Krieg und Frieden im Fußball – die Geschichte des Walther Bensemann

Autor/-in unbekanntUnknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Spätestens seitdem Sportgroßveranstaltungen in Länder mit fragwürdigem Demokratie- und Menschenrechtsverständnis vergeben werden, heißt es von den Profiteuren dieser Kommerzspektakel stets, man müsse Sport und Politik fein säuberlich voneinander trennen. Nun steht die umstrittene Fußball-WM 2022 in Katar vor der Tür. Höchste Zeit, um endgültig mit dem Mythos vom unpolitischen Fußball aufzuräumen.

In einer materialreichen Tour de Force durch die Geschichte des Fußballs zeigen Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt, dass der Fußball schon immer von einer politischen Dialektik geprägt war. Einerseits ist er nationalistisch, militaristisch und kommerziell, andererseits aber auch international, progressiv und kreativ. Dieses Buch erzählt vom Zweikampf zwischen rechts und links, auf dem Rasen und davor.

Selbst in den schrecklichsten Momenten der Menschheit wurde Fußball gespielt. In einigen wenigen Momenten hat die Anziehungskraft des runden Leders sogar Kriege unterbrochen. Aber es gab auch Momente, in denen ein Fußballspiel zum Krieg führte, wie zwischen Honduras und El Salvador 1969.

Bensemann: Kosmopolit und Vereinsgründer

In Deutschland ist der Kampf zwischen Militarisierung des runden Leders und seiner friedensstiftenden Kraft untrennbar mit der Geschichte von Walther Bensemann verbunden. Seine Kindheit verbrachte er in der Schweiz, wo er den Fußball kennenlernte. Zurück in Deutschland, gründete er Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland Vereine, organisierte die Infrastruktur und erste Freundschaftsspiele. Das brachte ihm aber in der Turnernation Deutschland viel Gegenwind ein. Der »Engländer in Narrentracht«, wie er in Karlsruhe genannt wurde, musste gegen die Übermacht des Turnsports antreten. Aber auch im jungen Fußballsport gab es Widerstand. Bensemann positionierte sich politisch. Der Fußball biete die Möglichkeit, »Stände zu überwinden« und er sei »das Bemühen, die Begriffe der Freiheit, der Toleranz, der Gerechtigkeit im inneren Sportsleben, des Nationalgefühls ohne chauvinistischen Beigeschmack dem Auslande gegenüber zu wahren«. Nicht jedem gefiel das.

Bensemann wollte den weltoffenen Fußball und bald folgte der Theorie die Praxis: Schon 1893 organisierte er die ersten internationalen Auswahlspiele. Das erste Spiel auf deutschem Boden fand am 7.10.1893 statt: Villa Longchamp aus der Schweiz gegen eine süddeutsche Auswahl. Weitere folgten. Allein gegen Mannschaften aus dem Ausland zu spielen, war einigen Konservativen ein Dorn im Auge. Stark beeindruckt vom englischen Fairplay, dem Toleranz-Gedanken und dem Sportmannsgeist trieb Bensemann den Fußball als politisches Projekt immer weiter voran. Überall, wo er auftauchte, gründete der Kosmopolit Vereine. Darunter die Vorläufervereine des FC Bayern München, Eintracht Frankfurt oder den 1. FC Nürnberg.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte sich der deutsche Fußball endgültig gespalten. Auf der einen Seite der süddeutsche liberale Fußball mit Pionieren wie Bensemann und auf der anderen Seite der nationalistisch-militaristische Fußball. So schrieb der Norddeutsche Fußball-Verband 1914: »Durch den Sport wurdet ihr für den Krieg erzogen, darum ran an den Feind, auf ihn und nicht gezittert.« Ironischerweise brachten der Krieg und die Soldaten den Fußball erst wirklich nach Deutschland. Der Erste Weltkrieg stärkte Bensemanns skeptische Haltung zu allem Nationalen: »Auf den Geburtsort eines Menschen kommt es so wenig an, wie auf den Punkt, von wo er in den Hades fährt.«

Das herrlichste Geschöpf der Welt

Bensemann begann eine zweite Karriere als Journalist. 1920 gründete er den Kicker. Sein Anliegen war für ihn nicht weniger als »ein Symbol der Völker-Versöhnung durch den Sport«. Und dieser Haltung blieb der Kicker treu. So schrieb Bensemann dort noch 1930: »Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen. […] Am besten haben das die begriffen, die nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrten.« Auch im DFB war die politische Zerrissenheit des deutschen Fußballs augenfällig. Der DFB war mehrheitlich nationalistisch eingestellt und der internationale Fußball war ihm sehr suspekt. Die FIFA hingegen war für Bensemann Ausdruck der internationalistischen Haltung, zumal der DFB immer mehr von der Idee vereinnahmt wurde, dass der Sport die Wehrfähigkeit der jungen Männer steigern solle und daher besonders der Breiten- und Amateursport gefördert werden müsse.

