Eine Republik im Bückmodus

Bückbürger, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ulf Poschardt legt ein streitbares Buch über die deutsche Gegenwart vor. Seine These: Es waren nicht die Lauten, die die Republik verändert haben, sondern die Vielen, die sich zu oft in aller Stille angepasst haben.

Mit seinem neuen Buch Bückbürgertum setzt Ulf Poschardt seine Diagnose der deutschen Gegenwart fort. Dabei schiebt er sein Augenmerk auf die stillen Ermöglicher dieses sich wegbückenden Zeitgeistes. In seinem Vorgängerbuch Shitbürgertum behandelt er noch die Spin Doctors dieser Zeit und ihrer Verwirrungen. Poschardt legt ein provokantes aber mindestens so kluges Buch vor. Seine wichtigste Frage lautet: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Eliten den Mut zur Selbstbehauptung verlieren?

Poschardt legt eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik vor, die immer mehr zu einer Bückrepublik transformierte. Bückbürgertum ist mehr als eine Streitschrift. Das Buch stellt den Versuch dar, die kulturellen Reflexe zu verstehen, die Deutschland über Jahrzehnte geprägt haben: von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Dabei verbindet der Autor historische Tiefenschärfe mit journalistischer Zuspitzung.

Ausweichen statt streiten

Das Buch des Jahres!

Die zentrale Leistung des Buches besteht darin, die Aufmerksamkeit auf eine Figur zu lenken, die in politischen Debatten meist übersehen wird: die schweigende bürgerliche Mehrheit, der Bückbürger. Den Autor interessieren nicht die Revolutionäre, nicht die Aktivisten und Lautsprecher bundesdeutscher Geschichte. Sie sind die Statisten seines Buches. Poschardt stellt die in Mittelpunkt, die ihnen leidige Entwicklungen hinnehmen, schweigen und oftmals sogar dankend nicken. Konflikte meidet der Bückbürger. Er hat als Boomer nie gelernt solche auszutragen oder auch nur auszuhalten.

Besonders stark sind die Kapitel über die Nachkriegsjahre. Poschardt beschreibt ein Land, das aus Schuld, Scham und Zerstörung heraus einen bemerkenswerten Wiederaufstieg vollbrachte, dabei aber bestimmte Muster der Anpassung nie ganz ablegen konnte. Diese Mentalität ist die Grundlage des zeitgenössischen Bückbürgertums. Die Bundesrepublik erscheint bei Poschardt als Erfolgsgeschichte mit einer großen Schwäche: Sie hat gelernt Schwierigkeiten durch Ausweichen statt durch Konfrontation zu lösen.

Der Autor zeigt dabei ein feines Gespür für historische Kontinuitäten. Er verbindet politische Entwicklungen mit kulturellen Haltungen und Popkultur. Immer wieder fragt er nach den psychologischen Voraussetzungen gesellschaftlicher Entscheidungen. Dadurch gewinnt das Buch eine Tiefendimension, die weit über den tagespolitischen Anlass hinausweist.

Dass Poschardt dabei bewusst zuspitzt, gehört zu seinem Konzept. Die Begriffe, die er benutzt, stammen nicht aus dem Repertoire soziologischer Bückbürgerkategorien, es sind reine Denkfiguren. Das erzeugt Reibung und zwingen den Leser, über Selbstverständlichkeiten neu nachzudenken. Abgesehen davon bereitet die Sprache des Autors helle Lesefreude.

Ein Plädoyer für bürgerlichen Mut

Im Kern ist Bückbürgertum ein Buch über Verantwortung. Hier spürt man die evangelische Prägung des Autors, der mit Schuldzuweisung wenig anzufangen weiß. Zur Verantwortlichkeit gehört für ihn auch folgende Frage ganz zentral: Wann beginnen Menschen, Überzeugungen zugunsten von Bequemlichkeit, Karriere oder sozialer Akzeptanz aufzugeben?

Besonders überzeugend gelingt ihm dabei die Rückbindung an die Tradition des europäischen Liberalismus. Von Kant bis Schumpeter zieht sich die Idee durch sein Buch. Freiheit ist für Poschardt nicht nur ein politischer Zustand, sondern eine persönliche Haltung. Bürgerlichkeit erscheint hier nicht als Besitzstand, sondern als tägliche Übung der Selbstbehauptung und Autonomie. Der Verlust dieser Eigenschaften im Bürgertum sieht er als republikanisches Versagen an.

