
Macht drängt nach mehr Macht und Reichtum nach mehr Reichtum, eine Dynamik, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet und sie zu zerstören droht: Dies ist eine der frühesten Einsichten der Zivilisationsgeschichte. Macht bedarf daher stets einer robusten Einhegung. Das bedeutendste Schutzinstrument für eine Zivilisierung von Macht stellt die egalitäre Leitidee der Demokratie dar.
Rainer Mausfeld zeigt entlang historischer Linien auf, dass der Begriff der Demokratie seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt worden ist und heute als Demokratierhetorik für Herrschaftszwecke missbraucht wird. Dadurch ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Entzivilisierung von Macht gekommen, deren psychische, gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen die menschliche Zivilisation insgesamt bedrohen.
Macht ist ein Urphänomen gesellschaftlicher Organisation. Ihre Quellen sind in der Beschaffenheit des Menschen selbst zu suchen, in seinen natürlichen Motivationskräften. Eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse ist kaum denkbar. Wie man Macht auch genauer verstehen mag, sie ist in allen menschlichen Verhältnissen und Beziehungen als Möglichkeit oder als Realität präsent. Es wäre also wenig sinnvoll, Macht als solche als moralisch gut oder schlecht zu kategorisieren. Sie kann moralisch oder rechtlich legitimiert und somit zivilisatorisch eingehegt sein, wie beispielsweise in der Fürsorgepflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern. Zugleich jedoch scheint der Macht etwas Bedrohliches innezuwohnen. Denn sie kann zum Objekt einer unersättlichen menschlichen Begierde werden. Schon in der Antike wurde die Machtgier mit der Gier des parasitären Mehrhabenwollens (»Pleonexie«) und mit der Ruhmsucht verbunden. Beide sind Formen der Selbstsucht, beide bedeuten, durch Macht persönliche Interessen zulasten anderer durchsetzen zu wollen. Beide sind, dem griechischen Historiker Plutarch (45–125) zufolge, »Krankheiten«, die wesenhaft mit der Macht verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie im psychischen Gesamtgefüge des Menschen nicht durch natürliche Selbstbegrenzungsmechanismen reguliert sind.
Macht ist parasitär
Als Formen der Selbstsucht zielen diese Begierden darauf ab, sich selbst über andere stellen zu wollen und über alle Mittel zu verfügen, sich selbst ›größer‹ als die anderen erscheinen zu lassen. Machtgier zielt darauf ab, kontrollieren zu können, wie andere sich verhalten. Sie zielt darauf ab, kontrollieren zu können, wer Anerkennung, Lob oder Tadel erhält. Machtgier zielt sogar darauf ab, bestimmen zu können, was als Tatsache gilt und was als wahr zu gelten hat. Die mit Machtgier verbundenen Bestrebungen beinhalten stets, den Anderen zu einem Werkzeug der Befriedigung eigener Begierden zu machen und ihn damit zu verdinglichen und zu instrumentalisieren. Seit Beginn der Zivilisationsgeschichte wurden die Machtgier und ein parasitäres Mehrhabenwollen als Kräfte erkannt, die den Zusammenhalt und die Stabilität einer Gesellschaft bedrohen. Auch bei den römischen Geschichtsschreibern und Politikern Sallust (86–35 v.u.Z.) und Tacitus (58–120) wurde die »Begierde, andere zu beherrschen« (»Libido dominandi«), als eine der destruktivsten Kräfte in einer Gesellschaft angesehen. Sallust sah in dieser Begierde »die Ursache des Krieges«, und Tacitus betrachtete sie als »abscheulichste aller menschlichen Begierden«.
Das Wesen der Macht liegt in der Befähigung des Menschen, andere Menschen dem eigenen Willen unterwerfen zu können. Im 19. Jahrhunderte gab der Historiker, Ökonom und Philosoph James Mill (1773–1836), einer der Hauptvertreter des Utilitarismus, dem zufolge die Menschen vorrangig von ihrem Eigeninteresse geleitet würden, seiner Überzeugung Ausdruck, dass »das Verlangen nach der Macht, die notwendig ist, um Personen und deren Eigentum unseren Wünschen dienstbar zu machen, ein großes die menschliche Natur beherrschendes Gesetz [ist]. […] Das große Instrument zur Erreichung dessen, was ein Mensch will, sind die Handlungen anderer Menschen. Macht, in ihrer angemessensten Bedeutung, bedeutet daher Sicherheit für die Übereinstimmung zwischen dem Willen eines Menschen und den Handlungen anderer Menschen. Wir gehen davon aus, dass diese Behauptung nicht bestritten werden kann.«
Macht ist also nach einer solchen Vorstellung stets parasitär, sie geht zu Lasten anderer, die nicht in gleicher Weise die Handlungen anderer ihrem Willen unterordnen können. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) bestimmte in seiner klassischen Formulierung Macht so:
»Macht bedeutet jede Chance, innerhalb der sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.«
Macht bedeutet also für denjenigen, der ihr unterworfenen ist, stets einen Zwang – auch dann, wenn der Machtunterworfene seine Zustimmung dazu gegeben hat. Nun gehört zu den Begriffsvorstellungen, die wir als Menschen teilen, auch eine gemeinsame Vorstellung von Zwang. Es ist für uns unangenehm, wenn uns jemand hindert, unsere Gliedmaßen frei zu bewegen, unsere Sinnesorgane zu nutzen oder unsere vitalen Bedürfnisse erfüllen zu können. Wir leiden, wenn jemand uns körperlich verletzt, körperlicher oder psychischer Folter unterzieht oder gezielt unser Denkvermögen beeinträchtigt. Sophokles gibt diesen universellen Begriffsvorstellungen über den Zwang in einer seiner Tragödien Ausdruck:
