Ein gemauertes deutsches Leben

Berlin, Alexanderplatz
Diego Delso, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Gabriele Gysi über das Aufwachsen in der DDR, die ideologische Abrechnung nach 1989 und eine Gegenwart, die erneut die Erinnerung zum Schlachtfeld macht.

Ein Buchauszug.

Ein Lebenslauf in der neu gegründeten DDR auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone:

An meine Geburt erinnere ich mich, wie auch an wahrscheinlich viele andere wichtige Ereignisse, nicht. Aber wer weiß, wozu das gut ist? Gott sei Dank kann der Mensch vergessen. Nur, was ist dann ein Lebenslauf? Ein Verlauf von Ereignissen, in die man gestellt wird, in die man sich begibt, die man erinnert, die man vergisst? Ich wurde in Berlin geboren, am 13. Juli 1946. Anschließend bin ich in Berlin aufgewachsen. Einer, wegen des (glücklicherweise verlorenen) Zweiten Weltkrieges, leider gevierteilten Stadt. Hier bin ich zur Schule gegangen, habe mein Abitur bestanden und Schauspiel studiert. Ich hoffte so, im Spiel, verschiedene Biografien erleben zu dürfen, mich nicht entscheiden zu müssen. Später habe ich festgestellt: Diese Hoffnung war unsinnig. Ich hatte mich entschieden: ein Leben im, um und mit dem Theater gewählt. Ich habe nur nicht gewusst, was das bedeutet. Hier könnte man den Eltern noch mal die Schuld an dem eventuell Verpassten geben, aber ich kann das auch lassen. In der Zwischenzeit wurde 1961 eine Mauer durch Deutschland gezogen. Berlin, die Stadt in der mein Leben verlief, hatte sich zum sichtbaren Zentrum der Folgen eines Krieges entwickelt, den ich nicht erlebt, dessen tatsächliche Barbarei aber meinen Lebenslauf bestimmt hatte. Siebzehn Jahre arbeitete ich an der Volksbühne im Wesentlichen unter der Leitung von Benno Besson. Im Januar 1985 ging ich nach Bochum ans Schauspielhaus unter Leitung von Claus Peymann.

Seit 1989, mit der Öffnung der Mauer, sollten die Folgen des deutschen Faschismus und der Kalte Krieg keine Folgen mehr haben. Das kann ich mit meinem Leben leider nicht bestätigen.

Mit großer Provinzialität wurde auf dem innerdeutschen Interpretationsschlachtfeld die Vernichtung der Erinnerung an eine deutsche Alternative zur Bundesrepublik ideologisch durchgepeitscht. Jeder Einzelne musste zu diesen Bedingungen sein Leben neu verstehen lernen. Der eigene Lebenslauf war Schlachtfeld eines Krieges geworden.

Da heute versucht wird, die historische Amnesie mit einem dritten Krieg gegen Russland zur Vollendung hegemonialer US-amerikanischer Machtansprüche ins Unendliche zu treiben, muss das eigene Leben schon wieder neu begriffen werden. Die Propagandaschlacht, das Umschreiben der Geschichte, stürzt sich auf die Lebensläufe.

Deutschland darf nichts aus zwei Weltkriegen gelernt haben, die europäische Geschichte wird angepasst und als Teil der US-amerikanischen begriffen. Der Lebenslauf ändert erneut sein Gesicht. Ich hoffe sehr, dass diese Absurdität sich selbst ad absurdum führt.

Die Tatsache, dass wir Menschen unser Leben gestalten können und doch jeder Einzelne so sehr von den Möglichkeiten und vor allem Unmöglichkeiten, in die sein Leben gestellt ist, abhängt, lässt immer neue, gleiche Fragen an das Theater zu. Nach einem aufregenden Regieversuch 1983 in Anklam haben mich seit 1987 meine Fragen und die Fragen anderer Schauspieler von der Bühne in den Zuschauerraum gedrängt. Wenn ich Glück habe und das Leben es mir gestattet, kann ich jetzt als Regisseurin auch andere mit meinen Fragen tyrannisieren: Was erleben wir? Wie erleben wir etwas? Was können wir sehen? Was wollen wir sehen? Was dürfen wir sehen? Wie komme »ich« unter »uns« zurecht? Warum ist etwas so und nicht anders?

