
Antonio Gramsci schrieb im Gefängnis über Macht ohne Gewalt. Er prägte damit das Denken ganzer Generationen. Was als Analyse begann, ist heute zum billigen Programm verkommen.
Antonio Gramsci, eingesperrt von Mussolinis Faschisten, schrieb zwischen 1929 und 1935 jene Gefängnishefte, die heute zum Kanon politischer Theorie gehören. Diese Notizen stellen kein geschlossenes Werk dar. Dennoch haben sie eine Wirkung entfaltet, die man kaum überschätzen kann. Gramsci beobachtete und tastete sich voran. Er schrieb fragmentarisch und oft verschlüsselt, um der Zensur zu entgehen. Und gerade darin liegt eine eigentümliche Stärke seiner Texte: Sie sind keine dogmatische Predigt, sondern ein Gedankenlabor. Wer sie liest, muss bereit sein, sich auf einen Denkprozess einzulassen.
Im Zentrum dieses Denkens steht ein Begriff, der zu einem der einflussreichsten und zugleich am meisten missverstandenen der politischen Theorie geworden ist: die kulturelle Hegemonie.
Die Macht, die nicht sichtbar ist
Gramscis entscheidende Einsicht lautet: Herrschaft wird nicht allein durch Zwang gesichert, sondern durch Zustimmung. Die herrschende Klasse, so seine These, bleibt nur dann an der Macht, wenn sie es versteht, ihre Weltanschauung als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Kultur, Bildung, Medien oder Sprache – all dies sind keine neutralen Felder, sondern Schauplätze eines subtilen Kampfes um Deutungshoheit.
Das bedeutet, dass Macht sich in Schulbüchern ebenso manifestiert wie in Zeitungen, in moralischen Normen auf gleich Weise wie in Alltagsgesprächen. Die herrschende Ordnung wird nicht nur akzeptiert, sie wird als natürlich empfunden. Diese Diagnose war für die marxistische Theorie revolutionär. Denn sie verschob den Fokus: Weg von der rein ökonomischen Analyse, hin zu einer umfassenderen Betrachtung gesellschaftlicher Macht. Die Revolution beginnt im Kopf, nicht auf der Straße.
Es ist diese Idee, die später, vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Intellektuellen, Studentenbewegungen und schließlich auch von den heutigen linksliberalen Milieus aufgenommen wurde. Der Marsch durch die Institutionen, die Betonung von Diskursen, die Sensibilität für Sprache und Symbolik – all dies trägt unverkennbar die Züge des Italieners. Doch Gramsci war ein Analytiker. Seine Theorie der kulturellen Hegemonie war in erster Linie eine Beschreibung. Sie sollte erklären, warum revolutionäre Umbrüche in Westeuropa ausblieben, obwohl die ökonomischen Bedingungen dafür nach klassischer marxistischer Lesart gegeben waren.
Von der Analyse zum politischen Programm
Die heutigen linksliberalen Strömungen hingegen haben diese Analyse in ein Programm verwandelt. Was bei Gramsci Diagnose war, haben sie zu einer Strategie verwurstet, wie sie die Deutungshoheit sichern können. Die Theorie wurde operationalisiert. Kultur, Institutionen und Sprache wurde besetzt. Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Gramsci ging es um die Emanzipation der unterdrückten Klassen. Seine Theorie zielte auf eine Erweiterung der politischen Möglichkeiten. Doch in ihrer heutigen Anwendung wirkt sie wie ein Instrument moralischer Disziplinierung.
Wer die richtigen Begriffe nicht verwendet, wer sich den dominanten Diskursen widersetzt, wird ausgegrenzt. Die kulturelle Hegemonie wurde selbst zur Hegemonialmacht. Aber es wäre in der Tat zu einfach, diese Entwicklung allein den heutigen Interpretationen anzulasten. Auch in Gramscis Werk selbst finden sich Ambivalenzen, die diese Lesart zumindest begünstigen. Zunächst ist da die Unschärfe seines Begriffs der Kulturellen Hegemonie selbst. Er erlaubt unterschiedliche Interpretationen. Und gerade das macht ihn so anschlussfähig, aber auch so gefährlich. Nicht präzise Begriffe lassen sich leicht kapern.