»Kein größeres Übel gibt es für den Menschen als über ihn verhängten Zwang.«
Macht versteht sich als Selbstzweck
Als Grundrelation in menschlichen Beziehungsverhältnissen lässt sich Macht, wie in Max Webers Bestimmung, frei von moralischen Bewertungen behandeln. Für gesellschaftliche Analysen kann oftmals ein solchermaßen nüchterner Blick sehr hilfreich sein. Doch bleibt der Zwangscharakter der Macht stets im Hintergrund präsent, denn die Machtunterworfenen werden durch die Macht zum Werkzeug eines fremden Willens gemacht. Als Zwang betrachtet unterliegt Macht unweigerlich moralischen Bewertungen. Ein prominentes Beispiel ist die Einschätzung des einflussreichen Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt:
»Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar […].«
Burckhardt sieht die psychologischen Triebkräfte, die der Macht zugrunde liegen – also das Streben nach Macht –, als eine Gier an, die unstillbar und grenzenlos ist. Macht ist stets in die Bewegkräfte unseres psychischen Gefüges eingebunden. Anders als andere elementare Bewegkräfte wie Hunger, Durst, Sexualität oder Neugier ist ein Machtbedürfnis nicht durch automatische innere Prozesse reguliert und begrenzt. Das Bedürfnis, den eigenen Willen gegen den eines anderen durchzusetzen, also Macht auszuüben, verstärkt sich durch eine Machtausübung geradezu selbst, denn das Gefühl, Macht über andere zu haben, geht in der Regel mit positiven Gefühlen einher und weckt den Wunsch, dieses Bedürfnis auch in Zukunft zu Lasten eines anderen befriedigen zu können. In dieser nahezu grenzenlosen Selbstverstärkung mit ihren zerstörerischen und selbstzerstörerischen Dynamiken liegt das destruktive Potential von Macht. Diese Dynamik, dass ein Machtbedürfnis, wenn es erst einmal geweckt ist, sich selbst verstärkt, steht im Zentrum der Funktionslogik von Macht. Macht strebt nach mehr Macht, nach Ausweitung und Stabilisierung von Macht. Sie strebt danach, sich von allen Begrenzungen zu befreien. Alle weiteren Eigenschaften der Funktionslogik der Macht lassen sich aus dieser Dynamik ableiten oder zu ihr in Beziehung setzen.
Es liegt daher in der Funktionslogik von Macht, dass sie sich moralischen Kategorien, und damit Normen und Werten, grundsätzlich zu entziehen sucht. Sie versteht sich als Selbstzweck gegen das als bedrohlich deklarierte Andere, sei es gegen Anarchie und Chaos, sei es gegen jeden zum politischen Feind erklärten Anderen, der die jeweilige Macht in ihrer Existenz bedrohen könnte. Die Verteidigung von Macht und die Sicherung ihrer Stabilität werden aus ihrer eigenen Perspektive als ein Wert an sich angesehen. Ihre Verteidigung übersteigt somit jeden rationalen Zweck und jede Orientierung an irgendwelchen Werten und Normen. Macht neigt ihrem Wesen nach dazu, keine über ihr liegenden regulativen Maßstäbe einer Begrenzung mehr anzuerkennen. Zur Funktionslogik der Macht, insbesondere der staatlichen Macht, gehört es, dass sie diejenigen, die ihre Legitimität nicht anerkennen, zum existentiellen Feind erklären kann, den es zu bekämpfen, im äußersten Fall sogar zu vernichten gelte. Zur Funktionslogik der Macht gehört ebenfalls, wie bereits Thomas Hobbes (1588–1679), einer der bedeutendsten Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit, erkannte, dass Macht danach strebt, stets ungeteilte Macht zu sein, weil »geteilte Macht sich wechselseitig zerstört«.




Korrektur:
sei es gegen Anarchie ODER Chaos – muss es heißen, denn Anarchie ist das genaue gg-Teil von Macht: Handeln im gg-seitigem Einvernehmen – Mausfeld meint sicherlich Anomie, den Zustand der Todesspirale in die eine parasitär zu Tode gewürgte, autoritäre Machtstruktur final abgleitet.
Stimmt, genau diese Formulierung ist mir auch aufgestoßen.
Ich persönlich halte den Mausfeld auch nicht gerade für eine Leuchte, denn alles was er sagt propagiere ich schon wesentlich länger ist also auch nichts wirklich neues.
Komplementär gehört zur Dominanz die Unterwerfung. Bei Tieren gibt es Unterwerfungsgesten, wenn sie den Kampf um die Alphaposition verloren haben. Tiere zeigen nach einer verlorenen Auseinandersetzung klare Unterwerfungsgesten, die Aggression hemmen und dem Sieger signalisieren, dass der Kampf beendet ist. Dazu gehören vor allem Bauchzeigen, Kopf abwenden, passives Liegen, Beschwichtigungssignale und unterwürfige Körperhaltungen.
Wegen des Unterwerfungsinstinkts kann repräsentative Demokratie nicht funktionieren. Die Leute werden immer denselben wählen, sofern ihn nicht jemand stürzt, d. h. mit ihm den Kampf um die Alphaposition aufnimmt und gewinnt. Das gilt nicht nur für Vereine, wo es schwer ist, den Vorsitzenden abzulösen, sondern auch für Parteien. Deshalb kann repräsentative Demokratie niemals Demokratie sein, weil die Macht eines Vorsitzenden erst erodieren muss und er schwach wirken muss, bevor ihn jemand herausfordern kann und ein neuer gewählt werden kann. (Wie z. B. Merz. Aber da fehlt noch ein Herausforderer.) Präsidentschaftswahlen sind ein direktdemokratisches Element, das für überraschenden sozialen Wandel sorgen kann, Beispiel USA. Aber eigentlich ist nur direkte Demokratie echte Demokratie, weil das Volk die Sachentscheidungen trifft, und dadurch der Dominanz-Unterwerfungsinstinkt ausgeschaltet ist. Es gibt trotzdem Parteien und Parlamentswahlen, aber das Parlament hat nur Verwaltungsaufgaben.
