Sachbücher des Monats: August 2022

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung präsentiert von DieWelt/Neue Züricher Zeitung/RBB/ORF

 

  1. Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen

Suhrkamp Verlag, 368 Seiten, € 28,00

Wer in Geschichten verstrickt ist, lebt intensiver – ich erzähle, also bin ich. Doch nicht nur das eigene Leben wird als Narration prägnanter. Mittels Erzählungen gelingt es uns auch, die Erfahrungen eines einzelnen Menschen zu solchen von vielen anderen zu machen. Dazu müssen unsere Gehirne und die Weisen, wie wir Geschichten erzählen, aufeinander abgestimmt sein. Doch wie genau geschieht das? Fritz Breithaupts brillantes Buch unternimmt eine Neubestimmung des Menschen als narratives Wesen, das sich durch Erzählungen in der Welt verankert.

  1. Rainer Herrn: Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933

Suhrkamp Verlag, 681 Seiten, € 36,00

Als Magnus Hirschfeld 1919 sein Institut im Berliner Tiergarten eröffnete, schien der jungen Disziplin der Sexualwissenschaft die Zukunft zu gehören. Die umfangreiche Bibliothek, die vielfältigen Sammlungen, Beratungs- und Therapieangebote lockten Patienten und Besucherinnen aus der ganzen Welt an. Menschen aller Schichten konnten sich vor Ort über Empfängnisverhütung oder den Schutz vor Geschlechtskrankheiten informieren. Doch das Institut sollte lange die einzige Einrichtung mit dem Ziel bleiben, das Thema Sexualität in seiner ganzen Breite zu behandeln. Hirschfeld und seine Mitarbeiter waren dabei stets Anfeindungen durch politische und wissenschaftliche Gegner ausgesetzt, die 1933 in der Plünderung des Instituts durch die Nationalsozialisten und seiner Schließung mündeten.

  1. Laurence C. Smith: Weltgeschichte der Flüsse.

Siedler Verlag, 448 Seiten, € 26,00 – Übersetzt von Jürgen Schröder.

Flüsse haben, mehr als jede Straße oder Technologie, den Lauf unserer Zivilisation geprägt. Sie haben Entdeckern neue Wege eröffnet, sie bilden und überwinden Grenzen, ermöglichen Handel, stellen Energie bereit und ernähren Millionen. Die meisten Großstädte wurden an Ufern von Flüssen gegründet. Auch wenn ihr Lauf heute meist eingehegt ist, bleiben die Ströme in Zeiten von Klimawandel und Wasserknappheit eine machtvolle globale Kraft: Ihre weitverzweigten Arterien spenden Leben, können aber ebenso alles zerstören, was ihnen im Weg ist. In seiner glänzend geschriebenen Weltgeschichte der großen Flüsse seit der Antike lenkt der Umwelt- und Geowissenschaftler Laurence Smith erstmals unseren Blick auf eine gemeinhin unterschätzte kulturbildende Naturkraft

  1. Michael Leiris: Phantom Afrika (von Dakar bis Djibouti 1931-1933)

Verlag Matthes & Seitz Berlin, 967 Seiten, 68,00€ – Irene Albers (Hg.) Durchgesehene und erweiterte Neuausgabe. Mit einem Nachwort von Hans-Jürgen Heinrichs – Übersetzt von Rolf Wintermeyer und Tim Trzaskalik.

Michel Leiris wird gerade wieder neu entdeckt: als Kronzeuge kolonialer Raubkunst. Tatsächlich wird man kaum einen Autor finden, der die fragwürdigen Praktiken bei der Aneignung von Objekten durch Ethnografen in Afrika – Rettung durch Raub – so freimütig aus der Täterperspektive schildert. Die Ethnologen haben ihn nach diesen Enthüllungen zuerst als unseriösen »Literaten« verunglimpft, um Phantom Afrika (1934) später zum Vorbild für eine experimentelle Ethnografie in der ersten Person zu erklären. Aus heutiger Sicht bietet das von Surrealismus und Psychoanalyse inspirierte Tagebuch des Sekretärs der legendären, staatlich finanzierten Forschungs- und Sammlungsreise von Dakar nach Djibouti (1931-1933), der ersten und größten dieser Art, vielleicht noch grundlegendere Einsichten in die Paradoxien der Feldforschung im kolonialen Zeitalter.

