
Zufälligkeiten und der Gang der Geschichte bestimmen unseren Lebensweg, doch wo bleibt unser Spielraum für eigene Entscheidungen?

Monica Brandis schildert einfühlsam das Leben ihrer Großmutter Luise: vom Kind in einem westpreußischen Dorf zum Lehrmädchen im Berlin der 1930er Jahre, zur Witwe mit Baby während des Krieges und Arbeiterin im Nachkriegsdeutschland. Am Beispiel ihrer Familie nähert sie sich zwischen großen Umbrüchen und leisen Erinnerungen der Vergangenheit an: Luises Brüder arrangieren sich mit dem Nazi-Regime, einer von ihnen landet später im Gefängnis, ihre Schwester wird 1946 mit der Familie von ihrem Hof nahe Danzig vertrieben und baut sich in Mecklenburg ein neues Leben auf. Ein Buch, das zeigt, wie sich Weltgeschichte in einzelnen Leben einschreibt – und wie die Neugier einer Enkelin diese Spuren wieder sichtbar macht.
Luise lernt, sich unsichtbar zu machen. Denn wenn Bertha sie irgendwo entdeckt, muss sie sofort Torf zum Heizen holen oder wird in die Küche geschickt, um dort mitzuhelfen. Bei zwölf und mehr regelmäßigen Essern sind die Frauen den ganzen Tag in der Küche beschäftigt. Entweder bereiten sie die nächste Mahlzeit vor oder erledigen den Abwasch. Alle Menschen auf dem Hof arbeiten von früh morgens bis abends: Zweimal im Jahr wird Heu gemacht, bis in die 1920er Jahre noch mit der Sense, im Mai ist das Torfstechen dran, Kartoffeln, Gemüse, Flachs, Raps und Runkelrüben für die Menschen und Tiere werden angebaut, und im Hochsommer steht die Getreideernte an.
Abends versammelt man sich in der Stube. Es gibt kein Telefon und kein Radio. »Ach, wir hatten ja noch nicht mal elektrisch Licht, wir haben ja nur mit Kerzen und Petroleum gesessen«, sagt Luise. Die Frauen und Mädchen sticken, stricken und stopfen, die Männer und Jungen reparieren Werkzeuge und Wohnungsgegenstände. Man spricht über das Wetter, die Nachbarn oder das, was am nächsten Tag zu tun ist. Manchmal liest der Vater aus der Regionalzeitung vor. Niemand erzählt den Kindern von fernen Ländern oder anderen Religionen. Nicht einmal die Politik in Berlin ist Gesprächsthema. Fragen stellen dürfen sie nicht. Kinder soll man sehen, aber nicht hören.
Ambivalentes Verhältnis zum Meer
Unter der Woche behilft sich die Familie mit einer Katzenwäsche. Am Samstag wird es gründlicher. Luise berichtet: »Ja, da war so eine große Waschwanne, die war voll, und da hat sich dann die ganze Familie drin gewaschen von oben bis unten. Dann hat man die Gießkanne gehabt, mit warmem Wasser abgespült, und dann war man fertig. Dann kam der nächste ran. Dann wurde wieder heißes Wasser zugegossen, und so ging das.«
Die Kinder sind als Letztes an der Reihe. Manchmal ekelt sich Luise vor den Schmutzhäuten, die auf dem Wasser schwimmen. Natürlich sagt sie besser nichts, wenn sie keinen Schlag ins Genick möchte. Die Zähne werden, wenn überhaupt, kurz mit Salz abgerieben. Im Sommer gehen die Kinder barfuß. Schuhe und gute Anziehsachen sind für die Schule vorgesehen, die Sonntagssachen sind dem Kirchgang vorbehalten. Obwohl die Malinowskis nicht einmal 500 Meter vom Ostseestrand entfernt wohnen, lernt keines der Kinder schwimmen. Brigitte Willhardt, in den 1930er Jahren in Karwenbruch geboren, kommentiert das so: »Es konnte kaum jemand schwimmen. Wasser war zum Waschen da, nicht zum Spielen. Manchmal gingen die Menschen in die See, um sich zu erfrischen, aber nicht zum Schwimmen.«
Historisch gesehen hatten die Küstenbewohner immer ein ambivalentes Verhältnis zum Meer. Zwar bot das Meer Nahrung, forderte aber regelmäßig Menschenleben. In früheren Zeiten hielten die Menschen die Ausdünstungen des Meeres für gesundheitsgefährdend, und selbst in der Neuzeit galt die See zu Recht als unberechenbar und voller Gefahren.
Kurt Lück schreibt detailliert über Hochwasser und Sturmfluten, die Hunger mit sich bringen, weil Getreide- und Kartoffelfelder unter Wasser stehen und der Grasschnitt verfault. Im Herbst und Winter können die Kinder in Karwenbruch aufgrund des stehenden Wassers oft tage- und wochenlang nicht zur Schule gehen. Die Menschen verlassen die Gehöfte nur im Not-fall. Eine der schlimmsten Sturmfluten durchbricht im November 1914, ein Jahr nach Luises Geburt, Dünen und Schutzwall. Wasser dringt in die Häuser ein, Tiere ertrinken, und das Dorf ist über längere Zeit von einer einen Meter tiefen Eisschicht bedeckt. Passenderweise nennt Lück dieses Kapitel »Hauptfeind bleibt weiterhin das Meer«. Die Nebenfeinde sind wohl klar.
