
Gabriele Gysi über das Aufwachsen in der DDR, die ideologische Abrechnung nach 1989 und eine Gegenwart, die erneut die Erinnerung zum Schlachtfeld macht.
Ein Lebenslauf in der neu gegründeten DDR auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone:
An meine Geburt erinnere ich mich, wie auch an wahrscheinlich viele andere wichtige Ereignisse, nicht. Aber wer weiß, wozu das gut ist? Gott sei Dank kann der Mensch vergessen. Nur, was ist dann ein Lebenslauf? Ein Verlauf von Ereignissen, in die man gestellt wird, in die man sich begibt, die man erinnert, die man vergisst? Ich wurde in Berlin geboren, am 13. Juli 1946. Anschließend bin ich in Berlin aufgewachsen. Einer, wegen des (glücklicherweise verlorenen) Zweiten Weltkrieges, leider gevierteilten Stadt. Hier bin ich zur Schule gegangen, habe mein Abitur bestanden und Schauspiel studiert. Ich hoffte so, im Spiel, verschiedene Biografien erleben zu dürfen, mich nicht entscheiden zu müssen. Später habe ich festgestellt: Diese Hoffnung war unsinnig. Ich hatte mich entschieden: ein Leben im, um und mit dem Theater gewählt. Ich habe nur nicht gewusst, was das bedeutet. Hier könnte man den Eltern noch mal die Schuld an dem eventuell Verpassten geben, aber ich kann das auch lassen. In der Zwischenzeit wurde 1961 eine Mauer durch Deutschland gezogen. Berlin, die Stadt in der mein Leben verlief, hatte sich zum sichtbaren Zentrum der Folgen eines Krieges entwickelt, den ich nicht erlebt, dessen tatsächliche Barbarei aber meinen Lebenslauf bestimmt hatte. Siebzehn Jahre arbeitete ich an der Volksbühne im Wesentlichen unter der Leitung von Benno Besson. Im Januar 1985 ging ich nach Bochum ans Schauspielhaus unter Leitung von Claus Peymann.
Seit 1989, mit der Öffnung der Mauer, sollten die Folgen des deutschen Faschismus und der Kalte Krieg keine Folgen mehr haben. Das kann ich mit meinem Leben leider nicht bestätigen.
Mit großer Provinzialität wurde auf dem innerdeutschen Interpretationsschlachtfeld die Vernichtung der Erinnerung an eine deutsche Alternative zur Bundesrepublik ideologisch durchgepeitscht. Jeder Einzelne musste zu diesen Bedingungen sein Leben neu verstehen lernen. Der eigene Lebenslauf war Schlachtfeld eines Krieges geworden.
Da heute versucht wird, die historische Amnesie mit einem dritten Krieg gegen Russland zur Vollendung hegemonialer US-amerikanischer Machtansprüche ins Unendliche zu treiben, muss das eigene Leben schon wieder neu begriffen werden. Die Propagandaschlacht, das Umschreiben der Geschichte, stürzt sich auf die Lebensläufe.
Deutschland darf nichts aus zwei Weltkriegen gelernt haben, die europäische Geschichte wird angepasst und als Teil der US-amerikanischen begriffen. Der Lebenslauf ändert erneut sein Gesicht. Ich hoffe sehr, dass diese Absurdität sich selbst ad absurdum führt.
Die Tatsache, dass wir Menschen unser Leben gestalten können und doch jeder Einzelne so sehr von den Möglichkeiten und vor allem Unmöglichkeiten, in die sein Leben gestellt ist, abhängt, lässt immer neue, gleiche Fragen an das Theater zu. Nach einem aufregenden Regieversuch 1983 in Anklam haben mich seit 1987 meine Fragen und die Fragen anderer Schauspieler von der Bühne in den Zuschauerraum gedrängt. Wenn ich Glück habe und das Leben es mir gestattet, kann ich jetzt als Regisseurin auch andere mit meinen Fragen tyrannisieren: Was erleben wir? Wie erleben wir etwas? Was können wir sehen? Was wollen wir sehen? Was dürfen wir sehen? Wie komme »ich« unter »uns« zurecht? Warum ist etwas so und nicht anders?
Also, ich habe ein sehr luxuriöses Leben. Ich muss nicht nur überleben. Ich darf, soll und kann am Theater immer neu versuchen zu verstehen, was gerade wieder nicht zu
verstehen ist. Und dabei verläuft mein Leben. Das ist es wohl. Ich glaube, ich habe bestimmt etwas vergessen.
Über die DDR nachzudenken, kann ein Vergnügen sein, so viele Vorurteile, so viel Verklärung, so viel Festschreibung von Geschichte als Sieg und Niederlage könnten überflüssig sein, wenn das Leben selbst sprechen könnte.



