
Erinnerungskultur, Kritik und Freiheit sind in Gefahr.
Der namhafte Philosoph Jason Stanley enthüllt in seinem neuen Buch Gefälschte Geschichte die globale Strategie der autoritären Rechten, die Geschichte umzuschreiben und ein Jahrhundert gesellschaftlichen Fortschritts auszulöschen. Die schlimmsten faschistischen Bewegungen der Menschheitsgeschichte begannen in Schulen – wenn man die Uhr in Bezug auf Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Inklusion zurückdrehen will, sind Schulen ein guter Ausgangspunkt. Mit scharfem Blick zeigt Stanley, wie Bildung zur Frontlinie im Kampf um Demokratie wird. Erinnerungskultur, Kritik und Freiheit sind in Gefahr, warnt er. Sein Buch ist ein dringender Weckruf, die Vergangenheit zu verteidigen, um die Zukunft vor dem Faschismus zu bewahren.
Mein Vater war ein Jahr alt, als die Nazis am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz, unweit der Wohnung seiner Familie, eine große Bücherverbrennung durchführten. Seit Langem gilt dieses Ereignis als eines der wichtigsten in der deutschen Geschichte. Zu den bedeutendsten der von den Nazis verbrannten Werke zählt der Bestand des Instituts für Sexualwissenschaft, das damals über die weltweit umfangreichste Forschungssammlung zur Queer-Theorie verfügte. Laut dem deutsch-amerikanischen Historiker George L. Mosse wurde der jüdische Direktor des Instituts, Magnus Hirschfeld, nach der Bücherverbrennung »zu einem Ziel unablässiger Angriffe«:
»Sein eigener Name und der des Instituts für Sexualwissenschaft […], das er 1919 gegründet hatte, wurden als Metaphern für sexuelle Perversion verwendet, als Symbole für die Bedrohung der bürgerlichen Respektabilität durch das Berlin der Weimarer Republik.«
Die Nazis nahmen nicht nur jüdische Intellektuelle ins Visier, die sich mit queeren Perspektiven beschäftigten, sondern sie versuchten außerdem, jegliche Andeutung, dass queeres Leben normal sei oder sein könnte, zu beseitigen. Dazu mussten sie mehr tun, als nur Persönlichkeiten wie Hirschfeld zu terrorisieren – sie mussten das Bildungswesen des Landes komplett umgestalten.
Von Weimar zu Hitler

Eine Maßnahme, mit der die Nazis dieses Ziel verfolgten, bestand darin, die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen übermäßig freizügigen Unterrichtsmethoden und dem, was sie als »sexuelle Perversion« betrachteten. Während der Weimarer Republik hatte eine kleine Gruppe deutscher Pädagogen progressive und experimentelle Reformen dahingehend eingeleitet, den Schülern mehr Mitbestimmung im Unterricht zu gewähren, körperliche Züchtigung abzuschaffen und die Schulen so umzugestalten, dass der Schwerpunkt auf »individueller Entwicklung, sozialer Interaktion und der Vorbereitung der Schüler auf die Lebenswirklichkeit« lag. Mit anderen Worten, sie auf die Teilnahme am bürgerlichen und demokratischen Leben vorzubereiten. Diese Reformen waren eine Reaktion auf das konservative nationalistische Bildungswesen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, das in erster Linie darauf ausgerichtet war, die militärischen Eroberungen unter Kaiser Wilhelm II. zu unterstützen. Wobei dieses System auch in der Weimarer Republik noch vorherrschend war.
Aber die Nazis werteten selbst diese graduellen Reformen als Affront und richteten ihre Propagandamaschinerie auf das Bildungswesen des Landes, um es noch militaristischer zu machen und auf ihre nationalistischen Ziele auszurichten. Um traditionelle Sozialkonservative und wohlhabende Wirtschaftseliten in einer Koalition gegen die Demokratie und ihre Institutionen zusammenzuschließen, brachte die Dämonisierungskampagne der Nazis progressive Bildungsreformen nicht nur mit sexueller Perversion, sondern auch mit dem Marxismus in Verbindung.