Freizeit
Luise ist schüchtern, traut sich nichts zu und verlangt nichts für sich. Ihr Bruder Hans ist ganz anders, aber er verlässt auch schon früh das Elternhaus. Wer ist dafür verantwortlich, dass Luise ein so geringes Selbstbewusstsein hat? Welchen Anteil hat die freudlose Stimmung zu Hause? Wenn es nach Bertha geht, besteht das Leben aus Beten und Arbeiten. Bertha lässt ihre Kinder wissen, dass ihnen nichts zusteht, dass sie sich nichts gönnen dürfen. »Das war alles unnötig«, so umschreibt Luise, warum es unter der Regentschaft der Mutter keine kleinen Freu-den geben durfte. Ohnehin besitzt keines der Kinder viel Eigenes: kein eigenes Zimmer, kein eigenes Spielzeug, selbst die Anziehsachen werden von einem Kind zum nächsten vererbt.
Luises damalige beste Freundin, Irene Starnitzke, ist ebenfalls Tochter eines Landwirts. Irenes Kindheit war schön, sagt ihre Tochter Brigitte Albrecht. Trotz der vielen auf dem Hof anfallenden Arbeit und den Schicksalsschlägen, die die Familie erleidet – Irene hat vier Schwestern, von denen zwei vor Erreichen des ersten Lebensjahres an Husten und an Zahnkrämpfen versterben – ist Irenes Kindheit von einer harmonischen Verbindung der Eltern und einem festen Glauben getragen.
1929 nimmt der Duden erstmalig den Begriff »Freizeit« auf. Freizeit ist die »Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit«. Das neue Wort wird Karwenbruch erst spät erreicht haben und ist von Bertha sicherlich als eine Erfindung des Teufels bekämpft worden. Die Kinder in Karwenbruch finden trotzdem Zeit zum Spielen. Wenn kein Erwachsener es verhindert, klettern die Kinder im Herbst auf das Rosswerk. Zwei Pferde bewegen im Kreis trottend einen Mechanismus, der die Getreidedreschmaschine in Bewegung setzt. Den Tieren macht es nichts aus, wenn ein oder zwei Kinder auf ihren Rücken sitzen und Karussell fahren. An Sommerabenden plantschen die Kinder manchmal in der Ostsee oder in den kleinen Gräben, die zwischen den Hausreihen angelegt und nur einen halben Meter tief sind. Wenn im Mai der Torf gestochen wird, springen die Kinder von einem stehen gebliebenen Abschnitt zum nächsten. Das muss heimlich geschehen, denn die ausgehobenen Torflöcher sind zwei bis drei Meter tief und bis fast oben mit Wasser gefüllt. Wäre ein Kind hineingefallen, hätte es ertrinken können. Familie Starnitzke besitzt sogar ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel.



Ein lesenswerter Blick in eine noch gar nicht mal so weit entfernte Zeit.
Eigentlich sollten die jungen Leute so etwas lesen, damit sie besser erkennen, dass die Zeiten auch anders sein können als heute, aber in Wirklichkeit sind die meisten Leser vermutlich schon Leute jenseits ihres 60. Geburtstages.
Wahrscheinlich könnten viele von uns über das Leben der eigenen Großeltern in viel einfacheren Lebensumständen berichten – jedenfalls dann, wenn es in der Familie überliefert wurde.
@Wolfgang Wirth:
Früher mussten Kinder oft viel zu viel tragen. Nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern auch seelisch. Pflichten im Haushalt, Arbeit auf dem Hof, Gehorsam gegenüber Erwachsenen, wenig Mitspracherecht und oft kaum Raum für eigene Bedürfnisse: Das war für viele Kinder kein romantisches „früher war alles besser“, sondern ein ziemlich hartes Leben. Natürlich haben viele daraus Stärke, Ausdauer und Pflichtbewusstsein entwickelt. Aber man sollte nicht vergessen, zu welchem Preis.
Heute erleben wir teilweise das andere Extrem. Manche Kinder haben vielleicht zu wenig Verantwortung, zu wenig echte Aufgaben und zu wenig Erfahrung damit, dass das eigene Handeln Folgen hat. Das ist ebenfalls nicht ideal. Aber daraus folgt eben nicht, dass wir zur alten Härte zurückkehren sollten.
Kinder brauchen Grenzen, Verlässlichkeit und Aufgaben. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Aber das muss ohne Demütigung, ohne Angst und ohne seelische Kälte geschehen. Erziehung darf fordern, aber sie darf nicht brechen. Wer heute mit 70 oder 80 sagt, den Kindern fehle die Strenge von früher, verklärt oft eine Zeit, in der Kinder nicht selten klein gehalten wurden. Sinnvoll wäre nicht mehr Härte, sondern mehr echte Verantwortung — verbunden mit Respekt, Zuwendung und Menschlichkeit.