Die Lehre vom Kollaps

Abgrund
Josef Moser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Was passiert, wenn das, was wir für selbstverständlich halten, langsam zu bröckeln beginnt?

Der Kollaps ist ein gesellschaftlich heikles Thema. Ernsthafte Männer diskutieren darüber in besonderen Momenten oder bei einem Drink in gedämpftem Ton. In gemischter Gesellschaft wird das Thema nicht oft angesprochen, und schon gar nicht in Anwesenheit von Kindern. In bestimmten Berufsgruppen – bei Wissenschaftlern, Ingenieuren, Ärzten und in jüngerer Zeit auch bei Leuten, die auf naturwissenschaftlicher Grundlage im Finanzsektor arbeiten – wird der Kollaps schnell zum unsichtbaren Elefanten im Raum. Das erzwungene Schweigen verursacht diesen Spezialisten viel Stress und Frustration – es fällt ihnen immer schwerer, anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Daten im Kopf ein Szenario zu entwerfen, das nicht in einem Zusammenbruch endet. Andere – Geschäftsleute, Politiker, Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Psychologen, Pädagogen – finden ein solches Denken zu negativ.

Der Kontrast zwischen diesen beiden Gruppen ist ein Kontrast zwischen zwei radikal unterschiedlichen Denkweisen. Die erste ist darauf trainiert, in messbaren physikalischen Größen und Prinzipien zu denken – Systemtheorie, Thermodynamik und so weiter. Sie untersucht Tatsachen. Die Ergebnisse an sich können nicht positiv oder negativ sein, nur genau oder ungenau. Was diese Ergebnisse für die Gesellschaft bedeuten, ist dabei leider nur eine zweitrangige Überlegung.

Für die zweite Gruppe steht die Gesellschaft stets im Mittelpunkt und ist sowohl Subjekt als auch Objekt. Diese Gruppe hält die physikalischen Überlegungen und Prinzipien, die sie im Allgemeinen nicht zu verstehen gelernt hat und als Ansichtssache betrachtet, für zweitrangig. Für sie beschränkt sich das Thema Zusammenbruch auf seine direkte und unmittelbare Wirkung auf die Gesellschaft – nicht die langfristige Realität, sondern die Wirkung, die der Zusammenbruch als Diskussionsthema auf die gegenwärtige Gesellschaft haben würde. So gesehen wirkt das Thema übermäßig negativ, beunruhigend, erschreckend, deprimierend, defätistisch und überhaupt nicht inspirierend, tröstend, erleuchtend, erhebend oder ermächtigend.

Kollaps auf der Ehe- und Familienebene ätzend

Aber es gibt eine sehr klare Übereinstimmung zwischen diesen beiden Arten von Spezialisten. Beide stimmen darin überein, dass die Beschäftigung mit dem Thema Kollaps nicht karriereförderlich ist. Wenn sie es doch erwähnen, streuen sie Phrasen wie «es sei denn, wir» oder «wir müssen unbedingt» dazwischen, um den Zusammenbruch als etwas Vermeidbares darzustellen. Die einzigen Menschen, die sorglos und ohne Einschränkung über den Zusammenbruch diskutieren können, sind Spezialisten im Ruhestand und fest angestellte Professoren, und letztere nur, wenn ihre Forschung nicht von Zuschüssen abhängig ist.

Das entgegengesetzte Extrem zu diesen beiden Gruppen sind diejenigen, die entdeckt haben, dass der Zusammenbruch eine wachsende Marktnische ist, die sie mit allen möglichen Produkten und Dienstleistungen bedienen – von Überlebensbunkern und Überlebensausrüstung über Überlebenstraining in der Wildnis bis hin zu Büchern, die Finanzinstrumente zur Absicherung gegen den Zusammenbruch empfehlen. Irgendwo dazwischen stehen Menschen, die in Gemeinden arbeiten, welche bereits zusammengebrochen sind oder im Begriff dazu sind und die sich den Luxus nicht leisten können, diese Realität und ihre sozialen und medizinischen Folgen zu ignorieren. Sie finden sich oft in Konflikt mit der kognitiven Dissonanz, die durch den Kontrast entsteht zwischen der schockierenden Alltagsrealität, mit der sie konfrontiert sind, und dem gezwungenen Optimismus, den sie simulieren müssen, um ihren Job zu behalten.