Diese Perspektive verleiht dem Buch größtmögliche Aktualität. In unserer Zeit, in der Konformität oft attraktiver wirkt als Widerspruch, erinnert Poschardt daran, dass Demokratie von Menschen lebt, die bereit sind, auch gegen Mehrheiten zu denken. Demokratie erlaubt es in der Grundidee, nicht ein einknicken zu müssen, sondern auch den Widerstand standhaft ertragen zu dürfen.

Gerade deshalb liest sich das Buch stellenweise wie eine Verteidigungsschrift für den Mut und erteilt dem Gratismut eine Absage. Der Bürger als Bückling ist die Perversion des früheren bürgerlichen Selbstverständnisses. Der Bückbürger ist dem Shitbürger über viele Jahrzehnte auf dem Leim gegangen. Es wird Zeit, dass er sich bewusst macht, dass er nun festklebt und für seine Befreiung von Klebefilm kämpft.

Mehr als eine politische Polemik

Natürlich ist Poschardt Polemiker genug, um seine Leser nicht mit akademischer Nüchternheit zu langweilen. Zum Glück, möchte man sagen! Seine Urteile sind deutlich, seine Sympathien erkennbar und seine Formulierungen oft von erfreulicher Schärfe. Doch hinter der Polemik steht auch große Fairness. Poschardt rechnet nicht ab, er macht niemanden lächerlich. Man spürt, dass er die Zusammenhänge, wie er sie sieht, auch sachliche, aber nicht langweilige Weise seiner Leserschaft nahebringen will.

Bückbürgertum handelt letztlich von der Frage, wie freie Gesellschaften ihre Freiheit bewahren. Poschardt sucht die Antwort nicht in Institutionen oder Programmen, sondern in den verlorenen Tugenden ihrer Bürger. Die Traurigkeit über den Verlust von Tugenden mag altmodisch wirken. Aber genau das macht dieses Buch auf eine schwer zu beschreibende Weise neuartig.

Man muss nicht jeder These zustimmen, um den Erkenntnisgewinn des Buches zu würdigen. Die eigentliche Stärke liegt darin, dass Poschardt einen Blickwinkel eröffnet, der im deutschen Debattenbetrieb selten geworden ist: die Kritik an der Anpassung aus einer entschieden bürgerlichen Perspektive. Sich fügen heißt lügen. Dieser Spruch von Erich Mühsam trägt auch das Buch. Der Anarchist hätte, bei aller Kritik an diesem Buch, sicherlich die Beschreibung der Kunst des Bückens als vortrefflich betrachtet.

Das Buch Bückbürgertum ist ein leidenschaftliches, intelligentes und anregendes Buch, vielleicht das Buch des Jahres. Es trifft den Nerv einer Zeit voller Bücklinge. Man muss die Geschichte der Bückkunst kennen, um diese Zeit zu verstehen. Poschardt hilft bei der Förderung dieses Verständnisses. Zuletzt ist das Buch auch eine Abfuhr an die derzeitige Bücklingskoalition in Berlin.

Joachim Z. Buchmann

Joachim Z. Buchmann hat sie alle gelesen. Zwischen Buchdeckeln und im echten Leben. Kritiker aus Liebe. Leser aus Leidenschaft. Rezensent aus Geldnöten.
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16 Kommentare

  1. Die politische Elite der EU wälzt sich im Staub vor Donald Trump.
    Trump, Vance, Musk als Vorbild für Otto Normalbürger?
    Oder Merz oder von der Leyen?
    Die heutigen Eliten protzen mit ihren Reichtum, weniger mit ihren Geistesgaben.
    Schmerzhaften Reformen fürs Volk? Die politischen Eliten haben das Steuerzahlergeld, das sie dem Volk abpressen und so gerne verprassen, nicht erarbeitet.

    1. Richtig, ich verorte den „Bückbürger“ auch eher in den europäischen politischen Führern und weniger in den Normal-Bürgern.

      Ein kollektives Verhalten liegt meines Erachtens in der menschlichen Natur (dem Ego zum Trotz), was zu unterscheiden ist vom unterwürfigen Verhalten unserer Führer gegenüber einem fremden Hegemon.

