegenteil: Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit, wenn die Umstände, unter denen sie zum Ausdruck kommen, so sind, dass sie wie eine direkte Aufreizung zu einer Übeltat wirken.«

Mill ging davon aus, dass sich eine vernünftigere Moral entwickeln lässt

»Auf persönliche Rechnung und Gefahr.« Mit anderen Worten: auf die Gefahr ewiger Verdammnis hin. Mill argumentierte von der Prämisse aus, dass zahlreiche damals geächtete Meinungen für die Gesellschaft als solche nicht von Interesse seien und deshalb nicht bekämpft werden sollten. Die Orthodoxie, mit der er auf Kriegsfuß stand, war vor allem theokratischer Natur. Diese ging davon aus, dass die jeweiligen Ansichten eines Menschen bezüglich religiöser Angelegenheiten dessen persönliches Seelenheil gefährden und ihn zu einer Gefahr für die Gesellschaft machen können. Mill glaubte nicht an die theologische Weltsicht, fürchtete keine Verdammnis und war davon überzeugt, dass die Moral nicht von religiöser Sanktion abhängt. Im Gegenteil, er sprach davon, dass sich eine vernünftigere Moral entwickeln lässt, wenn man theologische Annahmen beiseitelässt. »Niemand wird behaupten, dass Handlungen so frei sein sollen wie Meinungen.« Mill ging schlicht und einfach nicht davon aus, dass Toleranz gegenüber den Meinungen, die ihn am meisten interessierten, besonders heftige Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Mit politischen Ketzereien beschäftigte er sich nur am Rande, seine Kommentare dazu sind banal und beiläufig. Tatsächlich stößt er sich so wenig an ihnen, dass die Argumente dieses überzeugten Freiheitsapostels durchaus zur Rechtfertigung von präsenten Fällen der Unterdrückung verwendet werden können – und in der Tat verwendet werden: »Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit, wenn die Umstände, unter denen sie zum Ausdruck kommen, so sind, dass sie wie eine direkte Aufreizung zu einer Übeltat wirken.« Offensichtlich gibt es hier kein Entrinnen für Männer wie den Sozialisten Eugene V. Debs, den Gewerkschafter William Dudley Haywood oder alle, die Kriegsanleihen boykottieren. Das angeführte Argument ist exakt das Gleiche, das zur Begründung der Verurteilung von Debs verwendet wurde.

Zur Bekräftigung dessen sei der einzige von Mill gegebene konkrete Fall zitiert: »Die Ansicht zum Beispiel, dass Kornhändler Ausbeuter der Armen seien oder dass Eigentum Diebstahl sei, sollte ungestraft durch die Presse verbreitet werden dürfen; aber es muss gerechterweise bestraft werden, wenn sie mündlich einem erregten Volkshaufen vorgetragen wird, der sich vor dem Haus eines Kornhändlers zusammenrottet oder wenn sie in Form von Plakaten einer solchen Versammlung bekanntgegeben wird.«

Walter Lippmann

Walter Lippmann lebte von 1889 bis 1974 in den USA. Der Journalist, Schriftsteller und Medienkritiker gründete mit Herbert Croly das politische Magazin The New Republic. Sein Buch »Public Opinion« (1922) zu Stereotypen und Klischeevorstellungen gilt bis heute als Grundlagentext der Medien- und Politikwissenschaft sowie der Sozialpsychologie.
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12 Kommentare

  1. A sagt zu B: „Natürlich bist du frei. Aber doch nicht zu deiner Freiheit. Zu einer anderen!“
    Vielleicht lässt sich der ganze Irrsinn moderner Freiheitsdebatten kaum kürzer zusammenfassen. Freiheit wird heute auffällig oft genau so lange hochgehalten, wie der andere zu den „richtigen“ Ergebnissen kommt. Denkt er falsch, liest die falschen Medien, stellt die falschen Fragen oder zieht unerwünschte Schlussfolgerungen, wird aus seiner Freiheit plötzlich eine Gefahr für die Freiheit.

    Ein bemerkenswerter Taschenspielertrick.