Auf der persönlichen Ebene kann das Thema Kollaps für Ehe und Familie ziemlich ätzend sein. Ein häufiges Muster dabei ist, dass der Ehemann etwas liest und dann überzeugt ist, dass der Zusammenbruch naht. Radikalisiert durch diesen dramatischen Wandel der Weltanschauung kommt er zu der Überzeugung, außergewöhnliche Vorkehrungen hätten höchste Priorität. Solche Vorbereitungen können etwa umfassen: den vorzeitigen Abbruch der Karriere; den Erwerb eines Gehöfts (möglicherweise in einem fremden Land); die Auszahlung von Wertpapieren, Pensionsfonds und anderen Ersparnissen zum Erwerb von Werkzeugen, Vorräten und anderem Inventar; das Erlernen von Landwirtschaft, Garten und Jagd; Home-Schooling für die Kinder; das Zurücklassen von Freunden oder Bekannten, die dem Thema Zusammenbruch skeptisch gegenüberstehen, und so weiter …

In der Zwischenzeit möchte die Frau weiterhin das Leben führen, das sie für erstrebenswert hält: in der Nähe ihrer Freunde und Familie sein, Tropenurlaub im Winter, Einkauf in modischen Boutiquen, die Kinder in Eliteschulen und Sommercamps schicken und andere erfolgreiche Paare zu sich einladen. Für den Ehemann wird der Zusammenbruch – und wie die Familie sich auf das Überleben vorbereiten kann – zu einem allumfassenden Thema von höchster Wichtigkeit. Die Ehefrau dagegen hört eine sinnlose Litanei, die von ihrem zunehmend seltsamen, entfremdeten und sozial peinlichen Ehemann zwanghaft wiederholt wird. Sie beginnt sich zu fragen, ob sie den richtigen Mann geheiratet hat. Schließlich hat ein Ehemann immer erfolgreich zu sein, egal was passiert. Für eine Frau kann das Überleben eines Zusammenbruchs einfach erscheinen: sich keine Sorgen machen, aber bloß keinen Verlierer heiraten. Dies ist eine konservative Evolutionsstrategie, und meistens funktioniert sie.

Es ist so etwas wie ein Muster, dass sich der Mann um das große Ganze kümmert, z. B. gegen welches Land er in den Krieg ziehen soll, während die Frau sich um die kleinen Dinge sorgt, wie z. B. welche Waschmaschine sie kaufen oder wohin sie die Kinder schicken soll. Aber es gibt Fälle, in denen sich dieses Muster umkehrt und die Frau den Kollaps kommen sieht, während der Ehemann sich dafür entscheidet, in seliger Unkenntnis zu bleiben. So oder so – in vielen Familien ist ein Ehepartner im Bilde und bereit, größere Veränderungen in der Lebensführung einzuleiten, während der andere unempfänglich ist.

Ein bestimmter Persönlichkeitstyp mit Vorteilen

Wenn sie Kinder haben, vervielfachen sich die Zwänge, weil die Lebensumstände, die nach dem Zusammenbruch wahrscheinlich notwendig werden, minderwertig erscheinen im Vergleich zu denjenigen vor dem Zusammenbruch. So könnte zum Beispiel die Erziehung eines Kindes an einem Ort ohne Elektrizität, Zentralheizung oder Spülklosett mit Missbrauch gleichgesetzt werden – und die Behörden stürmen herein und beschlagnahmen die Kinder. (Im Zuge des Zusammenbruchs werden die Behörden – bis zu ihrer Auflösung – aufgrund fehlender Mittel versuchen, ganze Familien in Notaufnahmelager zu evakuieren, anstatt sie an ein Überleben ohne Elektrizität, Zentralheizung, Spülklosett, staatliche Dienste oder Polizeischutz anzupassen, sogar in Gegenden, wo ein solcher Lebensstil seit Tausenden von Jahren und bis vor einem Jahrhundert als völlig normal angesehen wurde.)