Nach dem Fall der innerdeutschen Mauer, der „Wende“ 1989/90 (manche sagen auch „Kehre“ dazu) und der Wiedervereinigung gab es doch mal diesen Werbespot: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“
Viele Bürger in diesem unserem Land wären glücklich darüber, wenn sie ein „Haus“ hätten. Die Hälfte der Deutschen lebt (immer noch) in einer Mietwohnung und daran hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Beim „Auto“ muss man auch unterscheiden, ob ein Ferrari für fünf Millionen Euro in der Garage steht oder ein 15 Jahre alter Opel Astra vor der Mietwohnung. Was das „Boot“ angeht, dazu habe ich keine Zahlen, wie viele Bürger in Deutschland eine Motoryacht oder ein Segelboot haben. Das aufblasbare Schlauchboot für 100 oder 200 Euro ist sicherlich nicht damit gemeint.
„Superreiche“ lachen sich darüber krumm und schief. Der Werbespot braucht dringend ein Upgrade. Es muss heißen: Meine Ferienvilla, meine Ferieninsel, meine Oldtimersammlung, mein Rembrandt, mein Weinkeller, mein Privathubschrauber, mein Privatflugzeug, meine 100-Meter-Yacht mit 5.000 PS und meine Zeitung.
Die sogenannte „MARKTWIRTSCHAFT“ schafft zunächst Wohlstand für alle Bürger. Das war in Deutschland (West) so in den 1960er und 1970er Jahren nachdem die Trümmer des Zweiten Weltkrieges beseitigt worden waren. Ökonomische Hohl- und Holzköpfe sprechen aber immer noch vom „Wirtschaftswunder“.
Irgendwann kippt das System und die Marktwirtschaft wird zum KAPITALISMUS. Dann bestimmen Kapital und diejenigen, die im Kapital (= Eigentum und Vermögen) schwimmen, wo es lang geht. Dann kommt die Gier der Nimmersatten, die den eigenen Hals nicht voll kriegen. Politiker und neoliberale „Ökonomen“ predigen Lohnverzicht und reden davon, dass „wir alle“ über unsere Verhältnisse leben würden und deshalb den Gürtel enger schnallen müssten. Dann kriechen die Lobbyisten der „Superreichen“ aus ihren Löchern und sagen: Die Geringverdiener arbeiten nicht schnell genug, die Arbeitslosen, Kranken, Behinderten und Rentner bekommen zu viel Geld und hetzen die Mittelschicht und die Unterschicht gegen die Arbeitslosen und Obdachlosen auf.
Die Ideologie der Neoliberalen lautet schließlich: Man muss nur die Ärmel hochkrempeln, dann gehört man auch zu den Besserverdienern, Reichen oder diesen „Superreichen“. Wo ist das Problem? Das Problem dabei ist, dass viele Normal- und Geringverdiener ein T-Shirt tragen. Da kann man keine Ärmel hochkrempeln, weil so ein T-Shirt keine Ärmel hat. So einfach ist das in der Welt der Konservativen, Pseudo-Sozialdemokraten und Neoliberalen (Grüne inklusive). Bei vielen „Alternativen“ ist das nicht anders.
Was aber wollen „Superreiche“ dann mit einer Zeitung? Das passt doch überhaupt nicht in die Reihe von oben. Warum zum Beispiel hat der Multimilliardär Jeff Bezos vor ein paar Jahren für eine Viertel Milliarde Dollar die Washington Post gekauft? Warum das denn?
„Superreiche“ wollen selbstverständlich, dass es so bleibt. Gier ist unendlich. Wenn man zwei Privatflugzeuge hat, warum nicht auch noch ein drittes oder viertes bzw. für jeden Wochentag ein anderes? Die Antwort ist: Als Eigentümer einer Zeitung hat man die Macht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, dass sich daran eben nichts ändert und die Schere zwischen Arm und „Superreich“ noch viel größer wird.
Einfältige Politiker und manche Journalisten der Mainstream-Propaganda-Medien sprechen immer von „Neiddebatte“, wenn man „Superreiche“ kritisiert. (Warum fällt mir an dieser Stelle der Name Markus Söder ein?) Jede Medaille hat aber zwei Seiten. Wer von NEID redet, der muss auch von GIER reden, sonst ist die Argumentation undemokratisch und extremistisch einseitig oder?
Ein weiser Mann aus Indien sagte einmal: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Aber seit wann interessieren sich Politiker und die Journalisten der Mainstream-Propaganda-Medien für weise Männer aus Indien?
Ich denke, in diesem Text von Herrn Mausfeld mischen sich wahre und zutreffende Aussagen mit solchen, die lediglich spekulativen Charakter haben.
Die Aussagen
„Macht strebt nach mehr Macht, nach Ausweitung und Stabilisierung von Macht.“
und
„Es liegt daher in der Funktionslogik von Macht, dass sie sich moralischen Kategorien, und damit Normen und Werten, grundsätzlich zu entziehen sucht.“
sind nicht ausreichend und in dem Maße durch empirische Forschung abgesichert und bestätigt, wie der Autor es hier zu suggerieren versucht.
Es ist zwar so, dass es unter bestimmten Bedingungen so war bzw. so ist, doch lässt sich keineswegs sagen, dass wir es hier mit einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit zu tun haben, die überall und zu allen Zeiten Gültigkeit hat.
Man kann sehr wohl eine ganze Reihe von Gegenbeispielen nennen, bei denen sich ein Machthaber – beispielsweise ein Stammesführer oder König – sehr wohl an geltendes Recht und überlieferte Normen und Werte gehalten hatte und nicht in dem von Mausfeld behaupteten Maße gierig nach noch mehr Macht gewesen war.
Gewiss gab es auch in der frühen Neuzeit machtgierige oder gar größenwahnsinnige Despoten – Napoleon ist nur das bekannteste Beispiel – doch wurden sie i.d.R. auch schon zu Lebzeiten dafür kritisiert.
