
Ist die Enquete bereit, die visuelle Macht der Pandemie öffentlich zu überprüfen? Wie die Mehrheit den Medienwürfel stilllegte – und Lars Schaade die Corona-Kurven mit den Armen erklären musste, weil er sie nicht zeigen durfte.
Wer entschied während der Pandemie tatsächlich? Wer prüfte die Folgen der Maßnahmen? Wer widersprach? Und warum werden Erinnerungen dort unscharf, wo Entscheidungen besonders folgenreich waren? Sechs Jahre später arbeitet der Bundestag die Corona-Jahre auf. Tom Lausen sitzt als Sachverständiger mitten in der dafür zuständigen Enquete-Kommission. Dort haben alle Teilnehmer fünf Minuten für Frage und Antwort. Demnächst erscheint sein neues Buch.
Ein exklusiver Vorabdruck.
Die Corona-Pandemie war nicht vorrangig eine Pandemie des Corona-Virus. Sie war eine Pandemie der Grafiken.
Schon »Flatten the Curve« war eine falsche Grafik, weil sie so tat, als würde man die gesamte Krankenhauslast beeinflussen können. Sie gaukelte den Menschen vor, mit ein bisschen Umsicht könne man die Krankenhausaufnahmen unter die Kapazitätsgrenze drücken und vergaß dabei mitzuteilen, dass die schweren Atemwegserkrankungen 2–4 Prozent der Fälle im Krankenhausbetrieb ausmachen.
Diese Grafik wurde dann mit immer mehr Grafiken zum völligen Desaster der Bundesregierung und seinen Behörden. Schlussendlich lieferte sie nur Desinformation.
Kurven stiegen. Karten wurden rot. Balken wuchsen. Zahlen blinkten. R-Werte bewegten sich mit jener geheimnisvollen Autorität über den Bildschirm, die sonst nur Börsenkursen und Wahlergebnissen vorbehalten ist.
Wer morgens noch nicht wusste, wie gefährlich sein Tag werden würde, musste lediglich das Dashboard öffnen. Dort wartete die Antwort bereits farblich sortiert.
Rot war gefährlich. Dunkelrot war sehr gefährlich.

Sofern die Farbe nicht genügte, kam noch eine exponentielle Kurve dazu.
Während der Pandemie waren Grafiken Regierungssprache. Eine steigende Linie konnte mehr Grundrechte bewegen als ein hundertseitiges Gutachten.
Eine rote Landkarte schloss Schulen, Restaurants und manchmal ganze Landkreise. Die Bevölkerung sah allerdings keine Rohdaten. Sie sah Bilder aus Daten – sorgfältig ausgewählt, skaliert, beschriftet und mit der Aura unausweichlicher naturwissenschaftlicher Bestimmtheit versehen.
Es wurde auch versteckt, dass 2018 viel mehr schwere Atemwegserkrankungen in den Krankenhäusern behandelt wurden als 2019 und als 2020 und 2021.
Trotzdem stieg die Kurve, denn 2018 wurde schlicht verheimlicht. Selbstverständlich musste gehandelt werden.
Dass eine Kurve je nach Achsenskalierung, Bezugsgröße und ausgewähltem Zeitraum sehr unterschiedliche politische Gemütszustände erzeugen kann, war damals eher eine Nebenfrage. Die Hauptsache war: Sie war zu sehen.
Nun gibt es im Deutschen Bundestag ja diese Corona-Enquete-Kommission, in der ich sitze. Sie soll untersuchen, wie all das zustande kam. Man könnte deshalb vermuten, dass besonders dort Grafiken eine gewisse Rolle spielen dürfen.
Eine gewagte Annahme.
Der Sitzungssaal verfügt über einen großen Medienwürfel. Das ist jener zentrale Bildschirm, auf dem alle gleichzeitig dasselbe sehen können: Abgeordnete, Sachverständige, Gäste, Kameras und Öffentlichkeit. Ein idealer Ort also, um jene Kurven zu überprüfen, mit denen das Land jahrelang regiert wurde.
Die AfD beantragte logischerweise, dort Grafiken und Videos zeigen zu dürfen. Daraufhin entwickelte sich die deutsche parlamentarische Hochtechnologie zu ihrer eigentlichen Bestimmung: Die Grünen stellten einen Gegenantrag, wonach der Medienwürfel nicht genutzt und nicht einmal Grafiken hochgehalten werden dürften.
Die Mehrheit folgte dem hämisch lächelnd.
Man hatte keine einzige Zahl widerlegt, keine Achse geprüft und keine Darstellung entkräftet – aber immerhin erfolgreich verhindert, dass die Öffentlichkeit sie sehen konnte.
