Die Funktionslogik von Macht

Power to the Peaceful
Montanasuffragettes, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Macht drängt nach mehr Macht und Reichtum nach mehr Reichtum, eine Dynamik, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet und sie zu zerstören droht: Dies ist eine der frühesten Einsichten der Zivilisationsgeschichte. Macht bedarf daher stets einer robusten Einhegung. Das bedeutendste Schutzinstrument für eine Zivilisierung von Macht stellt die egalitäre Leitidee der Demokratie dar.

Rainer Mausfeld zeigt entlang historischer Linien auf, dass der Begriff der Demokratie seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt worden ist und heute als Demokratierhetorik für Herrschaftszwecke missbraucht wird. Dadurch ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Entzivilisierung von Macht gekommen, deren psychische, gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen die menschliche Zivilisation insgesamt bedrohen.

Ein Buchauszug.

Macht ist ein Urphänomen gesellschaftlicher Organisation. Ihre Quellen sind in der Beschaffenheit des Menschen selbst zu suchen, in seinen natürlichen Motivationskräften. Eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse ist kaum denkbar. Wie man Macht auch genauer verstehen mag, sie ist in allen menschlichen Verhältnissen und Beziehungen als Möglichkeit oder als Realität präsent. Es wäre also wenig sinnvoll, Macht als solche als moralisch gut oder schlecht zu kategorisieren. Sie kann moralisch oder rechtlich legitimiert und somit zivilisatorisch eingehegt sein, wie beispielsweise in der Fürsorgepflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern. Zugleich jedoch scheint der Macht etwas Bedrohliches innezuwohnen. Denn sie kann zum Objekt einer unersättlichen menschlichen Begierde werden. Schon in der Antike wurde die Machtgier mit der Gier des parasitären Mehrhabenwollens (»Pleonexie«) und mit der Ruhmsucht verbunden. Beide sind Formen der Selbstsucht, beide bedeuten, durch Macht persönliche Interessen zulasten anderer durchsetzen zu wollen. Beide sind, dem griechischen Historiker Plutarch (45–125) zufolge, »Krankheiten«, die wesenhaft mit der Macht verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie im psychischen Gesamtgefüge des Menschen nicht durch natürliche Selbstbegrenzungsmechanismen reguliert sind.

Macht ist parasitär

Als Formen der Selbstsucht zielen diese Begierden darauf ab, sich selbst über andere stellen zu wollen und über alle Mittel zu verfügen, sich selbst ›größer‹ als die anderen erscheinen zu lassen. Machtgier zielt darauf ab, kontrollieren zu können, wie andere sich verhalten. Sie zielt darauf ab, kontrollieren zu können, wer Anerkennung, Lob oder Tadel erhält. Machtgier zielt sogar darauf ab, bestimmen zu können, was als Tatsache gilt und was als wahr zu gelten hat. Die mit Machtgier verbundenen Bestrebungen beinhalten stets, den Anderen zu einem Werkzeug der Befriedigung eigener Begierden zu machen und ihn damit zu verdinglichen und zu instrumentalisieren. Seit Beginn der Zivilisationsgeschichte wurden die Machtgier und ein parasitäres Mehrhabenwollen als Kräfte erkannt, die den Zusammenhalt und die Stabilität einer Gesellschaft bedrohen. Auch bei den römischen Geschichtsschreibern und Politikern Sallust (86–35 v.u.Z.) und Tacitus (58–120) wurde die »Begierde, andere zu beherrschen« (»Libido dominandi«), als eine der destruktivsten Kräfte in einer Gesellschaft angesehen. Sallust sah in dieser Begierde »die Ursache des Krieges«, und Tacitus betrachtete sie als »abscheulichste aller menschlichen Begierden«.

Das Wesen der Macht liegt in der Befähigung des Menschen, andere Menschen dem eigenen Willen unterwerfen zu können. Im 19. Jahrhunderte gab der Historiker, Ökonom und Philosoph James Mill (1773–1836), einer der Hauptvertreter des Utilitarismus, dem zufolge die Menschen vorrangig von ihrem Eigeninteresse geleitet würden, seiner Überzeugung Ausdruck, dass »das Verlangen nach der Macht, die notwendig ist, um Personen und deren Eigentum unseren Wünschen dienstbar zu machen, ein großes die menschliche Natur beherrschendes Gesetz [ist]. […] Das große Instrument zur Erreichung dessen, was ein Mensch will, sind die Handlungen anderer Menschen. Macht, in ihrer angemessensten Bedeutung, bedeutet daher Sicherheit für die Übereinstimmung zwischen dem Willen eines Menschen und den Handlungen anderer Menschen. Wir gehen davon aus, dass diese Behauptung nicht bestritten werden kann.«