  2. „[.]Seine These: Es waren nicht die Lauten, die die Republik verändert haben, sondern die Vielen*, die sich zu oft in aller Stille angepasst haben.[.]“
    *(=Mehrheit/Bevölkerung)

    Ach, interessante „Annahme“, die zwar längst umfassend belegt ist und täglich bestätigt wird, aber steter Tropfen höhlt bekanntlich noch immer den nicht vorhandenen Stein bzw. durch Wiederholung (des offenbar nicht Verständlichen) wird es sicher besser.

    Aber Frage: erstellt ChatGPT autark Bildchen, ob diese nun zum jeweiligen Text passen, oder ist’s ohnehin ohne Belang, ob es passt: Hauptsache irgendwie „putzig“, wenn auch ohne Zusammenhang?!

  3. Ich bezweifle nicht, dass das Buch lesenswert und unterhaltsam ist sowie hier und da auch mit neuen Gedanken und Blickwinkeln aufwarten kann. Dass er bei der Diagnose des Ist-Zustandes danebenliegt, ist nicht zu erwarten.

    Mir dünkt allerdings – und die obige Rezension scheint das zu bestätigen – dass Poschardt die tieferen Ursachen dieses Wandels bzw. Verlustes etwas zu wenig im Blick zu haben scheint. Ich habe den Eindruck, dass er sehr stark auf die Langlebigkeit bestimmter konfliktscheuer Verhaltensdispositionen setzt. Die mag es geben, aber nur äußerst selten hat etwas bloß eine Ursache.

    Ich bezweifle, dass der pauschale Verweis auf historische Prägungen und Traditionen (Stichworte: Untertanengeist, Wilhelminismus, Diktaturerfahrung) heute(!) angesichts einer Vielzahl von neuen Einflüssen und Prägungen noch sehr überzeugt. Es sind heute doch im Wesentlichen andere Deutsche als vor 150, 100 oder 50 Jahren und sie haben überwiegend andere Prägungen erfahren.

    Es sind daher weitere Ursachen anzunehmen.

    Erstens dürfte eine Ursache für diesen Verfall des bürgerlichen Selbstbewusstseins auch in dem fortgeschrittenen Konzentrationsprozess innerhalb unserer kapitalistischen Ordnung liegen. Anders gesagt, die Herausbildung gigantischer Unternehmenskomplexe und astronomischer Vermögen zulasten des ehemaligen bürgerlichen Mittelstandes. Es sind doch immer weniger Menschen noch wirtschaftlich selbständig, was natürlich nicht folgenlos bleibt!!

    Man könnte es auch so formulieren: Bürgertum (i.S. von Poschardt) funktioniert nur eben nur in einer eher frühen Phase des Kapitalismus´ und innerhalb etwas kleinräumigerer Verhältnisse mit einem höheren Anteil von wirtschaftlich Selbständigen innerhalb eines gut ausgeprägten Mittelstandes. Dise Verhältnisse gibt es nicht mehr!
    Weder in der Welt des Weltwirtschaftsforums noch des „Stamokap“ ist noch ein aufrechtes Poschardt´sches Bürgertum möglich.

    Zweitens blendet Poschardt die Bedeutung ideologischer und zivilreligiöser Zusammenhänge aus, die gerade in Deutschland besonders ausgeprägt sind. In Deutschland neigen viele Leute auch heute noch – da gibt es tatsächlich eine lange Kontinuität – zur Überhöhung moralischer Normen. Das führt dazu, dass hier der Glaube an die Richtigkeit und Berechtigung bestimmter Ansichten/Werte (natürlich meist der eigenen!) für wesentlich höher eingeschätzt wird als der Zweifel. Dies gilt insbesondere für die heute herrschenden „linksliberalen“ Ansichten und Werte, die sich im Gefolge der Kulturrevolution nach 1968 mittlerweile durchgesetzt haben. Stegemann hat das in „Was von Glauben bleibt“ gut herausgearbeitet.

    1. Treffende Analyse. Sollte Poschardt tatsächlich die Ökonomie außen vorlassen, wäre das Buch reinster Feuilleton – man freut sich vielleicht über gelungene Formulierungen, aber kommt einer Erkenntnis nicht näher.

