Gramscis Gefängnishefte und das Erbe der kulturellen Hegemonie

Antonio Gramsci
Emilio J. Rodríguez Posada, Public domain, via Wikimedia Commons

Antonio Gramsci schrieb im Gefängnis über Macht ohne Gewalt. Er prägte damit das Denken ganzer Generationen. Was als Analyse begann, ist heute zum billigen Programm verkommen.

Antonio Gramsci, eingesperrt von Mussolinis Faschisten, schrieb zwischen 1929 und 1935 jene Gefängnishefte, die heute zum Kanon politischer Theorie gehören. Diese Notizen stellen kein geschlossenes Werk dar. Dennoch haben sie eine Wirkung entfaltet, die man kaum überschätzen kann. Gramsci beobachtete und tastete sich voran. Er schrieb fragmentarisch und oft verschlüsselt, um der Zensur zu entgehen. Und gerade darin liegt eine eigentümliche Stärke seiner Texte: Sie sind keine dogmatische Predigt, sondern ein Gedankenlabor. Wer sie liest, muss bereit sein, sich auf einen Denkprozess einzulassen.

Im Zentrum dieses Denkens steht ein Begriff, der zu einem der einflussreichsten und zugleich am meisten missverstandenen der politischen Theorie geworden ist: die kulturelle Hegemonie.

Die Macht, die nicht sichtbar ist

Gramscis entscheidende Einsicht lautet: Herrschaft wird nicht allein durch Zwang gesichert, sondern durch Zustimmung. Die herrschende Klasse, so seine These, bleibt nur dann an der Macht, wenn sie es versteht, ihre Weltanschauung als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Kultur, Bildung, Medien oder Sprache – all dies sind keine neutralen Felder, sondern Schauplätze eines subtilen Kampfes um Deutungshoheit.

Das bedeutet, dass Macht sich in Schulbüchern ebenso manifestiert wie in Zeitungen, in moralischen Normen auf gleich Weise wie in Alltagsgesprächen. Die herrschende Ordnung wird nicht nur akzeptiert, sie wird als natürlich empfunden. Diese Diagnose war für die marxistische Theorie revolutionär. Denn sie verschob den Fokus: Weg von der rein ökonomischen Analyse, hin zu einer umfassenderen Betrachtung gesellschaftlicher Macht. Die Revolution beginnt im Kopf, nicht auf der Straße.

Es ist diese Idee, die später, vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Intellektuellen, Studentenbewegungen und schließlich auch von den heutigen linksliberalen Milieus aufgenommen wurde. Der Marsch durch die Institutionen, die Betonung von Diskursen, die Sensibilität für Sprache und Symbolik – all dies trägt unverkennbar die Züge des Italieners. Doch Gramsci war ein Analytiker. Seine Theorie der kulturellen Hegemonie war in erster Linie eine Beschreibung. Sie sollte erklären, warum revolutionäre Umbrüche in Westeuropa ausblieben, obwohl die ökonomischen Bedingungen dafür nach klassischer marxistischer Lesart gegeben waren.

Von der Analyse zum politischen Programm

Die heutigen linksliberalen Strömungen hingegen haben diese Analyse in ein Programm verwandelt. Was bei Gramsci Diagnose war, haben sie zu einer Strategie verwurstet, wie sie die Deutungshoheit sichern können. Die Theorie wurde operationalisiert. Kultur, Institutionen und Sprache wurde besetzt.  Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Gramsci ging es um die Emanzipation der unterdrückten Klassen. Seine Theorie zielte auf eine Erweiterung der politischen Möglichkeiten. Doch in ihrer heutigen Anwendung wirkt sie wie ein Instrument moralischer Disziplinierung.

Wer die richtigen Begriffe nicht verwendet, wer sich den dominanten Diskursen widersetzt, wird ausgegrenzt. Die kulturelle Hegemonie wurde selbst zur Hegemonialmacht. Aber es wäre in der Tat zu einfach, diese Entwicklung allein den heutigen Interpretationen anzulasten. Auch in Gramscis Werk selbst finden sich Ambivalenzen, die diese Lesart zumindest begünstigen. Zunächst ist da die Unschärfe seines Begriffs der Kulturellen Hegemonie selbst. Er erlaubt unterschiedliche Interpretationen. Und gerade das macht ihn so anschlussfähig, aber auch so gefährlich. Nicht präzise Begriffe lassen sich leicht kapern.

Hinzu kommt Gramscis eigenes politisches Engagement. Er war eben kein neutraler Beobachter, sondern ein überzeugter Kommunist. Seine Analysen sind durchdrungen von dem normativen Ziel der Überwindung der kapitalistischen Ordnung. Diese Zielsetzung verleiht seinen Texten eine Richtung, die ihre Offenheit zugleich einschränkt. Schließlich ist da die Frage der Methode. Gramscis fragmentarischer Stil, seine Andeutungen, seine Vorsicht: all das erschwert eine eindeutige Auslegung. Das lädt geradezu dazu ein, seine Gedanken zu radikalisieren. Die heutigen linksliberalen Ansätze tun genau das. Sie greifen Gramscis Ideen auf, erweitern sie. Sie entfernen sich dabei oft weit von seinem ursprünglichen Kontext.