 

5. Anne Cheng: Geschichte des chinesischen Denkens.  

Felix Meiner Verlag, 628 Seiten, 78,00 € – Übersetzt von Ulrich Forderer

Als die »Histoire de la pensée chinoise« 1997 auf Französisch erschien, setzte sie sogleich Maßstäbe für eine schlüssige und zugleich umsichtige Darstellung der in der westlichen Philosophie oft nur bruchstückhaft bekannten, geschweige denn rezipierten chinesischen Philosophiegeschichte. Das Buch setzt ein mit der archaischen Kultur der Shang und Zhou im 2. Jahrtausend v. Chr. und behandelt in sechs Teilen die antiken Grundlagen des chinesischen Denkens (Konfuzius, Mòzi), die Zeit der Streitenden Reiche (Zhuangzi, Menzius, Laozi, Xúnzi, Legisten und kosmologisches Denken), die geistige Erneuerung während der Hàn­Dynastie, die buddhistische Umwälzung und anschließende Integration des Buddhismus in China, die Philosophie in der Zeit der Sòng­ und der Míng­Dynastien und schließlich die Entstehung des modernen Denkens. Auch wenn Cheng sich an den bekannten Schulen und Traditionslinien orientiert, berücksichtigt sie stets die Problematik, dass diese Schulen sich ihrem Selbstverständnis nach oft keiner Tradition zuordneten und Philosophiegeschichtsschreibung meist im Nachhinein konstruiert ist.

 

6. Armin Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Menschzu sein …Antworten eines Verhaltensökonomen

Siedler Verlag, 334 Seiten, 24,00 €

Würden Sie für 100 Euro ein Leben retten? Die Antwort scheint klar, denn wollen wir Menschen nicht immer das Gute? Doch zeigt Armin Falk, Deutschlands führender Verhaltensökonom, dass wir oft das Gute wollen und es dann doch nicht tun – wir sind viel weniger gut, als wir denken. Was hindert uns daran, uns jeden Tag anständig zu verhalten: Endlich auf Ökostrom umstellen, keine Plastikbecher mehr nutzen, für Bedürftige spenden, das Klima schützen oder das Tierwohl achten? An vielen konkreten Beispielen und auf der Basis langjähriger eigener Studien zeigt uns der Leibniz-Preisträger, unter welchen Umständen sich Menschen moralisch verhalten und wann nicht. Wieviel Einfluss haben die Persönlichkeit, das Geschlecht, die Erziehung, die Kultur? Wenn wir das verstehen, wird es uns leichter fallen, nicht nur uns selbst zu verändern – sondern auch die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

  1. Ines Geipel: Schöner neuer Himmel

Verlag Klett-Cotta, 288 Seiten, 24,00€

Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen »Körper mit optimaler Normierung« zu kreieren, wurde ab den 70er Jahren im Osten in hochgeheimen Laboren geforscht. Was surreal klingt, findet sich belegt in den Akten des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material dieses Staatstraumas gemacht wurden. Eine dichte Erzählung, die ein scharfes Licht auf ein bislang ausgeblendetes Erbe der DDR wirft – und eine Zeitdiagnose über entgrenzte Körperforschung.
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  1. Astrid M. Eckert: Zonenrandgebiet – Westdeutschland und der eiserne Vorhang

Verlag Ch. Links Verlag, 560 Seiten, 30,00€

Wie wirkte die innerdeutsche Grenze auf den Westen?
Das »Zonenrandgebiet« – entstanden mit der deutschenTeilung, verschwunden mit der Wiedervereinigung. Dieser 40 Kilometer breite Gebietsstreifen, der sich entlang der innerdeutschen Grenze von der Lübecker Bucht bis nach Bayern erstreckte, war die sensibelste Region der alten Bundesrepublik. Er hinkte dem »Wirtschaftswunder« hinterher, sollte aber zugleich im ideologischen Konflikt mit der DDR als Schaufenster die Vorzüge des bundesdeutschen Systems veranschaulichen. Hier wird seine Geschichte zum ersten Mal erzählt.