Bildungsangelegenheiten waren kein vorübergehender oder unbedeutender Schwerpunkt der nationalsozialistischen Politik. Das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Bildungspolitik war es, die Kinder der Nation vor Obszönität und »Marxismus« zu schützen. In der Vorstellung der Nazis war diese Aufgabe jedoch untrennbar mit einer umfassenderen Vision der nationalen Opferrolle verbunden. Die Empfindung, Opfer zu sein, beschäftigte einen Großteil der Bevölkerung seit dem Vertrag von Versailles von 1919, der den Ersten Weltkrieg beendete und als dessen Ergebnis Deutschland etwa 10 Prozent seines Territoriums verlor und zu Reparationszahlungen gezwungen wurde. Das Ziel des nationalsozialistischen Bildungssystems – die Jugend des Landes zu überzeugten Anhängern der Nazi-Ideologie zu machen – war eine konsequente Weiterentwicklung des deutschen Erziehungsmodells aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Schwerpunkt auf Militarismus und deutscher Vorherrschaft lag. Durch die Einbindung nationalsozialistischer Erziehungsmethoden und -ideen in ein Bildungssystem, das ohnedies schon stark antidemokratisch geprägt war, entstand eine Armee von Deutschen, die bereit waren, für das Vaterland zu sterben.
Abkehr Deutschlands vom Kosmopolitismus
Was wir an diesem Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands und anhand der Untersuchung anderer Fälle der faschistischen Bewegung weltweit erkennen können, ist, dass das faschistische Erziehungswesen fünf Hauptthemen umfasst:
- Nationale Größe
- Nationale Reinheit
- Nationale Unschuld
- Strenge Geschlechterrollen
- Diffamierung der Linken
Diese Themen stellen im Wesentlichen verschiedene Verfahren dar, mit denen faschistische Bewegungen Unzufriedenheit unter der dominanten Gruppe schüren, für die sie tätig sind, um ihre Ziele voranzutreiben. Dabei achten sie sorgfältig darauf, Widersprüche zu ihrer Darstellung zu beseitigen. Dazu gehören beispielsweise: wissenschaftliche Forschungen, die Schwachstellen in nationalen Mythen aufdecken; alle Ansätze innerhalb des Bildungswesens, die nationale Schuld aufzeigen; jegliche Andeutung, dass Vielfalt und Pluralität für die Gesellschaft von Vorteil sein könnten; dass gerechtere Geschlechterverhältnisse vorteilhaft sein könnten oder dass die politische Linke eine deutlich geringere Bedrohung darstellt, als sie sich vorstellen. […]
Das von den Nazis im Zuge ihrer Machtübernahme vorgefundene und übernommene Bildungssystem enthielt bereits zahlreiche Elemente einer faschistischen Erziehung, auf denen die Nazis eifrig aufbauten. Besonderen Wert legte das nationalsozialistische Bildungssystem auf die Größe des Vaterlandes und trieb damit Hitlers Worte aus Mein Kampf auf die Spitze: »Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen Vaterlandes kennengelernt, vermag und wird dadurch auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines solches Volkes sein zu dürfen.«
Dieses Bildungssystem und der dazugehörige Propagandaapparat, insbesondere die Hitlerjugend, waren für die Abkehr Deutschlands vom Kosmopolitismus verantwortlich. Der Historiker Gilmer W. Blackburn stellt fest: »Der Erfolg der Nazis bei der Mobilisierung einer überbordenden nationalen Stimmung für die kurzfristigen Ziele des Regimes scheint unbestreitbar. Der Großteil der deutschen Jugend erwies sich als empfänglich für vereinfachte Heldenlegenden und Schwarz-Weiß-Vergleiche. Ebenso bereitwillig fügten sich die deutschen Lehrer der nationalsozialistischen Gleichschaltung.«
Große Männer für junge Leser
In seiner Behandlung des Bildungswesens in Mein Kampf betont Hitler, wie wichtig es ist, die Männer der dominierenden nationalen Gruppierung herauszuheben, um ihre Größe herauszustellen: »Es fehlte unserer Erziehung die Kunst, aus dem geschichtlichen Werden unseres Volkes einige wenige Namen herauszuheben und sie zum Allgemeingut des gesamten deutschen Volkes zu machen, um so durch gleiches Wissen und gleiche Begeisterung auch ein gleichmäßig verbindendes Band um die ganze Nation zu schlingen. Man hat es nicht verstanden, die wirklich bedeutsamen Männer unseres Volkes in den Augen der Gegenwart als überragende Heroen erscheinen zu lassen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu konzentrieren und dadurch eine geschlossene Stimmung zu erzeugen.«
