Jeder macht das Spiel mit

Bundestag
Times, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Parteitage entscheiden sich oft lange vor der Abstimmung – in Hinterzimmern, Chatgruppen und Machtzirkeln. Der härteste Gegner steht dabei nicht selten in den eigenen Reihen.

Ein Buchauszug aus Joana Cotars brandaktuellem Buch.

Schon vor dem Parteitag kursieren fertig ausgeklügelte Kandidatenlisten, je besser die Absprachen, desto unkomplizierter der Parteitag. Und wenn dann auch noch die Rede des Kandidaten sitzt, heißt es Spiel, Satz und Sieg.

Entsprechende WhatsApp-Gruppen koordinieren die Delegierten, damit Absprachen eingehalten werden und alle auf Kurs bleiben. Bei jedem Parteitag dasselbe Bild, und jeder macht das Spiel mit, weil er Teil dieses Systems ist. Nicht vergessen darf man das vorherige Mobbing der Kandidaten des anderen Lagers im Vorfeld des Parteitages. Bereits Monate vor der entscheidenden Wahl werden Gerüchte gestreut, Mails weitergeleitet, Telegram-Gruppen eröffnet. Im Krieg gegeneinander wird die Vergangenheit der Kandidaten durchleuchtet, die Familien miteinbezogen, Affären unterstellt, Wohnsitze kontrolliert, Dating-Apps durchforstet, nachvollzogen, wer mit wem vor Jahren innerparteilich zusammengearbeitet hat, um vielleicht eine Kontaktschuld herstellen zu können und so weiter. Keine Schweinerei, die nicht versucht wird, um einen unliebsamen Gegenkandidaten zu verhindern. Wer hier gewählt werden will, muss seine Netzwerke sicher hinter sich wissen und bei der unentschlossenen Basis punkten.

Die Delegierten mussten nur noch zustimmen

Dieses Buch legt das Debattenthema der Stunde auf den Tisch. Seit heute im Handel!

Bei den Altparteien sieht das System etwas anders aus. Die Listen werden in kleinen Zirkeln vorher ausgeklüngelt und von der Versammlung nur noch abgenickt, damit jeder pünktlich zum Abendessen – oder zumindest zu einem Glas Wein zu Hause sein kann. Innerparteiliche Demokratie wird dort ganz kleingeschrieben. Zuletzt war dieses Schauspiel bei der Listenwahl der CDU Hessen zu beobachten. Spitzenkandidatin Patricia Lips und 63 weitere Listenkandidaten wurden bei der Landesvertreterversammlung am 14. Januar 2025 ohne Gegenkandidaten und Diskussionen von den Delegierten einfach durchgewunken. Der Wahlvorbereitungsausschuss der CDU Hessen hatte den Listenvorschlag ausgearbeitet, die Delegierten mussten nur noch zustimmen. In weniger als 40 Minuten war das Spektakel vorbei. Wer hier auf die Bundestagliste kommen will, muss also nicht bei der Basis die Strippen ziehen, sondern sollte sich unbedingt mit den Mitgliedern des Wahlvorbereitungsausschusses gut stellen.

Was in allen Parteien dagegen gleich ist, ist der teilweise unterirdische Umgang untereinander. Ich habe es bereits oben kurz erwähnt. Eine Sahra Wagenknecht musste sich wegen eines Burnouts eine Zwangspause nehmen und begründete das auch mit dem ständigen Zank und den Angriffen auf sie innerhalb ihrer Partei, der Linken. Es sei ihr an die Substanz gegangen, sie sei müde geworden und konnte irgendwann ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Daher zog sie die Notbremse.

Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Sie hat recht! Mit jedem Wort!