In den dreißiger Jahren spitzte sich der Konflikt im deutschen Fußball politisch zu. Die Deutschnationalen übernahmen immer mehr Funktionen und Bensemann wurde immer heftiger mit dem stärker werdenden Antisemitismus konfrontiert. 1933 floh er in die Schweiz, wo er 1934 starb.

Bis heute sind Krieg und Frieden im Fußball die zwei Seiten einer Medaille. Den Zwiespalt symbolisiert nichts so gut wie die FIFA mit ihrem Anspruch, »den Fußball fortlaufend zu verbessern und weltweit zu verbreiten, wobei der völkerverbindende, erzieherische, kulturelle und humanitäre Stellenwert des Fußballs berücksichtigt werden soll« auf der einen Seite und ihrer Praxis des Wegschauens, wie beispielsweise bei Weltmeisterschaften, ob 1934 in Italien, 1978 in Argentinien oder aktuell 2022 in Katar auf der anderen Seite. Bensemann hatte in der FIFA noch »das herrlichste Geschöpf der Welt« gesehen.

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11 Kommentare

  1. Diese Tage sehen wir, wie der Liberale gegen den ‚Nationalisten verliert.
    Man kann es auf der einen Seite bejubeln, aber sind die direkten und indirekten Fouls das Wert?
    Natürlich ist Sport politisch das zeigt der diesjährige Austragungsort, denn das Wertesystem hat sich selbst entblößt oder sportlich gesehen viele hässliche Flitzer rennen Kopflos durch ihre Arenen…

    PS vor vielen Jahren war ich Sportwart in einem kleinen Verein, aber die ‚Politik‘ im Klub hatte es in sich!

  2. Aha, also seit 1978 (Argentinien), oder 1934 in Italien (jeweils WM)?
    Oder geht es hier um die Olympiade in Moskau (1980)?

    Das nicht erwähnt wird, das Bensemann Jude war (was wichtig ist, denn damit hatte er die Antisemitenbande um Turnvater Jahr gegen sich und die Spaltung in „deutsches Turnen“ und den „jüdischen Fußball“ begann) ist auch merkwürdig.
    Sorry, aber dieser Artikel wirkt in 10 Minuten zusammengestückelt und fällt im Vergleich zu sonstigen Artikeln massiv ab.
    Das Thema ist spannend, der Artikel leider nicht.

    1. Doch, der Artikel war schon spannend. Vielleicht in der Tat etwas zu sehr aus la main verfasst, gewiss Aspekte ausgelassen. Das wird selbst bei einem Buch nicht zu vermeiden sein. Ich habe jedenfalls (als Fussballmuffel) dabei etwas gelernt, und auch von Deinem Kommentar, das mit dem „jüdischen Fussball“ kannte ich trotz recht tiefgehender Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus noch nicht.

      Da wäre eine erweiterte Fassung oder ein Anschlussartikel gewiss sinnvoll. Einen Grund, diesen hier pauschal niederzumachen, sehe ich aber nicht.

      1. Der Punkt für mich ist, der Artikel fällt deutlich unter das gewohnte Niveau der Website, sieh es also eher als Lob für den Rest der Artikel.

        Zu Bensemann hatte das jüdische Museum in Frankfurt zusammen mit Herrn Thoma vor Jahren eine sehr interessante Veranstaltung, afaik ist die aber nicht aufgenommen worden.
        Turnen kam in Deutschland im 19. Jahrhundert als eine Art Wehrsport zu neuer Größe. (Siehe z.B. die „Turneraxt“.) So sollte im napoleonisch besetzten Deutschland die Wehrfähigkeit erhalten werden.
        Fußball hingegen war „fremd“, kam vom „Feind“, und wurde von einem Juden gebracht.
        Bensemanns Rolle kann dabei kaum überschätzt werden, der Kicker und mehrere spätere deutsche Meister sind von ihm mitgegründet worden, und sein wirken kann man bis heute daran sehen, dass im Süden der Fußball stärker ist als im Norden. Bensemann wirkte primär in Süddeutschland. (Auch der Name „Kickers“ stammt von ihm. Alle Kickers sind quasi in seiner Tradition gegründet.)

        Das Thema ist sehr spannend, grade auch da er den Fußball immer als völkerverbinden sah, was einer der Gründe war, warum die Nazis (Parteiführung, nicht unbedingt die Anhänger) dem Fußball nie getraut haben.
        Vielleicht war ich etwas harsch, aber das verdient, in meinen Augen, mehr aufmerksamkeit.

        Auch der Rest wirkt eher zusammengestückelt, wie die oben genannten Veranstaltungen zeigen, vielleicht kann man einfach das alles nochmal überarbeiten und 2 Artikel draus machen, die etwas tiefer gehen.