Hinzu kommt Gramscis eigenes politisches Engagement. Er war eben kein neutraler Beobachter, sondern ein überzeugter Kommunist. Seine Analysen sind durchdrungen von dem normativen Ziel der Überwindung der kapitalistischen Ordnung. Diese Zielsetzung verleiht seinen Texten eine Richtung, die ihre Offenheit zugleich einschränkt. Schließlich ist da die Frage der Methode. Gramscis fragmentarischer Stil, seine Andeutungen, seine Vorsicht: all das erschwert eine eindeutige Auslegung. Das lädt geradezu dazu ein, seine Gedanken zu radikalisieren. Die heutigen linksliberalen Ansätze tun genau das. Sie greifen Gramscis Ideen auf, erweitern sie. Sie entfernen sich dabei oft weit von seinem ursprünglichen Kontext.
Man könnte sagen: Die Perspektive Gramscis hat das politische Denken sensibilisiert. Sie hat gezeigt, dass Macht nicht nur in Gesetzen und Institutionen steckt, sondern auch in Symbolen und Narrativen. Das ist ein Gewinn. Zugleich hat sie eine Tendenz verstärkt, die problematisch ist: die Moralisierung des Diskurses.
Moral statt Argument
Denn jede kulturelle Äußerung als Ausdruck von Machtverhältnissen zu verstehen, bedeutet auch, dass jede Kritik schnell als Anklage verstanden wird. Wer widerspricht, wird nicht mehr als Gesprächspartner gesehen, sondern als Vertreter einer problematischen Struktur. Der politische Gegner wird also moralisch diskreditiert und nicht argumentativ widerlegt. Das ist sicher kein Fortschritt und nicht emanzipativ.
Gramsci selbst hätte das wahrscheinlich nicht gewollt. Seine Texte zeugen von intellektueller Neugier, von Differenziertheit und dem Drang, die Wirkmechanismen der Macht zu begreifen. Die heutige Anwendung seiner Ideen hingegen ist oft von einer bemerkenswerten Simplifizierung geprägt.
Die Gefängnishefte sind ein bedeutendes Werk. Sie verdienen es auch heute noch, gelesen zu werden. Und dies gerne mit großer Sorgfalt. Gramsci war ein kluger Denker. Er hat Fragen gestellt, die auch heute noch relevant sind. Doch sein Einfluss auf die heutigen linksliberalen Strömungen ist ambivalent. Seine Schriften galten der Öffnung des Diskurses, sie sollten nicht als Einschränkung wirken.
Vielleicht liegt die Aufgabe unserer Zeit darin, Gramsci gegen seine eigenen Erben zu verteidigen. Ihn wieder als das zu lesen, was er war. Ein Strategiekonstrukteur war er nicht. Er war Intellektueller, der nachvollziehbar machen wollte. Ein vorschnelles Urteil lehnte er ab. Anders als seine Erben.




Vielen Dank für diesen Text. Ich habe es nicht so mit soziologischen Theorien, weil sie mir zu abstrakt sind. Um so mehr freue ich mich über solche allgemeinverständlichen Erläuterungen.
Meine eigene These dazu lautet: Wir müssen das Bewusstsein der Menschen verändern, dann verändert sich das System von ganz allein. Nur ist die herrschende Klasse schon längst auf diesen Trichter gekommen und verändert das Bewusstsein der Menschen so, dass sie alles widerspruchslos akzeptieren. Gelegentliche Kommentare oder Artikel auf Overton ändern diese Machtverhältnisse nicht. Dieses Dilemma arbeitet Joachim Buchmann wunderbar heraus. Aber steter Tropfen höhlt vielleicht doch irgendwann den Stein.
„Wir müssen das Bewusstsein der Menschen verändern,“
Vollkommen richtig lieber Herr @Nold. Das machen die Deutschen bekanntlich schon seit ’68. Wie viel „Bewusstseinänderung“ darf es denn noch sein…?
https://www.youtube.com/watch?v=VQc5nNxMAco
Da hat der gute Rudi, wie es so oft der Fall war, Recht gehabt…
Wenn man mal davon absieht, dass er vergessen hat zu erwähnen, dass nach Revolution nahezu immer alles zwar anders, aber kaum jemals etwas besser war..
„Ihre“ These ist alt und weit verbreitet. Sie ignoriert den untrivialen Umstand, dass das System nicht durch das Bewusstsein der Betroffenen aufrechterhalten wird, sondern durch Zwang und Gewalt.