    Dann ist Zensur keine Zensur mehr, sondern Schutz. Ausgrenzung wird zur Haltung. Überwachung dient selbstverständlich der Freiheit. Und wer widerspricht, hat offenbar nur noch nicht verstanden, welche Freiheit für ihn vorgesehen ist.
    Der eigentliche Kampf findet dabei längst nicht nur um Gesetze und Institutionen statt. Es ist ein Krieg der Köpfe. Menschen sollen nicht bloß schweigen, sondern lernen, ihre eigenen Gedanken vorzusortieren: Darf ich das sagen? Ist diese Frage schon verdächtig? Muss ich mich erst ausreichend distanzieren?
    Die eleganteste Form der Unfreiheit beginnt dort, wo der Kontrolleur im eigenen Kopf sitzt.
    Vielleicht wäre deshalb ein ganz einfacher Freiheitsbegriff wieder einmal hilfreich: Freiheit zeigt sich nicht daran, wie großzügig wir mit angenehmen Meinungen umgehen. Sondern daran, ob wir aushalten, dass andere tatsächlich anders denken.

    Sonst bleibt von der Freiheit nur noch die freundliche Aufforderung:

    „Sei frei – aber bitte in die richtige Richtung.“

    1. Das Beharren auf der „richtigen“ Freiheit hat etwas Religiöses. Denn wenn man sich selbst als IM BESITZ der einen, unumstößlichen Wahrheit wähnt, können abweichende Meinungen nur als Häresie, ja als Gotteslästerung verstanden werden. Die „Religiösen“ begreifen gar nicht, vielmehr sie wollen nicht begreifen und vor allem zulassen, dass es da draußen auch noch etwas anderes gibt als ihren ruinösen, scheiternden Neoliberalismus, der deswegen immer autoritärer und totalitärer werden muss.

      1. Freiheit ist die Freiheit der Herrschenden, sie dürfen hetzen, ausbeuten, Kriege führen, bestimmen was gelesen werden darf und was nicht, und den Rest der Bevölkerung in den Abgrund führen. Wer anderer Meinung ist wird bestraft. Chatkontrolle, Verbot von RT, wer Israel Existenz bezweifelt oder negiert, sind nur ein paar Beispiele.

        Von freiheitlich demokratischer Grundordnung zu sprechen wenn eine kleine Clique bestimmt was das ist dir sich selbst an keine Regeln halten muss in Volksverarschung!

  2. „Wie frei darf Freiheit sein?“, ist natürlich eine provozierend sinnlose Frage. Es müsste heißen, wie frei darf ein Staat sein, bzw. wie frei dürfen seine Bürger sein. Eigentlich ist es allgemeine Auffassung, dass ein Staat demokratisch sein muss, d. h. dass das Volk der Souverän ist. Nur eine Demokratie ist eine Demokratie. Eine „repräsentative Demokratie“ ist so wenig eine Demokratie, wie eine moderne konstitutionelle Monarchie eine Monarchie ist, sonst könnte UK zum Beispiel keine Demokratie sein. So wie eine „konstitutionelle Monarchie“ eine Scheinmonarchie ist, weil der Monarch nichts zu sagen hat, so ist eine „repräsentative Demokratie“ eine Scheindemokratie, weil nicht das Volk herrscht, sondern immer dieselben Parteien und Personen in wechselnden Koalitionen. Diese Oligarchen verabschieden Gesetze, die sie nach Bedarf interpretieren, wobei ihnen die Justiz folgt.

  3. „Freiheit ist die Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür“. (I. Kant)

    Ich persönlich lebe mein Leben nur noch nach meinem Gewissen unter Beachtung vom kategorischen Imperativ, nachdem die Staatsgewalten – allen voran die Judikative – mich meiner Würde beraubt haben.

    Carpe diem.

  4. Was ist Freiheit?
    Freiheit wo von, Freiheit wofür?
    Meine Freiheit, Deine Freiheit, wie handeln wir die gegenseitige Beschränkung aus?

    Am albernsten ist das Geschrei, man dürfe nichts mehr sagen. Und dann der Gegenseite das Recht auf die Meinungsfreiheit abzusprechen.

    Wer sich durch Regeln narzisstisch gekränkt fühlt, sollte endlich erwachsen werden.

  5. Wo ist das Problem, wenn es um „Freiheit“ geht? Sieht man von Diktatoren und anderen totalitären Regierungsformen ab, dann wird wohl niemand gegen „Freiheit“ sein. Insofern ist „Freiheit“ ein Totschlagargument.

    Mönche, Nonnen und Asketen schränken ihre Freiheit freiwillig ein. Alle anderen Bürger versuchen, ihre persönliche Freiheit zu maximieren, ökonomisch, sozial und gesellschaftlich. Wann und warum wird diese individuelle Freiheit dann in einer Demokratie durch Gesetze beschränkt?