Selbstredend ist dies ein verbreitetes Muster in nationalen Lehrbüchern. Edward Egglestons A First Book in American History: With Special Reference to the Lives and Deeds of Great Americans aus dem Jahr 1889 enthält mehrere Beispiele für Erzählungen über »große Männer« für junge Leser. In der Einleitung schreibt Eggleston: »Indem wir jüngere Schüler mit Biographien bekannt machen, die das eigentliche A und O der Geschichte sind, folgen wir einem oftmals vergessenen Grundsatz: dass nämlich der Unterricht in der Grundschule den Weg des geringsten Widerstandes gehen sollte. Und nichts ist für junge Amerikaner wichtiger als die Bekanntschaft mit den Lebensläufen der großen Männer ihres Landes.«
In Hitlers Sinne soll dies jedoch die Grundlage für die Erziehung zum nationalen Exzeptionalismus bilden, wie es im Hinblick auf die USA so oft der Fall ist. Durch die Trump-Bewegung wurde die Erzählung vom Exzeptionalismus innerhalb des amerikanischen Bildungswesens zum eigentlichen Ziel der Bildung erhoben. In einer vielbeachteten Rede während der Präsidentschaftskampagne im Herbst 2020 leitete Präsident Donald Trump eine Konferenz des Weißen Hauses zur amerikanischen Geschichte damit ein, dass er seine Vision des Bildungswesens und damit auch die bildungspolitische Vision seiner Bewegung darlegte: »Unsere Aufgabe ist es, das historische Vermächtnis der Gründungsväter, die Tugendhaftigkeit der amerikanischen Volkshelden und den edlen Charakter unseres Volkes zu verteidigen. Es ist an uns, das Lügengebilde in unseren Schulen und Klassenzimmern zu beseitigen und unseren Kindern die großartige Wahrheit über unser Land zu vermitteln. Wir wollen, dass unsere Söhne und Töchter wissen, dass sie Bürger der außergewöhnlichsten Nation der Weltgeschichte sind.«
»1776er-Kommission«
Im weiteren Verlauf kündigte er eine nationale Kommission zur Förderung eines patriotischen Bildungssystems an, die er »1776er-Kommission« nannte; und er rief dazu auf, den patriotischen Bildungsgedanken wieder in die Schulen einzuführen.
Neben der nationalen Größe steht das Konzept der nationalen Reinheit, das heißt das Gefühl, dass die Identität der Nation durch die Identität einer einheitlichen Gruppe definiert ist, die sie verkörpert. Das deutlichste Beispiel hierfür ist der rassistische Faschismus, der diese Gruppe als biologische Rasse betrachtet, mit spezifischen kognitiven und physischen Fähigkeiten, die sie anderen Rassen überlegen mache. Religiöse Formen der Reinheit können eine ähnliche Rolle spielen. So war Indien gemäß der Ideologie des hinduistischen Faschismus in der Vergangenheit eine rein hinduistische Nation. Und laut der Ideologie des amerikanischen weißen christlichen Nationalismus sind die USA ein weißes christliches Land.
Mit einem Bildungssystem, das die Größe der Nation betont und auf subtile oder ganz explizite Weise eine Form der nationalen Reinheit propagiert, ist es dann leicht, die Grundlage für den mächtigsten politischen Topos des Faschismus zu schaffen: »Großer Austausch« ist die Bezeichnung für eine Verschwörungstheorie, der zufolge ein innerer Feind versucht, die Nation von innen heraus zu zerstören, indem er fremde Menschen ins Land holt, um die bestimmende nationale Bevölkerungsgruppe zu »ersetzen«. Eine Bevölkerung, die mit Mythen über die Größe und Reinheit der Nation aufgewachsen ist, ist besonders anfällig für die Ideologie des Großen Austauschs, da sie glaubt, dass ihre Nation großartig ist und ihre Größe auf die Größe der bestimmenden nationalen Bevölkerungsgruppe zurückzuführen ist.



„2026: Das Jahr, in dem Europa das Briefgeheimnis begraben hat
1848 kämpften Menschen für das Recht auf private Korrespondenz gegen absolutistische Willkür.
1933 schafften die Nationalsozialisten es ab.
1945/49 wurde es wiederhergestellt als eine der wichtigsten Errungenschaften nach dem Feudalsystem und der Herrschaft der Kirchen.
2026 hat die EU es digital getötet – per Geschäftsordnungstrick und mit der Begründung „Kinderschutz“. “
https://tkp.at/2026/07/09/eu-killt-briefgeheimnis-kein-guter-tag-fuer-freiheit-grundrechte-und-demokratie/
„Martin Sonneborn (Die PARTEI) versuchte am Dienstag noch, das Verfahren als regelwidrig zu stoppen und wedelte mit der Geschäftsordnung. Erfolglos. Das Mikrofon wurde ihm nach 60 Sekunden abgestellt. Die Abstimmung über das Eilverfahren war damit durch.“
sind wir schon mittendrin im Faschismus?
