Semipermeable Skandale

Social Media
Today Testing (For derivative), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Aus den sozialen Netzwerken, die den Menschen einst Freiheit, Transparenz und Glück versprachen, sind brutale Demokratievernichtungsmaschinen geworden. Die radikalen Mächte aus In- und Ausland nutzen die destruktive Kraft von Social Media virtuos, um die demokratische Grundordnung in Deutschland abzuschaffen – während die deutsche Politik nur hilflos agiert oder vor sich hin dilettiert.

Philipp Jessen enthüllt in seinem Buch »Shitfluencer«, wie groß die Gefahr wirklich ist, die von Social Media für unsere Demokratie ausgeht. Er zeigt die gefährliche Unfähigkeit der deutschen Politik im Umgang mit den sozialen Netzwerken – und was jetzt sofort getan werden muss, damit die nächste Bundestagswahl nicht die letzte freie Wahl in diesem Land sein wird.

Die rechte Filterblase ist tot. Aber freuen kann man sich darüber nicht. Im Gegenteil. Denn zum einen hat es noch keiner der politischen und medialen Protagonisten so richtig bemerkt. Zumindest arbeiten sich alle Politiker und Journalisten mit digitalem Halbwissen (also leider fast alle …) nach wie vor öffentlich in allen Talkshows an der angeblichen rechten »Bubble« ab, volle Kraft voraus, als wäre sie der Endgegner in einem Videospiel. Doch zum anderen bemerken oder verstehen sie dabei nicht einmal im Ansatz, dass sie von etwas viel Gefährlicherem abgelöst worden ist: der semipermeablen Zelle.

Halb durchlässig

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Wer im Biologie-Unterricht ab der neunten Klasse wenigstens ein bisschen aufgepasst hat, weiß, was dieser Begriff bedeutet. Für alle anderen erkläre ich ihn nachfolgend noch mal kurz. »Semipermeabel« heißt so viel wie halb durchlässig. Im Falle einer Zelle mit einer semipermeablen Membran, also halb durchlässigen Zellwand, kann daher etwas von außen in die Zelle eindringen. Aber aus ihrem Inneren gelangt nichts nach außen. Das Ganze kann auch umgekehrt funktionieren. Dann gibt die Zelle etwas nach außen ab, aber es dringt nichts in sie ein. Das Wichtigste ist zu verstehen: Die Zellwand lässt nur in eine Richtung durch. Eine Seite bleibt gegen alle Einflüsse von außen geschützt. Sondert aber ihrerseits etwas auf die andere Seite ab. Kapiert? Demgegenüber isoliert eine Bubble zwei Räume vollständig voneinander. Selbst bei einer Luftblase ist die dünne Trennschicht für die gegensätzlichen Elemente (etwa Luft und Wasser) undurchlässig. Wird zu viel Druck ausgeübt, kann die Bubble platzen. Eine Zelle nicht.

Die rechte Filterblase auf Social Media galt und gilt vielen als Kern allen Übels. Dieser Gedanke ist unterkomplex und verkennt Diverses. Zusätzlich verwechselt er noch Symptom und Ursache. Denn die radikale Bubble ist ja nicht ursächlich aus sich selbst entstanden. Es gab keinen digitalen Urknall von rechts außen und dann war sie plötzlich da. Sie ist langsam gewachsen. Wie ein gefährliches und letales Krebsgeschwür. Gefüttert aus Frust über Medien und Politik und insbesondere deren Schulterschluss. Organe, die nur noch senden, aber nicht empfangen. Also nicht social sind. Die bewerten und abwerten, anstatt zu erklären, in der eigenen Realität abzuholen und echte Probleme pragmatisch und nachhaltig zu lösen. Die an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeiregieren. Gegen all das sind die Bubbles zu einem letzten Rückzugsraum geworden. Nicht (nur), um das eigene Weltbild bestätigt zu bekommen – dieses Phänomen der Selbstvergewisserung beobachtet man übrigens viel stärker in den NGO-, Aktivisten- und linken Bubbles –, sondern, dem gefühlten befohlenen und alternativlosen Weltbild von Politik und Medien zu entfliehen. Aus einer Realität, in der man sich nicht mehr gesehen fühlt. Die nur noch frustriert. »Wir kommen an die Menschen in ihren Bubbles nicht mehr ran!«, wird dann bei Markus Lanz geklagt. Nicken und Applaus folgen. Das stimmt sogar. Doch es ist, wie gesagt, noch viel, viel schlimmer: Wir kommen nicht mehr an diese Menschen ran – aber sie an uns!

