
Sprechen Palästinenser immer nur über die Vergangenheit? Raja Shehadeh über Zynismus und Isnzenierung.
Das Buch „Was befürchtet Israel von Palästina?“ des palästinensischen Schriftstellers Raja Shehadeh ist eine erschütternde Reflexion über das Versagen der Konfliktparteien im Nahost-Konflikt, einander als Gleichberechtigte zu behandeln, als Partner auf dem Weg zum Frieden, anstatt als Feinde und Völkermörder. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 kam es zur Nakba (arab. „Katastrophe“): die Vertreibung des palästinensischen Volkes, die Bruchlinien schuf, welche bis heute auf gewaltsame und tragische Weise fortbestehen. In den folgenden Jahrzehnten, während die Berliner Mauer fiel und Südafrika die Apartheid abschaffte, lehnten die israelische Regierung und die PLO jede Gelegenheit zur Aussöhnung ab.
Raja Shehadeh, Menschenrechtsanwalt und Palästinas größter lebender Schriftsteller, zeigt auf, dass dies trotzdem nicht bedeutet, dass die beiden Nationen nicht als Partner auf dem Weg zum Frieden zusammenarbeiten können. Im Gegenteil: Wenn dieser gewaltsam ausgetragene Konflikt enden soll, müssen beide Seiten gegen ihre Extremisten kämpfen. Ein Auszug aus dem Buch, das eine neue Perspektive in einer Zeit großer Not bietet.
Es wäre für Israel und die Palästinenser möglich gewesen, wie es auch heute noch möglich ist, auf die Zeiten in der Vergangenheit zu verweisen, in denen Juden und Araber in Frieden zusammengelebt haben, sei es in Palästina selbst oder in Andalusien in Spanien vom zehnten bis zum zwölften Jahrhundert. Doch als die »Welt« nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens versuchte, eine Rolle bei der Förderung der jüdisch-arabischen Beziehungen zu spielen, handelte sie mit einem Zynismus, der israelischen Zwecken diente. Ich möchte als Beispiel eine UNESCO-Konferenz in Granada mit dem Titel »Peace the Day After« (»Frieden am Tag danach«) nennen, an der ich am 8. Dezember 1993 teilnahm.
Ziel dieser Konferenz war es jedoch nicht, dass Israelis und Palästinenser zusammen mit verschiedenen Personen aus der Region Programme für das gemeinsame Auskommen nach dem Friedensschluss ausarbeiteten – vielmehr ging es darum, dem, was bereits geschah, Legitimität zu verleihen, ohne dass Fragen gestellt wurden. Das Ganze war sorgfältig inszeniert, die Teilnehmer mussten nur gefügig sein. In der ersten Sitzung fragte ich, wie es möglich sei, von Frieden zu sprechen, bevor nicht einmal seine grundlegendsten Komponenten geschaffen worden seien. Wir Palästinenser standen immer noch unter Besatzung und unsere Besatzer verfolgten eine bewusste Politik der Ansiedlung ihrer eigenen Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Nach meiner Rede drückte ein Professor der Universität Tel Aviv sein Bedauern über meine »Unfähigkeit, nach vorne zu schauen«, aus. Er sagte, er sei enttäuscht gewesen, als er mich über die Besetzung des Westjordanlandes, des Gazastreifens, der Golanhöhen und des Sinai nach dem Krieg von 1967 sprechen hörte. Die Palästinenser, so fuhr er fort, sprächen immer von der Vergangenheit, aber die Israelis könnten auch von der Vergangenheit sprechen. »Wir können auf 3 000 Jahre Geschichte zurückblicken«, sagte er. Ein anderer Gelehrter nahm Anstoß an meiner Verwendung des Begriffs »besetzte Gebiete«, da dies voraussetze, dass es eine Besatzung gäbe, so wie es in Frankreich durch die Nazis der Fall gewesen sei. Dies sei, wie er sagte, eine Lüge.
Es folgte eine weitere vergebliche Diskussion. Dann herrschte gespannte Stille, als der israelische Außenminister Schimon Peres den Saal betrat. Er sprach kein einziges Wort und blieb genau vier Minuten, bevor er den Saal verließ, um sein Flugzeug zu erreichen. Es war relativ offensichtlich, dass er nur gekommen war, damit die Teilnehmer sagen konnten, dass sie ihn auf der Konferenz getroffen hatten, zusammen mit Würdenträgern und Denkern aus der arabischen Welt. Das Treffen war eine Farce. Wir bekamen keine Gelegenheit, unsere Ideen für künftige Projekte vorzustellen, das Ziel war rein politisch. Zu den wenigen Schriftstellern, die sich weigerten, an der Konferenz teilzunehmen, gehörte der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch. Das veranlasste die Kulturberaterin von Schimon Peres zu folgendem Redebeitrag:
»Als Mahmud Darwisch Israel verließ, um sich der PLO anzuschließen, habe ich ihm einen Brief geschrieben. Gestern Abend bin ich den Brief durchgegangen und habe ihm diesen Nachtrag geschrieben, den ich Ihnen vorlesen möchte: ›Wo bist du, Mahmud Darwisch? Warum sind Sie nicht zu dieser Konferenz gekommen? Wo bist du, Mahmud Darwisch, jetzt, wo Frieden herrscht und sich die beiden Seiten annähern?‹«
Ihre Worte hallten noch lange nach der Veranstaltung in meinen Ohren nach. Der große Dichter erwies sich als klüger als wir alle, denn er blieb – trotz des enormen Drucks, den die PLO auf ihn ausgeübt haben muss – der Konferenz fern.





Die PLO, die Palästinensische Befreiungs
Organisation von Jassir Arafat, hat jede
Gelegenheit zur Aussöhnung mit Israel
abgelehnt ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ?
Reden ist Silber schweigen ist Gold, vielleicht hatte Peres nicht gewollt, sich selbst zu entblößen in einer simulierten Simulation durch Simulanten.
Das Kapital bleibt immer das gleiche, für einige führt die Treppe herunter, für andere führt die Treppe aufwärts.
Die Versuchung nicht in den verbotenen Apfel hineinzubeissen, hat in der menschlichen Zivilisation bis heute keiner geschafft.
Wie sollen die Palästinenser von der Zukunft reden, wenn diese ihnen doch genommen wird?
(Der Rest ist Schweigen, das allerdings verlängert werden muss, um auf die für einen Beitrag erforderliche 100 Zeichen zu kommen.)