Man könnte sagen: Die Perspektive Gramscis hat das politische Denken sensibilisiert. Sie hat gezeigt, dass Macht nicht nur in Gesetzen und Institutionen steckt, sondern auch in Symbolen und Narrativen. Das ist ein Gewinn. Zugleich hat sie eine Tendenz verstärkt, die problematisch ist: die Moralisierung des Diskurses.

Moral statt Argument

Denn jede kulturelle Äußerung als Ausdruck von Machtverhältnissen zu verstehen, bedeutet auch, dass jede Kritik schnell als Anklage verstanden wird. Wer widerspricht, wird nicht mehr als Gesprächspartner gesehen, sondern als Vertreter einer problematischen Struktur. Der politische Gegner wird also moralisch diskreditiert und nicht argumentativ widerlegt. Das ist sicher kein Fortschritt und nicht emanzipativ.

Gramsci selbst hätte das wahrscheinlich nicht gewollt. Seine Texte zeugen von intellektueller Neugier, von Differenziertheit und dem Drang, die Wirkmechanismen der Macht zu begreifen. Die heutige Anwendung seiner Ideen hingegen ist oft von einer bemerkenswerten Simplifizierung geprägt.

Die Gefängnishefte sind ein bedeutendes Werk. Sie verdienen es auch heute noch, gelesen zu werden. Und dies gerne mit großer Sorgfalt. Gramsci war ein kluger Denker. Er hat Fragen gestellt, die auch heute noch relevant sind. Doch sein Einfluss auf die heutigen linksliberalen Strömungen ist ambivalent. Seine Schriften galten der Öffnung des Diskurses, sie sollten nicht als Einschränkung wirken.

Vielleicht liegt die Aufgabe unserer Zeit darin, Gramsci gegen seine eigenen Erben zu verteidigen. Ihn wieder als das zu lesen, was er war. Ein Strategiekonstrukteur war er nicht. Er war Intellektueller, der nachvollziehbar machen wollte. Ein vorschnelles Urteil lehnte er ab. Anders als seine Erben.

Joachim Z. Buchmann

Joachim Z. Buchmann hat sie alle gelesen. Zwischen Buchdeckeln und im echten Leben. Kritiker aus Liebe. Leser aus Leidenschaft. Rezensent aus Geldnöten.
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4 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Text. Ich habe es nicht so mit soziologischen Theorien, weil sie mir zu abstrakt sind. Um so mehr freue ich mich über solche allgemeinverständlichen Erläuterungen.

    Meine eigene These dazu lautet: Wir müssen das Bewusstsein der Menschen verändern, dann verändert sich das System von ganz allein. Nur ist die herrschende Klasse schon längst auf diesen Trichter gekommen und verändert das Bewusstsein der Menschen so, dass sie alles widerspruchslos akzeptieren. Gelegentliche Kommentare oder Artikel auf Overton ändern diese Machtverhältnisse nicht. Dieses Dilemma arbeitet Joachim Buchmann wunderbar heraus. Aber steter Tropfen höhlt vielleicht doch irgendwann den Stein.

  2. «Die heutigen linksliberalen Strömungen hingegen haben diese Analyse in ein Programm verwandelt.» Nicht nur linke Strömungen, inzwischen hat auch das deutschnationale Milieu Gramsci entdeckt. Zum Beispiel hat Benedikt Kaiser in der Berliner «Staatsreparatur» am 2.12.25 einen Vortrag über sein Buch «Der Hegemonie entgegen» gehalten. Aus dem Ankündigungstext:

    «Kaiser erläutert die wichtigsten gramscianischen Begriffe – darunter ″Hegemonie″, ″Alltagsverstand″, ″organischer Intellektueller″ und ″historischer Block″ – anhand zeitgenössischer Beispiele, räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf und weist der Metapolitik ihren Platz vor und neben der Parteipolitik zu. Fast beiläufig werden im Verlauf der Analyse politische Dauerbrenner wie die Fragen nach dem wahren Charakter der ″Neuen Rechten″, dem Wert von Populismus gegenüber Elitentheorien und dem Verhältnis zwischen Krise, Revolution und Evolution klargestellt.

    Der Hegemonie entgegen ist das Handbuch für alle Akteure in Real- und Metapolitik, die den nächsten Schritt gehen wollen, nein: müssen.»

  3. „Er hat Fragen gestellt, die auch heute noch relevant sind.“

    Der Faschist hat die Macht und die Institutionen des Staates einschl. Knäste und der italienische, französische und deutsche „Kommunist“ seine geliebte Kapitalismuskritik -bis zur Gehirnblutung.

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