  1. Franziska Davies / Katja Makhotina: Offene Wunden Osteuropas – Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten WeltkrigsS

Verlag wbg Theiss, 286 Seiten, € 28,00

Unsere Welt ist auf Sand gebaut, denn als Grundstoff von Beton steckt Sand in fast allen Gebäuden und Straßen. Auch für die Produktion von Computerchips, Papier und Zahnpasta ist er notwendig. Sand ermöglicht unseren heutigen Lebensstil, daher ist er in geeigneter Qualität längst Mangelware – und die Redewendung „wie Sand am Meer“ irreführend. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Vince Beiser nimmt uns mit in das Reich des Sandes, zu seinen Quellen, Einsatzmöglichkeiten und zu den Konflikten um seine Förderung. Er erzählt die fesselnde Geschichte eines Stoffes, ohne den unser modernes Leben nicht möglich wäre – und zeigt auf, was uns droht, wenn er ausgeht.

  1. Anna Sauerbrey: Machtwechsel – Wie eine neue Politikergeneration das Land verändert hat

Verlag Rowohlt Berlin, 320 Seiten, € 22,00

Mit der Amtszeit von Angela Merkel ist eine Ära zu Ende gegangen – doch wer hat sie beerbt? Eine neue Generation hat die Bühne betreten und mit ihr ein neuer Politikertyp: charismatische Politikunternehmer, Individualisten, Dauer-Digitale, Sneaker-Träger. Auf den ersten Blick leger, inhaltlich nicht festgelegt, scheinbar ideologiefrei, strategisch versiert, über Parteigrenzen hinweg befreundet und für ungewöhnliche Bündnisse offen – und doch (oder gerade deswegen) so authentisch, dass ihnen die Wähler vertrauen. Doch was ist das für ein neuer Politikstil, und was bedeutet er für unsere Demokratie?
Anna Sauerbrey begleitet Politikerinnen und Politiker der neuen Generation, die schon jetzt entscheidende Weichen stellen: Annalena Baerbock, Robert Habeck, Christian Lindner, Paul Ziemiak, Jens Spahn, Dorothee Bär, Kevin Kühnert und andere mehr. Sie erklärt, was diese Individualisten antreibt, was sie verbindet und was sie trennt; welche Bündnisse in Hinterzimmern geschmiedet werden und wo rote Linien verlaufen.

Besondere Empfehlung des Monats August: Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger (Rektorin des Wissenschaftskollegs, Berlin):

Peter Greimer: Die Farben der Vergangenheit – Wie Geschichte zu Bildern wird

Verlag CH. Beck, 304 Seiten, € 38,00

Bilder machen Geschichte. Historienmalerei und Schlachtenpanoramen, Fotografien, Filme und digitale Animationen – bildliche Medien erwecken eine Illusion der Unmittelbarkeit, so als könnte man die Vergangenheit selbst wieder zum Leben erwecken. Aber: „Die Vergangenheit ist unbeobachtbar.“ Der Berliner Kunsthistoriker Peter Geimer beschreibt präzise und mit souveräner Kennerschaft, wie die technische Entwicklung der Bildmedien den täuschenden Eindruck erzeugt hat, als ob die Differenz zwischen Gegenwart und Vergangenheit überwindbar wäre. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Fotografie, deren Detailgenauigkeit sich die Historienmaler des 19. Jahrhunderts zum Vorbild nahmen und deren scheinbare Authentizität durch Kolorierung noch dramatisch gesteigert wurde. Die Leserin lernt, mit welchen Mitteln Bilder ihre unheimliche Verführungskraft entfalten – und ist vielleicht ein wenig mehr dagegen gewappnet. (Barbara Stollberg-Rilinger)


Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Manon Bischoff, Spektrum der Wissenschaft; Kirstin Breitenfellner, Falter, Wien; Natascha Freundel, RBB-Kultur; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Prof. Dr. Wolfgang Hagen, Leuphana Universität Lüneburg; Knud von Harbou, Publizist und Autor, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, The New Institute, Hamburg; Marianna Lieder, Freie Kritikerin, Berlin; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, Telepolis; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Uni Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel,

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2 Kommentare

  1. Anna Sauerbrey: Machtwechsel – Wie eine neue Politikergeneration das Land verändert hat

    Könnte ein interessantes Buch sein, dürfte aber sehr wahrscheinlich nur ein reines Ärgernis sein.
    Der Klappentext deutet eine absurd unkritische Sicht dieser Leute, die gerade das Land ruinieren und in das Leben der Bürger auf unfassbar dumme Art und Weise zu deren eindeutigem Nachteil hinein pfuschen.
    Und das Ganze unzter Berufung auf „Moral“?

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