Eine Republik im Bückmodus

Bückbürger, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ulf Poschardt legt ein streitbares Buch über die deutsche Gegenwart vor. Seine These: Es waren nicht die Lauten, die die Republik verändert haben, sondern die Vielen, die sich zu oft in aller Stille angepasst haben.

Mit seinem neuen Buch Bückbürgertum setzt Ulf Poschardt seine Diagnose der deutschen Gegenwart fort. Dabei schiebt er sein Augenmerk auf die stillen Ermöglicher dieses sich wegbückenden Zeitgeistes. In seinem Vorgängerbuch Shitbürgertum behandelt er noch die Spin Doctors dieser Zeit und ihrer Verwirrungen. Poschardt legt ein provokantes aber mindestens so kluges Buch vor. Seine wichtigste Frage lautet: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Eliten den Mut zur Selbstbehauptung verlieren?

Poschardt legt eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik vor, die immer mehr zu einer Bückrepublik transformierte. Bückbürgertum ist mehr als eine Streitschrift. Das Buch stellt den Versuch dar, die kulturellen Reflexe zu verstehen, die Deutschland über Jahrzehnte geprägt haben: von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Dabei verbindet der Autor historische Tiefenschärfe mit journalistischer Zuspitzung.

Ausweichen statt streiten

Das Buch des Jahres!

Die zentrale Leistung des Buches besteht darin, die Aufmerksamkeit auf eine Figur zu lenken, die in politischen Debatten meist übersehen wird: die schweigende bürgerliche Mehrheit, der Bückbürger. Den Autor interessieren nicht die Revolutionäre, nicht die Aktivisten und Lautsprecher bundesdeutscher Geschichte. Sie sind die Statisten seines Buches. Poschardt stellt die in Mittelpunkt, die ihnen leidige Entwicklungen hinnehmen, schweigen und oftmals sogar dankend nicken. Konflikte meidet der Bückbürger. Er hat als Boomer nie gelernt solche auszutragen oder auch nur auszuhalten.

Besonders stark sind die Kapitel über die Nachkriegsjahre. Poschardt beschreibt ein Land, das aus Schuld, Scham und Zerstörung heraus einen bemerkenswerten Wiederaufstieg vollbrachte, dabei aber bestimmte Muster der Anpassung nie ganz ablegen konnte. Diese Mentalität ist die Grundlage des zeitgenössischen Bückbürgertums. Die Bundesrepublik erscheint bei Poschardt als Erfolgsgeschichte mit einer großen Schwäche: Sie hat gelernt Schwierigkeiten durch Ausweichen statt durch Konfrontation zu lösen.

Der Autor zeigt dabei ein feines Gespür für historische Kontinuitäten. Er verbindet politische Entwicklungen mit kulturellen Haltungen und Popkultur. Immer wieder fragt er nach den psychologischen Voraussetzungen gesellschaftlicher Entscheidungen. Dadurch gewinnt das Buch eine Tiefendimension, die weit über den tagespolitischen Anlass hinausweist.

Dass Poschardt dabei bewusst zuspitzt, gehört zu seinem Konzept. Die Begriffe, die er benutzt, stammen nicht aus dem Repertoire soziologischer Bückbürgerkategorien, es sind reine Denkfiguren. Das erzeugt Reibung und zwingen den Leser, über Selbstverständlichkeiten neu nachzudenken. Abgesehen davon bereitet die Sprache des Autors helle Lesefreude.

Ein Plädoyer für bürgerlichen Mut

Im Kern ist Bückbürgertum ein Buch über Verantwortung. Hier spürt man die evangelische Prägung des Autors, der mit Schuldzuweisung wenig anzufangen weiß. Zur Verantwortlichkeit gehört für ihn auch folgende Frage ganz zentral: Wann beginnen Menschen, Überzeugungen zugunsten von Bequemlichkeit, Karriere oder sozialer Akzeptanz aufzugeben?

Besonders überzeugend gelingt ihm dabei die Rückbindung an die Tradition des europäischen Liberalismus. Von Kant bis Schumpeter zieht sich die Idee durch sein Buch. Freiheit ist für Poschardt nicht nur ein politischer Zustand, sondern eine persönliche Haltung. Bürgerlichkeit erscheint hier nicht als Besitzstand, sondern als tägliche Übung der Selbstbehauptung und Autonomie. Der Verlust dieser Eigenschaften im Bürgertum sieht er als republikanisches Versagen an.

Diese Perspektive verleiht dem Buch größtmögliche Aktualität. In unserer Zeit, in der Konformität oft attraktiver wirkt als Widerspruch, erinnert Poschardt daran, dass Demokratie von Menschen lebt, die bereit sind, auch gegen Mehrheiten zu denken. Demokratie erlaubt es in der Grundidee, nicht ein einknicken zu müssen, sondern auch den Widerstand standhaft ertragen zu dürfen.

Gerade deshalb liest sich das Buch stellenweise wie eine Verteidigungsschrift für den Mut und erteilt dem Gratismut eine Absage. Der Bürger als Bückling ist die Perversion des früheren bürgerlichen Selbstverständnisses. Der Bückbürger ist dem Shitbürger über viele Jahrzehnte auf dem Leim gegangen. Es wird Zeit, dass er sich bewusst macht, dass er nun festklebt und für seine Befreiung von Klebefilm kämpft.

Mehr als eine politische Polemik

Natürlich ist Poschardt Polemiker genug, um seine Leser nicht mit akademischer Nüchternheit zu langweilen. Zum Glück, möchte man sagen! Seine Urteile sind deutlich, seine Sympathien erkennbar und seine Formulierungen oft von erfreulicher Schärfe. Doch hinter der Polemik steht auch große Fairness. Poschardt rechnet nicht ab, er macht niemanden lächerlich. Man spürt, dass er die Zusammenhänge, wie er sie sieht, auch sachliche, aber nicht langweilige Weise seiner Leserschaft nahebringen will.

Bückbürgertum handelt letztlich von der Frage, wie freie Gesellschaften ihre Freiheit bewahren. Poschardt sucht die Antwort nicht in Institutionen oder Programmen, sondern in den verlorenen Tugenden ihrer Bürger. Die Traurigkeit über den Verlust von Tugenden mag altmodisch wirken. Aber genau das macht dieses Buch auf eine schwer zu beschreibende Weise neuartig.

Man muss nicht jeder These zustimmen, um den Erkenntnisgewinn des Buches zu würdigen. Die eigentliche Stärke liegt darin, dass Poschardt einen Blickwinkel eröffnet, der im deutschen Debattenbetrieb selten geworden ist: die Kritik an der Anpassung aus einer entschieden bürgerlichen Perspektive. Sich fügen heißt lügen. Dieser Spruch von Erich Mühsam trägt auch das Buch. Der Anarchist hätte, bei aller Kritik an diesem Buch, sicherlich die Beschreibung der Kunst des Bückens als vortrefflich betrachtet.

Das Buch Bückbürgertum ist ein leidenschaftliches, intelligentes und anregendes Buch, vielleicht das Buch des Jahres. Es trifft den Nerv einer Zeit voller Bücklinge. Man muss die Geschichte der Bückkunst kennen, um diese Zeit zu verstehen. Poschardt hilft bei der Förderung dieses Verständnisses. Zuletzt ist das Buch auch eine Abfuhr an die derzeitige Bücklingskoalition in Berlin.

Joachim Z. Buchmann

Joachim Z. Buchmann hat sie alle gelesen. Zwischen Buchdeckeln und im echten Leben. Kritiker aus Liebe. Leser aus Leidenschaft. Rezensent aus Geldnöten.
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4 Kommentare

  1. Die politische Elite der EU wälzt sich im Staub vor Donald Trump.
    Trump, Vance, Musk als Vorbild für Otto Normalbürger?
    Oder Merz oder von der Leyen?
    Die heutigen Eliten protzen mit ihren Reichtum, weniger mit ihren Geistesgaben.
    Schmerzhaften Reformen fürs Volk? Die politischen Eliten haben das Steuerzahlergeld, das sie dem Volk abpressen und so gerne verprassen, nicht erarbeitet.