Von besonderer Bedeutung ist natürlich immer die Frage, inwieweit ein Staat, eine Gesellschaft im Hinblick auf Macht ausbalanciert ist. Fehlt hier die Balance – beispielsweise durch das Fehlen eines selbstbewussten Mittelstandes, wie es früher häufig in orientalischen Ländern und auch im europäischen Absolutismus der Fall war – so ist natürlich eher die Gefahr gegeben, dass ein Machthaber „durchdreht“.
Möglicherweise gibt es im Hinblick auf die Verführbarkeit zur Machtgier einen Zusammenhang mit dem Ausmaß, in dem eine bestimmte Gesellschaft noch durch Traditionen und überkommene religiös-kulturelle Werte und Normen stabilisiert wird. Da das gerade heute zunehmend weniger der Fall ist, könnte der von Mausfeld unterstellte Trend zu mehr Machtgier und Maßlosigkeit ein Problem sein, dass moderne und heutige Gesellschaften in stärkerem Maße betrifft als frühere.
Dass das Problem der Machtgier heute eine besondere Bedeutung hat, könnte auch dadurch begründet sein, dass wir es heute mit einer Leistungsgesellschaft zu tun haben und nicht mehr mit einer Ständegesellschaft.
Die meisten, die heute zu besonderer Macht kommen, haben das nur deshalb geschafft, weil sie sich in ihrem Bereich (z.B. Management, Bankwesen, Parteiarbeit) als besonders ehrgeizig und eben als besonders machtgierig erwiesen haben.
In der alten Ständegesellschaft kamen viele Machtinhaber hingegen ohne besondere Anstrengung (allein durch Geburt) zu ihrer Macht und es fand nicht in dem Sinne wie heute eine ständige Auslese statt, bei der dann immer wieder die Ehrgeizigsten, Energischsten und Machtgierigsten nach oben gelangten.
Ich will damit die alte Ständegesellschaft nicht verteidigen, aber es wäre falsch, den obigen Zusammenhang zu ignorieren.
Letztlich bestätigt das alles natürlich die Forderung von Herrn Mausfeld nach Einhegung und Zivilisierung von Macht, und zwar gerade heute!
„Die meisten, die heute zu besonderer Macht kommen, haben das nur deshalb geschafft, weil sie sich in ihrem Bereich (z.B. Management, Bankwesen, Parteiarbeit) als besonders ehrgeizig und eben als besonders machtgierig erwiesen haben.
In der alten Ständegesellschaft kamen viele Machtinhaber hingegen ohne besondere Anstrengung (allein durch Geburt) zu ihrer Macht und es fand nicht in dem Sinne wie heute eine ständige Auslese statt, bei der dann immer wieder die Ehrgeizigsten, Energischsten und Machtgierigsten nach oben gelangten.“
Da muss ich Sie enttäuschen: Die meisten, die heute zu besonderer Macht kommen, stammen aus den privilegiertesten 4%, und dies mit einer erstaunlichen Kontinuität seit Generationen (M Hartmann, Soziologe & Elitenforscher)
@ Rob
Diesen Einwand hatte ich irgendwie schon fast erwartet.
Ich will Ihnen da gar nicht groß widersprechen. Allerdings denke ich, dass wir beide recht haben.
Hartmanns Studien über die Eliten bezweifle ich keineswegs. Jedoch bezieht er sich nicht in erster Linie auf politische Machthaber, sondern auf Angehörige der Elite in einem weiten und allgemeinen Sinne und mit einem Schwerpunkt bei den wirtschaftlich Mächtigen. In diesem Sinne hat er gewiss recht: Ja, da ist vieles schon qua Geburt ererbt.
Natürlich sind Vertreter der Wirtschaftselite auch Inhaber von Macht, doch wirken sie meist eher im Hintergrund und ich bezeifle, dass sich Mausfeld in seinem Beitrag in erster Linie auf diese Leute bezogen hat.
Ich beziehe mich hingegen nicht auf die die Elite im Allgemeinen, sondern – mutmaßlich bezugnehmend auf Mausfelds Gedanken – auf Leute, die innerhalb der politischen Klasse aufsteigen und zu Macht kommen.
Hier erkennt auch Hartmann an, „dass die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten sei.“
aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hartmann_(Soziologe)
Und für den Aufstieg innerhalb der politischen Klasse sind eben ganz bestimmte Eigenschaften sowohl nützlich als auch wiederum charakteristisch …
Hinzu kommt, dass solche Leute weit mehr als die Angehörigen von ohnehin schon reichen und mächtigen Familien durch ihre Karriere die verführerische Erfahrung eines staunenswerten Machtzuwachses und Einflussgewinns machen. Das kann dann bei bestimmten Gemütern leicht zum Wunsch nach einem noch Mehr an Macht führen – bis hin zur Sucht.
Wer hingegen ohnehin schon oben ist, wer immer oben war und gar nichts anderes kennt, der hat zwar den Wunsch, dass die eigene elitäre Stellung angetastet wird und nicht schwächer wird, aber es fehlt m.E. vergleichsweise häufiger der brennende Ehrgeiz der Neureichen und Karrieristen, noch reicher und mächtiger zu werden.
Natürlich könnten Sie darauf erwidern, dass solche Leute ja in Wirklichkeit bloß politisches Personal seien und nicht zu den Reichen und daher noch mächtigeren Leuten im Hintergrund gehören. D´accord. Trotzdem haben sie aber auch Macht.
Die politische Klasse ist zugegebenermaßen nicht unbedingt eine mit goldenen Löffel geborene, dafür aber ein Auffangbecken von besonders opportunistischen Aufsteigertypen, die die Machtnähe lieben. In Mister Trump haben wir allerdings ein Paradebeispiel ungeschminkter, nackter Machtgier mit ererbtem Vermögen.
