
Was, wenn es in manchen Sprachen gar kein Wort für »Berg« gibt? Und was, wenn unsere Wahrnehmung von Raum nicht nur von der Welt, sondern von unserer Sprache geformt wird? Eine Reise in die überraschende Verbindung zwischen Landschaft, Denken und Sprache.
Denn jeder Sprachraum hat eine einzigartige Vorstellung von Zeit, Raum, Farbe und sogar Geruch. Auf einer spannenden Reise rund um den Globus erklärt der Kognitionswissenschaftler Caleb Everett in seinem Buch „1000 Sprachen, 1000 Welten“, was uns die sprachliche Vielfalt über die menschliche Kultur verrät und wie sie unser Verständnis vom Menschsein bereichert. Das Buch wurde vom New Statesman als eines der besten akademischen Bücher des Jahres 2023 gekürt. Ein Auszug.
Merkmale der lokalen Umgebung können eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung dessen spielen, wie Menschen über den Raum sprechen. Die Tatsache, dass die Yupno den Raum und das Vergehen der Zeit vor dem Hintergrund von »bergauf« oder »bergab« beschreiben, verweist auf die steilen Hügel, auf denen sie leben. Wir könnten diese Beobachtung wie folgt formulieren: Von Hügeln umgeben zu sein erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen einen geozentrischen Raumbezug verwenden. Aber auch dies ist eine zu einfache Folgerung, und zwar aus einem Grund, der Sie vielleicht überraschen wird. Nicht alle Menschen sprechen von »Hügeln« oder stellen sich Hügel überhaupt als eigenständige Einheiten vor.
Denken Sie an das Laotische, eine Sprache, die von Millionen von Menschen gesprochen wird. Nick Enfield, ein Linguist an der Universität von Sydney, hat jahrelang Laotisch studiert. Seine Arbeit zeigt, dass Sprecher dieser Sprache sich mit Begriffen auf die umgebende südostasiatische Landschaft beziehen, die sich nicht direkt ins Englische oder andere europäische Sprachen übersetzen lassen. Beispielsweise gibt es im Laotischen kein Wort für »Berg«. Stattdessen wird das Wort phuu2 (das Symbol »2« bedeutet einen fallenden Ton) auf bergiges Gelände bezogen.
Hier sind einige von Enfields Beobachtungen: »Eine Landform, die auf Englisch als einzelner Berg bezeichnet werden kann … kann auf Laotisch mithilfe einer komplexen numerischen Klassifizierungsphrase bezeichnet werden. Daher bedeutet phuu2 nuaj1 nii4 »dieser Berg« (wörtlich »diese Einheit bergigen Geländes«). Dies deutet darauf hin, dass es in der laotischen Vorstellung kein »Ding« gibt, das dem englischen »Berg« entspricht. Es gibt auch keine eindeutige Übersetzung für »Hügel« in dieser Sprache. Es gibt einen laotischen Begriff, der sich auf sehr kleine Hügel bezieht, aber auch auf kleine Erdhügel und sogar auf Termitenhügel. Vielleicht kommt Ihnen das seltsam vor, aber denken Sie einen Moment darüber nach, was wir »Berge« und »Hügel« nennen.
Sprachen beziehen sich auch auf unterschiedliche Weise auf andere Elemente der umgebenden Landschaft
Berge in einem bestimmten Gebirge unterscheiden sich nicht genau voneinander: Sie sind geografisch miteinander verwoben. Möglicherweise gibt es einen Gipfel mit mehreren kleineren Gipfeln um ihn herum, die alle auf derselben konischen Landmasse liegen. Nicht jeder Berg fällt in eine flache umliegende Ebene hinab, und die Profile der einzelnen Berge unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ausprägung erheblich. In manchen Fällen können Berge, beispielsweise viele Vulkane, als einzelne Individuen erscheinen, die vor einem flachen Gelände stehen. Dies ist jedoch in der laotischen Landschaft nicht wirklich der Fall und auch nicht bei den meisten Bergen in Gebirgszügen, in denen Sockel und Gipfel miteinander verbundene Falten auf der Erdoberfläche darstellen. Der Punkt, an dem ein »Berg« zu einem »Hügel« wird, ist von vornherein nicht genau definiert, ebenso wenig wie der Punkt, an dem ein »Hügel« zu einer »Aufschüttung« wird. Den Landschaften selbst fehlt es an klaren Unterteilungen im physischen Raum, daher gibt es in einigen Kulturen Begriffe wie phuu2, die sich auf bergiges Gelände und nicht auf deutlich getrennte Berge beziehen.