Macht ist also nach einer solchen Vorstellung stets parasitär, sie geht zu Lasten anderer, die nicht in gleicher Weise die Handlungen anderer ihrem Willen unterordnen können. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) bestimmte in seiner klassischen Formulierung Macht so:

»Macht bedeutet jede Chance, innerhalb der sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.«

Macht bedeutet also für denjenigen, der ihr unterworfenen ist, stets einen Zwang – auch dann, wenn der Machtunterworfene seine Zustimmung dazu gegeben hat. Nun gehört zu den Begriffsvorstellungen, die wir als Menschen teilen, auch eine gemeinsame Vorstellung von Zwang. Es ist für uns unangenehm, wenn uns jemand hindert, unsere Gliedmaßen frei zu bewegen, unsere Sinnesorgane zu nutzen oder unsere vitalen Bedürfnisse erfüllen zu können. Wir leiden, wenn jemand uns körperlich verletzt, körperlicher oder psychischer Folter unterzieht oder gezielt unser Denkvermögen beeinträchtigt. Sophokles gibt diesen universellen Begriffsvorstellungen über den Zwang in einer seiner Tragödien Ausdruck:

»Kein größeres Übel gibt es für den Menschen als über ihn verhängten Zwang.«

Macht versteht sich als Selbstzweck

Als Grundrelation in menschlichen Beziehungsverhältnissen lässt sich Macht, wie in Max Webers Bestimmung, frei von moralischen Bewertungen behandeln. Für gesellschaftliche Analysen kann oftmals ein solchermaßen nüchterner Blick sehr hilfreich sein. Doch bleibt der Zwangscharakter der Macht stets im Hintergrund präsent, denn die Machtunterworfenen werden durch die Macht zum Werkzeug eines fremden Willens gemacht. Als Zwang betrachtet unterliegt Macht unweigerlich moralischen Bewertungen. Ein prominentes Beispiel ist die Einschätzung des einflussreichen Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt:

»Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar […].«

Burckhardt sieht die psychologischen Triebkräfte, die der Macht zugrunde liegen – also das Streben nach Macht –, als eine Gier an, die unstillbar und grenzenlos ist. Macht ist stets in die Bewegkräfte unseres psychischen Gefüges eingebunden. Anders als andere elementare Bewegkräfte wie Hunger, Durst, Sexualität oder Neugier ist ein Machtbedürfnis nicht durch automatische innere Prozesse reguliert und begrenzt. Das Bedürfnis, den eigenen Willen gegen den eines anderen durchzusetzen, also Macht auszuüben, verstärkt sich durch eine Machtausübung geradezu selbst, denn das Gefühl, Macht über andere zu haben, geht in der Regel mit positiven Gefühlen einher und weckt den Wunsch, dieses Bedürfnis auch in Zukunft zu Lasten eines anderen befriedigen zu können. In dieser nahezu grenzenlosen Selbstverstärkung mit ihren zerstörerischen und selbstzerstörerischen Dynamiken liegt das destruktive Potential von Macht. Diese Dynamik, dass ein Machtbedürfnis, wenn es erst einmal geweckt ist, sich selbst verstärkt, steht im Zentrum der Funktionslogik von Macht. Macht strebt nach mehr Macht, nach Ausweitung und Stabilisierung von Macht. Sie strebt danach, sich von allen Begrenzungen zu befreien. Alle weiteren Eigenschaften der Funktionslogik der Macht lassen sich aus dieser Dynamik ableiten oder zu ihr in Beziehung setzen.

Es liegt daher in der Funktionslogik von Macht, dass sie sich moralischen Kategorien, und damit Normen und Werten, grundsätzlich zu entziehen sucht. Sie versteht sich als Selbstzweck gegen das als bedrohlich deklarierte Andere, sei es gegen Anarchie und Chaos, sei es gegen jeden zum politischen Feind erklärten Anderen, der die jeweilige Macht in ihrer Existenz bedrohen könnte. Die Verteidigung von Macht und die Sicherung ihrer Stabilität werden aus ihrer eigenen Perspektive als ein Wert an sich angesehen. Ihre Verteidigung übersteigt somit jeden rationalen Zweck und jede Orientierung an irgendwelchen Werten und Normen. Macht neigt ihrem Wesen nach dazu, keine über ihr liegenden regulativen Maßstäbe einer Begrenzung mehr anzuerkennen. Zur Funktionslogik der Macht, insbesondere der staatlichen Macht, gehört es, dass sie diejenigen, die ihre Legitimität nicht anerkennen, zum existentiellen Feind erklären kann, den es zu bekämpfen, im äußersten Fall sogar zu vernichten gelte. Zur Funktionslogik der Macht gehört ebenfalls, wie bereits Thomas Hobbes (1588–1679), einer der bedeutendsten Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit, erkannte, dass Macht danach strebt, stets ungeteilte Macht zu sein, weil »geteilte Macht sich wechselseitig zerstört«.

