Sachbücher des Monats: September 2022

 

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung präsentiert von DieWelt/Neue Züricher Zeitung/RBB/ORF

  1. Benjamin Lahusen: »Der Dienstbetrieb ist nicht gestört«. Die Deutschen und ihre Justiz 1943-1948

C.H. Beck Verlag, 384 Seiten, € 34,00

Ganz normal: Kaum beirrt von Bombenkrieg, Kapitulation und alliierter Besatzung liefen Gerichtsverfahren vor und nach 1945 einfach weiter, mit denselben Akteuren, nach den gleichen Regeln. Benjamin Lahusen deckt in seiner fulminanten Studie unheimliche Kontinuitäten der deutschen Justiz auf und zeichnet so das eindringliche Bild einer Gesellschaft, die den großen Einschnitt so klein wie möglich hielt. Stuttgart, im September 1944: Das Justizgebäude wird durch neun Sprengbomben und zahlreiche Brandbomben weitgehend zerstört, doch stolz meldet der Generalstaatsanwalt, dass bereits am nächsten Morgen «noch in den Rauchschwaden … eine Reihe von Strafverhandlungen durchgeführt» wurden.

  1. Markus Brauckmann/Gregor Schöllgen: München 72. Ein deutscher Sommer

DVA, 368 Seiten, € 25,00

Die zweiten Olympischen Sommerspiele auf deutschem Boden sind das erste Weltereignis in der Bundesrepublik: München 72 bietet die einmalige Chance, das moderne Deutschland vorzuzeigen. Für die Bundesbürger ist Olympia, was für die Amerikaner die Mondlandung war – ein Aufbruch in eine neue Zeit, dem die ganze Nation entgegenfiebert. Es ist ihr deutscher »Summer of Love«. »München 72« erzählt die Geschichte und Geschichten hinter dem Sportfest. Von Deutschland West und Ost, von »Willy wählen« und alltäglichem Rassismus, von Mode und Musik, von Aufklärung und Sex. Von Frieden und Krieg – und vom Terroranschlag auf die israelische Mannschaft, der über Nacht die Erinnerung an Berlin 1936, die ersten Olympischen Spiele auf deutschem Boden, wachrief.

  1. Wolfgang Bauer: Am Ende der Straße

Suhrkamp Verlag, 399 Seiten, € 25,00

Die afghanische Ring Road. Eine Straße, die real existiert und dennoch ein Mysterium ist. Der 3200 Kilometer lange kreisförmige Highway verbindet die wichtigsten Städte des Landes. Er versprach Einheit und Aufschwung. Seit sechzig Jahren wird an ihm gebaut, doch fertig ist er noch immer nicht. Korruption und Misswirtschaft haben riesige Summen verschlungen. Nach dem Einmarsch der westlichen Truppen wurde die Straße zu einem blutigen Schlachtfeld. Nach dem Fall Kabuls kehrt Wolfgang Bauer noch einmal zurück. Er bereist die Ring Road, sucht Orte auf, die er in den letzten 20 Jahren besucht hat – und geht der Frage nach: Warum ist der Westen in Afghanistan gescheitert? Was hat dieses Scheitern mit der milliardenschweren Entwicklungshilfe zu tun? Und wie geht es weiter? Seine Reportage ist eine Parabel über Hoffnung und Scheitern am Hindukusch.

  1. Rebecca Solnit: Orwells Rosen

Rowohlt Verlag, 352 Seiten, 24,00€ – Übersetzt von Michaela Grabinger

«Neben meiner Arbeit interessiert mich am meisten das Gärtnern», schrieb George Orwell 1940. Mit Erstaunen erkennt Rebecca Solnit nach einem Besuch im Garten von Orwell, wo seine Rosen noch heute blühen, dass es die Natur war, die Orwell Kraft gab, unermüdlich anzuschreiben gegen Faschismus und Totalitarismus.
Die Verquickungen von Macht und Schönheit führen Rebecca Solnit aus Orwells Garten zu den drängenden Fragen unserer Gegenwart, die sie bereits in den dreißiger Jahren angelegt sieht. Sie findet koloniale Hinterlassenschaften in Blumengärten, erkennt in Stalin mit seiner Besessenheit, Zitronen am Polarkreis züchten zu wollen, einen Vorläufer der «Klimaskeptiker» und sieht in der Rosenindustrie ein Paradebeispiel globalisierter Ausbeutung.