Sprachen beziehen sich auch auf unterschiedliche Weise auf andere Elemente der umgebenden Landschaft. Im Laotischen gibt es beispielsweise zwei Wörter für Dschungel: Ein khook4 ist ein Dschungel mit Bäumen, die einen gewissen Abstand zueinander haben, und ein dong3 ist ein Begriff für tropische Wälder mit dicht stehenden Bäumen. Offensichtlich beziehen sich Sprachen auf unterschiedliche Weise auf ihre geografische Umgebung, und diese Ungleichheit kann Einfluss darauf haben, wie Menschen etwas über den Raum lernen, der sie umgibt. Stellen Sie sich laotische Kinder vor, die in der Ebene neben bergigem Gelände leben. Sie sehen einen deutlichen Höhenunterschied zwischen der Ebene und den ineinander verschlungenen Gipfeln. Sie können die Gipfel unterscheiden, aber vielleicht ist der auffälligere Unterschied derjenige zwischen den dunkelgrünen bewaldeten Gipfeln und den hellen grünen Grasflächen, die für die Landwirtschaft genutzt werden. Irgendwann hören sie das gesprochene Wort phuu2.
Sie haben keine Möglichkeit zu unterscheiden, was dieser Begriff bedeutet; alles, was sie haben, ist ein Etikett. Während des Spracherwerbs erkennen sie, wie diese Bezeichnung in Interaktionen verwendet wird, und konstruieren ihre Bedeutung aus diesen Interaktionen. Sie erkennen immer mehr, dass der Kerngedanke des Begriffs sich auf das umgebende bergige Gelände bezieht, so wie ein Tzeltal-Lernender nach und nach die Konzepte erarbeiten muss, auf die sich Bezeichnungen wie ta alan und ta ajk’ol beziehen. In ähnlicher Weise entwickeln englisch- oder deutschsprachige Kinder die Begriffe links, rechts und Berg. Während unsere Sinne, die allen Bevölkerungsgruppen gemeinsam sind, uns möglicherweise für bestimmte Arten der Entschlüsselung unserer räumlichen Umgebung prädisponieren, helfen die Bezeichnungen unserer Muttersprache dabei, bestimmte räumliche und physische Konzepte zu konkretisieren, die für Kinder mit zunehmendem Alter natürlich erscheinen. Wir können andere Konzepte lernen oder unsere Sprache anpassen, um auf leicht unterschiedliche Konzepte zu verweisen. Ich kann »bergiges Gelände« sagen und zumindest grob vermitteln, was mit phuu2 gemeint ist. Ein Sprecher der laotischen Sprache kann phuu2 nuaj1 nii4 sagen, um sich auf einen einzelnen Berg zu beziehen. Eine solche lexikalische Anpassung ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die grundlegenden lexikalischen Bausteine der Kommunikation über Landschaften in Sprachen wie Laotisch und Englisch unterschiedlich sind.
Für diese Art von Verb gibt es keine Übersetzung
Diese Tatsache wurde in den letzten anderthalb Jahrzehnten durch andere Studien verdeutlicht. In einer vor 15 Jahren veröffentlichten Sonderausgabe der Zeitschrift Language Sciences berichtete beispielsweise ein großes Team von Wissenschaftlern über eine Reihe von Erkenntnissen, die sie nach jahrelanger Untersuchung der Begriffe für Landschaften in mehreren gefährdeten Sprachen gewonnen hatten. Diese Sprachen wurden nicht zufällig ausgewählt; sie sollten eher eine Vielzahl von Sprachfamilien und Ökologien repräsentieren. Die Sprachen waren Marquesan (gesprochen auf einer Insel im Pazifik), Kilivala und Yélî Dnye (beide gesprochen auf verschiedenen Inseln östlich von Papua-Neuguinea), Seri (gesprochen in Sonora, Mexiko), Chontal- und Tzeltal-Maya (gesprochen in Zentralamerika), Jahai (gesprochen in Malaysia), Laotisch und Haiǁom.