Da fällt mir spontan ein schon etwas älteres, aber sehr schönes Zitat eines ehemaligen Politikers ein, den sicherlich niemand zu den Hinterbänklern zählen wird, über die Machtverteilung in der real existierenden bundesdeutschen Demokratie:
„Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ — Horst Seehofer in der Sendung „Pelzig unterhält sich“ am 20. Mai 2010.
Das dürfte wohl eines der ganz seltenen Momente seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewesen sein, wo ein Berufspolitiker in der Öffentlichkeit einmal die Wahrheit von sich gegeben hat.
Halt, dieser Lafontaine hat auch mal die Wahrheit gesagt und dass die Wiedervereinigung ein paar Milliarden kosten würde und die Portokasse des Taubenzüchtervereins von Kleinniedernaudorf dafür nicht reichen wird. Das wollten die Mainstream-Progaganda-Medien und die Wählerinnen und Wähler aber nicht hören. Viele Wählerinnen und Wähler wollen belogen werden, um sich hinterher beklagen zu können, dass sie belogen wurden.
Willkommen in der Fassadendemokratie.
“ Eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse ist kaum denkbar. “
Kann man nicht so stehen lassen, dies hat zur Voraussetzung, dass die Warenproduktion, also die Produktion von Gebrauchsgütern zum Zwecke des Handels auf Märkten, einzige und nicht hinterfragbare Produktionsweise sein soll. Wer so denkt, dreht sich lebenslang geistig im Kreis.
Wie wäre es mit einer Produktionsweise, die die Bedürfnisse direkt befriedigt? Diese kann gar keine Machtverhältnisse hervorbringen. Damit entfällt die These des Autors.
„Wie wäre es mit einer Produktionsweise, die die Bedürfnisse direkt befriedigt?“
Sogar Utopien und Dystopien können Wirklichkeit werden, Illusionen leider nicht.
Es lässt sich auch das Gegenteil behaupten und begründen, nämlich dass „moralische Kategorien, und damit Normen und Werte“ von den Mächtigen und Herrschenden benutzt werden um genau diese Macht und Herrschaft zu begründen. Beispiel: Unsere Aufrüstung wird „moralisch“ begründet mit der Verteidigung westlicher „Werte“.
Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es sich bei „Moral, Normen und Werten“ um ideologische Kategorien handelt. Blendet man das aus, dann befindet man sich wieder im Kindergarten und es bleibt nicht übrig als ein infantiles Aufbegehren gegen kollektive oder gesellschaftlich erforderliche Zwänge – hervorgerufen durch puren Egoismus.
Ziel und Konsequenz umfassender Macht ist Selbstunterdrückung, d.h. 50 Millionen erwachsene Menschen alleine in Deutschland werden davon abgehalten ihr menschliches Potential zu entfalten, das darin bestünde, ein Leben in Freiheit zu führen und damit in Verantwortung zu treten.
3000 Jahre Philosophie und am Ende steht ein Sloterdijk – nein, sitzt im Sessel und fur..
Dieter Wolf, studierter Philosoph und Mathematiker, der wesentliche Erkenntnisse über die Produktionsweise herausarbeitete, wird fuchtig, wenn er als Philosoph bezeichnet wird. Er hält es nicht unbegründet mit Marx, nach dem die Philosophie mit Hegel ihren Abschluss fand.
Was sollen denn heutzutage sog Philosophen, nimmt man Wolf ernst, denn dann noch produzieren außer nebensächlichen Unsinn.
>>Ähnlich wie für Castoriadis muss es für Marx
in einer gesellschaftlichen Praxis gelingen, dass die Arbeiter sich selbst und
ihr Gegenteil aufheben. Hier zeigt sich, dass es eine solche gesellschaftli-
che Praxis nur geben kann, wenn die widerstreitenden herrschenden und
beherrschten, die „führenden und geführten“ Produktionsagenten, im Sinne
von Castoriadis und von Marx nicht nur die äußere Natur, sondern auch
ihre eigne innere Natur verändern. Dies schließt ein, dass sie sich zu selbst-
bewussten, sich von gesellschaftlich organisatorischen Zwängen befreien-
den Individuen entwickeln, die sich als autonome wechselseitig zueinander
verhalten und anerkennen.
Michael Sommer / Dieter Wolf
Spontane Fundstelle. Dieter Wolf kannte ich bis dato nicht. Aber, genau das was ich sage. Philosophie, Soziologie, Psychologie – die Dinge überlagern sich.
„Von den allgemeinen Eigenschaften, Arbeitsprodukt und abstrakt menschliche Arbeit zu sein, zum Wert und zum „Doppelcharakter der Arbeit“ Dieter Wolf, De Gruyter 2017
https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/zksp-2017-0010/html
Wolf hat da alle bisherigen Interpretationen von „Das Kapital“ in Frage gestellt, mit grundlegend anderer Herangehensweise. Dem entspricht dann die Neuausgabe Das Kapital 1.1-1.5 von Rolf Hecker und Ingo Stützle in Abschluß ihrer Arbeit an der MEGA. Hier ist besonders der Teil 1.5 Die Wertform das Neue in der „Kapital“-Interpretation, konzentriert die Aussagen von Marx zum Wert, erläutert im Vorwort.
Macht wirkt wie eine Droge, sie korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut.
Dazu bedurfte es keines Prof. Mausfeld. Das ist historische Wahrheit.
Gerade das Aushängeschild freien linken Denkens und da ist Pro. Mausgld nur einer von vielen, eben etwa auch Prof. Jürgen Bruder und sogat die ILEA sind in einem Denktunnel gefangen geblieben, der sie zu den Versagern in der Friedensbewegung gemacht hat. Die Friedensbewegung ist tot, weil sie den usammenhang von Kapitalismus und Krieg ignoriert hat. Mit Demos und Apellen ändert man keine ökonomischen Machtverhältnisse.