Der Bundestag besitzt also einen Medienwürfel, der nur möglichst wenig Medien – also Grafiken oder Diagramme – zeigen soll. Das klingt zunächst wie eine Szene aus einem Verwaltungsroman von Franz Kafka, die der Verlag wegen mangelnder Glaubwürdigkeit gestrichen hätte.
Aber es ist noch schöner: Die Mehrheit schrieb die Nichtnutzung des vorhandenen Bildschirms ausdrücklich in die Verfahrensregeln.
Man schaffte nicht etwa einen Bildschirm an, um nichts darauf zu zeigen. Das wäre bloß Verschwendung gewesen.
Man hatte den Bildschirm bereits und beschloss anschließend demokratisch, seine wichtigste Funktion nicht zu verwenden.
So wurde aus einer technischen Frage eine politische Leistung. Über Grafiken durfte selbstverständlich weiterhin gesprochen werden. Man konnte Kurven beschreiben, Linien mit den Händen in die Luft zeichnen, Achsen wortreich erklären und auf Tischvorlagen verweisen.
Besonders professionell ließ sich das bei Lars Schaade beobachten, der die Verläufe während seiner Befragung mit kreisenden Armen im Raum nachmodellierte. Die Datenanalyse wurde damit gewissermaßen körperlich: Wo der Medienwürfel schwieg, übernahm der Oberkörper.
Nur sehen sollte die Öffentlichkeit die tatsächliche Grafik möglichst nicht.
Das erinnert an eine Kunstausstellung, in der der Museumsführer ausführlich über die Gemälde spricht, während sämtliche Bilder mit Tüchern verhängt bleiben.
»Hier links sehen Sie einen bemerkenswerten Anstieg.« Man sah ihn nur nicht.
»Daneben verläuft die Vergleichskurve.« Auch sie blieb unsichtbar.
»Die genaue Darstellung finden Sie in einer Tischvorlage.« Die Zuschauer im Livestream fanden vor allem den Sitzungstisch.
Eine Tischvorlage ist parlamentarisch sehr praktisch. Sie liegt irgendwo zwischen Tagesordnung, Wasserglas und dem Papierstapel, den niemand vollständig gelesen haben möchte. Sie kann herumgereicht, abgelegt, überblättert oder versehentlich unter einer Geschäftsordnung begraben werden.
Vor allem aber sehen die Zuschauer sie nicht. Der Medienwürfel dagegen hätte ein gefährliches demokratisches Prinzip erzeugt: Alle hätten gleichzeitig sehen können, worüber gesprochen wird. Genau das musste offenbar verhindert werden.
Besonders vollkommen wurde die Absurdität in der Befragung von Prof. Lars Schaade, dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts. Es ging um die SARI-Lage, um Covid-SARI und darum, wie die schwere Atemwegslast im März 2020 tatsächlich aussah.
Also um Kurven, Verläufe und Größenverhältnisse – um Dinge, die sich traditionell besonders schlecht mit Pantomime erklären lassen.
Schaade erklärte, er habe eine Darstellung dabei, mit der man die verschiedenen Verläufe auseinanderziehen könne. Ein seltener Glücksfall.
Der Präsident des RKI hatte die Grafik.
Der Bundestag hatte den Bildschirm.
Die Enquete hatte die Frage.
Alles war vorhanden.
Nur zusammenkommen durfte es nicht.
Schaade sagte sinngemäß, er dürfe die Darstellung jetzt nicht hochhalten.
Damit erreichte die deutsche Corona-Aufarbeitung einen jener vollkommenen Momente, in denen Form und Inhalt so präzise ineinandergreifen, dass man beinahe an eine künstlerische Inszenierung glauben möchte.
Der Präsident jener Behörde, die Deutschland jahrelang mit Lagegrafiken, Kurven, Karten und Dashboards versorgt hatte, saß vor der Corona-Enquete-Kommission und durfte eine erklärende Grafik nicht öffentlich zeigen.
Das RKI hatte die Republik mit Bildern regiert.
Nun musste sein Präsident das Bild unter dem Tisch lassen.
Man kann sich die Szene kaum schöner ausdenken: Vorne hängt ein riesiger Medienwürfel. Darunter sitzt ein Behördenleiter mit einer Grafik. Alle sprechen über diese Grafik. Aber niemand darf sie sehen. Vermutlich fehlte nur noch jemand, der das Licht dimmt und erklärt, Sichtbarkeit sei aus Gründen der Transparenz leider nicht vorgesehen. Das ist absurd hoch drei.