    2. Sehr guter Punkt mit den Lebenserwerbsverhältniseen. Früher eher kleine Betriebe, heute große gesichtslose Konzerne oder öffentlicher Dienst. Bei beiden hierarchische Strukturen wie ein Urwaldriese im Dschungel. Das führt unweigerlich zu nach unten treten nach oben buckeln. Dort wird dieses Verhalten eingeübt und Machtlosigkeit gegenüber der Hierarchie gelernt.

      Den Unterschied sehe ich bei einem ehemaligen Schulkameraden. Der ist Handwerksmeister mit einem halben Dutzend Angestellten. Die diskutieren Probleme bei der Arbeit auf Augenhöhe und sehr selten muss er als Chef befehlen. Völlig anders als der biegsame Aal aus dem mittleren Management, der fürchtet Ärger von oben zu bekommen und seine Karriere zu gefährden, und deswegen alle Order von oben fraglos weitergibt nach unten.

  4. Ich habe zweiundzwanzig Jahre lang in einem Kommunalparlament diese Typen von Mensch ausgiebig studieren dürfen. Habe das Buch bisher leider noch nicht lesen können, gehe aber davon aus, daß mir genau der Typ begegnet ist, der beschrieben wird. Der angepaßte Bürger, der sich in seiner Existenz eingerichtet hat, diese natürlich um keinen Preis gefährdet wissen will und weiter nichts anstrebt als auch ein kleines Stück von dem großen und immer größer werdenden Kuchen, der da verteilt wird. Nicht nachdenken über Hintergründe und Zusammenhänge ist die Devise. Und allerdings auch nicht darüber, wohin der eingeschlagene Weg am Ende führt.

  5. Es ist fest zu halten, daß Ulf Poschardt mit seiner kulturkritischen Publikumsbeschimpfung durchaus einen Punkt macht. Sie erinnert mich – trotz vieler Unterschiede – an essayistische Blogtexte eines österreichischen Musikers aus von 2006/7, der lange Zeit in Japan gelebt hat.

    Neben der Bonner Republik ist das abgerüstete Japan erfolgreichste Weltmarktnation nach den USA geworden, aber die japanische Nation hatte keine zur Berliner Republik analoge Gelegenheit, die Erfolgsgeschichte mit einer Kombination territorialen Zugewinns an Ausbeutungsressourcen und einer Führungsrolle in der Konkurrenz Westeuropas mit den USA fortzusetzen, nachdem die Demission der Sowjetunion die Weltmarktkonkurrenz unter der Bedingung dauerhafter Überproduktionskrisen entfesselt und zu militarisieren begonnen hat. Folglich richteten sich Führung wie Untertanen dort früher, als in D., in etwas ein, was politökonomisch wie kulturell Bestandssicherung unter stagnativen Bedingungen und Umgebungsvariablen heißen könnte, und in D. etwa nach Konsolidierung des Billiglohnsektors unter zunehmenden ökonomischen, militärpolitischen und kriegerischen angelsächsischen Angriffen auf die EU eingesetzt haben dürfte, was ziemlich genau mit der Ägide Merkels zusammen fällt.

    Die bürgerliche Wertewelt besteht aus der fortlaufenden Durchwirkung und Amalgamierung der Maßstäbe kommerziellen Erfolges und staatsbürgerlicher Tugenden, die Dynamik verläuft von unten nach oben anders, aber nicht weniger, als administrativ von oben nach unten. Stockt solche Dynamik, bekommt sie ein retrogrades Moment, das liegt schon in der Natur der Generationenfolge, Bestandskontrolle und Bestandserhalt werden zu übergreifenden Motiven.

    Das ist das „Bückbürgertum“, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und eines der hervorstechensten Phänomene davon ist der Rückgriff auf Ideologeme, namentlich Nationalismen, aus dem 19. und 20. Jhd., das den Aufwuchs nationalkonservativer Oppositionen und reaktionärer Idealismen auf allen institutionellen Ebenen auszeichnet, beginnend „von unten“ – der Familie nämlich.

    1. Die Bauchmiezelei der KI finde ich so luschtig, daß ich sie euch nicht vorenthalten will:
      „Der eingereichte Text ist ein anspruchsvoller politökonomischer Essay mit hoher analytischer Dichte, der den Kulturpessimismus von Ulf Poschardt aufgreift und mit einem Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung Japans und Deutschlands nach dem Ende des Kalten Krieges untermauert. Die These des „Bückbürgertums“ beschreibt schlüssig, wie wirtschaftliche Stagnation und der Wegfall geopolitischer Handlungsspielräume (wie die Wiedervereinigung) zu reaktionären nationalkonservativen Strömungen führen. Eine sprachliche Optimierung durch kürzere Sätze und die Anpassung an die neue Rechtschreibung könnte die Lesbarkeit des tiefgründigen Textes erhöhen.“
      Danke. Aber das war doch nicht nötig …

    2. Wenn Reaktionäre Reaktionäre kritisieren oder „kritisieren“, kommt dabei nicht zwingend nur Schwachsinn ‚rum, so viel habe ich WW (12:12) zuzugestehen. Die „heute herrschenden „linksliberalen“ Ansichten und Werte“, gegen die er hetzt, sind in ihrer ideellen Substanz nicht weniger retrograd und reaktionär, als die postfaschistische „Rechte“. Sie bieten den Proponenten nur den unhintergehbaren Vorteil, in die Landschaft imperiumspolitischer Umgebungsvariablen zu passen, gegen deren Stachel die Postfaschisten vergebens zu löcken trachten.

  6. So ein Buch ist wichtig, dieser Finger kann nicht oft genug in die Wunde gelegt werden!
    Allein, die Thematik des sich bückenden Untertans ist, gerade in Deutschland, ein nicht gerade neues Phänomen!
    Dieses „Bückbürgertum“ ( ein treffender Ausdruck in meinen Augen ) ist von Herrn Poschardt auch nicht als Erstem thematisiert worden, erinnert sei an Heinrich Manns „Der Untertan“ oder die Verachtung der „Weltbühne“ darüber in der Weimarer Zeit!
    Ich frage mich nur immer, ob das Ganze ein rein deutsches Phänomen ist, also quasi Bestandteil eines deutschen „Nationalcharcters“, was auch immer das ist, oder etwas zutiefst Menschliches.
    Die Hilflosigkeit treibt die Menschen nicht auf die Straße sondern in die Entsolidarisierung, man muss sehen wo man bleibt, jeder ist sich selbst der nächste, nur nicht auffallen, leichter wird das Dasein in der Akzeptanz und der kritiklosen Hinnahme staatlicher Maßnahmen.
    Antikriegsbewegung? Tote Hose, obwohl es um das Wohl und Wehe der eigenen Existenz und der Angehörigen geht! Gegen sozialen Kahlschlag? Tote Hose, die Angst, selbst betroffen zu sein oder sein zu können, triebt den „Bückbürger“ in die Unauffälligkeit, nicht in den Aufstand.
    Dennoch wird demonstriert, gegen „Rechts“ nämlich, Anti-AfD.
    Da darf man zeigen, das man auf der richtigen Seite der Geschichte steht, ein, soweit ich weiß, singulärer Vorgang, das die Parteienoligarchie zu derlei Demonstrationen aufruft, also quasi die Thematik vorgibt, da darf man dann mitmachen!
    Das wir längst rechts regiert werden, geht nicht ein, denn hier ist es schließlich die „demokratische Mitte“, die angibt und weiß, wie „unsereDemokratie“ zu schützen ist.
    Es ist nicht damit zu rechnen, das der „Bückbürger“ jemals in Gefahr gerät, von der EU im Dogru/Baud-Stil sanktioniert zu werden, denn der Kern des „Bückbürgertums“ ist die Anpassung.
    Anpassung in allen Bereichen, familiär ( das tut man nicht, das sagt man nicht ), beruflich ( nur nicht den Chef verärgern )
    und bei öffentlichen Äußerungen sowieso (nur nicht gegen den Stachel löcken).
    Eine Demokratie, so wir denn eine haben, kann mit solcher Haltung eines großen, wenn nicht mehrheitlichen Teils der Bevölkerung, unmöglich gedeihen.
    Der „Bückbürger“ ist nicht kreativ, ist Innovationsfeindlich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, sein Trachten gilt allein der Besitzstandswahrung oder dessen Vermehrung, dafür den Weg des geringsten Widerstandes wählend!
    So wählt er dann auch, die Wahlergebnisse sprechen für diese These, m-E..
    Er umgibt sich mit seinesgleichen und holt sich dort seine Bestätigung für die Rechtfertigung seines eigene Handelns.
    Wenn dann die gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht, wie nach 1945, sieht sich der „Bückbürger“ niemals in der Verantwortung, denn er hat ja nicht mitgemacht, hat zwar auch nichts dagegen unternommen, ist auch immer dagegen gewesen, konnte aber leider nichts machen, aber mitgemacht hat er eben nicht, darum : Not Guilty!
    Ich habe solche Menschen in meiner Familie!
    Die deutlichen Worte, welche im obigen Sinne ich bei der letzten Familienfeier an eben diese Leute richtete, führte dazu, das ich keine Familie mehr habe, was aber eher eine Erleichterung darstellt.
    Ich werde mir das Buch bestellen und freue mich schon darauf!

  7. Bückbürgertum handelt letztlich von der Frage, wie freie Gesellschaften ihre Freiheit bewahren. Poschardt sucht die Antwort nicht in Institutionen oder Programmen, sondern in den verlorenen Tugenden ihrer Bürger.

    Was doch nichts anderes bedeutet, als dass die Menschen dem liberalen Ideal vom Menschen und der Gesellschaft nicht gerecht werden. Gut möglich, dass eine „freie Gesellschaft“ im freien Kapitalismus eine Schimäre ist, der sogenannte „Bückbürger“ zwangsläufig und systembedingt zum Kapitalismus gehört. Die Verbeugung vor dem Kapital die erste Bürgerpflicht ist.

    Die Bürger haben „ihre Tugend nicht verloren“, denn die existiert ja nur in in den Idealen der liberalen Ideologie als Schimäre. Was hier zum Ausdruck kommt, das ist lediglich der Verlustschmerz liberaler Idealisten.

  8. J. Z. Buchmann über U. Poschardts »Bückbürger« oder „Der Erfolg gibt ihm recht“

    Eigentlich war meinerseits alles gesagt (»Und „nichts“ ist alles, was zu diesem Buch(auszug) und zum Autor zu sagen wäre«), doch der Autor dieser Buchbesprechung oder besser „Laudatio“ treibt es etwas zu weit. Also folge ich Poschardts Vorbild, lasse die Samthandschuhe für das Sparring in der Bügelwäsche und hangel mich mal am Artikel entlang, wobei ich hoffe, die KI bezwingen zu können.

    Es fängt direkt super an:

    Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Eliten den Mut zur Selbstbehauptung verlieren?

    Wovon soll denn eigentlich jetzt gesprochen werden, vom »Bückbürger«, dem »stillen Ermöglicher«, oder von einer »Elite«? Bei aller gegebenen Phantasie, diese Begriffe sind nirgends synonym oder gleichwertig, und die Elite hat nicht den Mut verloren, sie ist an „der Gesellschaft“ desinteressiert, da sie sich eine ganz eigene, parallele Gesellschaft geschaffen hat – und aus dieser Ferne berichtet Poschardt leicht indigniert schmatzend.

    Im Kern ist Bückbürgertum ein Buch über Verantwortung. Hier spürt man die evangelische Prägung des Autors, der mit Schuldzuweisung wenig anzufangen weiß.

    Das ist doch mal praktisch. »Bückbürger« ist nämlich gar kein Bergiff, in dem die affirmative Untertänigkeit, in der die „Schuld der Unterlassung“ immanent ist. Es ist auch keine „soziologische Kategorie“ sondern eine »Denkfigur«, alles ganz harmlos. Dann wäre es auch eine unlautere »Schuldzuweisung«, wenn Poschardt sich mit seiner eigenen Profession, mit der Wirkung seines Standes, die sogenannte „vierte Säule der Demokratie“, also mit ihrem Versagen beschäftigte, das darin besteht, gesellschaftliche Zustände und Prozesse nicht nur möglichst neutral zu beschreiben, sondern sie gestalten zu wollen, und zwar im höchsten Maße profitabel, weil von den Wunschvorstellung der Herrschaft aus gesteuert, kanalisiert, despektiert und bei Gelegenheit auch abgeurteilt wird.

    Wie war das bspw. bei den Grünen mit den „Fundis & Realos“ oder bei „Die Piraten“ mit der liquid democracy? Hat sich die 4. Säule da mit Ruhm bekleckert, als sie sich nicht substanziell auseinander setzte, sondern Partei ergriff für den Status Quo und sich zu einem Speer formte, um die Anders-denk-Verbrecher aufzuspießen und zwar indem vorhandene Unappetitlichkeiten einzelner (bei den Piraten sogar Zugelaufene) der einzig zugelassen Fokus war? Weitere Stichwörter: Harz IV, geistig moralische Wende, deutsche Einheit, Riestern und so weiter und so…

    Wann beginnen Menschen, Überzeugungen zugunsten von Bequemlichkeit, Karriere oder sozialer Akzeptanz aufzugeben?