„Sein Buch ist ein dringender Weckruf, die Vergangenheit zu verteidigen, um die Zukunft vor dem Faschismus zu bewahren.“
Die Zukunft des Faschismus wurde heute mal wieder in Brüssel begonnen, Chatkontrolle durch reinen Betrug durchgewunken. Das sind Methoden, von der die Gestapo und danach die Stasi nur in ihren feuchten Träumen schwelgen konnten.
Ja, und? Wir haben heute teilweise ganz ähnliche Zustände, teilweise in umgedrehter Form. Zb wenn eine Antifa sich bei einer maßnahmengegnerischen Demo in eine Ecke stellt und ein Schild hochhält auf dem: „Wir impfen euch alle steht.“
Oder wenn bei den Protesten gegen den AFD Parteitag ein gesicherter Ex oder immer noch N***i im Kleid was von Faschist*Innen faselt, die zusammengetreten werden dürfen.
Auf der anderen Seite haben wir den Wunsch eines „Kanzlers“ erneut die größte Militärmacht in Europa zu werden. (Unsere Mit Europäer freuen sich schon) oder wir hören Wörter wie „kriegstüchtig“ und „Zeitenwende.“
Diese Wörter kann man ja in manchem Werk von vor 100 Jahren nachlesen.
Und der Autor des Artikels, ist das nicht der, der groß rumgetönt hat er ginge dann wohl jetzt sofort nach Kanada als D. Trump erneut Präsident wurde? Schön für ihn. Schade daß ein einfacher Arbeiter aus Iowa das nicht so einfach kann.
„Diese Reformen waren eine Reaktion auf das konservative nationalistische Bildungswesen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, das in erster Linie darauf ausgerichtet war, die militärischen Eroberungen unter Kaiser Wilhelm II. zu unterstützen. Wobei dieses System auch in der Weimarer Republik noch vorherrschend war.“
Ja,… heute heißt das „Wir müssen kriegstüchtig werden“ um die Ostflanke gegen die Russen zu verteidigen und dazu bekommen die Schulen Besuch von der Bundeswehr.
Ich hätte mir bis 2010 nicht im Traum vorstellen können, dass Deutschland sich wieder auf den Weg des Faschismus begibt. Ein Trauerspiel.
„Das Ziel des nationalsozialistischen Bildungssystems – die Jugend des Landes zu überzeugten Anhängern der Nazi-Ideologie zu machen – war eine konsequente Weiterentwicklung des deutschen Erziehungsmodells aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Schwerpunkt auf Militarismus und deutscher Vorherrschaft lag.“
So wie heute wieder in Deutschland, Pistorius und Kiesewetter allen voran.
Was „der namhafte Philosoph Jason Stanley“ außer acht lässt, das es nämlich die Woken sind, die das Erstarken der Faschisten erst provozierten. Wenn man weiß, dass pro-faschistische Kräfte in der Gesellschaft latent vorhanden sind, dann sollte man das doch unterlassen und versuchen Bedingungen zu schaffen, die diesen Kräften keine Nahrung gibt.
Stattdessen versuchen es die Liberalen mit Kulturkampf: Wir haben die guten Werte, die demokratischen und ihr (die Faschisten, und die, die als solche angesehen werden) ihr habt die bösen Werte. Wenn die Leute aber mit den liberalen Werten nicht satt werden, dann scheißen sie auf die liberalen Werte und suchen sich andere Werte.
„Durch die Trump-Bewegung wurde die Erzählung vom Exzeptionalismus innerhalb des amerikanischen Bildungswesens zum eigentlichen Ziel der Bildung erhoben.“
Man kann von dem Deppen Trump halten was man will, aber diesen Quatsch ( Zitat) kann man nicht unkommentiert stehen lassen.
https://eu.usatoday.com/story/news/world/2013/09/24/obama-america-exceptionalism-putin-un/2861129/
Obama tells the world: America is exceptional
Und auch weit vor Obama, haben Demokraten und Republikaner von der „Einzigartigen, von Gott gewollten Überlegenheit, der USA gelabert.
Wie ich oben schon schrieb, der neue Faschismus ist längst da…
In einer realen Welt vom Kapitalismus, herrscht Wettbewerb.
Der Wettbewerb, wird stigmarisiert, von Menschen die etwas produzieren .
Wer heute produziert etwas, damit der Mensch leben kann?
Das Kapital versucht den organischen Fluss vom Wettbewerb, konstant zu beeinflussen, indem. das Kapital, die Märkte komplett, beinflusst.
Ich habe die Auffassung, das diese Welt, in einem Irrenhaus, gewandelt ist!