
Wie Konzerne seit über einem Jahrhundert mit gezielter Propaganda demokratische Prozesse beeinflussen – und warum die wahre Gefahr für die Demokratie oft dort liegt, wo sie kaum vermutet wird.
Alex Carey zeigt in seinem grundlegenden Buch „Demokratie ohne Risiko“, wie Unternehmen, PR-Agenturen und politische Eliten die öffentliche Meinung systematisch manipulieren, um ihre Interessen durchzusetzen. Ein Auszug.
Mit dem Wachstum der Konzerne und der Demokratie nahm auch die Konzernpropaganda als Mittel zur Verteidigung der Konzerninteressen gegen die Demokratie stark zu. »In dem Maße, in dem die wirtschaftliche Macht wuchs«, schreibt V. o. Key, »wurde eine bewusste Politik der Manipulation der öffentlichen Meinung betrieben, um diese Macht zu erhalten.« Abgesehen von der Großen Depression gab es drei Anlässe, bei denen diese Politik in großem Umfang zum Tragen kam. Es ist erforderlich, den Kontext dieser Anlässe zu erläutern.
Größere Kriege stellen die Verfechter der bestehenden Ordnung stets vor erhebliche Probleme. Denn moderne Kriege erfordern die Unterstützung aller; und so idealisiert die Kriegspropaganda den humanen, egalitären, demokratischen Charakter der je eigenen Gesellschaft in einer Weise, die keine Elite und kein Unternehmensinteresse wirklich zulassen will. Infolgedessen gibt es am Ende größerer Kriege eine öffentliche Stimmung, die Reformen in Richtung der demokratischen und egalitären Ideale erwartet, für die die Menschen angeblich geopfert und gelitten haben.
Massive Unternehmenspropaganda
Dies war die Situation in den USA am Ende des Ersten Weltkriegs 1918, des Zweiten Weltkriegs 1945 und (auf komplexe Weise) des Vietnamkriegs 1975. In allen diesen Fällen wurde eine massive Unternehmenspropaganda betrieben, die darauf abzielte, Angst vor einer kommunistischen Bedrohung zu schüren und dabei liberale und demokratische Kritiker von Geschäfts- und Unternehmensinteressen zu diskreditieren. In jedem dieser Fälle kam es zu einer erfolgreichen Indoktrination der Gesellschaft – erfolgreich im Sinne der Ausschaltung eines weit verbreiteten kritischen Bewusstseins und der Marginalisierung liberalen und demokratischen Denkens. So folgte in jeder dieser Perioden innerhalb von zwei oder drei Jahren eine dramatische Verschiebung der öffentlichen Meinung in Richtung Konservatismus, Chauvinismus und/oder eine Verschärfung des Antikommunismus des Kalten Krieges. So gab es von 1919 bis 1921 und ab 1948 McCarthy-Perioden und nach 1976 eine plötzliche Wende zum Konservatismus, der in der Präsidentschaft von Ronald Reagan und der Politik des Kalten Krieges gipfelte.
In Kapitel 5 habe ich die Zunahme der von der Wirtschaft finanzierten Propaganda als Mittel zur Steuerung der Demokratie dokumentiert, bis zu dem Zeitpunkt, da sie um 1950 zu einem bedeutenden amerikanischen Wirtschaftszweig wurde. Um Anzeichen ideologischer Abweichung frühzeitig erkennen zu können, verknüpfte dieser Wirtschaftszweig die intensive Beobachtung der öffentlichen Meinung mit der Beschäftigung einer großen Zahl von Experten aus allen sozialwissenschaftlichen Berufen, die an der Verfeinerung und Verbreitung korrigierender Überzeugungen in allen Medien und allen Teilen der Gesellschaft arbeiteten. Das Programm war relativ simpel: Wenn die Öffentlichkeit beginnt, ihre eigenen Interessen als verschieden von den Unternehmensinteressen zu erkennen, dann überschwemmt man die Medien mit korrigierender Propaganda, bis die Öffentlichkeit ihr kollektives Bewusstsein ändert. Die Große Depression mit ihren Millionen von Hungernden und Arbeitslosen führte beispielsweise zu einer verbreiteten Ablehnungshaltung und einer beträchtlichen Schwächung der ideologischen Kontrolle der Wirtschaft. Die NAM-Kampagne, die 1934 gestartet wurde, um die amerikanischen Bürger für die Wirtschaft zurückzugewinnen, wurde während des Krieges 1939–1945 weitestgehend ausgesetzt, aber unmittelbar nach Kriegsende in noch größerem Umfang wieder aufgenommen. »Der Apparat selbst ist ungeheuerlich … der Ausstoß schwindelerregend«, schrieb der Soziologe Daniel Bell, der vom Ausmaß des bewusstseinsverändernden Programms, das von 1945 bis 1953 andauerte, sichtlich beeindruckt war. Es brachte, wie Professor Key feststellt, »eine geradewegs überwältigende Propaganda für die herrschende Lehrmeinung« hervor.
Der Einfluss der Sozialwissenschaften lässt sich anhand der Arbeit des Psychologen Dr. Henry C. Link veranschaulichen. Link war Leiter einer Organisation mit dem bezeichnenden Namen »The Psychological Corporation«, die ab 1932 die öffentliche Meinung im Auftrag der Konzerne beobachtete und die Wirksamkeit alternativer Methoden zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch deren Propagandasystem testete.
Orwell falsch verstanden?
Wie Link darlegt, wurde 1945 eine Reihe groß angelegter »Experimente zu den ›Techniken der Ideenkommunikation‹« von zehn führenden Unternehmen des Landes gesponsert. Die Experimente zeigten, dass die konservative Vision des »freien Unternehmertums« dem amerikanischen Volk nicht über seine eigenen Werte und Eigenheiten verkauft werden konnte, sondern indem diese mit dem »Amerikanismus« identifiziert und die Politik des New Deal mit »Unamerikanismus« in Verbindung gebracht wurde. Im folgenden Jahr (1946) verteilte die US-Handelskammer landesweit eine Million Exemplare einer 50-seitigen Broschüre mit dem Titel »Kommunistische Infiltration in den USA«. Im Jahr 1947 wurde eine ähnliche Broschüre mit dem Titel »Communists Within the Government« (d. h. in der Truman-Regierung) in Umlauf gebracht.
Drei Jahre nach 1984 liegt es meines Erachtens auf der Hand, dass George Orwells Warnungen vor künftigen Bedrohungen der liberalen Demokratien weitgehend, ja sogar in gefährlicher Weise, falsch verstanden wurden. Beeinflusst von Orwells irrigen Ansichten hat sich im Bewusstsein der Bevölkerung die Erwartung festgesetzt, dass die subversive Linke, unterstützt durch Einflüsse von »außen«, dabei ist, das öffentliche und individuelle Denken zu kontrollieren. (Dies ist das von den Konzernen geförderte Narrativ, das die Rechtfertigung für die Lenkung der Demokratie im Interesse der Wirtschaft liefert.) Unterdessen verläuft der eigentliche Angriff in krassem Gegensatz zu Orwells Erwartungen. Er geht seit fast einem Jahrhundert von der respektablen Rechten aus. Aber diese tatsächliche Bedrohung wird von der Gemeinschaft mehr oder weniger ignoriert, denn sie ist überaus raffiniert, scheint keinen Zwang auszuüben, bleibt aber den Interessen der Unternehmen verpflichtet.
Was auch immer Orwells Absichten gewesen sein mögen, sein Werk wurde missbraucht, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen und zu verwirren, damit sie an den falschen Stellen nach der »Gehirnwäsche« sucht, die viele instinktiv spüren. Nach dem Ersten Weltkrieg hat dieses Phänomen die Öffentlichkeit dermaßen irregeführt oder eingeschüchtert, dass nur wenige Schriftsteller und Sozialwissenschaftler versucht haben, unsere Welt klar zu sehen oder sie in ihren politisch-wirtschaftlichen Dimensionen zu erfassen. Fast vierzig Jahre nachdem Orwell das Buch 1984 schrieb, hat kein Schriftsteller versucht, es zu aktualisieren, um die Tragweite von Orwells Irrweg für die demokratischen Gesellschaften herauszustellen. Schlimmer noch: Im Namen des freien Unternehmertums und des Antikommunismus setzen sich zahlreiche von Konzernen gesponserte Sozialwissenschaftler bereitwillig dafür ein, Orwells These durch eine von Unternehmen gelenkte Demokratie zu fördern.