Dabei ist es simpel, der Einhegung der Macht einer „Elite“ sollte die Demokratie dienen. Die Sklaven waren vernünfigerweise ausgeschlossen, konnten aber zu Freien aufsteigen durch eigene Leistungen.
Die Polis wurde nicht bezahlt, sie mussten ihren Unterhalt erwirtschaften. Heute könnten wir Sklaven durch Roboter ersetzen, wenn wir wüssten, wie man das dann mit der Wertschöpfung richtig macht.
Also Herr Mausfeld versteht offensichtlich nichts von Ökonomie. Viele andere ja auch nicht und am wenigsten die, die als Professoren bezahlt werden. Wir aben nur Papageien und Wiederkäuer von Stereotypen, die offensichtlich nicht funktionieren. Ein Zustand, den Goya schon fesstellte und dies in seinen Karrikaturen der Lächerlichkeit preis gab.
Richtig, Anarchiei ist nicht Anomie, ist kein gesetzloser Zustand, sondern der Anarchist trägt das Gesetz unterm Herzen und im Kopf, er verhält sich als Gleicher unter Gleichen, wenn er Freiheit und Vernantwortung verbinden kann.
Diesen Typ Anarchisten hat es noch nie gegeben, er kann nur durch Kooperation und freie Kommunikation entstehen.
Im Modell des intelligenten Marktes werden die Bürger zu den entscheidenden Kräften der Selbstverwaltung.
Sie verwalten schon mal zuerst ihr selbst erarbeitets Geld ohne sich von Bankern und Börsenspekulanten beraten zu lassen.
Sie entscheiden selbst, wem sie ihr Erspartes über einem bestimmten Betrag für Investitionen als Nullzinsanleihe zur Verfügung stellen und jene, die es nehmen, haften mit ihrem persönlichen Eigentum für die Rückzahlung.
Da haben wir eine Machtteilung, die legitime Interessen schützt und Missbrauch von Macht verhindern kann.
Die Demokratisierung der Akkumulation als Alternative zur Finanziealisierung der Risiken der Monopole durch den Staat, der die Bürger mit Steuern belastet. Herr Prof. Mausfeld, es ist simpel, wenn man einfach mal über den Tellerrand schaut.
Natürlich gibt es immer eine natürliche ökonomische Gewalt, der sich die Menschen unterordnen müssen.
Es kann nur verbraucht werden, was bereits produziert wurde und noch nicht verdorben ist.
Also muss die Grundsicherung. die allen Bürgern Entwicklung ermöglicht, auch erarbeitet werden. Und nicht alles, was wertvoll und nützlich ist, wie mein Kommemntar, muss in Geld aufgewogen werden.
Die Bücher der Herren Professoren haben nie die Welt verändert, aber fremde Taschen gefüllt und im Resultat eine Verblödung und Dekadenz erzeugt, die selbst das alte Rom nicht geschafft hat.
Das deutsche Professorentum ist zu einer kulturellen Schande Deutschlands geworden und konnte nicht mal die eigenen Pensionsansprüche erwirtschaften. Und jene, die etwas Falsches erkennen und öffentlich verbreiten, werden aus dem Beamtenverhältnis etlassen oder eben freigestellt.
Zu sagen, was ist, das gehört immer noch zum Ausgangspunkt jeder guten Analyse.
Machtausübung bedeutet immer Zwang. Hervorgegangen aus purer Gewalt einer bewaffneten skrupelosen Minderheit gegen eine unbewaffnete Mehrheit, verstand es eine durch diese Verbrechen an Mitmenschen emporgekommene räuberische Klasse ihre Macht durch die Geschichte hindurch zu konsolidieren, indem sie die wahre Grundlage ihrer Privilegien gezielt verschleierte. Adel, Religion, Ideologien waren nichts anderes als Werkzeuge Ungleichheit zu rechtfertigen und die unterlegene Masse bei der Stange zu halten.
Eine schon sehr lange erfolgreich aufgeführte Tragödie, die es nahelegt ihren Ursprung in einer seither sich selbst perpetuierenden Schwäche und besonderer Verworfenheit gewaltbereiter Individuen, die Macht nötig haben und der Menschheit als eine Art Geißel beigemischt erscheinen, zu suchen.
Ein Mittel diesen beizukommen scheint noch nicht gefunden, so erträgt und nährt eine Mehrheit friedliebender Leute seit Jahrtausenden eine kleine Gruppe halt- und gewissenloser Irren, ja, warum? Vielleicht weil, es so noch besser zu ertragen ist, als sich in irgendeiner Weise mit ihnen gemein zu machen und sei es nur indem man sie bekämpft und man Gefahr läuft, dabei das zu verlieren, was einen Menschen ausmacht.
Rainer Mausfeld sollte vielleicht Hannah Arendts Essay „Macht und Gewalt“ lesen. Da wird ein etwas anderer Machtbegriff dargelegt. Mausfeld beschreibt die auf strukturelle Gewalt beruhende „Macht“, die auch kein Eigenleben hat, sondern von konkrete Kapitalinteressen = über Kapital verfügende Menschen, angetrieben wird.
Letztlich verschleiert Rainer Mausfeld die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse, die darauf beruhen, uns alle zu Mittätern an der eigenen Disziplinierung zu machen, weil uns suggeriert wird, es gäbe keine andere Möglichkeit mehr, als mitzulaufen im Hamsterrad und mit den von uns erarbeiteten Steuern ein System mitzufinanzieren, das letztlich unseren Untergang bedeutet, damit andere noch „reicher“ werden.
Danke für das Neuland – Peter Fleissner ist mir gerade untergekommen. Vieles kommt da der gehegten Vorstellung eines idealen Schrottplatzes als Resultat des zerborstenen Technokapitalismus entgegen.