Also, ich habe ein sehr luxuriöses Leben. Ich muss nicht nur überleben. Ich darf, soll und kann am Theater immer neu versuchen zu verstehen, was gerade wieder nicht zu
verstehen ist. Und dabei verläuft mein Leben. Das ist es wohl. Ich glaube, ich habe bestimmt etwas vergessen.

Über die DDR nachzudenken, kann ein Vergnügen sein, so viele Vorurteile, so viel Verklärung, so viel Festschreibung von Geschichte als Sieg und Niederlage könnten überflüssig sein, wenn das Leben selbst sprechen könnte.

Gabriele Gysi

Gabriele Gysi ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Sie wurde 1946 in Berlin als Tochter der kommunistisch-jüdischen Verleger Klaus und Irene Gysi geboren. Sie besuchte die Staatliche Schauspielschule Berlin. Anschließend wurde sie an die Volksbühne Berlin engagiert. 1984 verließ sie die DDR und wechselte das Engagement an das Stadttheater Bochum. Ab 1990 lebte sie in Köln. Nach ihrer Schauspieldirektion am Volkstheater Rostock und vielen Regiearbeiten an verschiedenen Theatern und Schauspielschulen zwischen Bern und Lübeck kehrte sie 2006 als Assistentin der Intendanz und spätere Chefdramaturgin an die Volksbühne zurück. Seit 2010 lebt sie als freischaffende Künstlerin in Berlin.
Mehr Beiträge von Gabriele Gysi →

Ähnliche Beiträge:

10 Kommentare

  1. Die Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Auch die Geschichte der DDR. Am 310. schwafeln irgendwelche Figuren von der „deutschen Einheit“.
    Dabei feiern die “ Wessis“ ihren Beutezug in der DDR. Und die „Ossis“ dürfen sich am 4.10. von den westlichen Medien wieder ihre Geschichte erzählen lassen. Die so gar nicht mit ihrem Leben und Erleben übereinstimmt.
    Und nirgendwo sehe ich die offizielle Fahne der Bundesrepublik wehen. Weder vor Rathäusern noch Schulen. Dafür die blau- gelbe der Ukraine…

    1. Die Flagge der Ukraine habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Klebt hier nur noch als Herzchen auf den Stadtbussen und Straßenbahnen.

  2. „Die größte Leistung des Gehirns ist das Vergessen. Würden die ans Unendliche grenzende Anzahl der einströmenden Impulse zum größten Teil nicht spurlos, wäre das Hirn binnen kürzester Zeit zur Funktionsunfähigkeit vollgestopft.“

    (Erkenntnis aus der Hirnforschung aus dem Gedächtnis zitiert.)

    Das Gehirn ist nicht perfekt, so wie alles andere auch nicht in diesem Universum. Es macht manchmal die richtigen Dinge an den falschen Orten.

  3. Naja die Biografien von der einen Person stimmen schon lange nicht mit Biografien anderer Menschen überein. Die Wessis brauchen diese Überheblichkeit weil sie genau wissen dass sie Tag ein Tag aus unterdrückt werden .Ihr scheinbarer Reichtum macht sie nicht glücklich und das Gelabere man muss natürlich arbeiten ,nichts fällt vom Himmel beweist das sie vom Leben in der DDR so gar nichts wissen und lieber das Tiefkühlfertigprodukte nehmen anstatt das kreative , lebensfrohe auf das man Stolz sein kann Produkt ,woran sich jemand bereichert .

  4. So, so: „Im Januar 1985 ging ich nach Bochum ans Schauspielhaus…“ Das klingt so, als ob dies oder ähnliches allen ddr-bürger*innen einfach so möglich gewesen wäre. Nein. Schon das aufwachsen in (Ost)Berlin war – verglichen mit den verhältnissen in der ddr-provinz“ – ein privileg. Das verlassen das landes war für die masse der provinzinsassen wesentlich komplizierter und gefährlicher…
    Insofern ist der hier zur schau gestellte lebenslauf alles ander als repräsentativ für den grossen rest der ddr-bevölkerung. Das grosse wort führen wie immer die eliten (auf beiden seiten).