Rainer Mausfeld

Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmung- und Kognitionsforschung inne. In seinen gesellschaftspolitischen Beiträgen beschäftigt er sich mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie in einen autoritären Sicherheitsstaat und psychologischen Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements. Mit seinen Vorträgen (u.a. Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert? und Die Angst der Machteliten vor dem Volk) erreicht er Hunderttausende von Zuhörern. Im Westend Verlag erschienen zuletzt seine Bestseller Warum schweigen die Lämmer? (2018) und Angst und Macht (2019).
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8 Kommentare

  1. Korrektur:
    sei es gegen Anarchie ODER Chaos – muss es heißen, denn Anarchie ist das genaue gg-Teil von Macht: Handeln im gg-seitigem Einvernehmen – Mausfeld meint sicherlich Anomie, den Zustand der Todesspirale in die eine parasitär zu Tode gewürgte, autoritäre Machtstruktur final abgleitet.

  2. Komplementär gehört zur Dominanz die Unterwerfung. Bei Tieren gibt es Unterwerfungsgesten, wenn sie den Kampf um die Alphaposition verloren haben. Tiere zeigen nach einer verlorenen Auseinandersetzung klare Unterwerfungsgesten, die Aggression hemmen und dem Sieger signalisieren, dass der Kampf beendet ist. Dazu gehören vor allem Bauchzeigen, Kopf abwenden, passives Liegen, Beschwichtigungssignale und unterwürfige Körperhaltungen.
    Wegen des Unterwerfungsinstinkts kann repräsentative Demokratie nicht funktionieren. Die Leute werden immer denselben wählen, sofern ihn nicht jemand stürzt, d. h. mit ihm den Kampf um die Alphaposition aufnimmt und gewinnt. Das gilt nicht nur für Vereine, wo es schwer ist, den Vorsitzenden abzulösen, sondern auch für Parteien. Deshalb kann repräsentative Demokratie niemals Demokratie sein, weil die Macht eines Vorsitzenden erst erodieren muss und er schwach wirken muss, bevor ihn jemand herausfordern kann und ein neuer gewählt werden kann. (Wie z. B. Merz. Aber da fehlt noch ein Herausforderer.) Präsidentschaftswahlen sind ein direktdemokratisches Element, das für überraschenden sozialen Wandel sorgen kann, Beispiel USA. Aber eigentlich ist nur direkte Demokratie echte Demokratie, weil das Volk die Sachentscheidungen trifft, und dadurch der Dominanz-Unterwerfungsinstinkt ausgeschaltet ist. Es gibt trotzdem Parteien und Parlamentswahlen, aber das Parlament hat nur Verwaltungsaufgaben.

  3. Nach dem Fall der innerdeutschen Mauer, der „Wende“ 1989/90 (manche sagen auch „Kehre“ dazu) und der Wiedervereinigung gab es doch mal diesen Werbespot: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“

    Viele Bürger in diesem unserem Land wären glücklich darüber, wenn sie ein „Haus“ hätten. Die Hälfte der Deutschen lebt (immer noch) in einer Mietwohnung und daran hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Beim „Auto“ muss man auch unterscheiden, ob ein Ferrari für fünf Millionen Euro in der Garage steht oder ein 15 Jahre alter Opel Astra vor der Mietwohnung. Was das „Boot“ angeht, dazu habe ich keine Zahlen, wie viele Bürger in Deutschland eine Motoryacht oder ein Segelboot haben. Das aufblasbare Schlauchboot für 100 oder 200 Euro ist sicherlich nicht damit gemeint.

    „Superreiche“ lachen sich darüber krumm und schief. Der Werbespot braucht dringend ein Upgrade. Es muss heißen: Meine Ferienvilla, meine Ferieninsel, meine Oldtimersammlung, mein Rembrandt, mein Weinkeller, mein Privathubschrauber, mein Privatflugzeug, meine 100-Meter-Yacht mit 5.000 PS und meine Zeitung.