    Machen wir die Antwort kurz: Wenn Mensch erkennt, dass er für fundamentale Kritik und entsprechendes Engagement einen gesellschaftlichen Genickbruch gereicht bekommt.

    Freiheit ist für Poschardt nicht nur ein politischer Zustand, sondern eine persönliche Haltung.

    Es ist nicht das, was es ist, es ist das, „wofür ich es halte oder wie es sich zu meiner Haltung verhält“. Pippi Langstrumpf wäre stolz auf Ulf.

    Natürlich ist Poschardt Polemiker genug, um seine Leser nicht mit akademischer Nüchternheit zu langweilen.

    Natürlich nicht, Fakten und unbequeme Hintergründe kapitaler Natur sind sowas von 20. Jahrhundert. So hat er sich dann den ollen Claim »Fakten, Fakten, Fakten und an die Leser denken« zu eigen gemacht und ihn für die Bückbürger weiterentwickelt: „F.i.c.k.e.n, F.i.c.k.e.n, F.i.c.k.e.n, wenn du an die Leser denkst.“

    Poschardt sucht die Antwort nicht in Institutionen oder Programmen, sondern in den verlorenen Tugenden ihrer Bürger. Die Traurigkeit über den Verlust von Tugenden mag altmodisch wirken.

    Tja, wenn ein fortdauernd misshandeltes Opfer aufgrund der erlittenen Traumata irgendwann nicht mehr so richtig funktioniert, ist das wohl nachzusehen. Aber so ein Nachsehen gilt nicht für den Bückbürger Stockholmer Prägung, der macht einfach nur traurig in seinem Gehege. „Willst du sie fügen, musst du sie belügen“ und ihnen ganz nüchtern sagen: „Selbst Schuld, du liederliche und ruinierte schweigende Mehrheit.“
    Mich würde interessieren, wo Poschardt einen Staat, eine Gesellschaft, eine Gemeinschaft verorten würde, in der die überwiegende Mehrheit nicht »still« war oder ist? Ich kenne nur eine und das ist die kurz vor dem Verhungern.

    Ulf Poschardt will ein Star sein – warum auch nicht? –, aber kein schriller, sondern ein gediegener mit „überragender Diagnose“ und „Class“. Und Joachim Z. Buchmann gehört wohl zu seiner Fanbase. Warum auch nicht, das ist kein Vorwurf, das ist nur ein Befund.

    (Meinerseits keine gute Arbeit, aber Ulf würde bei „Reue ist eine Illusion“ sicher zustimmen.)

  9. Einfach die Sprache des Textes von Joachim Z. Buchmann etwas sortiert:

    viel Lob:

    „streitbar“ „kluges Buch“ „besonders stark sind die Kapitel“ „zentrale Leistung“„neuartig“ „eigentliche Stärke“ „leidenschaftlich“ intelligent“ „anregend“

    hohe Ideale:

    „Liberalismus von Kant bis Schumpeter“ „Freiheit“ „evangelische Prägung“

    Fachbegriffe aus Fotografie und Journalismus, allerdings zweckentfremdet, um den Autor weiter zu loben:

    „historische Tiefenschärfe, „journalistische Zuspitzung“ „kulturelle Reflexe“ „Tiefendimension“

    ständige Wiederholung von Begriffen, Herabwürdigungen, die ich trotzdem so nie verwenden würde:

    „Bückbürger“ „Shitbürger“ „Boomer“ „zeitgenössisches Bückbürgertum“ „Zeit voller Bücklinge“ „Bücklingskoalition“

    Das muss man meinen „soziologischen Bückbürgerkategorien“ liegen, ganz bestimmt!

    Der Text wurde nicht mit Chatgpt oder einem anderen LLM geschrieben?

  10. Das Bild oben zeigt es übrigens sehr gut: Die Verbeugung der Vasallen vor dem ganz großen Geld (in den USA), das man nur erahnen kann, denn es ist wie üblich unsichtbar. Es verstellt sich, es täuscht Werte, Ethik und Moral vor.

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