Wichtiger, kurzer Einwurf: Wenn ich hier schreibe, dass Menschen sich aus Frust im digitalen Raum radikalisieren, meine ich nicht, dass die Mitte, Politik und Medien Schuld an jedem einzelnen Fall von Radikalisierung haben. Es gibt natürlich auch diesen schrecklichen Kern an Nazis, der schon immer für jede Vernunft, Empathie und Menschlichkeit verloren gewesen ist. Ich habe da für mich persönlich eine ganz einfache Herleitung entwickelt: Zehn Prozent Nazis wird es immer geben. Wahrscheinlich in jedem Land auf dieser Erde. In jedem Fall in Deutschland. Die kann man mit bestem Gewissen aus jedem demokratischen Diskurs exkludieren. Die braucht keiner. Die will keiner. Die sind verloren. Aber jetzt schauen wir auf die aktuellen Umfragewerte der AfD. Diese Rechts-außen-Partei liegt in Umfragen mittlerweile mit knapp dreißig Prozent an der Spitze. Und an all den potenziellen Wählern, die über die zehn Prozent Bio-Nazis hinausgehen, an denen sind wir schuld. Sie. Ich. Wir alle. Die haben wir vertrieben. Um es mit Elon Musk zu sagen: »Let that sink in!«

Inhaltlich wird auf Vorwürfe gar nicht mehr ernsthaft reagiert

Aber zurück zum Thema. Der Switch von der Filterblase zur semipermeablen Zelle hat insbesondere den Verlauf politischer Skandale sowie die daraus resultierende öffentliche Wahrnehmung und Meinungsbildung beeinflusst. Korruption und grobes Fehlverhalten der Protagonisten radikaler Parteien erreichen ihre Anhänger schlicht nicht mehr. Skandale, die sonst karrieregefährdend gewesen wären, dringen nicht durch die Membran. Die Absender sind einfach zu unglaubwürdig geworden, um die Hürde in den Köpfen und Herzen dieser Menschen zu nehmen. Denn die fortwährende Vertrauenskrise in die traditionellen Medien und in die Politik hat dazu geführt, dass die Glaubwürdigkeit der eigenen Time­line, des Kerns der Zelle, massiv gestiegen ist. Jeder Einfluss von außen prallt an ihr ab. Nachrichten und Informationen, die über soziale Netzwerke und persönliche Kontakte verbreitet werden, erscheinen als einzige relevante Primärquellen. Die Vierte Gewalt ist vom Zellkern abgelöst worden. Waren die Medien früher selbst die Gatekeeper, die entschieden und selektierten, welche News veröffentlicht werden, bekommen sie heute ihrerseits vom digitalen Türsteher ein dauerhaftes Hausverbot für die Köpfe und Herzen der Zellkernbewohner erteilt.

Die wenigen unter ihnen, die von solchen Skandalen überhaupt noch durch Zufall mitbekommen, prüfen die News nicht mehr ernsthaft auf ihren Wahrheitsgehalt, sondern empfinden sie proaktiv als schäbigen Angriff der korrupten Mainstream-Medien auf die richtige und gerechte Sache. Die Möglichkeit, dass das eigene Personal Dreck am Stecken haben könnte, wird gar nicht in Betracht gezogen. Stattdessen gilt die negative Berichterstattung als Beweis dafür, dass die Angegriffenen sich mit den Mächtigen angelegt haben – und die sie jetzt mit medialem Druck canceln und erlegen wollen. Trump hat es vorgemacht. Alice Weidel und ihre Schergen kopieren das Muster mit großer Lust. Inhaltlich wird auf Vorwürfe gar nicht mehr ernsthaft reagiert. Aber statt diese zu ignorieren, interpretieren die Sprachrohre der Partei jeden Angriff auf die Community als Ehrabzeichen um. Attacken verpuffen also nicht nur, sie werden umformatiert und dann als Treibstoff für das eigene Narrativ benutzt.