        1. Man kann das auch so lesen, Propaganda von damals als sportliche Ideologie eingekleidet. Vielleicht war Herr Bensemann auch als ein Zionist tätig um über dem Sport, Politik zu betreiben zwischen liberale und nationale? Die politische Entwicklung von damals bestätigt das.

          1. Bensemann ist eine recht gut dokumentierte Figur der Zeitgeschichte.
            Ich bin sicherlich kein Experte, aber Bensemann ist der Gründer des Kickers, er war Gründungsmitglied des DFB, mir wäre nicht bekannt, dass er Zionist gewesen wäre, er ist auch nicht etwa nach Palestina (1933 gab es kein Isreal) ausgewandert, sondern wieder in die Schweiz gegangen. Bensemann hat Sportpolitik gemacht, aber mir wäre kein Wirken bekannt, das nicht in direktem Zusammenhang mit Fußball stand, und hier war wohl (Süd-)Deutschland sein Fokus.

            Nach meinem Kenntnisstand war er einfach ein Mann, der sein Leben dem Fußball gewidmet hat, und halt zufällig ein deutscher Jude war. Auch Wiki meint, er habe sich zum Judentum niemals geäußert, mir scheint, mit der These liegst du falsch. Ich kann es nicht belegen, aber es widerspricht allem, was ich über Bensemann weiß.

  3. „Spätestens seitdem Sportgroßveranstaltungen in Länder mit fragwürdigem Demokratie- und Menschenrechtsverständnis vergeben werden,…“

    Ohne die existierenden relativen Unterschiede bestreiten zu wollen – gibt es überhaupt Staaten mit nicht-fragwürdigem Menschenrechtsverständnis? (Stichwort Assange z. B., oder allgemeiner der Neoliberalismus, der zur Auspressung ganzer Bevölkerungsschichten aus dem gesellschaftlichen Normalbetrieb führt)

    1. Hi Pnyx,

      das war auch so mein Gedanke, als ich diesen Absatz las.

      Und Sport wie Kultur auch soll im kleinen wie über Ländergrenzen hinaus miteinander Verbinden und gerade Menschen unterschiedlicher Nationen, Religionen, Traditionen, menschlicher Normen, politischer Ansichten oder gar Feindschaften zeigen, dass es alle Menschen sind. Aber jeder dieser Menschen könnte dabei erkennen und zu Hause erzählen, dass es keine Unterschiede gibt. Wer will das verhindern?

  4. Der Deutsche Kaiser sprach abfällig von „Fusslümmelei“.
    Ab da war es eine lange Zeit und ein Paradigmenwechsel bis zum „FIFA-WM Turnier“ wie es seit 2006 in den Medien genannt werden muss. Die Stadien heissen jetzt während der Spiele „FIFA WM-Stadion“, das gesamte Catering sowie Reise, Hotels und Nebenprogramm ist fest in Hand der FIFA : „World Class Hospitality“ : Der Match Pavillon, einfach ohne Extras, zum Eröffnungsspiel kostet 4.500 Us $. pro Person. Eine 100% Kontrolle über das Erscheinungsbild der Akteure wurde 2014 in einem Booklet über Trikots, die erlaubt sind, festgelegt. Deshalb die FIFA eine geldgierige und kontrollsüchtige Krake zu nennen, würde dieses Tier nur beleidigen, zumal ihr Präsident Infantino -welch ein Name- schon neue Pläne hat, die WM alle zwei Jahre zu veranstalten.
    In in der neuen Bundesliga Ausgabe vom KICKER, ist eine vierseitige Anzeige über die unrühmliches Seite der Katar-WM eingeheftet, die vielleicht als Feigenblatt dient, wie die Behauptung von den Offiziellen Bayern Münchens, dass sie den Kontakt mit Katar benutzen um den Fortgang der Humanitären Frage zu beobachten.
    Jedenfalls erfährt man, dass der Emir von Katar für seinen Lieblingsspieler bei Paris St. Germain 500 Millionen Euro zahlt, damit er, Mappe, noch drei Jahre bleibt. Das ist genau der Jahresverdienstes von 80.000 Bauarbeitern in Katar. Von den 90 € die ein ADIDAS DFB-Tricot kostet, erhält die Näherin im Akkord 90 Cent.
    Die FIFA hat ihren väterlichen Retter-Status längst für unglaubliche Einnahmen ( Fernsehgelder, Copyright etc.) aufgegeben und „das Spiel“ ist nicht mehr die Hauptsache, sondern der Anlas für Leute, die es sich leisten können, zu kommen und Geschäfte zu machen. Vielleicht kommt ja Herr Habeck auch, und Katar hat für ihn noch etwas Gas übrig?
    https://hospitality.fifa.com/2022/en/

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