Eine weitere, noch größere Kluft besteht auf der gesellschaftlichen Ebene zwischen dem Zusammenbruch als Thema einer akademischen Diskussion, die mit Begriffen aus der Systemtheorie und anderen Elementen höherer Bildung gespickt ist, und dem Zusammenbruch als persönliche Erfahrung – gelebt von denen, die ihn bereits im einen oder anderen Ausmaß durchgemacht haben. In seinem Anfangsstadium trifft der Zusammenbruch die Schwächsten: die ärmsten, am wenigsten geschützten, am wenigsten privilegierten Gemeinden, Familien und Einzelpersonen. Der Zusammenbruch vertreibt gering qualifiziertes Industrie- und Dienstleistungspersonal, während es ausgebildeten Fachkräften eine Zeit lang besser gehen kann als je zuvor. Im Anfangsstadium mag der Zusammenbruch einigen wie ein sozial-darwinistisches oder neo-malthusianistisches Moralstück erscheinen – eine spannende Geschichte der Natur selbst, wie sie die am wenigsten Fähigen und am wenigsten Vorbereiteten bestraft und gleichzeitig die Fleißigen und Erfolgreichen belohnt. Aber ihre Freude ist mit Sicherheit nur von kurzer Dauer: Wie eine Flut, die zuerst die Niederungen überschwemmt, dann die Höhen erreicht und schließlich die Berggipfel wegspült, erreicht der Zusammenbruch am Ende alle. Wie bei einer echten Flut ist ein Überleben nicht durch Konkurrenz, sondern nur durch Zusammenarbeit möglich. Menschen, die den Zusammenbruch als ein aufregendes Vorhaben für sich selbst sehen und als schreckliche Erfahrung für all die unglückseligen Anderen, die weniger fähig und vorbereitet sind, müssen nur warten, bis sie an der Reihe sind; auch sie werden gedemütigt werden.

All dies stellt die meisten Menschen vor die ziemlich große Aufgabe, überhaupt etwas gegen den Zusammenbruch von Familien, Gemeinschaften, Gesellschaften oder Nationen zu unternehmen. Soziale Trägheit ist eine gewaltige Kraft, und viele Menschen sind fast genetisch dazu veranlagt, nicht verstehen zu wollen, dass der Kollaps unvermeidlich ist. Vom Zusammenbruch betroffen zu werden, nehmen sie persönlich oder betrachten es als Glückssache. Viele andere verstehen diese Wahrheit auf irgendeiner Ebene, weigern sich aber, danach zu handeln. Sie sehen diejenigen, die sich auf den Zusammenbruch vorbereiten, als Exzentriker, vielleicht sogar als gefährliche Subversive. Dies ist wohl besonders bei Menschen in Macht- und Autoritätspositionen der Fall, die nicht erfreut sind über die Aussicht auf eine Zukunft, in der ihre Positionen eliminiert worden sind.

Es scheint einen bestimmten Persönlichkeitstyp zu geben – meist unverheiratete Männer –, der die größte Handlungsfreiheit bei der Vorbereitung auf den Zusammenbruch hat, diesen physisch oder psychisch am ehesten unbeschadet übersteht und sich am besten an die neuen Umstände anpassen kann. Überlebende von Schiffbrüchen und ähnlichen Katastrophen haben mehrere gemeinsame Merkmale. Ein gewisses Maß an Losgelöstheit oder Gleichmut, auch gegenüber dem Leiden, ist sicherlich hilfreich. Das vielleicht wichtigste Merkmal – wichtiger als Geschicklichkeit, gute Vorbereitung oder sogar Glück – ist ein unbändiger Überlebenswille. Als Nächstes kommt die Selbstständigkeit: die Fähigkeit, trotz Einsamkeit oder fehlender Unterstützung durch andere auszuharren. Zuletzt kommt die Unvernunft: die schiere, sture Unfähigkeit, sich angesichts scheinbar unüberwindbarer Hindernisse, gegensätzlicher Meinungen der Kameraden oder sogar gewalttätigen Widerstands einfach zu ergeben.

In größeren Gruppen ist jede sinnvolle Diskussion über einen Zusammenbruch völlig ausgeschlossen

Es gibt zwei unterschiedliche Komponenten der menschlichen Natur: die soziale und die einzelgängerische. Während die meisten Menschen streng sozial sind – insofern als all ihre Motivationen, Normen, Zwänge und Belohnungen sich aus ihren Interaktionen mit anderen ergeben –, gibt es auch eine ganze Menge Einzelgänger, die aus sich heraus motiviert sind, ihre Belohnungen direkt aus der Natur beziehen und deren einzige Zwänge selbst auferlegte sind. Der solitäre Teil der menschlichen Natur ist eindeutig der höher entwickelte – die Menschheit hat sich durch die Bemühungen brillanter Einzelgänger und Exzentriker weiterentwickelt. Ihre Namen leben ewig weiter, gerade weil die Gesellschaft nicht in der Lage war, ihre Brillanz auszulöschen oder ihre Initiativen zu vereiteln.