Die These verlagert die Ursache für die Umstände in die Betroffenen und deren unzureichendes Bewusstsein. Das ist zwar Unfug, aber für die Herrschaft ungemein praktisch. Sie ahnen jetzt vielleicht, bei wem die These überaus beliebt ist und von wem sie gefördert wird. Und zwar idealerweise so, dass die Leute immer glauben, sie wären „von selber drauf gekommen“.
„unzureichendes Bewusstsein…. Zwang und Gewalt.“
Was heisst denn „unzureichendes Bewusstsein.“…? Gibt es dann noch ein irgendwo zu findendes „ausreichendes Bewusstsein“ und -wenn Ja- was soll das in beiden Fällen inhaltlich überhaupt sein und bedeuten? Was waren das für Leute, die 1922 am „Marsch auf Rom“ beteiligt waren? Antwort: Teile des Mittelschichts-Bürgertums, Kriegsheimkehrer ohne Zukunftsperspektive, Arbeiter, Arbeitslose und sonstige Habenichtse:, diie hinterher Kommunisten-Simulanten wie Gramsci in den Knast geschoben haben. Also diejenigen sozialen Gruppen, die auch heute in Frankreich die RN und in Deutschland die AfD wählen -weder aus „unzureichendem Bewusstsein“ noch „durch Zwang und Gewalt.“, sondern weil sie es so WOLLEN.
Erst lesen, dann fragen. Bewusstseinsfragen sind an die Bewusstseinstheoretiker zu richten.
„…..sondern weil sie es so WOLLEN.“ ????
Sind sie sich da sicher. Viele, wie viele genau lässt sich leider nicht sagen, wählen die AfD nicht, weil sie sie toll finden und ihr Bewusstsein nicht so ist, wie es anscheinend Marxisten immer noch gerne hätten. Sondern ssie wählen sie, weil sie vom Rest der Bagage in Berlin die Schnauze voll haben und alles andere den die seit 20 Jahren regierenden Inkompetenten vorziehen. Die AfD zB unterscheidet sich von den Kriegstreibern, dass sie auf jeden Fall sofort Gespräche mit Moskau wollen. Viele andere sind da auch meiner Meinungen, dass das immerhin Bewegung in alle möglichen Sachen bringen würde.
Dass das alles tatsächlich so ist haben wir in den USA gesehen, wo die Leute auch die Schnauze vom korrupten Gesindel der Dems voll hatten und bereit warn dafür einen Trump in Kauf zu nehmen.
Richtiges Bewusstsein???? Bei Themen wie Corona, Impfen, Migranten, Genozid in Gaza, Bomben auf Sü-Libanon und Teheran? Netanjahu, Putin. Trump, Merz, Habeck, Merkel ?????
Ihr macht Witze… unzureichendes Bewusstsein…
Herr Nold, ich stimme Ihnen zu, habe nur diese Frage: wer ist wir, wenn Sie schreiben: „wir müssen das Bewusstsein der Menschen verändern“. Meine These: Marx, Engels, Lenin, Stalin, das sind nur einige, denen ich folge. Schon seit Beginn der kommunistischen Bewegung sind Vordenker diesen Weg gegangen. Ich folge ihnen. Ansonsten hoffe ich, wie Sie auch: “ steter Tropfen höhlt den Stein“. Nur, bei der Propaganda, die sich ausschließlich in den Händen der Ausbeuter befindet, ist es ein schwieriges, aber kein aussichtsloses Unterfangen. Trotzdem, noch einmal die Frage: wen meinen Sie mit „WIR“?
So wie ich es formuliert habe, ist das tatsächlich eine berechtigte Frage. Mit „Wir“ meine ich zunächst einmal uns selbst. Gerade komme ich vom Montagsspaziergang. Das Wetter war so, dass ich endlich wieder mein weißes T-Shirt tragen konnte mit dem fetten Schriftzug „DIe Waffen nieder“ auf der Brust und „Frieden schaffen ohne Waffen“ auf dem Rücken. Keine Demo, nur ein Spaziergang durch unser Viertel, die Hauptstraße auf und ab. Einfach ein Zeichen setzen. Einige 100 Blickkontakte, mehr nicht. Vielleicht sind es die kleinen Dinge und unerwarteten Symbole, die die Menschen zum Nachdenken bringen. Der Mensch ist von der Evolution darauf gepolt, Abweichungen zu erkennen – warum dass nicht ganz bewusst zur Strategie machen?
