Was ist das Ziel von Zensur?

Zensur
Piotr VaGla Waglowski, http://www.vagla.pl, Public domain, via Wikimedia Commons

Zensur ist eine globale Kraft, die sowohl von kommerziellen Interessen als auch politischen Agenden angetrieben wird.

Ai Weiwei – Künstler, Aktivist und eine der einflussreichsten kulturellen Persönlichkeiten der Welt – ruft in seinem neuen Buch zu freier Meinungsäußerung auf in einem Zeitalter, das von Big Data, Massenüberwachung und neuen Kontrolltechnologien geprägt ist. Klar wird: Zensur gibt es nicht nur in China, sondern auch in sogenannten liberalen Demokratien.

Ein wesentliches Ziel der Zensur ist es, sich selbst zu normalisieren, sich als etwas Natürliches und Unverzichtbares darzustellen. Sie stellt ihre Existenz als notwendig, ihre Rechte als begründet und ihre Sanktionen als vernünftig dar. Indem sie diese Eigenschaften etabliert, verankert sich die Zensur als unhinterfragte Rationalität in der Gesellschaft. Diese Normalisierung ist der heimtückischste Aspekt der Zensur – sie untergräbt das individuelle Bewusstsein, das Wohlwollen und die Toleranz. Sie erstickt die Prozesse des Verstehens, des Selbstzweifels und der Selbsthinterfragung, die lebenswichtige Funktionen des Denkens sind. Eine Gesellschaft, die nach uniformer Haltung, konformer Meinung und politischer Korrektheit strebt, in der alle Funktionen des unabhängigen Denkens ausgeschlossen sind, wird unweigerlich schwach, absurd und korrupt – eine Gesellschaft ohne Vernunft.

Zensur stützt sich auf die wahrgenommene Legitimität der Macht, während sie der Würde und der Natur des Menschen ihre Legitimität entzieht. Dieses Phänomen ist nicht auf autoritäre Regime beschränkt; es ist auch in westlichen Gesellschaften weit verbreitet, seine Existenz ist unbestreitbar.

Unter dem Anschein einer Naturgewalt sorgt Zensur bei den meisten Menschen für großflächige Konformität. Diese Massenideologie hat die Gesellschaft fest im Griff und beeinflusst jede Entscheidung und Wahl, die der Einzelne trifft, von großen politischen Urteilen bis hin zu den kleinsten persönlichen Entscheidungen. In diesem verzerrten Umfeld wird das öffentliche Bewusstsein nicht durch unabhängige individuelle Entscheidungen geprägt. Es ist vielmehr durch die Grenzen eines politisch korrekten Rahmens bestimmt – eine Sphäre künstlicher Konformität, der man sich nicht entziehen kann.

Wie viele Bomben wurden abgeworfen?

Verallgemeinert ließe sich sagen, Zensur fördert die Konformität der Bevölkerung und schafft ein dominierendes und kontrollierendes Feld des Mainstream-Bewusstseins. Sie ist so mächtig, dass sie Bewegungen, Verhaltensweisen und Handlungen diktiert und jene Sphären prägt, in denen Denken und Ausdruck überhaupt stattfinden können. Solche Sphären, insbesondere in den heutigen Mainstream-Medien, sind oft katastrophal, vom Standpunkt eines vernünftigen Diskurses aus betrachtet. Wir sehen die allgegenwärtige Verzerrung der Wahrheit, angetrieben von der Notwendigkeit, die Profite großer Konzerne und ihrer Eigentümer zu sichern, während die politischen Machthaber die grundlegendsten Fakten leugnen.

Die Daten zum Klimawandel beispielsweise sind von Regierungen und profitgetriebenen Interessengruppen konsequent unterdrückt worden. Ein anderes Beispiel ist meine Untersuchung zum Tod von Schulkindern während des Erdbebens in Sichuan im Jahr 2008.

Ich habe mich damit nicht an einem politischen Kampf beteiligt. Ich habe mich lediglich für die Achtung des Lebens eingesetzt und für die Weigerung zu vergessen, indem ich Transparenz über die Informationen gefordert habe. Es war eine äußerst gemäßigte Haltung, basierend auf dem Glauben, dass, erst wenn konkrete Zahlen auftauchen, die Öffentlichkeit damit beginnen kann, über solche außergewöhnlichen Ereignisse oder Phänomene nachzudenken.

Oder nehmen wir den Israel-Gaza-Konflikt: Wie viele Bomben wurden abgeworfen? Wie viele Journalisten wurden verletzt oder getötet? Diese Zahlen übersteigen häufig unsere Vorstellungskraft. Und doch ist die Angabe falscher Zahlen eine gängige Taktik von Staaten. Eine Flut verzerrter Informationen wird auf öffentliche Plattformen geschleust und erschwert den Menschen den Zugang zu korrekten Fakten. Letztlich führt dies viele Menschen dazu, das Streben nach Wahrheit ganz aufzugeben, weil objektive Fakten von Manipulation und Täuschung übertönt – oder gar ausgelöscht – werden. Dies schadet dem unabhängigen und kritischen Denken und untergräbt das Fundament von Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit in der modernen Zivilisation.

Zensur verhindert effektiv die öffentliche und gesellschaftliche Beteiligung. Sie unterdrückt die Fähigkeit der Öffentlichkeit infragezustellen, was geschehen ist und wie etwas geschehen ist. Diese Macht ist sowohl unsichtbar als auch allgegenwärtig. Sie raubt den Jungen ihre Unschuld und den Alten ihre Güte. Sie hält die Menschen davon ab, die Gerechtigkeit wertzuschätzen, und fördert stattdessen die Selbstsucht. Werte wie Anstrengung, Verantwortung und die Wahrung der Würde des Lebens werden durch Materialismus, durch flüchtiges Vergnügen und seichte Unterhaltung ersetzt.

Ai Weiwei

Ai Weiwei, geboren 1957 in Peking, gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Aufgrund seines Einsatzes für Menschenrechte wurde er 2011 in China kurzzeitig inhaftiert, bevor er 2015 nach Deutschland flüchtete, wo er eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin annahm. 2019 verließ er Deutschland wieder in Richtung London, heute wohnt er in Portugal. Sein letztes Buch trägt den Titel „1000 Jahre Freud und Leid“.
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