Unser sozialer Herdentrieb ist primitiv und führt leider sehr zuverlässig zu Mittelmäßigkeit und Konformismus. Wir haben uns ursprünglich dazu entwickelt, in kleinen Gruppen von wenigen Großfamilien zu leben – klein genug, um alle Beziehungen persönlich zu halten. Solche Gruppen können leicht ein paar brillante Exzentriker beherbergen. Aber unsere evolutionär sehr neuen Experimente, die über diesen begrenzten Rahmen hinausgehen, scheinen sich auf Herdeninstinkte zu stützen, die wohl nicht einmal spezifisch menschlich oder sogar nicht einmal spezifisch für Primaten sind. Bei unmittelbarer Gefahr neigen große Gruppen von Menschen zu Panik und Flucht. Bei solchen Gelegenheiten werden regelmäßig Menschen zertrampelt und zerquetscht: ein Höhepunkt der Evolution. Wenn wir uns also eine überlebensfähige Zukunft in zerrütteten Verhältnissen vorstellen, ist es besser, wenn wir uns auf Einzelpersonen und kleinere, zusammenhaltende, kooperative Gruppen konzentrieren statt auf größere Einheiten – seien dies nun bestehende, vor dem Zusammenbruch stehende Gemeinden, Regionen, Nationen oder die Menschheit als Ganzes.

Wer das Bedürfnis verspürt, integrativ und entgegenkommend zu sein und einen Konsens zu suchen, muss die gewaltige Kraft der sozialen Trägheit verstehen. Sie ist eine unbewegliche, erdrückende Last. «Wir müssen die Meinungen der Gesellschaft als Ganzes berücksichtigen» bedeutet: «Wir müssen uns blockieren lassen von der mangelnden Bereitschaft oder der Unfähigkeit anderer Menschen, drastische, aber notwendige Veränderungen vorzunehmen.»

In größeren Gruppen ist jede sinnvolle Diskussion über einen Zusammenbruch völlig ausgeschlossen. Die Themen, die hier diskutiert werden, drehen sich darum, Wege zu finden, das gegenwärtige System durch alternative Mittel aufrechtzuerhalten: erneuerbare Energie, ökologische Landwirtschaft, Gründung oder Unterstützung lokaler Unternehmen, Fahrradfahren statt Autofahren und so weiter. Nichts von all dem ist schlecht, aber sich darauf zu konzentrieren bedeutet, die größere Frage nach der notwendigen radikalen sozialen Vereinfachung zu ignorieren. Es ist unwahrscheinlich, dass wir diese radikale Vereinfachung in einer Reihe von kontrollierten Schritten erreichen können; das wäre so, als würde man eine Abbruchmannschaft bitten, ein Gebäude Stein für Stein, ein Stockwerk nach dem anderen abzureißen, statt dem Standardverfahren zu folgen – nämlich sprengen, Schutt wegschaffen, eine neue Baugrube graben und ein Fundament gießen.

Dmitry Orlov

Dmitry Orlov wurde 1960 in eine Dissidentenfamilie in der Sowjetunion geboren, die Ende der 1960er Jahre in die USA auswanderte. Er studierte Ingenieurwissenschafte und Linguistik und arbeitet in zahlreichen Ländern, u.a. am CERN in Genf. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie in seiner Heimatstadt St. Petersburg.
Mehr Beiträge von Dmitry Orlov →

Ähnliche Beiträge:

5 Kommentare

  1. Nicht uninteressant, diese Betrachtungen. Derlei muss ich mir mal noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen – jedenfalls kann ich hier wirklich mal sagen: Das Nachdenken hierüber will ich nicht den „Preppern“ überlassen (wobei die wohl eher wenig denken, zumindest im eigentlichen Sinne).

    Jetzt noch was ganz Anderes: Hie und da ist zu lesen von „an die 30 Autoren, die dem Westend-Verlag den Rücken kehren“. Was auch immer dran sein mag: Beenden kann man natürlich nur eine Zusammenarbeit, die es auch gibt. Eine schon vor langer Zeit eingeschlafene Autorentätigkeit ist halt faktisch schon keine mehr, also bitte keine Wichtigtuereien, liebe 30!