Jedes Parteimitglied, das ein Mandat innehat, ist die meiste Zeit mit Parteiangelegenheiten beschäftigt. Damit, Allianzen zu schmieden, Angriffe abzuwehren, Mitglieder zu koordinieren, Aktionen zu planen und vieles mehr. Für die eigentliche Arbeit als Abgeordneter steht durch sinnlose Kämpfe in der eigenen Partei sehr viel weniger Zeit zur Verfügung als nötig wäre. Und je nachdem, wie heftig die Angriffe sind, die einen treffen, leidet irgendwann auch die Psyche. Wer nicht in der Lage ist, sich wie Angela Merkel eine Teflonbeschichtung zuzulegen oder ein dickes Fell zu entwickeln, hat es schwer in Partei und Politik. Auch ich kam so manches Mal an meine Grenzen, vor allem dann, wenn meine Familie in Schmutzkampagnen mit einbezogen wurde. So fand einmal ein Parteikollege durch eine Todesanzeige meiner Großmutter in einer Zeitung meinen Mädchennamen heraus und recherchierte meine gesamte Familie, um danach die Presse über vermeintlich fragwürdige Verbindungen zu informieren. Außer dem Spiegel winkte jede seriöse Zeitung ab, trotzdem war ich fassungslos angesichts solch einer Kampagne. Über die Jahre hinweg wurden mir in der Partei insgesamt drei Affären unterstellt, sich öffentlich über mein Gewicht lustig gemacht, meine nichtdeutsche Herkunft thematisiert, Interna aus Sitzungen über die sozialen Netzwerke veröffentlicht, Abstimmungen im Bundesvorstand durchgestochen oder schlicht Lügen erfunden, um mich bei den Delegierten, die mich auf die Liste wählen sollten, schlecht dastehen zu lassen. All das kam nicht vom politischen Gegner – all das kam von Parteikollegen.

»Feind, Todfeind, Parteifreund«

Und auch wenn ich versuchte, solche Angriffe an mir abperlen zu lassen, es gelang mir beileibe nicht immer. Zweimal waren die Lügen so absurd und sind derart in Presse und Öffentlichkeit getragen worden, dass ich mich gezwungen gesehen habe, eigene Kollegen abzumahnen, um meinen Ruf zu retten. Das letzte Mal sogar innerhalb der Bundestagsfraktion. Selbst die Bundestagsverwaltung meldete sich bei mir zurück und meinte, sie hätten so etwas noch nicht erlebt. Es ist absurd, wenn einem nicht die außerparteilichen Gegner so zusetzen, sondern eigene Kollegen, mit denen ich eigentlich gemeinsam für ein besseres Deutschland kämpfen sollte. Doch ich war nicht allein mit solchen Erfahrungen. Das Schlimmste, was ich in all den Jahren mitbekommen habe, war die öffentliche Behauptung einiger, dass eine Bundestagskollegin ihre Krebserkrankung nur vortäusche, um wieder auf die Liste gewählt zu werden. Die Kollegin ist nicht mal drei Jahre nach dieser Schmutzkampagne an ihrer Erkrankung gestorben. Ja, man blickt in der Politik manchmal in menschliche Abgründe.

In anderen Fraktionen sieht es ähnlich aus. Einer Bundestagskollegin wurde bereits bei der Wahl in den Bundestag von ihren Parteifreunden angekündigt, diesen »Unfall« das nächste Mal rückgängig zu machen. Entsprechend musste sie sich vier Jahre gegen immer wiederkehrende Angriffe wehren.

Auch Stefan Gelbhaar von den Grünen hat so einiges zu erzählen über seine Parteikollegen. Im Dezember tauchten plötzlich Belästigungsvorwürfe gegen ihn auf. Er zog daraufhin seine Kandidatur für den Bundestag über die Landesliste zurück. Gleichzeitig bekräftigt er aber stets, dass die Vorwürfe gegen ihn gelogen seien. Später kam heraus, dass eine der Frauen, die diese Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhob – und die sogar eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte – anscheinend gar nicht existierte. Nutznießer der Affäre war Andreas Audretsch, der Wahlkampf-Manager von Robert Habeck, der aber betonte, mit all dem nichts zu tun zu haben. Wie dem auch sei: Gelbhaar zog 2025 nicht in den Bundestag ein.

Das Sprichwort »Feind, Todfeind, Parteifreund« kommt nicht von ungefähr.

Joana Cotar

Joana Cotar war von 2017 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages, die letzten Jahre davon partei- und fraktionslos. Im Parlament setzte sie als digitalpolitische Sprecherin und Obfrau im Ausschuss Digitale Agenda klare Akzente für Bürgerrechte, digitale Freiheit und gegen staatliche Überwachung. Sie gründete die Initiative „Bitcoin im Bundestag“, um die politische Debatte über digitale Währungen und Dezentralisierung voranzutreiben. Vor ihrem Mandat war sie viele Jahre beruflich in leitenden und koordinierenden Funktionen tätig. Nach ihrem Studium der Politologie und Germanistik arbeitete sie zunächst in der Finanzbranche – im Handel, im Eventmanagement internationaler Finanzhäuser und später im IT-Projektmanagement der Deutschen Börse Group. Parallel zu ihrer beruflichen Entwicklung engagierte sie sich politisch und trat 2013 der Alternative für Deutschland bei, die sie im Jahr 2022 wieder verließ.
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20 Kommentare

  1. 8 Jahre im Bundestag gewesen, na dann ist ja gut. Daß sie auf der Erfolgswelle der AfD für 2 Legislaturperioden hineingekommen ist, sollte sie ruhig erwähnen. Sonst würde sie heute keiner kennen und egal, welche Bücher sie schreibt, niemand würde davon Notiz nehmen.

      1. Na ja, es ist schon schade, daß die Person 8 Jahre im BT abfettet, nach 2 Legislaturperioden hat man auch schöne „Alters“ansprüche, und dann mal eben so tut, als würde sie nirgends dazugehören. Als Wähler der AfD fühle ich mich persönlich betrogen von solchen Gestalten, die Engagement für die Partei vorschützen, um einen Platz am Futtertrog zu ergattern und dann dem Wähler den Stinkefinger zeigen. Und sich zu allem Überdruß noch mit Büchern usw. wichtig machen.
        Die Frau wirft nun mit Dreck auf die, denen sie ihre komfortable Situation verdankt. Während die Linken ein Wahlkreisbüro nach dem anderen beschmieren und mit Steinen entglasen, so daß manche Abgeordnete gar nicht mehr öffentlich erreichbar sind, während die Linken unsere Autos anzünden, schmiert eine Aussteigerin ihren Kot breit, so stellt sich das für mich dar.

            1. Nachdem solche Adleten mit den Heimen fertig sind und deine Baracke mit Benzin getränkt haben und vor dir mit dem Feuerzeug locken „nach dir kommen die Villen der Reichen dran, würdest du dann tatsächlich rufen: „FEUER FREI“ ?

              1. Das die antifantische Neo-SA selbst nicht links ist bezweifelt eigentlich niemand mit funktionierendem Hirn. Sie sind aber die Schergen von Leuten, die sich durchaus als Links verstehen. Ja, das ist ein Widerspruch. Das ist denen aber offensichtlich egal.

    1. Es soll Leute geben, die aus Idealismus in die Politik gehen. In jeder Partei. Leider ist der Anteil jener, die sich ab dem ersten Sitzungstag nur noch dafür interessieren, „wo hier der Geldtopf steht“, deutlich größer – und einflußreicher.

    2. Die zahlreichen AfD-Fans hier im Forum dürften ihre braune Vergangenheit wohl kennen und zu schätzen wissen, aber ich wußte das auch nicht. Danke für die Info! Das hätte eigentlich in ihre Personenbeschreibung gehört.

  2. Das Bild deckt sich mit der medialen
    Darstellung von Politik in den Medien:
    Zu 90% Abbildung von parteipolitischen
    Themen. Selbstorganisation, Postengeschacher.

    „Inhalte überwinden“ war eigentlich mal
    als Satire gemeint, ist aber längst Realität.
    Das passiert, wenn der Durschnittsbürger
    nicht das Gefühl hat, er müsse politisch
    im Bilde sein oder sich gar engagieren.

    Das Aufwachen an der Front wird hart.