Was ist Macht? Die Frage stellt sich Herr Mausfeld nicht, denn auch ohne sie beantwortet zu haben, weiß er bereits:
„Macht ist ein Urphänomen gesellschaftlicher Organisation. Ihre Quellen sind in der Beschaffenheit des Menschen selbst zu suchen, in seinen natürlichen Motivationskräften.“
Na klar, die „Natur des Menschen“! Weil die Gesellschaft aus Menschen besteht, kommt das immer als passende Erklärung für alle gesellschaftlichen Phänomene daher. Es ist wie der Joker im Kartenspiel: man kann ihn in allen denkbaren Zusammenhängen einsetzen. Aber wird damit irgend etwas erklärt? Nein, denn man begibt sich damit nur in einen Zirkelschluss: die Gesellschaft ist so, wie sie ist, wegen der Natur des Menschen. Und woher weißt du wie die Natur des Menschen ist? Schau dich doch um, wie die Gesellschaft ist!
Eines ist damit aber geleistet: Es ist ein Argument dafür, dass man an den gesellschaftlichen Verhältnissen nichts prinzipiell ändern könne, denn sie entspringen ja der nun einmal gegebenen Natur des Menschen.
Daher eine Anregung an die OT-Redaktion:
Bringt doch einmal Artikel, die die die gängigen Ideologien von der „Natur des Menschen“ auseinandernehmen. (Ich weiß, dass der Redaktion solche Artikel vorliegen)
Danke für den Kommentar. Die Stelle hat mich so geärgert, dass ich aufgehört habe zu lesen. „Menschennatur“, my ass. Als hätte von der irgendwer auch nur die leiseste Ahnung in diesem Affenstall voller überzüchteter, seit Jahrtausenden denaturierter Wesen. Aber sie dann als McGuffin hernehmen.
Obwohl kein Freund von Mausfeld’s Zeugs, verteidige ich es gegen Fälschung.
„Urphänomen gesellschaftlicher Organisation“ ist ungleich „Natur“, und wenn Mausfeld dieses „Urphänomen“ anschließend psychologisiert – „Quellen sind in der Beschaffenheit des Menschen zu suchen“ – ist das halt Sozialpsychologie, und nicht „Naturalisierung“, jedenfalls nicht in der abstrakten, philosophischen Gestalt, die ihr beiden dem Argument unterstellt.
Menschen sind, wie alle Tiere, wehrhaft, sie verteidigen ihre Daseinsweise, und gesellschaftliche Daseinsweise ist notwendig mit Arbeitsteilung und in ihr liegenden, wie aus ihr folgenden, sozialen Besitzständen korreliert.
Soweit ist Mausfelds Darstellung korrekt.
Sein interessierter Fehler besteht in der psychologischen Abstraktion von allen Korrelationen, er behandelt „Machtbewußtsein“ und „Machtstreben“ als von ihren Gründen und ihrer „politökonomischen“ Dynamik abgekoppelte Instinkte. Das zählt in die Abteilung „Kritik der Vernunft“, nicht zur Abteilung (religiöser oder quasireligiöser) „Kritik der Natur“.
Zu behaupten, mit „Beschaffenheit des Menschen selbst“ und „seinen natürlichen Motivationskräften“ hätte er ja wohl nicht die Menschennatur gemeint (ebensowenig wie du mit „Instinken“), und das zu behaupten wär eine Fälschung, sollte dir den Preis für das Spalten von Haaren einbringen, die es gar nicht gibt.
Mausfeld hat das Haar eigens gebündelt und hochgesteckt:
Klar, Psychologisierung und Naturalisierung sind Zwillinge, aber keine eineiigen. Und wenn einer den Unterschied nicht wahr nimmt, PLUS nicht phobisch auf etwas reagiert, das ihm nach Naturalisierung aus der Wäsche schaut, wie ihr beiden, werden die zugehörigen Ideologeme für ihn austauschbar, ohne daß er es bemerkt. Das gilt gewiß für die übergroße Mehrheit der Leser hier und es immunisiert sie gegen zahlreiche – nicht alle! – Kritiken. Ich kann nichts für die Subtilitäten sozialpsychologischer Ideologeme, ich habe sie nicht erfunden, noch schätze ich sie als intellektuelle Übungen. Ich bin nur gewohnt und trainiert, die Phänomenologie bürgerlicher Ideologie sauber zu identifizieren.
Wenn der Begriff »Macht« an dieser Stelle nicht als Instrument von Herrschaft gelesen wird, sondern einfach als „machen“ oder „machbar“ (wer macht was, wie und wann und womit, um xy zu erreichen), ist die Kritik des »Naturalismus« entkräftet. Gemeinschaft basiert auf Organisation und »Arbeitsteilung« (wie Qana richtig einwendet), deswegen ist »Macht« im Sinne von „machbar“ selbst nicht das Problem, sondern ihre zerstörerische Konzentration auf und ihr daraus folgenden Missbrauch von einzelnen Subjekten oder Subgruppen. Macht ist dann auch nicht die unterstellte bzw. gelesene Natur des Menschen, sondern etwas, das vorgefunden wird, wenn menschliche Gesellschaftsformen untersucht werden.
Mir persönlich ist es lieber, ein Text lässt einen Begriff wie Macht unfixiert oder nur grob umrissen, als dass eine haarige Definition für eine zweifelhafte Argumentation hergenommen wird, denn es lässt Raum, etwas selbst durch zu denken und nicht nur „Ja und Amen“ zu antworten.
Zum Buch & zu Mausfeld:
Ich hatte erst den Eindruck, ich hätte den Auszug in »Hybris und Nemesis« von R. Mausfeld bereits gelesen. Man mag einwenden, Mausfeld wiederhole sich, doch so weit sind die Gegenstände nun nicht voneinander getrennt. Jedenfalls werde ich mal reinschauen.
