
Wie wirtschaftliche Eliten öffentliche Meinung und Arbeitswelt ideologisch formen, um politische und soziale Kontrolle zu sichern. Eine Analyse der engen Verbindung zwischen Unternehmen, PR und Sozialwissenschaften im Kampf gegen Kritik am Kapitalismus.
Alex Carey zeigt in seinem grundlegenden Buch „Demokratie ohne Risiko“, wie Unternehmen, PR-Agenturen und politische Eliten die öffentliche Meinung systematisch manipulieren, um ihre Interessen durchzusetzen. Ein Auszug.
Von den 1940er- bis zu den 1970er-Jahren waren Theorie und Forschung zur Motivation und zum Verhalten von Arbeitnehmern in den USA von einer einzigen und umfassenden Denkweise und Praxis dominiert. Bis etwa 1955 war diese Bewegung als »Human Relations«-Schule bekannt. In ihren früheren Phasen wurde sie insbesondere mit den Hawthorne-Studien, Elton Mayo, George Homans sowie Roethlisberger und Dickson in Verbindung gebracht; in ihren späteren Phasen brachte man sie mit Kurt Lewin und seinen Schülern in Verbindung. Seit etwa 1955 weitete sich diese Strömung aus, änderte bestimmte Schwerpunkte und wurde zunächst in »Neo-Human Relations« und später in »Human Resources« umbenannt. Douglas McGregor, Frederick Herzberg und M. Scott Myers gehörten zu den führenden Vertretern dieser modernen Revision der Schule der »menschlichen Beziehungen«.
Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, weist die gesamte sich von Mayo bis Myers erstreckende Tradition drei Merkmale von besonderem Interesse auf:
Sie hat ohne Unterlass Theorien und »Beweise« hervorgebracht, die angeblich zeigen, dass die Motivation und das Verhalten von Industriearbeitern in erster Linie durch etwas anderes als monetäre und materielle Vergütung beeinflusst werden (zum Beispiel durch soziale Zufriedenheit, Ego-Befriedigung, »kreative« oder »selbstverwirklichende« Belohnungen und so weiter).
Die Studien oder Experimente, von denen behauptet wird, dass sie diese Schlussfolgerungen über die relative Unwichtigkeit monetärer Entlohnung von Arbeitnehmern untermauern, sind öfters zu »Klassikern« geworden und haben in der Wirtschaft und in der akademischen Welt Ruhm und Einfluss erlangt.
Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch immer wieder heraus, dass die tatsächlichen Ergebnisse der klassischen Studien zu dieser Lehrmeinung die inzwischen berühmt gewordenen Schlussfolgerungen nicht stützen, sondern ihnen sogar widersprechen.
Angesichts der Kontinuität dieser Diskrepanz zwischen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen innerhalb dieser 50-jährigen Forschungstradition und der breiten Anerkennung, die ihr zuteilwurde, stellt sich die Frage, welchen anderen als wissenschaftlichen Zwecken diese Arbeit (wissentlich oder unwissentlich) dienen könnte. Dieses Kapitel bietet eine Einführung in die Arbeit und die politische Rolle der Human-Relations-Schule in Amerika, insbesondere seit 1945.
Hintergrund
Das Wesen der Beziehung zwischen Ökonomie und Sozialwissenschaften ließe sich dahingehend zusammenfassen, dass das Ziel eines Großteils der angewandten Sozialwissenschaften, die mit der Wirtschaft in Verbindung stehen, darin besteht, dazu beizutragen, dass die politische Demokratie so risikofrei wie möglich bleibt.
In Demokratien ist die politische, aber auch die wirtschaftliche Macht von der öffentlichen Meinung abhängig. Man kann dies noch konkreter ausdrücken. In den westlichen Gesellschaften findet die Überzeugung, dass die kapitalistische Wirtschaft ausbeuterisch ist, von Zeit zu Zeit breite Zustimmung in der Bevölkerung. Insbesondere wird geltend gemacht, dass Unternehmen und Industrie von Macht- und Profiterwägungen geleitet werden und dabei wichtige soziale und menschliche Belange vernachlässigen. Wo diese Überzeugung vorherrscht, gibt es eine breite Basis für höhere Unternehmenssteuern und viele andere von den Wirtschaftsführern unerwünschte gesetzgeberische Eingriffe. Selbstredend wird ein solcher Zustand der öffentlichen Meinung von den Führern unseres »Systems der freien Marktwirtschaft« (Robinson) als höchst bedrohlich angesehen. Zumindest in den USA steht dann derart viel auf dem Spiel, dass praktisch unbegrenzte Mittel bereitgestellt werden, um der gefühlten Bedrohung durch die breite Öffentlichkeit zu begegnen. An dieser Stelle kommen diverse Sozialwissenschaftler ins Spiel: Meinungsforscher, Experten für Gruppendynamik, für Einstellungsänderungen, für Werbung, für das »Verkaufen« von Ideen – Experten also für demokratische Propaganda.