5. Irina Rastorgueva: Das Russalndsimulakrum. Kleine Kulturgeschichte des politischen Protests in Russland

Matthes & Seitz Verlag,  276 Seiten, 20,00 €

»Nichts in Putins Russland ist echt«, egal, was man anfasst. Hier sind Wahlen nur eine Simulation, und Proteste nur ein Vorwand für Repressionen. Und die Vergangenheit Russlands ist noch unbekannter als seine Zukunft. Die Dramaturgin und Essaystin Irina Rostorgueva erzählt in diesem mit großer Intensität verfassten Essay Fakten und Geschichten über die unmögliche und doch sehr lebendige, aktuelle russische Opposition. Sie benennt und
beschreibt den parlamentarischen Unterdrückungsapparat, erfundene Fälle und Prozesse, politische Satire, Internet-Trolle und Guerillakrieg. Die absurde, kafkaeske und dystopische russische Realität stellt sie damit ins grelle Licht der Reflexion und wirft einen Blick hinter die endlose Produktion von Fassaden, Schildern und Etiketten: Dahinter herrscht verzweifelte Leere.

6. Scott Weidensaul: Auf Schwingen um die Welt. Die globale Odyssey der Zugvögel

hanserblau, 400 Seiten, 26,00 € – Übersetzt von Sebastian Vogel

In den letzten zwanzig Jahren ist unser Wissen über Zugvögel sprunghaft gewachsen. In seinem elegant erzählten Meisterwerk zeigt der preisgekrönte Autor und Ornithologe Scott Weidensaul, dass wir mehr über die Lebewesen auf Erden verstehen, wenn wir uns mit dem Naturwunder über unseren Köpfen beschäftigen. Und wie wir trotz Klimawandel unsere fragilen Ökosysteme schützen können. Milliarden Vögel umrunden jedes Jahr die Erdkugel. Der spatzgroße Strandläufer fliegt ohne Halt von Kanada nach Venezuela – das entspricht 126 aufeinanderfolgenden Marathons ohne Nahrung, Wasser oder Schlaf. Dabei orientiert er sich mittels Quantenverschränkung.

  1. Ben Wilson: Metropolen. Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten.

S.Fischer Verlag, 574 Seiten, 34,00€ – Übersetzt von Irmengard Gabler

Wie kommt es, dass heute die Hälfte der Menschheit in Städten lebt? Der Historiker Ben Wilson spannt einen faszinierenden Bogen von der Urgeschichte in die Zukunft, um diese Frage zu beantworten. Seine Reise beginnt 4.000 v. Chr. in Uruk, verläuft über die Zentren der antiken Welt Babylon, Athen und Rom, führt u. a. über Bagdad und Lübeck nach London, Paris, New York und Warschau und endet in Los Angeles und Lagos. Jede Stadt steht für einen bestimmten Aspekt, Lübeck etwa für Handel, Warschau für Zerstörung durch Krieg, Lagos für die Megacity der Zukunft.

  1. Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters

DuMont, 192 Seiten, 22,00€

Im Sommer 2018 kommt der Vater von Andreas Schäfer zu Besuch nach Berlin. Kurz zuvor hat er erfahren, dass ein vor langer Zeit überwundener Krebs zurückgekehrt ist, doch Beschwerden hat er keine. Er geht in die Oper, unternimmt einen Ausflug ans Meer, sitzt auf dem Sofa des Sohnes und sagt verwundert: »Dass da was ist!« Aber was? Was ist da im Kopf des Vaters? Er fährt nach Frankfurt zurück, wo er seit der Trennung von der griechischen Mutter vor Jahrzehnten allein lebt. Auch zur Biopsie geht er allein, als wollte er sein Einzelkämpferleben erst im letztmöglichen Moment aufgeben. Am Tag der Untersuchung meldet sich der Oberarzt der Neurochirurgie und teilt dem Sohn mit, dass der Vater eine Hirnblutung erlitten habe: »Ihr Vater wird sterben«, sagt er.

  1. Antonia Rados: Afghanistan von innen. Wie der Fireden verspielt wurde

Christian Brandstätter Verlag, 374 Seiten, € 25,00

Die vielfach ausgezeichnete Auslandsreporterin Antonia Rados bereist seit über 40 Jahren Afghanistan. Sie war mittendrin: von der Zeit der sowjetischen Besatzung über den Bürgerkrieg zwischen Milizen und der ersten Herrschaft der Taliban bis zum „Krieg gegen den Terror“ und dem westlichen Einsatz ab 2001. Auf dutzenden Reisen erkundete sie Hintergründe und Vorgänge, die im Westen oft verborgen bleiben, sprach mit Kriegsherren, Stammesführern und Präsidenten, übernachtete bei afghanischen Familien und erlebte Gastfreundschaft ebenso wie Angst vor Entführungen.