Natürlich fragte ich anschließend beim RKI nach, woher dieses offenbar wichtigste Beweisstück eigentlich stammte und wo man es wenigstens in Ruhe ansehen könne. Die Antwort von der stellvertretenden Pressesprecherin Marieke Degen war fast so schön wie die Szene selbst:
Die Grafik war in dieser Form gar nicht veröffentlicht worden.
Sie beruhte zwar auf öffentlich zugänglichen Daten des RKI zu Gesamt-SARI und Covid-SARI, man müsse lediglich die Covid-SARI-Fälle von den Gesamt-SARI-Fällen abziehen. Dadurch ergeben sich die Non-Covid-SARI und schließlich werden beide Verläufe anschließend parallel in einer neuen Grafik dargestellt.
Mit anderen Worten: Das RKI hatte für die Befragung eigens eine Darstellung angefertigt, die öffentlich nirgends zu finden war.
Schaade brachte sie als wesentliches Beweisstück mit, durfte sie jedoch nicht auf dem Medienwürfel zeigen, hielt sie stattdessen für ein bis zwei Sekunden hoch und zog sie rasch wieder zurück, noch bevor Frau Hoppermanns Hand die Grafik vollständig in parlamentarische Obhut nehmen konnte.
Wer sie danach genauer prüfen wollte, musste sie selbst nachbauen. Das ist wissenschaftliche Transparenz in ihrer fortgeschrittensten Form: Die Behörde besitzt die Daten, der Präsident die Grafik, die Enquete einen Bildschirm – und der Bürger hat am Ende nichts als eine Rechenaufgabe.
Immerhin erklärte das RKI den Lösungsweg: Gesamt-SARI minus Covid-SARI gleich Non-Covid-SARI.
Nun musste man nur noch die Datensätze von GitHub oder Zenodo laden, sie korrekt verarbeiten, die Alters- und Zeitbezüge nachvollziehen und die geheime öffentliche Grafik möglichst originalgetreu rekonstruieren.
Die Grafik war also nicht geheim. Sie war nur unveröffentlicht, nicht vorführbar und vom Publikum selbst herzustellen.
Das wichtigste Beweisstück der Anhörung existierte damit offiziell als Bastelanleitung.
Mit anderen Worten: Das RKI hatte für die Befragung eigens eine Darstellung angefertigt, die öffentlich nirgends zu finden war. Schaade brachte sie als wesentliches Beweisstück mit, durfte sie nicht auf dem Medienwürfel zeigen, hielt sie für ein bis zwei Sekunden hoch und zog sie wieder zurück, noch bevor Frau Hoppermanns Hand sie vollständig in parlamentarische Obhut nehmen konnte.
Wer sie danach genauer prüfen wollte, musste sie selbst nachbauen. Die Begründungen dafür lassen sich selbstverständlich in parlamentarisch gepflegter Sprache vortragen. Es gehe um Ordnung, Gleichbehandlung, technische Abläufe, Zweckbindung, hybride Zuschaltungen und Verfahrenssicherheit. Vermutlich auch um den Brandschutz, die Statik des Gebäudes und die emotionale Belastbarkeit des HDMI-Kabels.
Doch hinter all diesen Begriffen bleibt ein einfacher Vorgang sichtbar: Die Grafiken, die damals Macht erzeugten, sollen heute nicht dieselbe Macht kontrollieren.
Denn Grafiken haben eine unangenehme Eigenschaft. Sie können lange Reden in wenigen Sekunden beschädigen.
Wer behauptet,
- die Krankenhäuser seien überlastet gewesen, sollte Belegung, freie Betten, regionale Verteilung und Zeitverlauf nebeneinanderlegen;
- Covid-SARI habe die schwere Atemwegslast bestimmt, müsste Covid-SARI und Gesamt-SARI gemeinsam zeigen;
- ein Modell habe die Entwicklung zuverlässig vorhergesagt, könnte Prognose und Wirklichkeit in dieselbe Darstellung bringen
- Und wer über Impfkampagnen spricht, vergleicht Nutzen, Risiken, Altersgruppen und Sicherheitsdaten sichtbar.
Das alles ist auch mit Worten möglich, nur eben erheblich anstrengender zu überprüfen. Eine Grafik kann zeigen, ob zwei Verläufe tatsächlich zusammenpassen. Sie kann sichtbar machen, ob ein Anstieg bereits vor einer Maßnahme begann, ob er danach endete oder völlig unbeeindruckt weiterlief. Sie kann offenlegen, dass ein vermeintlich nationaler Notstand regional begrenzt war.
