Laborhypothese: Will China gar keine Aufklärung?

EneasMx, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Stammt SARS-CoV-2 nun aus einem Labor – oder war es eine Zoonose? Ursprünglich durfte diese Frage nicht mal gestellt werden. Bis erste Untersuchungen anliefen: Die aber unbefriedigend waren.

Die ersten Märztage des Jahres 2021 sind vorüber. Deutschland hat im Winter eine schwere Infektionswelle mit vielen Todesfällen hinter sich gebracht – und die nächste rollt an. Etwas ist anders: Mittlerweile gibt es Impfstoffe. Hoffnung keimt auf, dass die Pandemie bald vorüber sein könnte. Zugleich ist inzwischen so gut wie jedem klar: Nach der Pandemie bedeutet vor der Pandemie. Denn so lange man nicht weiß, wie SARS-CoV-2 diesen Wahnsinn auslösen konnte, kann so eine Katastrophe jederzeit wieder über uns hereinbrechen. Unsere lose Gruppe internationaler Forscher hat sich zum Ziel gesetzt, genau das möglichst zu verhindern.

Aus diesem Grund machen wir uns daran, die rätselhaften Umstände zu entziffern, welche den Ausbruch von COVID-19 ermöglicht haben. Es werden wissenschaftliche Workshops organisiert, vor allem die Franzosen in unserer Gruppe, die in Ermangelung eines offiziellen Namens in Medien nach wie vor meist als Paris Group bezeichnet wird, treiben das voran. Einmal im Monat werden Fachleute zu digitalen Treffen eingeladen: Mediziner, Virologen, Epidemiologen und Bioinformatiker, aber auch Geographen und Stadtplaner, die beispielsweise erörtern, wie Viren sich über U-Bahnnetze in Wuhan und anderswo ausbreiten könnten oder können. Auch Mitglieder des losen Zusammenschlusses referieren zu ihrem Fachgebiet.

Wenig Neues in ihrem 313 Seiten starken Fazit

Soweit es geht, wird keine Sichtweise ausgespart. Vertreter der Hypothese einer Zoonose als Beginn des Schlamassels werden eingeladen, denn es geht uns vor allem um eins: den Ursprung dieser Pandemie wissenschaftlich aufzuklären, wie auch immer das Ergebnis ausfällt. Deshalb wollen wir allen Sichtweisen Raum geben. Dass jedoch nur wenige Forscher, die eine Zoonose favorisieren, unseren Einladungen folgen – und dann auch nur zögerlich –, bedauern wir sehr. Es verwundert uns allerdings auch nicht. Eine argumentative Auseinandersetzung mit uns kommt ja schon einem Eingeständnis gleich, dass auch Alternativen zur natürlichen Zoonose diskussionswürdig sind. Und Ignorieren ist immer noch die effektivste Art der Verachtung, selbst in der Wissenschaft.

Unterdessen schließt eine andere Experten-Gruppe den ersten Teil ihrer Untersuchung zum Ursprung von SARS-CoV-2 ab. Ende März 2021 legt das gemeinsame Ermittler-Team von WHO und China den Abschlussbericht seiner Expedition vor. Und wie erwartet, müssen die Experten eingestehen, dass sie während ihres vierwöchigen Trips nach Wuhan das Rätsel um SARS-CoV-2 nicht lösen konnten. Jedenfalls steht wenig Neues in ihrem 313 Seiten starken Fazit.1 Erstaunlich ist zumindest, dass die Autoren den Beginn des Ausbruchs in den Monaten vor Mitte Dezember 2019 vermuten, womöglich sogar schon rund zehn Wochen davor. Damit hätte sich SARS-CoV-2 also eine Zeitlang ausgebreitet, bevor das Problem erkannt wurde.

Eine absurde Bewertung

Bei der Frage nach dem Ursprung hingegen präsentieren die Ermittler wenig Überraschendes. Wie sie bereits bei der Pressekonferenz am 9. Februar 2021 in Wuhan durchblicken ließen, sieht der Bericht als Ausgangspunkt der Pandemie ein bisher unbekanntes Wesen, das als Wirt zwischen Ursprungstier – vermutlich einer Fledermaus – und Mensch diente. Dieser Übertragungsweg wird in dem Dokument als »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« (»likely to very likely«) gewertet. Immerhin noch als »möglich bis wahrscheinlich« (»possible-to-likely«) wird eine direkte Übertragung – also ohne Zwischenwirt – von einer Fledermaus auf den Menschen eingeschätzt. Den entscheidenden Beweis für diese Hypothesen bleiben die Ermittler jedoch schuldig: ein Tier mit RNA von SARS-CoV-2 oder spezifischen Antikörpern gegen das Virus, von dem dann der Sprung auf den Menschen erfolgt sein soll. Dabei waren in ganz China mehr als 80 000 Proben aus Wildtieren und 35 Arten von Nutztieren sowie Geflügel auf SARS-CoV-2 oder entsprechende Antikörper getestet worden. Alle Ergebnisse waren negativ.

Eine weitere Variante der Zoonose-Hypothese, nach der das Virus über gefrorene oder gekühlte Tierprodukte nach Wuhan gelangte, bewerten die Fachleute immerhin als »möglich« (»possible«) – höchstwahrscheinlich eine Konzession an die chinesischen Gastgeber. Doch in keiner der Proben von gefrorenen oder gekühlten Tierprodukten, die auf dem Huanan-Markt in Wuhan verkauft worden waren, tauchte der Erreger auf.

Die vierte von der WHO-China-Mission untersuchte Hypothese, ein Laborunfall, wird als einzige als »extrem unwahrscheinlich« (»extremely unlikely«) eingestuft. Eine absurde Bewertung. Zwar gibt es für die Möglichkeit eines Laborunfalls eine ganze Reihe verdammt verdächtiger Indizien, aber keine eindeutigen Hinweise – für die drei übrigen Hypothesen allerdings auch nicht. Auf welcher Grundlage konnten dann die Kommissionsmitglieder zu solchen Wahrscheinlichkeitsaussagen kommen? Die von der WHO-China-Mission gemachten Aussagen sind also nur wenig hilfreich. Sie wirken eher wie eine Selbstversicherung, schließlich wird gleich zu Beginn des Berichts betont, dass die Aufgabe der Ermittler darin bestand, die zoonotische Quelle des Virus zu finden.2 Die Aussage in ihrem Bericht, dass von den vier erwogenen Hypothesen alle bis auf die Variante des »extrem unwahrscheinlichen« Laborunfalls weiter untersucht werden sollen, ist ein echtes Politikum.

China will gar keine Aufklärung

Zum Glück bleibt das vermeintlich eindeutige Ergebnis der Untersuchung nicht unwidersprochen. Einige nutzen sofort ihren guten Draht zu WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, um ihm mächtig ins Gewissen zu reden. Am gleichen Tag noch verkündet der Äthiopier schließlich, es sei nicht genug getan worden, um einen Unfall zu untersuchen. Die Ermittlungen in den Laboren vor Ort seien nicht gründlich gewesen. Allerdings sei das nicht allein die Schuld des Teams gewesen, ließ der WHO-Generaldirektor durchblicken. Es habe schlicht an den notwendigen Informationen gemangelt.

Tatsächlich hatten die internationalen Experten keine Gelegenheit, in Wuhan eigene Proben zu nehmen oder Rohdaten aus den Laboren auszuwerten. Sie mussten sich auf das verlassen, was ihnen vom chinesischen Teil des Teams präsentiert wurde. Tedros fordert aus diesem Grund weitere Untersuchungen zum möglichen Laborunfall, die dafür notwendigen Spezialisten würde er zur Verfügung stellen. Aus seiner Sicht seien weiterhin alle »Hypothesen auf dem Tisch«.

Der Unmut über das Ergebnis der Mission ist international groß. In einer gemeinsamen Erklärung fordern die USA, Großbritannien und zwölf weitere Länder »eine transparente und unabhängige Analyse und Bewertung« des Ursprungs von SARS-CoV-2 – und zwar »frei von Einmischung und unzulässiger Einflussnahme«.3 Auch die Europäische Union verlangt zusätzliche Untersuchungen mittels »Zugriffs auf alle relevanten Standorte und auf alle verfügbaren Daten zu Mensch, Tier und Umwelt«. Dazu zählte die EU auch Informationen zu den ersten identifizierten COVID-19-Fällen. Auch sollten weitere Blutproben auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 untersucht werden. Dass auch von China selbst bis dahin noch immer keine Blutspenden in Wuhan aus den Monaten vor dem Ausbruch untersucht wurden, lässt viele ratlos zurück. Mich nicht, denn für mich ist mittlerweile völlig klar: China will gar keine Aufklärung, sonst hätten sich die zuständigen Offiziellen völlig anders verhalten.

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6 Kommentare

  1. Was mich an den Labor“hypothesen“vertretern stört, ist ihre wissenschaftliche Faktenblindheit und ihr Tunnelblick auf China und Wuhan.

    Es sind Spuren von Sars-Cov2, und auch Covid-Erkrankungen, vor dem November/Dezember 2019 an einer Vielzahl von Plätzen rund um die Welt entdeckt worden. Es handelt sich um Patienten in Frankreich und den USA, um Virenspuren in Italien, Spanien, Frankreich, den USA (Spenderblut) und selbst in nordamerikanischen Weisswedelhirschen.

    Das falsifiziert die Labor“hypothese“ jedenfalls als einzige oder bestimmende Quelle des Covid-Ausbruchs. Das Virus kann nicht rückwärts in der Zeit gereist sein.

    Die Labor“hypothese“ hat auch einen klar ausserwissenschaftlichen Ursprung. Bereits am 23. Januar 2020 startete der US-Juraprofessor Francis Boyle, eine schillernde Figur zwischen Establishmentkritik und Verbindungen zu den Diensten, einen weltweiten „email alert“ an hundert Adressen, dass das Virus als chinesische Biowaffe in einem „biosaafety lab“ in Wuhan entwickelt worden sei.

    Auf dieser „Theorie“, die nicht eine Spur von wissenschaftlicher Evidenz, oder auch nur dem Versuch dazu enthielt, setzten dann wüste Kampagnen von QAnon bis Mike Pompeo auf. Die „Theorie“ wurde dann zum „Laborleak“ verfeinert, als klar wurde, wie relativ unsinnig, wenn nicht zweischneidig, Biowaffenhypothesen waren.

    In der Tat gab es ein internationales „blame game“, in dem auch russische und chinesische Verschwörungsfreunde unrühmliche Rollen spielten. In China glauben etwa 75% der Befragten, SARS-Cov2 sei vorsätzlich oder unabsichtlich von den USA entwickelt oder freigesetzt worden.

    Es gibt aber berechtigte Fragezeichen. Während sich „Laborfreaks“ und Chinafeinde auf die WIV-Hypothese stürzen, „Gain of Function“-Forschung dort geisseln, und (vor allem Republikaner) ihren Kreuzzug gegen Trump-Opponenten Fauci befeuern, bleibt völlig ausser Betracht, dass die GoF-Forschung von den USA geleitet und finanziert war. Prof. Shi Zhengli hat den chinesischen Anteil, Erforschung der Übertragbarkeit auf Mäuse, erläutert.

    Wo bleiben die Erläuterungen von Prof. Ralph Baric von der University of North Carolina, der und dessen Institut bei der Koordination, Beauftragung und Evaluation der Coronavirusforschugen federführend war? Wo fordern Herr Theissen und andere Transparenz hier? Und ja, auch Transparenz über die Verbindungen zu Fort Detrick und der weltweiten militärischen „Biodefense“-Forschung der USA.

    Das ist keine Fantasie von Verschwörungsspinnern. Bereits im März 2020 berichtete Fox News, dass Fort Detrick, natürlich zum Wohle der Menschheit, mit Covidforschung befasst sei: https://www.foxnews.com/health/army-ebola-treatment-coronavirus-vaccine-sought

    Solange Herr Theissen und seine Labor“hypothesen“-Freunde ihr einseitiges Chinabashing und ihre sowohl wissenschaftliche als auch politische Blindheit oder Einäugigkeit nicht aufgeben, sind sie unglaubwürdig.

  2. Vielleicht hat China nur übersehen, was da in ihrem Land gelaufen ist. Das aufzuklären wäre äußerst peinlich. Das chinesische Verhalten bei der Pandemie spricht nicht für viel Gesundheits-Verständnis.

  3. Ich möchte hier auf einen weiteren Aspekt hinweisen, unabhängig von der Frage, ob die Laborhypothese plausibel ist und/oder genauere Untersuchung in dieser Richtung erfordert.

    Es geht darum, dass von Beginn an ein rassistisches und kolonialistisches Narrativ den westlichen Umgang mit China leitet, das auch bei Herrn Theissen durchscheint.

    – Anfangs, als der Fledermausursprung nicht in Zweifel stand, wurde den Chinesen unterstellt, dass sie Fledermäuse essen, eine klare Falschmeldung.

    – Dann wurde unterstellt, dass dreckige „wet markets“ mit lebenden Tieren (natürlich Fledermäusen) die Ursache waren. Nun ist der Südchina Fischgrossmarkt in Wuhan kein „wet market“ im Sinne der asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Frischwarenmärkte, die oft unter freiem Himmel und nicht immer mit vorbildlicher Hygiene die Versorgung der Menschen vor allem im ländlichen Bereich sicherstellen.

    – Selbst als bekannt wurde, dass im Spätherbst 2019 in Frankreich ein Covidfall mit tödlichem Verlauf stattgefunden hatte, wurde nur nach „Kontakten nach China“ gesucht. Egal wie, der gelbe Mann musste Schuld sein.

    – In ähnlicher Weise wurde das Narrativ von „Whistleblower Li Wenliang“ und der angeblichen wochenlangen Verschleppung der Seuchenentdeckung und -bekämpfung verbreitet. Tatsächlich hat das CDC Wuhan einen Tag nach der Meldung der atypischen Pneumonien die Epidemiewarnung auf seiner internationalen Webseite publiziert und die WHO informiert. Die Meldung stammt von der Leiterin der pneumologischen Abteilung, von der auch Dr. Li seine Information hatte, die er mit Kollegen im Internet teilte. Gegen seine Massregelung durch die Polizei hat er im Internet öffentlich protestiert (was einen landesweiten Shitstorm lostrat), und im Januar stellte das oberste chinesische Gericht fest, dass eine Warnung vor Gefahren im Internet auch dann nicht gegen Rechtsregeln verstosse, wenn sie teilweise unzutreffend sei.

    – Schliesslich toppte die Labor“hypothese“ alle diese Schuldzuweisungen.

    Wie gesagt, Gerüchte, Schuldzuweisungen, Lügen, immer nur gegen China, westliche Arroganz und westlicher Rassismus. Eine weltweite unvoreingenommene Untersuchung der Entwicklung der Krankheit wird von China gefordert, aber vom Westen verweigert.

  4. Für die mikrobiologisch Interessierten die Arbeit von Frutos, Gavotte und Devaux, die ein „Zirkulationsmodell“ der Pandemieentwicklung vorstellt. Danach ist das Virus in verwandten Vorformen, vermutlich an vielen Plätzen weltweit, übertragen worden, und hat sich langsam durch Rekombination der Varianten von Transmissibilität zu Pathogenität entwickelt, um schliesslich die Epidemie und Pandemie auszulösen.

    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7969828/

    Dieses Modell hat den Vorteil, mit den beobachteten Tatsachen wie Sars-Cov2-Spuren, Antikörper, selbst Erkrankungen schon 2019 in gutem Einklang zu stehen. Ist aber nicht so romantisch wie ein im Labor gefertigtes Killervirus, und ungeeignet für Chinahasser.

  5. „Denn so lange man nicht weiß, wie SARS-CoV-2 diesen Wahnsinn auslösen konnte, kann so eine Katastrophe jederzeit wieder über uns hereinbrechen.“ Schon das ist absoluter Unsinn. Denn auch mal kontrafaktisch angenommen, diese Pandemie ginge auf einen Laborunfall zurück, kann ’so eine Katastrophe‘ weiterhin ‚jederzeit über uns hereinbrechen‘. Oder waren Ebola, Schweinegrippe, MERS, SARS 1, Affenpocken auch alles Labor-Missgeschicke?

    In Wirklichkeit ist längst klar, was die Epidemiegefahr drastisch erhöht. In erster Linie der Einbruch von Menschen in Lebensräume bestimmter Tierarten einerseits und Tierfabriken andererseits. Aber statt sich dieser Realität zu stellen, wird lieber das Thema politisiert. Erbärmlich.

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