Aber in die andere Richtung – nach links, könnte man sagen – ist die Zellwand komplett durchlässig. Die rechten Narrative dringen mit großer Kraft und unbehandelt nach draußen. In die Mitte. Zu den noch-neutralen Menschen und Wählern.

News über kriminelle Migranten werden über Social so professionell und massenhaft verbreitet, dass der Algorithmus sie aufgrund ihrer Viralität und offensichtlichen Brisanz auch in die Timelines außerhalb der Zelle schwemmt.

Rechte Shitstorms gegen Personen, Institutionen, Medien und Bevölkerungsgruppen entwickeln zusätzlich oft eine solche Umlaufgeschwindigkeit, dass sie rein aufgrund ihres Charakters als Trending-Topic zum Gegenstand traditioneller Berichterstattung werden. So präsentieren die Medien ihren Zuschauern und Lesern die rechten Narrative ganz druck-frisch.

Menschen ohne gefestigte Meinung

Es geht aber auch direkt, ohne Umweg über einen Shitstorm. Per Einladung. Während die Protagonisten der demokratischen Mitte in den rechten Foren nicht frei und ungefiltert zu Wort kommen, werden AfD-Politiker in großen Wochenmagazinen portraitiert oder zu Interviews in die quotenstarken Nachrichtensendungen des ÖRR und als polarisierende Köpfe in Talkshows eingeladen. Hier können sie sich dann beim Klassenfeind, den Mainstream-Medien, die sie später sowieso alle abschaffen wollen, zur allerbesten Sendezeit einem Millionenpublikum präsentieren. Natürlich ganz hand-zahm. Damit möglichst viele Noch-Neutrale denken: »Na ja, so richtig unrecht haben die ja nicht …« Netter Nebeneffekt: Mit ein wenig Glück bringt man noch zwei vorher geskriptete Punchlines in der Sendung unter. Die werden später mit dramatischer Musik unterlegt, flott und mobiloptimiert zurechtgeschnitten – fertig sind die Clips und Reels, die man nach der Show kostenlos zurück in den Zellkern mitnehmen und dann über seine Social-Kanäle, die der Parteikollegen sowie die der Partei selbst millionenfach verbreiten kann. (»Dr. Weidel geigt Markus Lanz die Meinung! ÖRR-Clown baff!!!«) Während Politiker der Mitte in den Talkshows nur ihr Publikum erreichen, dringen die Rechten so zu beiden Seiten der Membran durch. Man könnte es analoge Dark Ads nennen. Oder schlicht »2 for 1«.

Rechte Pseudo-News-Seiten werden von den liberalen Medien zitiert, wenn sich zwischen Hass und Meinung auch mal eine exklusive Nachricht findet. Spoiler: Die dreht sich natürlich immer um einen Skandal auf der demokratischen Seite der Zelle. Besonders gern werden interne Affären der traditionellen Medien thematisiert, um den Vertrauensverlust in diese weiter zu befeuern. Die Rechten sind klug genug, um zu wissen: Je tiefer die anderen fallen, desto höher steigen sie selbst in der Reichweite, Reputation und Wahrnehmung der Noch-Neutralen. Skandale, von traditionellen Medien aufgedeckt oder recherchiert, die die Helden der eigenen Peergroup und Zielgruppe betreffen, werden natürlich entweder gar nicht übernommen oder journalistisch so geframed und bearbeitet, bis sie, siehe oben, als durchsichtiger Angriff der Eliten, der Medien oder des kaputten Politikbetriebs auf einen mutigen Vertreter der »richtigen« Sache oder gleich als monströse Attacke auf die Meinungsfreiheit insgesamt erscheinen. Suchen Sie sich etwas aus. Gleiches passiert bei kritischer Berichterstattung über die Arbeitsweise und Protagonisten der rechten Blogs selbst. Solche Artikel werden dann direkt publizistisch volley genommen. Umgehend und reflexartig zur Hexenjagd auf die letzten aufrechten Journalisten des Landes umgedichtet, die sich noch »trauen zu sagen, was ist«, und eben »nicht mit den Mächtigen kuscheln«. Das Schlimme: Die rechten Pseudojournalisten glauben sich ihre Heldensagen mittlerweile selbst.

Die semipermeable Super-Zelle hat sich Trump, der jeden Social-Trend intuitiv als Erster erkennt und für sich nutzt, mit seinem eigenen sozialen Netzwerk – das genialerweise den Namen »Truth Social« trägt – geschaffen. Hier kann er seinem Kern an Followern vollkommen ungestört vor Kritik außerhalb der MAGA-Community predigen. Seine Postings, Ansagen und Wutanfälle werden allerdings immer von den traditionellen Medien wie CNN aus dem Zellkern entnommen – und vor einem Millionenpublikum außerhalb zitiert und verbreitet.

Die semipermeablen Zellen sind ein existenzielles Problem für unseren Diskurs und die Demokratie. Ihr Gift dringt durch ihre Membran nach außen. Aber die demokratische Mitte stößt nicht mehr in den Zellkern vor. Macht man sogenannte Sentiment-Analysen, in denen man Millionen Datenpunkte im Netz auswertet, um die Stimmung zu bestimmten Themen zu filtern, kommt eigentlich stets das Gleiche heraus: Egal, ob zu Politik, Modelabels oder Prominenten – die große Masse ist fast immer neutral. Das hängt schlicht damit zusammen, dass die meisten Menschen keine gefestigte Meinung zu einem gegebenen Thema außerhalb ihrer unmittelbaren Lebensrealität, ihren Interessen oder ihrer Expertise haben. Entsprechend ist es brandgefährlich, dass die Radikalen die meinungsbildenden sozialen Netzwerke dominieren. Die Noch-Neutralen übernehmen inhaltlich meist das Erste, was ihnen von ihrer Peergroup in die Timelines gespült wird. Und das sind mit steigender Mehrheit die Contents aus dem Zellkern. Also wächst und wuchert die Zelle stark nach rechts. Mitten in die demokratische Zivilgesellschaft hinein. In die noch-neutrale Mitte. So lange, bis die radikale Zelle bald kein Außen mehr hat, sondern nur noch aus dem radikalen Zellkern besteht – der Deutschlands Demokratie wie ein schwarzes Loch verschlucken wird.

Philipp Jessen

Philipp Jessen, geboren 1977 in Hamburg, ist eine herausragende Persönlichkeit in der deutschen Medien- und Kommunikationsbranche. Seine Karriere als Chefredakteur führte ihn durch verschiedene einflussreiche Redaktionen wie unter anderem die der „Bravo“, der „Gala“ und des „Stern“. Im Jahr 2017 vollzog Jessen den Wechsel vom Journalismus zur Unternehmenskommunikation und gründete zusammen mit Kai Diekmann und Michael Mronz die Agentur Storymachine. Als Gründer und CEO hat er Storymachine zu einer der führenden Social Media und PR-Agenturen Deutschlands aufgebaut. Darüber hinaus hat Philipp Jessen zwei Romane veröffentlicht: „Einarmig unter Blinden“ (2003) und „Wellenreise“ (2006).
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Ein Kommentar

  1. Bravo, Gala und Stern. und dann noch was mit dem Diekmann und ne Propagandabude gegründet. Den Artikel hätte Overton sich ohne Verluste sparen können….

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