Und was, wenn es gerade diese Idee von den „kleinen Dingen“ und dem „steten Tropfen“ ist, vom „Zeichen setzen“, die die Leute ruhigstellt? Weil sie sich sagen können, sie hätten ja immerhin mal kritisch geguckt/ein T-Shirt getragen oder gesehen/ein Schild hochgehalten/widerständig die Arme verschränkt/ihre eigene Meinung gehabt/alles gar nicht so gut gefunden/…?
(Und nein, die Frage nach einer Alternative, die jetzt garantiert kommt – und die eigentlich „machen Sie es doch besser!!1“ heißt – nimmt an dieser Frage nicht das Geringste zurück.)
KOBA, interessant… Du bist als im Zweifelsfall für Stalins Gulags? Echt geil, und Du entscheidest wer rein muss?
@ Nold 14Uhr 30 Diesen Mechanismus,
das „Meinungsmanagement“ hat Rainer Mausfeld im Buch „Warum schweigen die Lämmer“ deutlich herausgearbeitet.
H.M. Enzensberger hat schon vor Jahr –
zehnten von Bewusstseins Industrie ge-
schrieben
«Die heutigen linksliberalen Strömungen hingegen haben diese Analyse in ein Programm verwandelt.» Nicht nur linke Strömungen, inzwischen hat auch das deutschnationale Milieu Gramsci entdeckt. Zum Beispiel hat Benedikt Kaiser in der Berliner «Staatsreparatur» am 2.12.25 einen Vortrag über sein Buch «Der Hegemonie entgegen» gehalten. Aus dem Ankündigungstext:
«Kaiser erläutert die wichtigsten gramscianischen Begriffe – darunter ″Hegemonie″, ″Alltagsverstand″, ″organischer Intellektueller″ und ″historischer Block″ – anhand zeitgenössischer Beispiele, räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf und weist der Metapolitik ihren Platz vor und neben der Parteipolitik zu. Fast beiläufig werden im Verlauf der Analyse politische Dauerbrenner wie die Fragen nach dem wahren Charakter der ″Neuen Rechten″, dem Wert von Populismus gegenüber Elitentheorien und dem Verhältnis zwischen Krise, Revolution und Evolution klargestellt.
Der Hegemonie entgegen ist das Handbuch für alle Akteure in Real- und Metapolitik, die den nächsten Schritt gehen wollen, nein: müssen.»
„Er hat Fragen gestellt, die auch heute noch relevant sind.“
Der Faschist hat die Macht und die Institutionen des Staates einschl. Knäste und der italienische, französische und deutsche „Kommunist“ seine geliebte Kapitalismuskritik -bis zur Gehirnblutung.
Und was sagt uns das jetzt? Ist doch eh alles gleich? Alles Quatsch. Und unsere Gesellschaft ist die Beste aller Besten, Hauptsache, man ist exakt in der Mitte und keinen Manometer nach links oder rechts. Die sind alle doch eh nur Idioten, die von der Mitte abweichen? Na?
Schon Normalität ist ein Konstrukt, denn wer ist befugt darüber zu entscheiden, was denn normal ist.
Es ist eben die vermeintliche Mehrheit, als deren Sprachrohr sich die Medien und die Politiker verstehen, die jegliche Norm in ihrem Sinne gestalten. Weil aber Macht von jenen ausgeht, die die Mittel dafür haben, sind es grundsätzlich die Wenigen, die die Elite darstellen, die letzlich über den vermeintlichen Willem der Mehrheit bestimmen.
Der Mensch braucht eben Führung und ist gewillt jenen zu Folgen, die er dafür als berufen glaubt.
Er selbst weiß nicht was er will, aber das mit ganzer Kraft.
„Der Mensch ist (nicht nur) dem Menschen ein Wolf“, er ist ebenso wie der Wolf ein bequemes Rudeltier, das darauf geeicht ist dem Leitwolf unterwürfig gefällig zu sein. Revierkämpfe überlässt man jenen, die sich selbst zum Anführer erkoren haben, selbst wenn man untereinander konkurriert.
Die Schwachen und Armen pflegen sich stets nur selbst zu bekämpfen und trauen sich aus ihren Unterschlüpfen (Slums) nicht recht heraus, um den überlegenen Herrschenden in die Quere zu kommen.
Die reaktionären Kräfte waren schon immer gut darin, revolutionäre Ideen für ihre Zwecke zu missbrauchen, und sie haben einfach den größeren und wirkmächtigeren Werkzeugkasten dafür.