    Die sogenannte „MARKTWIRTSCHAFT“ schafft zunächst Wohlstand für alle Bürger. Das war in Deutschland (West) so in den 1960er und 1970er Jahren nachdem die Trümmer des Zweiten Weltkrieges beseitigt worden waren. Ökonomische Hohl- und Holzköpfe sprechen aber immer noch vom „Wirtschaftswunder“.

    Irgendwann kippt das System und die Marktwirtschaft wird zum KAPITALISMUS. Dann bestimmen Kapital und diejenigen, die im Kapital (= Eigentum und Vermögen) schwimmen, wo es lang geht. Dann kommt die Gier der Nimmersatten, die den eigenen Hals nicht voll kriegen. Politiker und neoliberale „Ökonomen“ predigen Lohnverzicht und reden davon, dass „wir alle“ über unsere Verhältnisse leben würden und deshalb den Gürtel enger schnallen müssten. Dann kriechen die Lobbyisten der „Superreichen“ aus ihren Löchern und sagen: Die Geringverdiener arbeiten nicht schnell genug, die Arbeitslosen, Kranken, Behinderten und Rentner bekommen zu viel Geld und hetzen die Mittelschicht und die Unterschicht gegen die Arbeitslosen und Obdachlosen auf.

    Die Ideologie der Neoliberalen lautet schließlich: Man muss nur die Ärmel hochkrempeln, dann gehört man auch zu den Besserverdienern, Reichen oder diesen „Superreichen“. Wo ist das Problem? Das Problem dabei ist, dass viele Normal- und Geringverdiener ein T-Shirt tragen. Da kann man keine Ärmel hochkrempeln, weil so ein T-Shirt keine Ärmel hat. So einfach ist das in der Welt der Konservativen, Pseudo-Sozialdemokraten und Neoliberalen (Grüne inklusive). Bei vielen „Alternativen“ ist das nicht anders.

    Was aber wollen „Superreiche“ dann mit einer Zeitung? Das passt doch überhaupt nicht in die Reihe von oben. Warum zum Beispiel hat der Multimilliardär Jeff Bezos vor ein paar Jahren für eine Viertel Milliarde Dollar die Washington Post gekauft? Warum das denn?

    „Superreiche“ wollen selbstverständlich, dass es so bleibt. Gier ist unendlich. Wenn man zwei Privatflugzeuge hat, warum nicht auch noch ein drittes oder viertes bzw. für jeden Wochentag ein anderes? Die Antwort ist: Als Eigentümer einer Zeitung hat man die Macht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, dass sich daran eben nichts ändert und die Schere zwischen Arm und „Superreich“ noch viel größer wird.

    Einfältige Politiker und manche Journalisten der Mainstream-Propaganda-Medien sprechen immer von „Neiddebatte“, wenn man „Superreiche“ kritisiert. (Warum fällt mir an dieser Stelle der Name Markus Söder ein?) Jede Medaille hat aber zwei Seiten. Wer von NEID redet, der muss auch von GIER reden, sonst ist die Argumentation undemokratisch und extremistisch einseitig oder?

    Ein weiser Mann aus Indien sagte einmal: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Aber seit wann interessieren sich Politiker und die Journalisten der Mainstream-Propaganda-Medien für weise Männer aus Indien?

  4. Ich denke, in diesem Text von Herrn Mausfeld mischen sich wahre und zutreffende Aussagen mit solchen, die lediglich spekulativen Charakter haben.

    Die Aussagen

    „Macht strebt nach mehr Macht, nach Ausweitung und Stabilisierung von Macht.“

    und

    „Es liegt daher in der Funktionslogik von Macht, dass sie sich moralischen Kategorien, und damit Normen und Werten, grundsätzlich zu entziehen sucht.“

    sind nicht ausreichend und in dem Maße durch empirische Forschung abgesichert und bestätigt, wie der Autor es hier zu suggerieren versucht.

    Es ist zwar so, dass es unter bestimmten Bedingungen so war bzw. so ist, doch lässt sich keineswegs sagen, dass wir es hier mit einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit zu tun haben, die überall und zu allen Zeiten Gültigkeit hat.

    Man kann sehr wohl eine ganze Reihe von Gegenbeispielen nennen, bei denen sich ein Machthaber – beispielsweise ein Stammesführer oder König – sehr wohl an geltendes Recht und überlieferte Normen und Werte gehalten hatte und nicht in dem von Mausfeld behaupteten Maße gierig nach noch mehr Macht gewesen war.
    Gewiss gab es auch in der frühen Neuzeit machtgierige oder gar größenwahnsinnige Despoten – Napoleon ist nur das bekannteste Beispiel – doch wurden sie i.d.R. auch schon zu Lebzeiten dafür kritisiert.