    1. Es half allerdings in Bezug auf den Wunsch die DDR zu verlassen nichts, in der „Hauptstadt der DDR“ statt in der Provinz aufgewachsen zu sein. Es half jedoch, wenn man einer prominenten oder systemwichtigen Familie angehörte (z.B. mit einem Vater wie Klaus Gysi und seinen diversen Funktionen). Denn Angehörige, die nicht so recht mitmachen wollten (aus solchen Familien), die womöglich öffentlich Ärger machen konnten, ließ man eher gehen als unbedeutende Personen wie Hinz und Kunz, nach denen kein Hahn krähte, wenn man sie wegsperrte.

  5. Dass diese Frau einfach das Land verlassen konnte, ist verdächtig.
    Meinen Freund Karl haben sie 2 Jahre lang eingesperrt und als sie merkten, dass nützt bei dem nichts, haben sie ihn direkt nach West-Berlin verfrachtet.
    Auch von anderen Bekannten weiß ich, dass man da nicht so leicht rauskam….. Entweder man hatte ein paar Jahre Knast hinter sich und war ungebrochen, oder man gehörte irgendwie zum System. Sonst kam man da ohne waghalsige Flucht nicht raus….sagten mir Menschen, mit denen ich viel Zeit verbracht habe und denen ich traue.
    Als Wessi kann ich das natürlich nicht wirklich beurteilen. Doch schon, dass die Frau nicht von sich aus erklärt, wieso sie da einfach rauskonnte, und so tut, als wäre es für alle möglich gewesen, macht sie mir unsympathisch.
    Warum gibt Overton solchen Menschen, die selbst wenn sie integer sind, nur wenige % der Bevölkerung repräsentieren, eine Bühne?

    1. Ich finde es um einiges verdächtiger, dass unmittelbar nach 45 eine große Zahl von Verantwortlichen diverser Konzentrations- und Arbeitslager, der Banken und der Industrie problemlos „emigrieren“ konnte und laut Aussagen meines Vaters als untergeschlüpfte „Flüchtlinge“ im Westen sogar als Bürgermeister kandidieren konnten.. Mit Sicherheit um die verdienten Deutschen zu schützen. Aussagen niedriger Chargen der Lager oder von Zwangsarbeitern wurden nach 1945 nicht eingefordert. Wieviel Gutmenschentum erwartet eigentlich die moralisierende politische Kritik?

      Schon mal gehört oder gelesen: Eugen Kogon, Der SS-Staat. Als Taschenbuch mit 497 Seiten inkl. Apparat antiquarisch erhältlich ab 2,95 € . Nur für den Fall, dass Sie es in einer leidlich gut sortierten öffentlichen Bibliothek in der Nähe Ihres Wohnorts nicht finden.

    2. Zitat:
      „Dass diese Frau einfach das Land verlassen konnte, ist verdächtig.“

      Es ist vielleicht nicht so verdächtig, wenn man weiß, dass ihr Vater, Klaus Gysi, eine relativ große systemtreue Nummer in der DDR war (Minister für Kultur, Botschafter in Italien, Staatssekretär für Kirchenfragen).
      Solche Familien sollten „rein“ bleiben. Wenn die (erwachsenen) Nachkommen rumzickten und eine Vorliebe zum Verlassen des Landes entwickelten, war es dem Staat u.U. lieber, man ließ sie gehen, als sich mit ihnen rumzuärgern – gerade WEIL es durch die privilegierte Rolle der Familie öffentliche Kreise gezogen hätte.
      So ließ man auch viele Schauspieler aus dem Land (z.B. Manfred Krug), da man fürchtete, diese Prominenten trotz Spielverbot nicht völlig ruhig halten und in der Versenkung verschwinden lassen zu können.

      1. @ Hartmut
        Verdächtigen ist einfacher als anschließend Richtigkeit zu prüfen. Weniger anstrengend und enervierend auf jeden Fall. Völlig unabhängig von politischen, religiösen oder weltanschaulichen Akzenten der Individuen. Menschen ähneln Faultieren mehr als sie glauben.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen