
Unsere Zivilisation ist auf Wachstum gebaut – und genau das könnte ihr zum Verhängnis werden. Warum komplexe Gesellschaften nicht langsam verarmen müssen, sondern an einen Punkt gelangen können, an dem aus Niedergang plötzlich Kollaps wird.
Ein Buchauszug.
Hier geht es um den Zusammenbruch; nicht darum, ob es einen geben wird oder wann, sondern darum, wie er aussieht, was man davon erwarten kann und wie man sich verhalten soll, wenn man ihn überleben will. Solche Informationen mögen für überzeugte Kollaps-Skeptiker von minimalem Interesse sein. Sollte sich jedoch einer von ihnen zu diesem Thema weiterbilden wollen, so findet er hier einige Hinweise auf Ressourcen und Wege der Annäherung, die den Prozess einfacher machen sollten, wenn auch keineswegs leichter. Denn das, was uns daran hindert, seine Bedeutung voll erfassen zu können, ist nicht intellektueller, sondern psychologischer Natur.
Um Argumente für den bevorstehenden Zusammenbruch der globalen industriellen Zivilisation zu liefern, braucht es zwei Beweise. Zum einen muss man die endliche Versorgung der Erde mit fossilen Brennstoffen, Metallerzen, anderen industriellen und landwirtschaftlichen Inputs, Süßwasser und fruchtbaren Böden erklären und zeigen, dass viele dieser Ressourcen entweder ihre historischen Produktionsspitzen bereits überschritten haben oder bald erreichen werden. Zum andern muss bewiesen werden, dass, wenn diese Ressourcen für ein weiteres Wachstum der Industriewirtschaften zu knapp werden, das Ergebnis eher ein Zusammenbruch sein wird als eine langsame und stetige Verschlechterung, die sich über Jahrhunderte hinweg fortsetzen könnte, ohne einen schlüssigen, historisch bedeutsamen Endpunkt.
Fünf Variablen
Die erste Aufgabe wurde von mehreren Personen erfüllt – ein besonders gutes Buch zu diesem Thema ist Richard Heinbergs «Peak Everything», das in aller Ruhe die Fakten dafür darlegt, warum das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Rückgangs von Energie, landwirtschaftlicher Produktion, stabilem Klima und Bevölkerung ist. Heinberg webt eine überzeugende Geschichte zusammen, aber Chris Clugston geht in seinem 2011 im Selbstverlag erschienenen Buch «Scarcity» einen direkteren Weg. Clugston unternahm eine gründliche Untersuchung der Daten der US-Regierung zu nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen, wobei er sich auf den Rohstoffbedarf und die Primärenergiequellen der industrialisierten Volkswirtschaften konzentrierte. In seiner Aktualisierung von 2012 zeigt Clugston, dass nur ein einziger wesentlicher industrieller Input – Bauxit für die Aluminiumverhüttung – jetzt noch ausreichend vorhanden ist, um ein anhaltendes Wirtschaftswachstum zu garantieren. Folglich hat sich die Verbesserungsrate des globalen materiellen Lebensstandards (gemessen als Pro-Kopf-BIP) von etwa 2 Prozent pro Jahr – in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – auf nur 0,4 Prozent zu Beginn des Jahrtausends verlangsamt und wird in den 2020er Jahren stark negativ werden. Nach den Prognosen von Clugston wird die zunehmende Verknappung der nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen, die zur Aufrechterhaltung der industriellen Zivilisation benötigt werden, in den meisten Industrieländern bis Mitte des Jahrhunderts einen gesellschaftlichen Zusammenbruch auslösen.
Während es bei der ersten Aufgabe relativ einfach ist, Zahlen aus seriösen Quellen zu nennen, gegen die schwer zu argumentieren ist und die jeder mit einem Verständnis für Zahlen und das Funktionieren von Industriewirtschaften erfassen kann, ist die zweite Aufgabe – zu zeigen, dass das Ergebnis eher ein Zusammenbruch als ein allmählicher Rückgang sein wird – viel schwieriger, weil die einzige Möglichkeit, sie quantitativ zu lösen, in mathematischen Modellen besteht. Das erste dieser Modelle war das World3-Modell, das im Buch «Grenzen des Wachstums» von 1972 verwendet wurde. World3 ist ein relativ einfaches Modell, das auf einem Computer lief, der weit weniger leistungsfähig war als jedes moderne Smartphone, und nur fünf Variablen enthielt: Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion und Ressourcenverknappung. Dieses Modell sagte den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch bis Mitte des 21. Jahrhunderts voraus. «Die Grenzen des Wachstums 2004: Das 30-Jahres-Update» bestätigte, dass dreißig Jahre später die ersten Vorhersagen immer noch hervorragend mit der Realität übereinstimmten. Der Genauigkeit und den Prognosefähigkeiten von mathematischen Modellen zu misstrauen, ist grundsätzlich ein gesunder Instinkt. Aber wenn das betreffende Modell nachweislich 30 Jahre lang genau geblieben ist, kann man diese Vorsicht ruhig etwas lockern.