    Es gibt sicherlich Mitbürger in unserem demokratischen und sozialen Bundesstaat, die mit ihrem Auto am Kindergarten mit 130 km/h vorbeifahren würden. Kann man schon machen, aber wenn man dabei erwischt wird, dann ist Führerschein für einige Zeit weg und falls der Fahrer dort einen Unfall verursachen sollte und jemand dabei tödlich verletzt wird, dann hat er sicherlich schlechte Karten im Gerichtssaal ganz abgesehen von den zivilrechtlichen Forderungen.

    Der Gesetzgeber hat die individuelle Freiheit an einem Kindergarten mit 130 km/h vorbeizufahren, eingeschränkt, weil es für andere Verkehrsteilnehmer bzw. andere Mitbürger gefährlich ist. Das gilt auch für die Freiheit, andere Mitmenschen zu ermorden oder einen Auftragskiller zu bezahlen, der einen lästigen Nebenbuhler aus dem Weg räumt. Auch diese individuelle Freiheit ist eingeschränkt. Auch die individuelle Freiheit, Waffen zu kaufen, um den Nebenbuhler persönlich ins Jenseits zu befördern, wird in Deutschland sehr restriktiv gehandhabt.

    Was bedeutet das? Das bedeutet, dass man Freiheit in einer Gesellschaft nicht isoliert betrachten kann. Wenn man alleine auf einer Insel lebt, dann kann man dort tun und lassen, was man will. Man kann rumgröllen, mit einem Gewehr in der Gegend herumballern, mit dem Auto auf der Landstraße, sofern vorhanden, 250 fahren usw. In einer Gesellschaft geht das nicht ohne Konflikte und Nachteile für andere Menschen.

    Die französische Revolution 1789 fasste die Gegenspieler der Freiheit in einer Parole zusammen:
    Freiheit + Gleichheit + Brüderlichkeit (frz. Liberté, Égalité, Fraternité). Diese Werte stehen in einer Gesellschaft im Widerspruch.

    Freiheit ohne Gleichheit und ohne Solidarität ist keine demokratische Freiheit. Ein zügelloser Kapitalismus aka „freie“ Marktwirtschaft macht nicht alle Bürger frei. Ein zügelloser Kapitalismus macht wenige Reiche und „Superreiche“ immer noch freier und alle anderen immer unfreier. Der Kapitalismus ist ein ökonomischer Diktator, der in Deutschland durch den Sozialstaat eingeschränkt wird.

    Deshalb heißt es im deutschen Grundgesetz von 1949 auch: Artikel 20 (1) „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Es heißt nicht: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und freiheitlicher Bundesstaat. Oder: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und kapitalistischer Bundesstaat. Dieser Sozialstaat (Gleichheit + Solidarität) wird in Deutschland nicht erst seit ein paar Jahren immer hemmungsloser abgebaut, verkleinert, demontiert und reduziert. Dieser Sozialstaat wird seit der geistig-moralischen Wende des CDU-Bundeskanzlers Helmut Kohl 1982/83 abgebaut.

    Aber warum haben das die Väter und Mütter der Verfassung in das Grundgesetz von 1949 geschrieben? Das steht im Grundgesetz, weil der hemmungslose Kapitalismus schon einmal eine Demokratie zerstört hat, die Demokratie der Weimarer Republik. Das Dritte Reich ist 1933 nicht vom Himmler gefallen.

    Aus der Sicht eines objektiven Dritten interessieren die Ziele und Normen des Grundgesetzes von 1949 im Jahr 2026 weder die Regierung noch die Mehrheit der Wähler und die Abgeordneten im Parlament noch das Bundesverfassungsgericht.

    Diese Demokratie wird scheitern so wie die Demokratie der Weimarer Republik gescheitert ist.

  6. Weil wir total überbevölkert sind und das hat die Elite erkannt und möchte aufgrund ihrer Freiheitsrechte uns jetzt dezimieren.

  7. Ich hatte einen ergänzenden und richtig stellenden Kommentar zum Thema „Anti-Intellektualismus“ geschrieben, der obendrein noch zu Gunsten der Autoren ging. Der ist erst freigeschaltet worden (und erscheint noch in der Kommentarleiste), kurz darauf geblockt oder gelöscht. So geht garnix mehr. „Freiheit“, eh?

    1. Nun ist er doch noch erschienen, und ich will die Gelegenheit des überflüssigen Postings nutzen, etwas nachzutragen.
      War noch ein bissel früh für mich.
      Die KI hatte geschrieben:

      Heute steht er (Rötzer), wie er selbst sagt, „ratlos einer Welt gegenüber“. Warum? Weil er die heutige Welt (KI, Geopolitik, entfesselter Kapitalismus) nicht kognitiv einholen, also nicht assimilieren kann. Weil er an dieser Assimilation scheitert, gerinnt ihm die Gesellschaft zu einer feindlichen, undurchdringlichen Masse – zu einer reinen „Objektivität“ der Katastrophe.