    Von besonderer Bedeutung ist natürlich immer die Frage, inwieweit ein Staat, eine Gesellschaft im Hinblick auf Macht ausbalanciert ist. Fehlt hier die Balance – beispielsweise durch das Fehlen eines selbstbewussten Mittelstandes, wie es früher häufig in orientalischen Ländern und auch im europäischen Absolutismus der Fall war – so ist natürlich eher die Gefahr gegeben, dass ein Machthaber „durchdreht“.

    Möglicherweise gibt es im Hinblick auf die Verführbarkeit zur Machtgier einen Zusammenhang mit dem Ausmaß, in dem eine bestimmte Gesellschaft noch durch Traditionen und überkommene religiös-kulturelle Werte und Normen stabilisiert wird. Da das gerade heute zunehmend weniger der Fall ist, könnte der von Mausfeld unterstellte Trend zu mehr Machtgier und Maßlosigkeit ein Problem sein, dass moderne und heutige Gesellschaften in stärkerem Maße betrifft als frühere.

    Dass das Problem der Machtgier heute eine besondere Bedeutung hat, könnte auch dadurch begründet sein, dass wir es heute mit einer Leistungsgesellschaft zu tun haben und nicht mehr mit einer Ständegesellschaft.
    Die meisten, die heute zu besonderer Macht kommen, haben das nur deshalb geschafft, weil sie sich in ihrem Bereich (z.B. Management, Bankwesen, Parteiarbeit) als besonders ehrgeizig und eben als besonders machtgierig erwiesen haben.
    In der alten Ständegesellschaft kamen viele Machtinhaber hingegen ohne besondere Anstrengung (allein durch Geburt) zu ihrer Macht und es fand nicht in dem Sinne wie heute eine ständige Auslese statt, bei der dann immer wieder die Ehrgeizigsten, Energischsten und Machtgierigsten nach oben gelangten.
    Ich will damit die alte Ständegesellschaft nicht verteidigen, aber es wäre falsch, den obigen Zusammenhang zu ignorieren.

    Letztlich bestätigt das alles natürlich die Forderung von Herrn Mausfeld nach Einhegung und Zivilisierung von Macht, und zwar gerade heute!

  5. “ Eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse ist kaum denkbar. “
    Kann man nicht so stehen lassen, dies hat zur Voraussetzung, dass die Warenproduktion, also die Produktion von Gebrauchsgütern zum Zwecke des Handels auf Märkten, einzige und nicht hinterfragbare Produktionsweise sein soll. Wer so denkt, dreht sich lebenslang geistig im Kreis.
    Wie wäre es mit einer Produktionsweise, die die Bedürfnisse direkt befriedigt? Diese kann gar keine Machtverhältnisse hervorbringen. Damit entfällt die These des Autors.

  6. Es liegt daher in der Funktionslogik von Macht, dass sie sich moralischen Kategorien, und damit Normen und Werten, grundsätzlich zu entziehen sucht.

    Es lässt sich auch das Gegenteil behaupten und begründen, nämlich dass „moralische Kategorien, und damit Normen und Werte“ von den Mächtigen und Herrschenden benutzt werden um genau diese Macht und Herrschaft zu begründen. Beispiel: Unsere Aufrüstung wird „moralisch“ begründet mit der Verteidigung westlicher „Werte“.

    Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es sich bei „Moral, Normen und Werten“ um ideologische Kategorien handelt. Blendet man das aus, dann befindet man sich wieder im Kindergarten und es bleibt nicht übrig als ein infantiles Aufbegehren gegen kollektive oder gesellschaftlich erforderliche Zwänge – hervorgerufen durch puren Egoismus.

  7. Ziel und Konsequenz umfassender Macht ist Selbstunterdrückung, d.h. 50 Millionen erwachsene Menschen alleine in Deutschland werden davon abgehalten ihr menschliches Potential zu entfalten, das darin bestünde, ein Leben in Freiheit zu führen und damit in Verantwortung zu treten.
    3000 Jahre Philosophie und am Ende steht ein Sloterdijk – nein, sitzt im Sessel und fur..

    1. Dieter Wolf, studierter Philosoph und Mathematiker, der wesentliche Erkenntnisse über die Produktionsweise herausarbeitete, wird fuchtig, wenn er als Philosoph bezeichnet wird. Er hält es nicht unbegründet mit Marx, nach dem die Philosophie mit Hegel ihren Abschluss fand.
      Was sollen denn heutzutage sog Philosophen, nimmt man Wolf ernst, denn dann noch produzieren außer nebensächlichen Unsinn.

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