Die Gedanken von Sigmund Freud, die auf Heilung und Erkenntnisgewinn, Bewusstseinserweiterung und Persönlichkeitsentwicklung abzielten, wurden auch postwendend von seinem missratenen Neffen Edward Bernays dazu verwendet, um die Massen durch Werbung, Propaganda und psychologische Kriegsführung zu manipulieren.
Und es ist kein Zufall, dass der Hegemon USA auch in der kulturellen Hegemonie federführend ist. Was früher Hollywood war, sind heute (a)soziale Medien und Tech-Konzerne, die mit monopolartigen Strukturen die globale Informations- und Kommunikationswelt kontrollieren – und immer mit einem Hintertürchen für Geheimdienste und Regierung.
Als nun Gramsci im Gefängnis saß, hatten die Faschisten die fast uneingeschränkte kulturelle Dominanz. Sie nutzten die neuen Massenmedien, um ihre Parolen pausenlos unters Volk zu bringen. Dieses sah und hörte eigentlich nichts anderes mehr und kam nicht auf die Idee, alternativ zu denken. Erst als Italien sich im Krieg befand, kamen die Alliierten auf die Idee, die Italiener mit eigenen Sendern aufzuklären. Ein Meinungsmonopol, das es so dann später nicht mehr gab. Der Ostblock, der dasselbe versuchte, wurde von Anfang an mit Westsendern beschallt. Auch in Friedenszeiten.
Ohne Faschismus ist es aber nicht viel anders. Die Presse gehört dem Kapital und verbreitet dessen Meinung. Aber gerade in Italien gab es dann den Versuch, deren kulturelle Dominanz dann doch zu brechen. Da waren die äußerst beliebten Eurokommunisten unter Berlinguer. Getragen von überwiegend unbezahlten Schreibern aus genossenschaftlichen Strukturen. Haben die Gramsci gelesen? Wahrscheinlich ja.
Immerhin ist da in den westlichen Ländern eine große Aufmerksamkeit übrig geblieben, die äußerst sensibel reagiert, wenn die Medien monopolisiert werden. Trump schafft das nicht, auch wenn er es versucht.
Dass das heutige / aktuelle „links-libera – le Milieu“ [ Parteien von espede bis grün]
etwas mit Linker Politik zu tun hätten, ist
falsch und längst widerlegt. Im Gegenteil
es hat reaktionäre Züge .
„Kulturelle Hegemonie“ impliziert den richtigen Ansatz jeder Kritik an der „werte- und regel-basierten Ideologie“ des sog. Westens als Gramsci schrieb: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue Welt ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
„Denn jede kulturelle Äußerung als Ausdruck von Machtverhältnissen zu verstehen, bedeutet auch, dass jede Kritik schnell als Anklage verstanden wird. Wer widerspricht, wird nicht mehr als Gesprächspartner gesehen, sondern als Vertreter einer problematischen Struktur. Der politische Gegner wird also moralisch diskreditiert und nicht argumentativ widerlegt. Das ist sicher kein Fortschritt und nicht emanzipativ.“
Könnte es sein, dass wenn alle über „politische Machtgleichheit“ verfügten, in der alle BürgerInnen Politik machten bis hin zur Gesetzgebung, dass sich Debatten über „kulturelle Hegemonie“ gleich mit erledigten?!
„Bestimmt unser Sein unser Bewusstsein, oder bestimmt unser Bewusstsein unser Sein?“
https://www.youtube.com/watch?v=RUzEI6e5phQ
„Bestimmt unser Sein unser Bewusstsein, oder bestimmt unser Bewusstsein unser sein?“
Meine Synthese lautet: mein Sein ist mein Bewusstsein!
Schöne Antwort!
Dabei gilt auch: Esse est percipi
Schaffen nicht erst die Sinne Bewußtsein?
Insofern ist das Sein Voraussetzung.
Sieht der Philosoph Ardalan Ibrahim, Verfasser des o.a. verlinkten Beitrages, ebenso und erläutert auch warum.
Guter Artikel, der ohne langatmige oder umständliche Argumente auf den Punkt kommt und trotzdem differenziert bleibt – danke dafür!
Möglicherweise hat es wohl tatsächlich keinen Zweck, „den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen“.
Um welche ‚Erben‘ geht es in dem Text? Der Autor will hoffentlich nicht suggerieren, dass in der heutigen Gesellschaft irgendjemand in der Tradition von Gramsci als politische Kraft in Erscheinung tritt?! Gramsci war gebildet, sensibel, sprachlich versiert und in seiner Weltanschauung authentisch, das ist heute in keiner politischen Bewegung mehr in Ansätzen der Fall!