Auch wenn ich nicht mit allem d’accord gehe, mag ich seine letzten Arbeiten. Den gelegentlichen Vorwurf an „emeritierte Professoren, die sich jetzt erst – in der Sicherheit von Alter und Pension – trauen, zu sagen, was ist“, halte ich bei Mausfeld für falsch. Die Gegenstände, denen er sich in seinen Büchern und Vorträgen widmet, waren nicht unmittelbar Gegenstand seiner Professur und heute nutzt er die Möglichkeit, gesammeltes Wissen und Erkenntnis in einem größeren Rahmen einem breiteren (und zunehmend beunruhigtem) Publikum nahe zu bringen. Das macht er sehr gut, und bei Leuten, die bei Themen von Macht und Gesellschaft unbeleckt sind und gerade erst anfangen, ein kolossales Unbehagen zu entwickeln, empfehle ich Mausfeld (besonders seine Vorträge) als Einstieg, als Basisarbeit zur Kritikfähigkeit erfolgreich.
Das mag dem »trainierten« Rezipenten bisweilen zu unterkomplex oder zu bürgerlich erscheinen, doch sehe ich es als positives mit-machen an Gemeinschaft. 😉
Vor 10 Jahren hätte ich die Macht besessen, dich für einen argumentlosen Angriff dieser Klasse, der rhetorisch vom Anschluß an postfaschistische Intellektuellenfeindlichkeit und Antikommunismus lebt, mit einem Judo-Griff auszuheben und flach zu legen.
Der Multifunktionspinukel bürgerlicher Intellektualität ist die Entgegenständlichung abstrakter Begriffe, und deren Urform ist das platonische Konzept der „Idee“, das El-G an der zitierten Stelle exemplarisch in Anspruch nimmt. Nachdem er im ersten – nicht zitierten – Schritt verkündet hat, daß er meine Kritik am entgegenständlichten Machtbegriff verstanden hat, also kompetent ist, nimmt er diese „Kompetenz“ zur Lizenz, sie gouvernantisch und (abstrakt!) betriebsnudelig abzuwerten und den Begriff „Macht“ wieder zur Idee zurück zu stufen.
Das ist für mich das Musterbeispiel für das Bewegungsprofil (!) eines autoritären Charakters, auch wenn das in El-Gs Fall schauerlich „bescheiden und demütig“ daher kommt.
Ich hatte in meiner Kurzbestimmung den allgemeinen Begriff der Gegenstände von „Macht“ in dem Sinne, wie das Wort bürgerlich-idealistisch verwendet wird, hingeschrieben:
Soziale Besitzstände
Ja, bitte, dann liegt eine Erklärung jeweils historischer Machtentfaltung und eineS (Singular! Individuell!) zugehörigen Machtbewußtseins wohl im ZUSAMMENHANG solcher Besitzstände im Gefüge der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Subgruppen. Diese Erkenntnis hat die Betitelung der Engels’schen Schrift „Vom Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ geleitet, mit dessen Inhalt ich nicht in allen Abschnitten einverstanden bin, weil Engels die Tradierung zum vornehmsten Moment der angesprochenen Dynamik ernennt, was schlicht gegenstandslos daneben ist, sobald man es mit Gesellschaften zu tun hat, deren Daseinsweise nicht länger frühsteinzeitlich prekär ist, sondern Traditionsbrüchen freizügig nutzbaren Raum lassen.
Mausfelds Sozialpsychologie ist nicht erkenntnisfördernd, sondern erkenntnisvernichtend, die Gründe habe ich jetzt hinreichend umrissen.
Na Hallo, da habe ich ja mal jemanden wieder in seine alte Form springen lassen. »Es lebt«, rief Dr. Frankenstein. „Schön zu sehen“, denke ich bei mir. Das mit dem »Judo-Griff« halte ich allerdings für eine niedliche These, da ich gelernt habe, bei anstehendem Händel mich nicht begrabbeln zu lassen und im Kennen der eigenen Reichweite ausreichend Abstand zu halten, was eine gewisse Beweglichkeit voraussetzt – doch lassen wir die Mätzchen.
Und widmen uns dem »Bewegungsprofil« anhand der Unterstellung von »Entgegenständlichung abstrakter Begriffe«: Ich habe dem Begriff »Macht« im Vorliegenden Fall eine andere oder weitere Umgebung gegeben und, ja, zugegeben, ihn in seiner Macht vorübergehend und situativ gekürzt. Da ich Wissen als fortdauernden Prozess begreife – der den Prozess des Handelns begleitet – und nicht als Endstation oder als Sackgasse (zweifellos lebt es sich da gefälliger und idyllischer als an einer Durchfahrtsstraße), mag das bei Gelegenheit als flexibel oder standpunktlos oder gar überzeugungsfrei erscheinen. Doch tatsächlich hat das wenig mit »gouvernantisch« zu tun, es ist eine Auto-Moderation, die die Entstehung eines »autoritären Charakters« unterbindet. Sage ich, „das ist wohl eher eine Eigenschaft desjenigen, der im Elfenbeinturm am Ende der Sackgasse thront und die Welt haarklein und präzise durch ein phänomenologisches Teleskop analysiert, wobei er vergisst, wie sie riecht und sich anfühlt, vor allem, wenn sie neu ist“? Ups, Spoiler, das habe ich wohl gerade. Was ich nicht habe, ist den Begriff »Macht« abzuwerten, auch nicht »(abstrakt!)«, sowie ich nicht versucht habe, ihn ein für alle Mal als bloße »Idee« zu vernebeln. Zumal jedes Kind, wie Qana bei Gelegenheit richtig bemerkte, sofort erkennt, wenn es Macht ausgestzt ist, auch ohne einen Begriff davon zu haben.
Das nehme ich Qana auf persönlicher Ebene vollkommen ab, gegenteiliges würde mich sogar wundern, wobei ich denke, dass auch er an den detailreichen Fußnoten (in »Hybris und Nemesis«) gelegentlich Spaß hätte. Aber »erkenntnisvernichtend« hat dann doch etwas zu viel Emphase.
@Red: Es steht jetzt 3:3. Ist das wirklich zufiriedenstellend?