Diese Sprachen werden von Menschen gesprochen, die auf Inseln, in Regenwäldern und Wüsten beheimatet sind, und sie offenbaren unterschiedliche Arten, über Landschaften zu sprechen. Sie zeigen, dass viele scheinbar grundlegende Landschaftsbegriffe, einschließlich »Berg«, möglicherweise nicht sauber in andere Sprachen übersetzbar sind. Um es mit den Worten zweier Autoren dieser Zeitschriftenausgabe auszudrücken:
»Berg«, »Klippe« und »Fluss« setzen die Existenz solcher Dinge voraus. Sie scheinen real genug zu sein, dass man hier vernünftigerweise universelle Konzepte in Betracht ziehen könnte. Aber eine der zentralen Botschaften dieser Sammlung ist, dass wir eine Überraschung zu gewärtigen haben – es gibt keine direkten Äquivalente für diese Begriffe, beispielsweise in der Sprache Yélî Dnye.«
Beispielsweise bedeutet das Wort mbu im Yélî Dnye eine »konische Erhebung« und kann zur Bezeichnung eines Berges oder Hügels, aber auch eines Sand- oder Erdhaufens verwendet werden. Während wir uns im Englischen vielleicht metaphorisch auf einen »Berg aus Dreck« beziehen, kann sich »Berg« selbst nicht auf konische Formen beziehen, die sehr klein sind. Mbu ist mit keinem englischen Landschaftsbegriff perfekt übersetzbar.
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Interessanterweise können Sprachen auch unterschiedliche Verben und nicht nur unterschiedliche Substantive verwenden, um kulturell wichtige Landschaftskonzepte zu integrieren. Sprecher von Yélî Dnye haben Verben wie paa, was »auf einer ebenen Fläche gehen« bedeutet. Für diese Art von Verb gibt es weder im Englischen noch in den meisten (vielleicht allen) anderen Sprachen eine Übersetzung. Es verdeutlicht die Tatsache, dass Sprachen auf manchmal unerwartete Weise Landschaften integrieren. Die ausgeprägten Erhebungen auf Rossel scheinen dabei zu helfen, intransitive Verben wie paa, kee (»aufsteigen«) und ghii (»absteigen«) zu bilden. Die beiden letztgenannten Begriffe lassen sich problemlos in viele Sprachen übersetzen, darunter auch ins Englische. In der Yélî-Dnye-Sprache gibt es auch transitive Verben, die Landschaftsobjekte einbeziehen, Begriffe wie vy:uu (»einen Hang hinaufsteigen«) und ‚nuw:o (»einen Hang hinabsteigen«) sowie km:ee (»etwas einen Hang hinauftragen«) und ghipi (»etwas einen Hang hinuntertragen«). Das Gelände von Rossel und die umliegende Landschaft generell sind auf einzigartige Weise in die Yélî-Dnye-Sprache integriert. Sprachen kodieren häufig lokal relevante Landschaftskonzepte.
Anm. d. Ü.: Es gibt im Deutschen keine entsprechende Tonhöhenkennzeichnung. Die Zahl 1 bedeutet einen tiefen Ton, 2 einen fallenden Ton, 3 einen steigenden Ton, 4 einen hohen Ton. Ich danke Frau Dr. Silpsupa Jaengsawang, Universität Hamburg, für diese Auskunft




Schon vor Jahren wurde im Zusammenhang mit dem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ darauf hingewiesen, daß die Inuit viele verschiedene Worte für die verschiedenen Arten von Schnee haben. In der Südsee kann man hingegen auf ein Wort für Schnee verzichten …
Genau das wollte ich auch grad schreiben 😉
Sprachen sind schon faszinierend. Auf der anderen Seite gibt es menschliche Verhaltensweisen die unabhängig von Sprache sind, Sprache ist also wiederum nicht alles.
Sprache würde aus dem einzigen Nutzen geschaffen, sich mit anderen auszutauschen. Je mehr verschiedene Aspekte es gibt, um so mehr Notwendigkeiten, diese zu artikulieren. Es ist schließlich lebensnotwendig, zu wissen, dass die Beutetiere sich dort oder anderswo befinden, dass eine Flut heute kommt, oder erst morgen, oder dass Raubtiere in welcher Zahl sich in der Nähe befinden, und wie weit weg, wo Wasserquellen sind …
Nachher kamen andere Begriffe, wie Korntypen, essbar/ giftig, gefährlich, ungefährlich, weit entfernt, nah… hinzu. Dann, beim Sesshaftwerden über Qualität von Lebensmitteln auch letztlichabszrskte Begriffe. Somit ist jede Sprache Auseinandersetzung mit der Umwelt. Und daher automatisch erhaltenswert. Denn die Art der Auseinandersetzung und Umsetzung in Sprache sagt etwas über die Denkweise aus.