  2. Interessanter Artikel, mit einigen Ideen, Thesen und Theorien, die weiter verfolgt werden können. Was mich aber ein wenig irritiert: Wenn diese urbane und komplexe (schon aufgrund der Anzahl der Teilnehmer) Gesellschaft sich der (Er)Duldung und dem Glücksspiel hingibt, was sollen die Annahmen aus diesem Artikel bringen? Dass wir uns der Vorfreude auf den Kollaps mit einem anschließend ausgedehnten »The Purge«* heiter entgegenwerfen? Das wäre doch genau so ein Glücksspiel wie konsequenter Eskapismus? Oder doch lieber ein »Eat The Rich« inszenieren?

    * Anm: »The Purge« ist ein Film, in dem eine alljährliche Säuberung stattfindet, bei der auch Mord erlaubt ist. Also eine Art Karneval ohne Kostüme, dafür mit Waffen…

  3. Meine Rede, seit vielen Jahren.
    Die Prepper sind die wahren Helden.
    Die Russen sind eh allemal pragmatischer als der westliche Zeitgenosse.

  4. Das ist ein Text, vor dem – und infolgedessen seinem Autor – ich Respekt habe, obgleich ich ihn in der vorgetragenen Form von Anfang bis Ende für eine spezifische Ausdrucksform einer spezifischen Gestalt von Kleinbürgerlichkeit erachte.
    Erachtest Du das für genug des Respekts, Modmachine?
    Warum „kleinbürgerlich“?

    Es gibt zwei unterschiedliche Komponenten der menschlichen Natur: die soziale und die einzelgängerische … Der solitäre Teil der menschlichen Natur ist eindeutig der höher entwickelte – die Menschheit hat sich durch die Bemühungen brillanter Einzelgänger und Exzentriker weiterentwickelt.

    Das Mantra der Neo-Darwinisten, seit über 50 Jahren von Biologen widerlegt, aber unausrottbar auf den aktiven Marktplätzen der „Intelligentsia“, gespeist von nichts anderem, als dem nackten Willen zur Selbstbehauptung kleinbürgerlicher Akteure in einer der Gesetzlichkeit des Geldes unterworfenen Konkurrenz. Positiv wie negativ: Auch für das Scheitern dieser Modelle in der Konkurrenz bietet ein psychologistisch aufgepeppter Neo-Darwinismus einen Marktladen voller „weiß warums und wozus“ an, welcher der Selbstrechtfertigung und Selbstbeweihräucherung das passende Material liefert.

    Und übrigens galt dasselbe, wenngleich in etwas modifizierten Gestaltungen, für die „realsozialistische Intelligentsia“, erstens, weil der Realsozialismus Mittel der privaten Bereicherung zum gesellschaftlichen Instrument ausgeformt hat, zweitens, weil am End (also mit der Konsolidierung des Stalinismus) die „gesellschaftliche Produktion“ genau zwei Aufgaben hatte: Das sozialistische Staatswesen zu bereichern PLUS die Privatleben sozialistischer Bürger aufzufüttern und auszustatten.

    That said braucht ein Kleinbürger, der wie Orlov gestrickt ist, nur mit Aufmerksamkeit, Willen und Bewußtsein sage für ein Jahr als Prolet arbeiten, um von dem Bullshit abrücken zu können. In einer Markthalle, auf einer größeren Baustelle, in einer Werkhalle, und auch in den meisten Sweatshops mit sage mehr als 12 „Mitarbeitern“. Der Widerspruch und -streit zwischen „gesellschaftlicher Produktion“ und privatem Zurechtkommen in der Konkurrenz unter Geld- oder anderer Kommandowirtschaft führt ubiquitär zu Bruchstellen in der Seele der Betroffenen, die nahezu täglich virulent werden und drückt sich in der Hauptsache in den kognitiven Dissonanzen zwischen „gesellschaftlicher Moral“ und „Privatmoral“ aus.
    Jede dieser Produktionsstätten bietet das Material und Potential für ein Zusammenwirken der Individuen – und keine Gesellschaft ist etwas anderes, als eben das, wenn institutioneller Widerspruch entfällt, der Kriege zwischen den Beteiligten entfacht – die in etwas mündet, was gemeinhin „kollektives Handeln“ geheißen wird, aber nichts weiter ist, als individuelles Handeln in einer Population, historisch in einem Stammeswesen.

    So, hier schließe ich, den Rest des Textes kann der Leser selbst daran aufrippeln.

  5. Erkenne nur ich in dem Orlovschen Text beißenden und bitterbösen Sarkasmus angesichts der Unfähigkeit des Homo sapiens den drohenden zivilisatorischen Untergang abzuwenden?

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen