Wie frei darf Freiheit sein?

Die Freiheit führt das Volk, Eugene Delacroix
Eugène Delacroix, Public domain, via Wikimedia Commons

Freiheit gilt oft als höchstes Gut – doch gerade ihre lautesten Verteidiger ziehen Grenzen, sobald unbequeme Meinungen auf dem Spiel stehen.

So gibt es gegenwärtig keine leidenschaftlicheren Verfechter der Freiheit als die westlichen Sympathisanten der russischen Sowjetregierung. Wie kommt es, dass sie empört sind, wenn Mister Burleson eine Zeitung unterdrückt, und zufrieden, wenn Lenin es tut? Und warum befürworten umgekehrt die antibolschewistischen Kräfte in der Welt die Einschränkung der verfassungsmäßigen Freiheit als Voraussetzung für die Herstellung echter Freiheit in Russland? Offensichtlich hat der Streit um die Freiheit kaum einen tatsächlichen Bezug zu ihrer Existenz. Es ist der Gegenstand sozialer Konflikte, nicht die Meinungsfreiheit, die den Parteigängern am Herzen liegt. Das Wort »Freiheit« ist eine Waffe und ein Lockmittel, aber sicher kein Ideal, das über alle Einzelziele hinausreicht.

Gäbe es einen Menschen, der losgelöst von konkreten Zielen an die Freiheit glaubte, so müsste es sich bei diesem Menschen um einen Einsiedler handeln, der mit hoffnungsfrohem und unbeteiligtem Blick auf das Dasein schaute. Für ihn könnte es letztlich nichts geben, dem zu widersetzen sich lohnte; und nichts, was es tatsächlich wert wäre, erreicht oder verteidigt zu werden – nicht einmal das Recht der Einsiedler, mit kaltem und unbeteiligtem Auge das Dasein zu betrachten. Er würde einfach den Fähigkeiten des menschlichen Geistes die Treue halten, selbst denjenigen, die seine Vielfalt und seine Funktionsfähigkeit am stärksten beeinträchtigen. Ein solcher Mann hat in der bisherigen Geschichte des Politischen nie viel gegolten. Denn was die Freiheitstheoretiker eigentlich verfolgen, ist eine Neuverhandlung bereits bestehender Regeln des Verhaltens und der Meinung. Alle scheinen sie zu sagen, dass das Denken und das Handeln frei sein sollten; dass die Freiheit das höchste und heiligste Gut des Lebens ist. Aber irgendwann folgt stets eine Klausel, die besagt, dass die gewährte Freiheit »natürlich« nicht zu destruktiv genutzt werden darf. Es ist diese Klausel, die den Überschwang eindämmt und uns daran erinnert, dass wir hier allem Anschein zum Trotz ganz gewöhnlichen Sterblichen lauschen, die sich für eine konkrete Sache einsetzen.

Mit dieser Textgrundlage könnte man geradewegs eine Inquisition organisieren

Unter den englischen Klassikern sind keine so repräsentativ wie John Miltons Areopagitica und John Stuart Mills Essay On Liberty. Unter den Zeitgenossen ist vermutlich Bertrand Russell der herausragende Anwalt der Freiheit. Zusammengenommen stellen diese drei eine beeindruckende Reihe von Zeugen dar. Doch nichts ist einfacher, als jedem dieser Texte Passagen zu entnehmen, die entweder als Argument für absolute Freiheit angeführt werden können oder aber als Entschuldigung für das gerade wünschenswerte Maß an Repression. So sagt Milton:

»Wenn jedoch nicht alle eines Sinnes sein können, wer sieht darauf, dass sie es sein sollten? Es ist ohne Zweifel heilsamer, klüger und christlicher, dass viele lieber geduldet, als dass alle gezwungen werden.«

So viel zur Verallgemeinerung. Nun zu der unmittelbar folgenden Einschränkung: »Ich meine nicht die Duldung des Papsttums und offenbaren Aberglaubens, welches, wie es alle religiöse und bürgerliche Obrigkeit vernichtet, selbst ausgerottet werden sollte, vorausgesetzt, dass vorher alle liebreichen und mitleidigen Mittel angewendet worden sind, die Schwachen und Missleiteten zu gewinnen und wiederzuerlangen. Auch nicht, dass ein Gesetz, wenn es sich nicht selbst so einer Gesetzeskraft berauben will, unmöglich dasjenige dulden kann, was gottlos oder, sei es gegen den Glauben oder gegen die gute Sitte, unbedingt böse ist; sondern jene nachbarlichen Differenzen und bedeutungslosen Zwiste beziehungsweise Indifferenzen entweder über einen Punkt der Lehre oder Zucht sind es, von denen ich spreche, welche, wenn ihrer auch viele sind, dennoch nicht nötigen, die Einheit des Geistes aufzugeben, wenn wir nur das Band des Friedens unter uns finden können.«

Mit dieser Textgrundlage könnte man geradewegs eine Inquisition organisieren. Und doch findet sie sich im edelsten Plädoyer für die Freiheit, das die englische Sprache kennt. Der entscheidende Punkt in Miltons Gedanken offenbart sich am Ausdruck »Indifferenzen«. Der Meinungsbereich, den er befreien wollte, umfasste die »nachbarlichen Differenzen« bestimmter protestantischer Sekten, und zwar nur dort, wo sie nicht in Bezug auf Sitten und Moral zum Tragen kamen. Milton war, kurz gesagt, zu dem Schluss gelangt, dass gewisse Konflikte der Doktrin hinreichend unbedeutend sind, um toleriert zu werden. Diese Schlussfolgerung hing weit weniger von seiner Auffassung vom Wert der Freiheit ab als vielmehr von seiner Vorstellung von Gott und seinem Verständnis der menschlichen Natur sowie der Lebenswirklichkeit im England seiner Zeit. Er forderte Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, die sich im Prozess befanden, gleichtgültig zu werden.

„Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit“

Wenn wir das Wort »Indifferenz« oder »Gleichgültigkeit« durch das Wort »Freiheit« ersetzen, kommen wir der wahren Absicht, die hinter dem klassischen Argument steckt, sehr viel näher: Freiheit ist dort zu gewähren, wo es keine großen Differenzen gibt. Es ist diese Definition, welche die Praxis im Wesentlichen angeleitet hat. In Zeiten, in denen die Leute sich in Sicherheit wähnen, kultiviert man Häresien gleichsam als eine Art Würze des Lebens. Aber in Kriegszeiten verschwindet die Freiheit, da die Gesellschaft sich bedroht fühlt. Und steht eine Revolution bevor, so wird die Jagd auf Ketzer gar zu einer respektablen Beschäftigung. Mit anderen Worten: Wenn die Leute keine Angst haben, haben sie auch keine Angst vor Ideen; haben sie jedoch Angst, so breitet sich diese auf alles aus, was aufrührerisch erscheint oder auch nur damit in Zusammenhang gebracht werden kann. Deshalb besteht unser Streben, zu leben und leben zu lassen, zu neun Zehnteln im Beweis, dass die zu tolerierenden Elemente unserer Gesellschaft gleichgültig sind.

Bei Mill offenbart sich diese Wahrheit noch weitaus deutlicher. Obgleich sein Argument eindeutiger und vollständiger ist als das von Milton, ist auch die Einschränkung eindeutiger und vollständiger:

»Wir haben nun die Gründe aufgezeigt, die es zur Pflicht machen, dass die Menschen ihre Meinungen frei bilden und rückhaltlos aussprechen. Und ebenso haben wir die üblen Folgen nicht verschwiegen, die sich für die intellektuelle und damit auch für die moralische Natur des Menschen ergeben, wenn diese Freiheit nicht gewährt oder nicht allen Hindernissen zum Trotz dennoch erkämpft wird. Weiterhin wollen wir nun untersuchen, ob dieselben Gründe nicht auch fordern, dass die Menschen auch die Freiheit haben, nach ihrer Meinung zu handeln und ihre Überzeugungen im Leben durchzusetzen, ohne moralischen oder physischen Zwang von ihren Mitmenschen zu erfahren – solange es auf persönliche Rechnung und Gefahr des Einzelnen geht. Dieser letzte Vorbehalt ist natürlich unerlässlich. Niemand wird behaupten, dass Handlungen so frei sein sollen wie Meinungen. Im Gegenteil: Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit, wenn die Umstände, unter denen sie zum Ausdruck kommen, so sind, dass sie wie eine direkte Aufreizung zu einer Übeltat wirken.«

Mill ging davon aus, dass sich eine vernünftigere Moral entwickeln lässt

»Auf persönliche Rechnung und Gefahr.« Mit anderen Worten: auf die Gefahr ewiger Verdammnis hin. Mill argumentierte von der Prämisse aus, dass zahlreiche damals geächtete Meinungen für die Gesellschaft als solche nicht von Interesse seien und deshalb nicht bekämpft werden sollten. Die Orthodoxie, mit der er auf Kriegsfuß stand, war vor allem theokratischer Natur. Diese ging davon aus, dass die jeweiligen Ansichten eines Menschen bezüglich religiöser Angelegenheiten dessen persönliches Seelenheil gefährden und ihn zu einer Gefahr für die Gesellschaft machen können. Mill glaubte nicht an die theologische Weltsicht, fürchtete keine Verdammnis und war davon überzeugt, dass die Moral nicht von religiöser Sanktion abhängt. Im Gegenteil, er sprach davon, dass sich eine vernünftigere Moral entwickeln lässt, wenn man theologische Annahmen beiseitelässt. »Niemand wird behaupten, dass Handlungen so frei sein sollen wie Meinungen.« Mill ging schlicht und einfach nicht davon aus, dass Toleranz gegenüber den Meinungen, die ihn am meisten interessierten, besonders heftige Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Mit politischen Ketzereien beschäftigte er sich nur am Rande, seine Kommentare dazu sind banal und beiläufig. Tatsächlich stößt er sich so wenig an ihnen, dass die Argumente dieses überzeugten Freiheitsapostels durchaus zur Rechtfertigung von präsenten Fällen der Unterdrückung verwendet werden können – und in der Tat verwendet werden: »Sogar Meinungen verlieren ihre Unantastbarkeit, wenn die Umstände, unter denen sie zum Ausdruck kommen, so sind, dass sie wie eine direkte Aufreizung zu einer Übeltat wirken.« Offensichtlich gibt es hier kein Entrinnen für Männer wie den Sozialisten Eugene V. Debs, den Gewerkschafter William Dudley Haywood oder alle, die Kriegsanleihen boykottieren. Das angeführte Argument ist exakt das Gleiche, das zur Begründung der Verurteilung von Debs verwendet wurde.

Zur Bekräftigung dessen sei der einzige von Mill gegebene konkrete Fall zitiert: »Die Ansicht zum Beispiel, dass Kornhändler Ausbeuter der Armen seien oder dass Eigentum Diebstahl sei, sollte ungestraft durch die Presse verbreitet werden dürfen; aber es muss gerechterweise bestraft werden, wenn sie mündlich einem erregten Volkshaufen vorgetragen wird, der sich vor dem Haus eines Kornhändlers zusammenrottet oder wenn sie in Form von Plakaten einer solchen Versammlung bekanntgegeben wird.«

Walter Lippmann

Walter Lippmann lebte von 1889 bis 1974 in den USA. Der Journalist, Schriftsteller und Medienkritiker gründete mit Herbert Croly das politische Magazin The New Republic. Sein Buch »Public Opinion« (1922) zu Stereotypen und Klischeevorstellungen gilt bis heute als Grundlagentext der Medien- und Politikwissenschaft sowie der Sozialpsychologie.
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Ein Kommentar

  1. A sagt zu B: „Natürlich bist du frei. Aber doch nicht zu deiner Freiheit. Zu einer anderen!“
    Vielleicht lässt sich der ganze Irrsinn moderner Freiheitsdebatten kaum kürzer zusammenfassen. Freiheit wird heute auffällig oft genau so lange hochgehalten, wie der andere zu den „richtigen“ Ergebnissen kommt. Denkt er falsch, liest die falschen Medien, stellt die falschen Fragen oder zieht unerwünschte Schlussfolgerungen, wird aus seiner Freiheit plötzlich eine Gefahr für die Freiheit.

    Ein bemerkenswerter Taschenspielertrick.

    Dann ist Zensur keine Zensur mehr, sondern Schutz. Ausgrenzung wird zur Haltung. Überwachung dient selbstverständlich der Freiheit. Und wer widerspricht, hat offenbar nur noch nicht verstanden, welche Freiheit für ihn vorgesehen ist.
    Der eigentliche Kampf findet dabei längst nicht nur um Gesetze und Institutionen statt. Es ist ein Krieg der Köpfe. Menschen sollen nicht bloß schweigen, sondern lernen, ihre eigenen Gedanken vorzusortieren: Darf ich das sagen? Ist diese Frage schon verdächtig? Muss ich mich erst ausreichend distanzieren?
    Die eleganteste Form der Unfreiheit beginnt dort, wo der Kontrolleur im eigenen Kopf sitzt.
    Vielleicht wäre deshalb ein ganz einfacher Freiheitsbegriff wieder einmal hilfreich: Freiheit zeigt sich nicht daran, wie großzügig wir mit angenehmen Meinungen umgehen. Sondern daran, ob wir aushalten, dass andere tatsächlich anders denken.

    Sonst bleibt von der Freiheit nur noch die freundliche Aufforderung:

    „Sei frei – aber bitte in die richtige Richtung.“

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