Ich kenne G. nicht aber der Text scheint mir ziemlich gut analysiert.
Imperien etwa haben sich nicht nur durch Gewalt lange halten können sondern eben durch Überzeugung.
Die Römer hatten in Friedenszeiten eine geradezu lächerlich kleine Armee mit denen sie ihr ganzes Reich über Jahrhunderte halten konnten. Das ist nur erklärbar weil sie auch eine überzeugende Idee der Zivilisation mitbrachten.
Der Pseudo-Linksliberalismus von heute ist keine kulturelle Hegemonie weil dahinter gar keine Kultur mehr steckt, er versucht daher diese Hegemonie zu simulieren und muß fast zwangsläufig immer freiheitsfeindlicher werden um sich noch ein wenig länger halten zu können.
die Römer haben jahrhunderte lang Handel, Kulturtechniken und Rechtssystem verbreitet und etabliert. Völker, die sich in dieses System integrierten hatten deutliche Entwicklungsmöglichkeiten und Beteiligung am römischen Wohlstand erhalten. Also win-win!
Rom ist nicht untergegangen, weil das System schlecht war, sondern weil sie an Grenzen der Entwicklung stiessen.
Das römische System war auf Sklavenausbeutung gebaut, gespeist aus Menschen die im expansiven Modus vom System aufgesogen wurden.
Die Überdehnung des Reiches und das Ausbleiben des Anwachsens der Sklavenmenge war der Anfang vom Ende.
Unsere Gesellschaft verbirgt die menschlichen Sklaven in den Minen und Slums der 3. Welt, aber lebt hauptsächlich von der Potenz der Maschinensklaven. Ohne die Thermodynamische Revolution nach dem 30 jährigen Krieg wären wir genauso arm und langsam wie die Menschen im Mittelalter.
Die neue Generation der “ Maschinensklaven“ inclusive der KI ( die sich wie die Menschen in Rom, die sich mittels der emanzipatorischen, jedenfalls damals, Idee des Christentums befreiten) wird das System sprengen und ganz automatisch neue Regel erfordern.
Ob wir aber zuerst ein neues Mittelalter durchleben müssen, bevor die nächste Renaissance uns frei in unserer Entwicklung macht, das mag ich nicht vorhersagen.
Zustimmung.
„die sich mittels der emanzipatorischen, jedenfalls damals, Idee des Christentums befreiten)“
So ist es. Als das Christentum begann, selber dogmatisch und repressiv zu werden, war das ein wesentlicher weiterer Grund für den Untergang im Westen.
Das begann gleich nach Constantin im vierten Jhd, zunächst wurde das Christentum zur ersten Staatsreligion erklärt, während andere noch erlaubt blieben. Dann wurde es zur alleinigen Staatsreligion gemacht und alle weiteren wurden verboten, sofort danach begannen Pogrome und Bilderstürme gegen die alten Kulte, die bis dato Rom geprägt hatten.
Die Folge war daß nicht nur weite Teile der Unterschichten die Loyalität zum Reich einstellten, was längst geschehen war, sondern auch weite Teile des alten Adels.
Danke für den wertvollen Denkanstoß! Die Hefte werde ich lesen.
Damit habe ich zwar alles Wesentliche gesagt. Da ich aber zu klar formuliere, bedarf es dieser 2 zusätzlichen Nachsätze.
Wird »bestimmt« durch „beeinflusst“ sowie »oder« durch „und“ ersetzt, dann passt es. Es ist eine Wechselwirkung. Btw. ein schönes Beispiel, wie falsche Fragen zu falschen Schlüssen manipulieren und die Wahrnehmung kanalisieren.
»Wir müssen« bedeutet, dass es welche gibt, die sowieso und immer richtig liegen (vorzugsweise die Mehrheit), und weiterhin diese einen Befehl oder die Pflicht haben, über das Denken anderer zu bestimmen und zu urteilen. »Verändern« unterstellt, dass das Bewusstsein anderer prinzipiell falsch ist. Klingt alles blöd, irgendwie anmaßend und herablassend, oder?
Wie wäre es damit: Wir sollten versuchen allen – und vorzugsweise den Heranwachsenden – die uralten Kulturtechniken des Verstehens, Begreifens und Durchdringens nahe zu bringen, damit eines sein eigenes Bewusstsein entwickeln kann. Und dabei sollten „wir“ in der Lage bleiben, auch das eigene Bewusstsein zu korrigieren und zu verändern.