Wie aus der nachstehenden Abbildung hervorgeht, gab es in den letzten drei oder vier Jahrzehnten zwei Situationen, in denen sich die amerikanische Wirtschaft (und in geringerem Maße auch die britische und australische) durch die negative öffentliche Meinung besonders bedroht fühlte: das erste Mal unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, das zweite Mal ab 1968. Die Abbildung zeigt den Prozentsatz der zustimmenden Antworten auf die Frage: »Schafft die Wirtschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gewinn und Dienst an der Öffentlichkeit?«
In den USA reagierten die Unternehmen und ihre Verbände auf das Meinungstief von 1946 mit einem Hilferuf an Sozialwissenschaftler, die sich auf Öffentlichkeitsarbeit und Arbeitspsychologie spezialisiert hatten (wobei sie kaum erst gerufen werden mussten). Bei derartigen Anlässen wird das »Problem« der Unternehmen gern als ein »Missverständnis«, als ein Scheitern der »Kommunikation« zwischen den Unternehmen, Managern und Konzernen einerseits und den Arbeitnehmern und der Öffentlichkeit andererseits, definiert; oder – und dies wird als gleichwertige Formulierung angesehen – als Aufgabe, das »Image« der Unternehmen, Konzerne usw. zu verbessern.
Unter den Bedingungen der späten 1940er-Jahre entwickelte sich eine intensive symbiotische Beziehung zwischen der amerikanischen Wirtschaft und Sozialwissenschaftlern (Mills; Moore). Laut New York Times kamen im Jahr 1946 führende Vertreter von Unternehmen und Industrie zu dem Schluss, dass das »System der freien Marktwirtschaft« nur durch die Investition erheblicher finanzieller Mittel in die sozialwissenschaftliche Forschungsarbeit vor der Bedrohung durch den Wohlfahrtsstaat, den Sozialismus, den Kollektivismus und den damit verbundenen Katastrophen gerettet werden könne (Porter). Infolgedessen stellte die amerikanische Wirtschaft ab 1946 umfangreiche Mittel für die Forschungsarbeit von Sozialwissenschaftlern zur Verfügung, die sich mit der Erfassung, Entwicklung und Veränderung von Einstellungen und Meinungen befassten sowie mit der damit verbundenen Untersuchung von Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen. Wo immer Studien oder vermeintliche Ergebnisse von Sozialwissenschaftlern als nützlich für die Verbesserung des »Images« der Wirtschaft und ihrer Akzeptanz in der öffentlichen Meinung erachtet wurden, wurden diese Studien und Ergebnisse von den Wirtschaftsführern offiziell übernommen, veröffentlicht und hochgespielt.
Die Sozialwissenschaftler selbst waren hinsichtlich ihrer verstärkten Allianz mit der Wirtschaft nicht weniger enthusiastisch und eindeutig. Die American Psychological Association (1962) bot der Wirtschaft schließlich einen Kaufvertrag an, der Folgendes enthielt:
»Die Aufgabe, das Image eines Unternehmens sauber zu halten und zu pflegen, … ist eine kontinuierliche Aufgabe … [Allerdings] ist der Arbeitspsychologe in zunehmendem Maße dort hilfreich, wo es darum geht, dem Management psychologische Instrumente und Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen, um eine positive Reputation zu schaffen und zu wahren. Im Wesentlichen versucht der Arbeitspsychologe, dem Arbeitnehmer bei der Erkenntnis behilflich zu sein, wie seine Interessen und die des Managements übereinstimmen …«
Diese Anpassung der allgemeinen Einstellung an die Vorgaben der Unternehmensführung soll durch eine »Umerziehung und Umstrukturierung der Wahrnehmung« erreicht werden – ein Tätigkeitsbereich, der durchaus als sozialwissenschaftliches Kompetenzfeld angesehen wird.
Das passende Format für ein solches »Umerziehungs«-Programm stammt von S. Prakesh Sethi, der die folgenden Strategien auflistet, die ein Unternehmen im Umgang mit einer negativen öffentlichen Meinung in einer Demokratie anwenden sollte.