  3. Echt abartig. Ein bisschen bekommt man da ja auch von außen was mit. Neben dem in dem Artikel genannten Fall… es gab mal in der EU eine Abstimmung oder eine Gesetzestextbesprechung. Da ging es um Zensurgesetze (auch die YouTube-Gemeinde war dadurch wachgerüttelt). Was da für Spielchen abgezogen wurden, da dachte ich nur „dass sich so etwas noch Demokratie nennen darf“. Da wurden zu besprechende Gesetzestexte, vll. auch die Abstimmungen sehr kurzfristig vorverlegt und bei komplett sachfremden Themen mit untergebracht. MW war es sogar so, dass die Stimmabgabe zu diesen komplett sachfremden Gesetzestexten mit der Stimmabgabe zu den Zensurgesetzen komplett zusammengelegt wurden, sprich: wer für das Eine gestimmt hat, hat auch für das Andere gestimmt und umgekehrt. Lauter Foulspiel. Was mir auch eine beliebte Praxis zu sein scheint, ist, Gesetzestexte so kurz vor der Abstimmung einzureichen, dass die Abgeordneten keinerlei Chance haben sich so kurzfristig da durchzuarbeiten, geschweige denn noch eigene Gegenpositionen zu formulieren und einzubringen. Das wurde da auch abgezogen.
    Ebenso erinnere ich mich: die Landesmedienanstalten woll(t)en sich als oberste Zensurwächter aufspielen. Da kam dann die Idee auf, dass JEDER, der im Internet etwas veröffentlicht – unabhängig von der Reichweite – dafür eine Rundfunklizenz braucht, die jährlich 10k Euro kostet. Daraufhin hab ich eine Protestmail verfasst. Irgendwann – eine halbe Ewigkeit später – hab ich Antwort erhalten. Darin teilte man mir neben ein paar Standardfloskeln mit „ach übrigens. Vor ein paar Wochen gab es eine Abstimmung zu dem Thema. Da hätten Sie sich auch einbringen können“. Das ist so typisch. Was soll ich von so einem System noch erwarten. Das ganze System ist fake. Formal räumt man den Menschen zwar diverse Rechte ein, praktisch versucht man aber alle schmierigen Tricks, um sein Versprechen nicht einhalten zu müssen.

    Zurück zum Artikel… Als ich noch jünger war – im Jugendlichenalter – sagten Geschwister zu mir „eigentlich müsste ich in die Politik gehen“. Nun. Ich weiß schon aus guten Gründen, warum ich das nicht tat (und bis dato auch nicht möchte). Ich denke so ergeht es Vielen, vielleicht den meisten Menschen, die ansich vielleicht ein starkes Gespür für die Demokratie haben, aber schon mitbekommen, was für ein besch… Job das ist, wenn man nicht vollkommen skrupellos, ohne jegliche Moral ist.

    Die Frage ist doch: wie kann man die Spielregeln so ändern, dass es fair zugeht, dass wir auch tatsächlich von Demokratie sprechen können? So, wie es jetzt läuft, kann es jedenfalls nicht weitergehen.

  4. Mise Spiele von Kollegen findet man nicht nur in Parteien, sondern in jedem größeren
    Unternehmen. Keiner kommt mit fleiß nach oben. Daher befinden sich in den gehobenen
    Positionen ja auch so viele Pfeifen. Spinner und Spinnerinnen, die sich nicht durch Sachwissen
    auszeichnen, sondern durch abgrundtiefe Bosheit. Es gibt auch mal einen Chef der diese
    Methoden ablehnt. Aber der kommt oft selbst schnell zu Fall. Nur die Harten kommen in den
    Garten, die Weichen unter die Eichen !!

  5. Ich habe den Eindruck, dass viele hier das Interview mit der Frau, das Roberto von der Brücke geführt hat, nicht zur Kenntnis genommen haben.
    Beides, das Interview und jetzt der buchauszug, ist in gewisser Hinsicht Teil einer Werbekampagne-für das Buch. Auch Verlage müssen leben und die Kleinen haben es nun mal besonders schwer.

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