      Wenn ein Mensch das geschrieben hätte, hätte ich gesagt: Schwachsinn. Als KI-Kommentar ist es ein fast zwangsläufiges Mißverständnis.
      Die Quelle davon ist mein Umgang mit Piaget, dessen Begriff des Assimilierens im Rahmen der Entwicklungspsychologie ich im EP meinen Begriff der Seele unterlegt hatte. Damit ihr nicht „springen“ müßt, wiederhole ich den jetzt:

      Ein Tier ist Leib, Intellekt – ja, auch Tiere haben einen, wenn auch einen vergleichsweise „kleinen“ – und Wille; „Wille“ ist einfach die Form, die Bedürftigkeit im Lebensprozess eines Tieres erhält … Geist fehlt noch. In Unterscheidung vom Intellekt west Geist nicht in den Neuronensuppen der Individuen, vielmehr in ihrem tätigen Zusammenwirken, wie es Gegenstand eines Intellektes wird, und damit ist es ein Feature aller kulturell lebenden Tiere, zu denen bekanntlich Ratten nicht weniger zählen, als Menschen. In die Insektenkunde mag ich mich nicht einmischen.
      Ein Mensch ist also Leib, Intellekt, Geist und Wille, und die tätige Einheit dieses Subsches heißt Seele.

      Wenn ein Leser keinerlei Begriff von der spätkapitalistischen Klassengesellschaft hat, die doch der oberbegriffliche Zusammenhang meiner Argumentation ist, kann er gar nicht anders, als nun umgekehrt den piget’schen Begriff der Kognition im Rahmen seiner Entwicklungspsychologie meiner Argumentation zu unterlegen.
      Aber ich rede da eben nur bedingt von Kognition, eben im Rahmen der „tätigen Einheit der Seele“, zu der
      a) der Leib und alles Leibliche zählt und
      b) ein Geist, der den Individuen eben nicht angehört, sondern ihrem tätigen Zusammenwirken, und dies tätige Zusammenwirken enthält institutionell Gegensätze, Widersprüche und unauflösliche Antagonismen, aka institutionelle Gewalttätigkeit, die sich, wie alle anderen Gesetze kapitalistischer Reproduktion, fraktal in alle Lebenstätigkeit der Individuen ausbreiten, sofern sie nur irgend einem gesellschaftlichen Zusammenhang unterliegen.
      Entlang dieser Widersprüche und Antagonismen ist eine bürgerliche Seele folglich aufgebrochen, und ihre Einheit ist nurmehr leiblich gegeben. Ist es begreiflich, wenn ich sage, diese leibliche Einheit ist formeller Natur?
      Es obliegt dem Willen, die „Einheit der Seele“ gemäß dieser ebenso formellen wie unverzichtbaren leiblichen Einheit gegen die Antagonismen herzustellen, die sich vom Geist ausgehend auf den Intellekt ausdehnen, und genau an der Stelle trennt meine Darstellung sich von der Piaget’s.
      Piaget zeichnet gemäß seines entwicklungspsychologischen Gegenstandes einen prozessierenden Zusammenhang von Adaption und Assimilation, der deshalb unweigerlich neben der Kognition auch die Annahme normativen Verhaltens einschließt, Moral und Ethik.
      Die KI, die nichts begreift, „weiß“ nichts von der impliziten Trennung, die mein Begriff der Seele in den Kategorien Piaget’s setzt, die „Einheit der Seele“ von der ich schreibe, ist für sie eine mathematisch formelle Zusammenfügung.
      Also hat sie meinem Begriff der Assimilation „logisch“ den Begriff der Kognition beigestellt oder unterstellt, wie er implizit und explizit bei Piaget vorkommt.

    2. Ich danke Besdomny für seine Arbeit und dies Posting:
      https://overton-magazin.de/top-story/der-anti-intellektualismus-als-ausweg-aus-der-perspektivlosigkeit/#comment-397665

      PS.: Besdomny fällt in seinem PS auf eine sprachliche Gewohnheit zurück, und dankt mir, daß ich „den Klassenstandpunkt mal eingeworfen“ habe. Tatsächlich habe ich den Begriff „Klassenstandpunkt“ kritisiert, was Besdomny anspricht, ist meine Rede von der „Klassenlage“ der Autoren, und wie sie zur Geltung kommt, obwohl und indem sie nach dem Bekenntnis der Autoren nicht zur Geltung kommen soll.

    3. Das ist hier jetzt sehr „on topic“, obwohl der Gegenstand ein anderer Artikel.

      In meinen Kommentaren zu Henle
      https://overton-magazin.de/top-story/patriotismus-oder-kommunismus/
      habe ich am Schluß die Bestimmung der Nation ausgelassen.
      Ich gestehe ein, den Begriff der Nation zu geben, habe ich mich immer schwer getan, wie auch nicht, ist sie doch ein Wahres Monster, an dessen Gestaltung sich das Staatswesen PLUS ein Kollektiv selbstbewußter Untertanen zu schaffen machen. Daher ist es logisch und unvermeidlich, daß die Realabstraktion „Nation“ die Gestalt eines Diskursmonsters erhält, eines Trumm, das sich gleich einem Superfluid in allen Spalten der Gesellschaft und von dort aus in jede seelische Ritze auszubreiten scheint.

      Wenn ihr jetzt einfach mal diese Analogie zur Grundlage nehmt, könntet ihr vielleicht erkennen, sie hat eine gespenstische Ähnlichkeit migt dem, was Henle in seinem 2. Abschnitt, „Staat und Konkurrenz: Materialismus des Staates“ hingemalt hat:

      Es ist der Materialismus des modernen Staates, der die Freiheit des Willens, der Person, der konkurrierenden Sonderinteressen gewährt.
      […]jeder hat das „Recht“, einen Rechtsanspruch auf „seine“ staatlich konzessionierte Freiheit – des Willens und zur Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Hierarchie der Lohnarbeit. Auf diese schäbige Freiheit, auf diesen freien Willen zur freien Konkurrenz kommt es dem modernen Staat an: die freiwilligen Mühen und Anstrengungen des freigelassenen Willens, der im Interesse seines Konkurrenzerfolges die Konkurrenz will und nicht sieht, wie er sich damit zum Werkzeug des Materialismus des Staates macht und sich dafür hergibt, eine effektiven Mehrwertproduktion zu ermöglichen.
      Der Materialismus des Staates will die ökonomische Konkurrenz des freien Willens in seiner Gesellschaft, um sie für sich zu benützen: Freiheit der Sonderinteressen, Freiheit des Willens und Freiheit zur Konkurrenz: Mittel des staatlichen Materialismus, Mittel des Materialismus des souveränen ideellen Gesamtkapitalisten im Interesse eines weltmarktfähigen nationalen Kapitalismus und seiner weltmachtfähigen Staatsgewalt.

      Ich kann das an dieser Stelle unmöglich im Einzelnen besprechen, kann mir aber vorstellen, daß viele Leser die kapitalen Widersprüche dieses Abschnittes mit einem „Häh??!“ quittiert haben werden. Ich will sie gar nicht aufzählen, weil es in einem ersten Schritt genügt, hinzuschreiben, welch einfache, jedermann bekannte und durchsichtige Tat-Sache in die Monströsität dieses Abschnittes gekleidet ist: Die Staatswesen machen ihre Reproduktion zur Bedingung der Reproduktion ihrer Untertanen. Wenn einer etwas mehr weiß und durchschaut, wird er die Tat-Sache anders beschreiben und sagen, die Staatswesen leben vom Wertprodukt ihrer Untertanen und machen ihnen deshalb die Produktion der abstraktesten Form des Wertprodukts zur Existenzgrundlage: Staatskredit.
      Das Argument des monströsen Abschnittes von Henle ist ein schlichtes „das kann’s doch wohl nicht sein“, ihr könnt es an dem Wort erkennen, das die Widersprüche des Abschnittes moralisch klammert: „schäbig„. Schäbig soll sie sein, die gewährte Erwerbs- und Bewegungsfreiheit der Untertanen im Rahmen des Strafrechts und bürgerlichen Gesetzbuches, also das, worauf die Bürger unisono ihre Freiheitsapologetik gründen – dass doch immerhin erlaubt sei, was nicht verboten ist.

      Und das Letztere ist doch auch ein noch fast simples Ding, es ist eine abstrakt überhöhte Zusammenfassung des Rechtsidealismus der Untertanen zu einer Haltung, einer Lebensmaxime und -philosophie.
      Und dieses „fast simple Ding“ ist doch kenntlich?
      Das ist doch „die Nation“!
      Sie ist der in der Gestalt einer territorialen Sphäre ebenso vergegenständlichte wie verdinglichte Rechtsidealismus der Untertanen PLUS der Staatsagenten.

      Die „Falle“ der Arbeiterbewegung ist ihr Rechtsidealismus gewesen und geblieben.

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