Mathematische Modelle können furchterregend komplex sein, da sie viele Stunden Supercomputerzeit für einen einzigen Durchlauf benötigen und unmöglich in nur einer Sitzung zu verstehen sind. Klimamodelle sind ein Beispiel dafür. Solche Modelle erwecken durch ihre schiere Komplexität Skepsis: Bei so vielen Formeln und Parametern muss doch irgendwo ein Fehler drin sein! Glücklicherweise erfordert die Modellierung des Zusammenbruchs auf der einfachsten und intuitivsten Ebene keine solche Komplexität. Es gibt zum Beispiel das Seneca-Klippen-Modell, das von Professor Ugo Bardi von der Universität Florenz vorgeschlagen wurde. Bardis Ziel war es, ein «bewusstseinsgroßes» (mind-sized) Modell zu schaffen, das für mit der mathematischen Modellierung auch nur ansatzweise Vertraute auf den ersten Blick verständlich ist. Die Inspiration für den Namen seines Modells holte sich Bardi aus einem Zitat des römischen Philosophen Seneca: «Es wäre ein gewisser Trost für die Schwäche unseres Selbst und unserer Werke, wenn alle Dinge so langsam vergingen, wie sie entstehen; aber so wie es ist, wächst das Wachstum nur langsam, der Weg zum Ruin aber ist schnell.»
Kapital zerfällt nicht allmählich – es bricht zusammen
Bardi begann mit einem sehr einfachen Modell der Ressourcennutzung und -erschöpfung, das nur zwei Variablen hatte: Ressourcen und Kapital. Ressourcen werden in Kapital umgewandelt, und zwar in einer Rate, die proportional zur Menge der verbleibenden Ressourcen und zur Menge des Kapitals ist. Außerdem verfällt das Kapital mit der Zeit. Dieses Modell kann über eine einfache Tabellenkalkulation oder mit Hilfe eines einfachen Computerprogramms dargestellt werden, und das Ergebnis ist eine symmetrische Glockenkurve: Die Menge des Kapitals, die die Größe der Wirtschaft repräsentiert, wächst allmählich, erreicht einen Höhepunkt und nimmt dann ebenso allmählich ab, wenn die Ressourcenbasis erschöpft ist. (Diese Glockenkurve ist allgegenwärtig, dient als Grundlage für Wahrscheinlichkeit und Statistik, ist auch als Hubbert-Kurve bekannt und wurde recht erfolgreich zur Modellierung verschiedener Arten von Ressourcenverknappung verwendet). Bardi fügte dem Modell dann eine dritte Variable hinzu, die er als «Verschmutzung» bezeichnete und die den Aufwand für den Betrieb einer industriellen Zivilisation darstellt: nicht nur ihre Umweltverschmutzung, sondern auch ihre Infrastruktur, ihre Bürokratie und so weiter. Die Verschmutzung repräsentiert alles, was für das Funktionieren einer industriellen Wirtschaft notwendig ist, aber nicht zu ihrer Produktionskapazität beiträgt. Ein Bruchteil des Kapitals, der proportional zur Menge des Kapitals und zur Größe dieser dritten Variable ist, wird für die Verschmutzung aufgewendet. Genau wie das restliche Kapital zerfällt auch dieser Bruchteil mit der Zeit. Dieses Modell erzeugt eine asymmetrische, einseitige Kurve, bei der die Aufwärtsneigung allmählich, die Abwärtsneigung jedoch steil und klippenartig ist. In diesem Modell zerfällt das Kapital nicht allmählich, wenn die Ressourcen knapp werden; es bricht zusammen.
Um intuitiv zu verstehen, warum dies so ist, denke an die Infrastruktur der industriellen Zivilisation: ihre Autobahnen und Brücken, ihre Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge, Ölterminals, Raffinerien und Pipelines, ihre Flughäfen, Seehäfen, das Stromnetz und so weiter. Wenn die Wirtschaft expandiert, müssen alle diese Einrichtungen mit ihr expandieren und Kapazitätsreserven aufrechterhalten, um Engpässe, Knappheit, Staus und Stromausfälle zu vermeiden.