Sie kann Altersgruppen trennen, Bezugsgrößen korrigieren und aus einem gewaltigen roten Balken plötzlich eine erstaunlich kleine Zahl machen. Das ist der Grund, warum Daten überhaupt visualisiert werden.
Natürlich kann man auch eine Grafik verfälschen. Man kann Achsen abschneiden, Zeiträume auswählen, grundsätzliche Gesamtheiten verstecken oder zwei völlig verschiedene Größen so lange nebeneinanderlegen, bis sie aussehen, als hätten sie sich verabredet.
Aber gerade deshalb müssen Grafiken öffentlich gezeigt und geprüft werden. Wer eine Grafik zeigt, macht sie angreifbar.
Wer sie unsichtbar hält, schützt sie vor Kritik – oder schützt die Erzählung davor, dass eine andere Grafik daneben erscheint.
Während Corona galt offenbar: Je dramatischer die Grafik, desto größer der Bildschirm.
Bei der Aufarbeitung gilt: Je überprüfbarer die Aussage, desto kleiner die Tischvorlage.
So entsteht eine eigentümliche Öffentlichkeit. Die Sitzung wird übertragen. Die Zuschauer hören, dass über eine Kurve gesprochen wird. Sie sehen Menschen, die diese Kurve betrachten könnten. Sie sehen sogar den Bildschirm, auf dem die Kurve erscheinen könnte. Nur die Kurve selbst bleibt ihnen verborgen.
Das ist Öffentlichkeit nach dem Prinzip des Hörspiels.
Der Bürger darf dabei sein. Er soll nur nicht zu viel sehen.
Dabei wäre eine ernsthafte Corona-Aufarbeitung geradezu verpflichtet, die damaligen Bilder erneut sichtbar zu machen:
- die RKI-Kurven,
- die DIVI-Darstellungen,
- die Inzidenzkarten,
- die Modellprojektionen,
- die Krankenhausbelegung,
- die Altersverteilungen,
- die OP-Verschiebungen,
- die Testausweitung,
- die Impfquoten,
- die Nebenwirkungsdaten.
Und daneben müsste jeweils die Wirklichkeit liegen:
Was wurde damals gezeigt?
Was war damals schon bekannt?
Was fehlte?
Welche Unsicherheit verschwand aus der Darstellung?
Welche Achse machte aus einem Anstieg eine Wand?
Welche Bezugsgröße wurde nicht genannt?
Welche Gegenkurve hätte das Bild verändert?
Corona war ein visuelles Regierungsereignis. Bergamo, Johns Hopkins, rote Landkarten und exponentielle Kurven sitzen bis heute im kollektiven Gedächtnis. Solche Bilder lassen sich nicht durch Fußnoten korrigieren. Man muss andere Bilder danebenstellen.
Doch genau an dieser Stelle wird der Medienwürfel zum Sinnbild der gesamten Enquete.
Er ist groß. Er ist sichtbar. Er ist technisch betriebsbereit.
Und er soll möglichst nichts zeigen, was die damaligen Bilder gefährden könnte.
Das ist gerade keine klassische Zensur, denn niemand verbietet die Meinung. Niemand beschlagnahmt die Grafik. Niemand wirft den Sachverständigen aus dem Saal.
Man macht es eleganter.
Die Grafik darf existieren. Sie darf nur nicht gemeinsam gesehen werden.
Die Daten dürfen erwähnt werden. Ihre Wirkung wird räumlich begrenzt.
Die Sitzung darf öffentlich sein. Die Beweismittel bleiben auf dem Tisch.
So schützt das Verfahren die Aufarbeitung vor den Risiken der Aufarbeitung.
Am Ende bleibt deshalb der Satz von Lars Schaade als perfekte Zusammenfassung stehen: Er habe eine Grafik, dürfe sie aber nicht hochhalten.
Mehr muss man über diesen Vorgang fast nicht wissen.
Der RKI-Präsident hatte die Darstellung. Der Bundestag hatte den Medienwürfel. Die Öffentlichkeit hatte ein Recht auf Aufklärung und die Enquete hatte einen Verfahrensbeschluss.
Gewonnen hat der Verfahrensbeschluss.
Deutschland wurde mit Grafiken in den Ausnahmezustand geführt. Bei der Aufarbeitung werden sie nun behandelt wie gefährliche Gegenstände: anschauen erlaubt – aber bitte nur unter dem Tisch.
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Ich sag einfach mal „Vielen Dank“ an Ulrike und Tom Lausen. Gut, dass es euch gibt und lasst euch nicht unter kriegen.