Ist nicht nur eine feine Sache, wenn der Lehrer oder die Lehrerin so gut waren, dass sie irgendwann vom Schüler oder der Schülerin noch was lernen können: Es wäre die höchste Auszeichnung.
@El-G: Vielen Dank! Sie haben vollkommen recht. „Wir müssen“ ist falsch. Ihr Vorschlag „Wir sollten versuchen allen – und vorzugsweise den Heranwachsenden – die uralten Kulturtechniken des Verstehens, Begreifens und Durchdringens nahe zu bringen, damit eines sein eigenes Bewusstsein entwickeln kann. Und dabei sollten „wir“ in der Lage bleiben, auch das eigene Bewusstsein zu korrigieren und zu verändern.“ ist genau richtig. Schön, dass es hier diesen Austausch gibt.
Gott sei Dank hatte ich noch einen Kommentar frei!
Implizit hast Du hingesagt, die (ontische) Substanzialität, die im Seinsbegriff moderner Sprachen ihr Unwesen treibt, sei zugunsten von Begriffen der Lebenstätigkeit zu verwerfen. Aber solch erkennender Wille nimmt nicht weg, daß die semantische Substanzialität ein Reflex dessen ist, was ich an anderer Stelle so zusammen gefaßt hatte:
So viel stimmt ja einfach am sog. „mechanischen Materialismus“, daß die Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt, gegeben in sinnlicher und intellektueller Wahrnehmung, erstmal Reflex ist. Das ist der erste Grund dafür, daß kein gesunder Mensch irgend etwas von sich geben kann, das ausschließlich falsch sei. Doppelseitigkeit des Erscheinenden. Differenz von Gegenstand und Begriff desselben ein Formunterschied (Hegels Lehre). Darin enthalten, was Marx als Allererstes daran aufgegriffen hat, daß, soweit dies stimmt, „Erkenntnis“ ein obligatorisch gesellschaftliches Produkt ist. Wer irgendwas „besser wissen“ will, ist auf Fehler der lieben wie unliebsamen Mitmenschen angewiesen. Freilich nicht auf alle 😉
(Das Thema hat Marx exemplarisch in seiner Dissertation über die Atomlehre des Demokrit durchdekliniert).
Gruß!,
@ Qana:
Ja, so ist es auch formulierbar, allein mit dem Begriff »Reflex« habe ich leichte Schwierigkeiten, weil eine spezielle Lesart „Unwillkürlichkeit“ impliziert. Allerdings habe ich da gerade auch kein besseres Wort parat, doch ich denke, es geht mehr Richtung verwoben; das macht es nicht leichter. Ob »„Erkenntnis“ ein obligatorisch gesellschaftliches Produkt ist«, weiß ich nicht, mir scheint, Nachahmung ist da für Gesellschaft hinreichend und ist vielleicht genau das, was einen Dialog oftmals unmöglich macht.
Mir ging es in erster Linie darum, dass die einfachsten Unterhaltungen dieser tage sehr schnell extrem werden, sobald widersprüchliches auftaucht und sofort als Gefahr und Angriff eingeordnet und pariert wird. (Passiert mir auch bisweilen, und mit der Untersuchung von Ursachen und Wirkungen könnte man jetzt mehrmals die 10k-Zeichen-Grenze reißen…) Schön ist das nicht und hilfreich auch nicht. Naja, „wir“ arbeiten daran und geloben Besserung. 😉
Btw. lebe ich nicht in Berlin und auch nirgends auf dem Weg von Norddeutschland nach Polen.
Sorry 🤷. Aber gute Reise, wenn es soweit ist.
Allerbeste Grüße!
Verweist die inhaltliche Zielsetzung nicht viel eher auf eine theoretische Tiefe welche mit Offenheit, die gezwungenermaßen an der Oberfläche bleiben muss, eben genau eben nicht zu erreichen wäre?
Wer das politische Versagen der heutigen Partei der Linken verstehen will, der schaue sich nur deren Unterwerfung unter die herrschenden Ideologismen von Profit und Militarismus an und die unreflektierte Übernahme der dazugehörigen rhetorischen Phrasen und inhaltlichen Eckpunkte.
Geschwätz, wie immer nur Geschwätz. Überall wo „Kommunismus“ draufsteht oder „MarxismusLeninismus“ angeblich drinsteckt, Geschwätz, nichts als Geschwätz.