Aber wenn die Ressourcenknappheit die Wirtschaft zwingt, mit dem Schrumpfen zu beginnen, können sie nicht mit ihr schrumpfen, weil sie alle in einem bestimmten Umfang gebaut wurden, der nicht rückwirkend reduziert werden kann, und so konzipiert wurden, dass sie nur dann effizient sind und Größenvorteile erzielen, wenn sie nahezu voll ausgelastet sind. Selbst wenn sie weniger genutzt werden, bleiben ihre Finanz- und Wartungskosten weitgehend gleich und schlucken einen immer größeren Teil der Wirtschaft. Irgendwann können ihre Finanzierungskosten nicht mehr gedeckt werden, was zu Konkursen führt, und da ihre Wartungskosten untragbar werden, entfällt die Wartung. Kurz darauf werden sie funktionsunfähig – und mit ihnen der Rest der Industriewirtschaft.
Der globale Handel kommt zum Erliegen
Weitere Einblicke in die Mechanik des Zusammenbruchs können durch einen Blick auf die Rolle der Finanzen im täglichen Funktionieren der Weltwirtschaft gewonnen werden. Diese expandiert, indem sie systematisch auf zukünftiges Wachstum setzt – die Gegenwart wird durch Anleihen aus der Zukunft finanziert, die als im Durchschnitt reicher als die Gegenwart eingeschätzt wird. Diese Kreditaufnahme dient nicht nur der Finanzierung der Geschäftsexpansion, sondern der Finanzierung aller Güterflüsse des Welthandels: Praktisch jede internationale Sendung beginnt mit einem Kreditbrief, der von einer Geschäftsbank in einem Land ausgestellt wird und von einer anderen Geschäftsbank in einem anderen Land eingelöst werden muss. Wenn die Wirtschaft über einen längeren Zeitraum nicht mehr wächst, zahlen sich diese Wetten auf künftiges Wachstum nicht mehr aus, viele Kredite werden faul, viele Banken werden zahlungsunfähig und können keine Kreditbriefe mehr ausstellen, während andere Banken, obwohl sie noch zahlungsfähig sind, nicht mehr das Risiko eingehen wollen, ihre Kreditbriefe zu erfüllen. Der globale Handel kommt zum Erliegen, was wiederum die globalen Lieferketten unterbricht, was zu einem Mangel an Komponenten und anderen industriellen Inputs führt, die dann die Produktionsprozesse zum Erliegen bringen. Schon bald überschreitet die Weltwirtschaft einen Punkt, an dem es keinen Aufschwung mehr geben kann, weil die Versorgungsnetze und Handelsbeziehungen, die sie zusammengehalten haben, aufgrund von weit verbreiteten Konkursen und Zwangsliquidationen zusammengebrochen sind. Verschiedene Tricks, die von den Zentralbanken westlicher Regierungen angewandt wurden, um uneinbringliche Forderungen mit mehr Schulden zu überziehen und dann in der Verzweiflung durch unbegrenztes Gelddrucken zu monetarisieren, haben den unvermeidlichen Kollaps einfach aufgeschoben, so dass die Seneca-Klippe beim endgültigen Zusammenbruch noch steiler wird.
All diese Erklärungen für den unvermeidlichen Zusammenbruch mögen zwar bezwingend sein, aber für viele Menschen sind sie in etwa so anstrengend wie das Thema Zusammenbruch selbst. Glücklicherweise gibt es auch einen dritten Weg, die Menschen über den Kollaps zu informieren, der sich mittlerweile als weitaus wirksamer erweist als Ressourcenzahlen oder mathematische Modelle: die persönliche Erfahrung. Ganze Länder befinden sich in einer Situation, die unbestreitbar als finanzieller, kommerzieller und politischer Kollaps bezeichnet werden kann: Es gibt einen Ansturm auf die Banken, wenn die Menschen versuchen, ihre Ersparnisse abzuheben und ins Ausland zu transferieren; den Apotheken gehen die Medikamente und viele andere Importe aus; gewählte Amtsträger werden durch politisch ernannte ersetzt, deren Kandidaturen von den Gläubigern des Landes gutgeheißen werden. Die Liste der Länder, in denen solche Dinge geschehen sind, ist bereits ziemlich lang und wird immer länger.
In den reicheren und mächtigeren Ländern sind solche Auswirkungen noch nicht in vollem Umfang spürbar. Dennoch beginnen viele Menschen zu erkennen, dass ihre Zukunft der Vergangenheit nicht ähnlich sehen wird. Jüngere Menschen erkennen, dass ihr College-Abschluss nicht zu einer Karriere oder auch nur zu einer guten, dauerhaften Arbeitsstelle führen wird. Ältere Menschen erkennen, dass sie im Ruhestand keine Unterstützung bekommen werden. Langzeitarbeitslose erkennen, dass ihre Karriere vorzeitig beendet ist. Viele dieser Menschen ahnen bereits, dass etwas furchtbar schiefgelaufen ist, aber die meisten sind sich noch nicht bewusst, wie tiefgreifend sich ihr Leben verändern wird.