  1. Robert Misik: Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution

Suhrkamp Verlag, 284 Seiten, € 18,00

Konventionen zertrümmern, Wahrnehmung revolutionieren, Neues imaginieren – das war der Geist der radikalen Moderne. Bert Brecht sprach vom großen Beginnergefühl. Heute scheint jeder utopische Optimismus verflogen – ist es damit ein für alle Mal vorbei? »Keineswegs!«, hält Robert Misik solchen Abgesängen entgegen. Er unternimmt einen Parforceritt durch 200 Jahre linke Kunst: von Heinrich Heine bis Elfriede Jelinek, von Patti Smith bis Soap & Skin, vom Bauhaus bis zum Gemeindebau. Das Aufbegehren gegen das Überholte und die Revolutionierung der Stile sind auch heute die große Aufgabe der Kunst, genauso wie Exzess und Intensität. »Ändere die Welt, sie braucht es«, sagt Misik mit dem alten BB. Er skizziert ein ästhetisches Programm jenseits von Kommerz, Entertainment und dem ewig schon Dagewesenen.

Besondere Empfehlung des Monats September: Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann (Prof. em. für Philosophie Uni Wien):

Thomas Macho: Warum wir Tiere essen

Molden Verlag, 128 Seiten, € 22,00

Schon der Titel dieses schmalen, eleganten Buches verblüfft: In der Regel erwarten wir, geht es um Ernährungsfragen, eher die Frage, ob wir Tiere überhaupt noch verspeisen dürfen. Thomas Macho geht schlicht von dem Faktum eines steigenden globalen Fleischkonsums aus, und fragt danach, warum dies so ist. Seine Antwort ist so einfach wie erstaunlich: Weil wir Tiere sind. Und manche Tiere ernähren sich eben von anderen Tieren. Die moderne These, dass der Mensch sich keine Sonderstellung anmaßen darf, gewinnt damit eine besondere Pointe. Mit der Überlegung, dass der Mensch in seiner Evolution ursprünglich allerdings nicht der Jäger, sondern der von anderen Tieren Gejagte war, und dass sich dies tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben hat, eröffnet Macho eine kulturgeschichtliche Perspektive auf das Verhältnis von Tier und Mensch, die spannend und überdies ungemein lehrreich ist. Allein die Reflexionen über fundamentale Hungererfahrungen und modische Askese lohnen die Lektüre. Der Essay schließt mit dem nüchternen, völlig unideologisch vorgetragenen Hinweis, dass wir viele Wege beschreiten müssen, um eine aus guten Gründen anzustrebende Reduktion des Fleischverzehrs zu erreichen. Der Vorschlag, nur noch jene Tiere zu essen, die man selbst getötet hat, macht schlagartig klar, dass wir uns Tiere auch deshalb einverleiben, weil wir angesichts der appetitlich präparierten Fleischstücke im Supermarkt kaum noch mitbekommen, dass dafür Lebewesen sterben mussten.  (Konrad Paul Liessmann)


Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Manon Bischoff, Spektrum der Wissenschaft; Natascha Freundel, RBB-Kultur; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Uni Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, The New Institute, Hamburg; Marianna Lieder, Freie Kritikerin, Berlin; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Uni Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich.

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6 Kommentare

  1. „Das Russalndsimulakrum. Kleine Kulturgeschichte des politischen Protests in Russland“ Dieses Buch hat das Potential zum Piloten einer Serie zu werden – ‚Das usa-Simulakrum‘; ‚Das EU-Simulakrum‘; ‚Das Deutschland-Simulakrum‘; ‚Das Demokratie-Simulakrum‘; ‚Das Bürgertum, der Kapitalismus – kein Simulakrum‘

  2. „der Dienstbetrieb ist nicht gestört“, spontan sehe ich die vergangenen 3 Jahre. Die da oben führen krieg und der Dienstbetrieb soll ohne Störungen weiter laufen und ja nicht meckern, „die gerichtliche Aufsicht“ sorgt schon dafür…

  3. 5. Irina Rastorgueva: Das Russalndsimulakrum. Kleine Kulturgeschichte des politischen Protests in Russland

    „Nichts in Putins Russland ist echt«, egal, was man anfasst. Hier sind Wahlen nur eine Simulation…“

    Was soll das hier bei Overton werden?
    TP im Früstadium?
    Die Autoren hat ’s ja schon….

  4. Das Russlandsimulakrum: Vor allem sind (oder waren) die prowestlichen Teile der russischen Opposition ein vom Westen finanziertes Simulakrum. Prominentestes Beispiel: Nawalny

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