Dieses Geschwätz dient einzig und alleine dazu, die Verhältnisse zu stabilisieren. Denn das (marxistische) „Links“ und das angebliche „Rechts“ (=alles andere außer MarxismusLenisnismus) dient der Herrschaft zum Spalten und damit ihre Herrschaft zu sichern.
Überall wo MarxistenKommunistenLeninistenQuarkisten drin sind, wird nichts etwas.
Widerstand geht nur OHNE „Links“ (und ohne „Rechts“). Die letzten Jahrzehnte beweisen es: keine im früheren Sinn linke Bewegung hatte irgend einen Erfolg. Und jede zivilgesellschaftliche Bewegung, die Erfolg hätte haben können, wurde durch „rechts, rechtsoffen, rechtsanschlussfähig, Nazi, Antisemmeltismus, …“-Anwürfe zerlegt. (Blockupy, Anti-TTIP, Friedenswinter, Coronawiderstand, Bauernproteste, …)
Und jede „Bewegung“ die Erfolge verbuchte, wurde von den Superreichen iniziiert und finanziert, und die vermeintlich „linken“ Aktivisten darin waren nur PR-Büttel der Superreichen (Klimabewegung, Genderkram, „Willkommenskultur“ und Migrationsförderung, „Seenotrettung“, „openborder“, „gegenrechts“, …).
Arme Irre!
„Linke“ sind heute im Effekt und zu 99% wohlstandsverzogene Jünglinge aus gehobener Bürgerschicht, deren Eltern ihre Villen mit „Bunten Bändchen für Demokratie und gegen rechts“ behängen, und für diesen Gratismut sich auch noch ganz doll couragiert fühlen, und deren Jüngelchen gehen gegen die Arbeiterklasse auf die Straße, und glauben, weil die Breitbandpropaganda aus Kirchen, Kriechern, Medien, Politik und PR-Agenturen das so verkündet, dass sie mit ihrem Aktivismus den ganz, ganz nahen Faschismus (AfD, Reichsbürger, Schwurbler, Klimalüge- und Coronalüge-Kritiker, …) verhindern würden. Dabei ist der längst da im Kleide der „Sachzwänge“ und „politischen Notwendigkeiten“, dem „freien Markt“ und den unglaublichen Zinsschuldenbergen und was beständig und immer nur im Sinne der Erhöhung der Bedrückung und Ausbeutung der (wirklich) Schwachen (nicht diese verzogenen Gören) ausgeweitet werden. Und zwar von denen, die sich oft sogar als „links“ oder zumindest „Mitte“ ausgeben.
Wer sich heute noch, angesichts der fast völligen Übernahme des Etiketts „links“ durch Herrschaftsbüttel und PR-Organe, selbst noch als „links“ ausgibt, macht sich damit mittschuld an der effektiven Weiterbetreibung der allgemeinen FullspectrumdominanceUltrasuper-Verarschung.
Also ich halte Gramsci für einen völlig überschätzten Autor. Das signalisiert ja schon folgende Aussage: „Herrschaft wird nicht allein durch Zwang gesichert, sondern durch Zustimmung.“ Und ohne Gramsci würden wir das nicht erkennen? Wir würden glauben, Herrschaft stützt sich allein auf Zwang und Gewalt? Diese „Erkenntnis“ von Gramsci ist doch eine Banalität, wer bitte weiß das nicht? Und was den Begriff der Hegemonie betrifft: Ich pflege Gramscianer immer zu fragen, Hegemonie mit welchen Inhalten denn? Die Antworten sind interessant.
Ich weiß nicht, inwieweit das den Autor Gramsci trifft, aber ja, in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten subsummiert die Rede von „Hegemonalität“ den hoheitlichen Rechtsidealismen und Ordungsansprüchen deren zivilgesellschaftliche Assimilationen. Es ist folglich eine kulturkritische Kategorie, die zu nichts anderem taugt, als auf das Zusammenspiel beider mehr oder (eher) minder elaboriert zu deuten.
Die Frage, die sich Gramsci stellte, lautete ungefähr so: Wie kann man es erklären, dass die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung gegen ihre Interessen handelt bzw. abstimmt, während die von ihrem Kapital Lebenden das gerade Gegenteil tun?
Wie kann man es erklären, dass die Deutschen den 1.WK begeistert begrüßten? Und wie, dass so viele den Faschisten zuneigten?