  2. „[.]Seine These: Es waren nicht die Lauten, die die Republik verändert haben, sondern die Vielen*, die sich zu oft in aller Stille angepasst haben.[.]“
    *(=Mehrheit/Bevölkerung)

    Ach, interessante „Annahme“, die zwar längst umfassend belegt ist und täglich bestätigt wird, aber steter Tropfen höhlt bekanntlich noch immer den nicht vorhandenen Stein bzw. durch Wiederholung (des offenbar nicht Verständlichen) wird es sicher besser.

    Aber Frage: erstellt ChatGPT autark Bildchen, ob diese nun zum jeweiligen Text passen, oder ist’s ohnehin ohne Belang, ob es passt: Hauptsache irgendwie „putzig“, wenn auch ohne Zusammenhang?!

  3. Ich bezweifle nicht, dass das Buch lesenswert und unterhaltsam ist sowie hier und da auch mit neuen Gedanken und Blickwinkeln aufwarten kann. Dass er bei der Diagnose des Ist-Zustandes danebenliegt, ist nicht zu erwarten.

    Mir dünkt allerdings – und die obige Rezension scheint das zu bestätigen – dass Poschardt die tieferen Ursachen dieses Wandels bzw. Verlustes etwas zu wenig im Blick zu haben scheint. Ich habe den Eindruck, dass er sehr stark auf die Langlebigkeit bestimmter konfliktscheuer Verhaltensdispositionen setzt. Die mag es geben, aber nur äußerst selten hat etwas bloß eine Ursache.

    Ich bezweifle, dass der pauschale Verweis auf historische Prägungen und Traditionen (Stichworte: Untertanengeist, Wilhelminismus, Diktaturerfahrung) heute(!) angesichts einer Vielzahl von neuen Einflüssen und Prägungen noch sehr überzeugt. Es sind heute doch im Wesentlichen andere Deutsche als vor 150, 100 oder 50 Jahren und sie haben überwiegend andere Prägungen erfahren.

    Es sind daher weitere Ursachen anzunehmen.

    Erstens dürfte eine Ursache für diesen Verfall des bürgerlichen Selbstbewusstseins auch in dem fortgeschrittenen Konzentrationsprozess innerhalb unserer kapitalistischen Ordnung liegen. Anders gesagt, die Herausbildung gigantischer Unternehmenskomplexe und astronomischer Vermögen zulasten des ehemaligen bürgerlichen Mittelstandes. Es sind doch immer weniger Menschen noch wirtschaftlich selbständig, was natürlich nicht folgenlos bleibt!!

    Man könnte es auch so formulieren: Bürgertum (i.S. von Poschardt) funktioniert nur eben nur in einer eher frühen Phase des Kapitalismus´ und innerhalb etwas kleinräumigerer Verhältnisse mit einem höheren Anteil von wirtschaftlich Selbständigen innerhalb eines gut ausgeprägten Mittelstandes. Dise Verhältnisse gibt es nicht mehr!
    Weder in der Welt des Weltwirtschaftsforums noch des „Stamokap“ ist noch ein aufrechtes Poschardt´sches Bürgertum möglich.

    Zweitens blendet Poschardt die Bedeutung ideologischer und zivilreligiöser Zusammenhänge aus, die gerade in Deutschland besonders ausgeprägt sind. In Deutschland neigen viele Leute auch heute noch – da gibt es tatsächlich eine lange Kontinuität – zur Überhöhung moralischer Normen. Das führt dazu, dass hier der Glaube an die Richtigkeit und Berechtigung bestimmter Ansichten/Werte (natürlich meist der eigenen!) für wesentlich höher eingeschätzt wird als der Zweifel. Dies gilt insbesondere für die heute herrschenden „linksliberalen“ Ansichten und Werte, die sich im Gefolge der Kulturrevolution nach 1968 mittlerweile durchgesetzt haben. Stegemann hat das in „Was von Glauben bleibt“ gut herausgearbeitet.

    1. Treffende Analyse. Sollte Poschardt tatsächlich die Ökonomie außen vorlassen, wäre das Buch reinster Feuilleton – man freut sich vielleicht über gelungene Formulierungen, aber kommt einer Erkenntnis nicht näher.

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