Wie Propaganda zu psychischer Spaltung führt

Symbolbild Propaganda
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Propaganda wirkt nicht nur überzeugend, sondern spaltend: Sie trennt Denken von Handeln, Sprache von Wirklichkeit und kann das psychische Gleichgewicht des Menschen nachhaltig destabilisieren. Der folgende Text zeigt, wie diese Mechanismen funktionieren – und warum widersprüchliche Propaganda nicht neutralisiert, sondern verstärkt.

Philippe de Félice konnte schreiben, Propaganda rufe eine Tendenz zu Zyklothymie hervor.28 Wenngleich vollkommen übertrieben, stimmt es jedoch, dass Propaganda das Individuum Zeiten der Erregung mit anschließenden depressiven Phasen durchlaufen lässt. Dies ist übrigens vollends beabsichtigt, das heißt, abwechselnde Themen mittels Propaganda »an den Mann« zu bringen, ist gewollt. Dass eine solche thematische Alternanz, etwa von Schrecken und Selbstbestätigung, vonnöten ist, haben wir bereits untersucht. Wir sind also Zeuge eines fortlaufenden affektiven Kontrasts, der dem Individuum schrecklich gefährlich werden kann. Dies kann, ebenso wie die von gegnerischer Propaganda ausgehende Schockwirkung, eine der Ursachen für psychische Dissoziationen sein, von denen in der Folge die Rede sein wird und die nicht, wie die Begriffe von Félice vielleicht denken lassen könnten, psychischen Krankheiten gleichgesetzt werden dürfen.

Außer Acht lassen wir hier eine der Spaltungen, jene nämlich, die in ein und demselben Individuum zwischen öffentlicher und persönlicher Meinung besteht. Wie bereits gesagt, ruft Propaganda eine abgrundtiefe Trennung zwischen beiden Bereichen hervor. Wir werden darauf nicht noch einmal eingehen.

Handeln – nicht nachdenken

Indes wird die bereits weiter oben angezeigte Dissoziation von Denken und Handeln zu betrachten sein, die uns eine der schwerwiegendsten Tatsachen heutiger Zeit zu sein scheint. Der Mensch von 1960 agiert, ohne nachzudenken, während umgekehrt sein Denken keinerlei Folgen im Handeln mehr hat. Das Denken wird nur noch oberflächlich ausgeübt, hat keinen Bezug zur Wirklichkeit, ist reine Innerlichkeit, besitzt nichts Zwingendes. Es hat mehr oder weniger etwas von einem Spiel und manifestiert sich in der Literatur. Und wenn wir dergleichen sagen, dann meinen wir nicht nur allein das Denken der Intellektuellen, sondern wirklich jedes Denken, das der Arbeit, der Politik oder des Familienlebens inbegriffen. Es geht um das Vermögen zur Reflexion, das durch die Umstände, in denen der moderne Mensch lebt und handelt, vollends lahmgelegt wurde. Denn um zu handeln, braucht er nicht nachzudenken. Seine Tat wird durch die Techniken, die er zum Einsatz bringt, durch die soziologischen Bedingungen und so weiter bestimmt. Er handelt, ohne von sich aus seine Handlung zu wollen, ohne jemals über ihren Sinn oder die Gründe für diese Tat nachzudenken. Derlei Situation wird durch die gesamte Entwicklung unserer Gesellschaft hervorgerufen. Sowohl die schulische Erziehung als auch die Psychotechniken, sowohl die Presse als auch die Struktur der Politik, sowohl der gesellschaftliche Pragmatismus als auch die Produktivitätsobsession sind dafür verantwortlich. Die entscheidenden Faktoren für diese Transformation jedoch sind die Rationalisierung der Arbeit auf der einen und Propaganda auf der anderen Seite.

Die Rationalisierung der Arbeit gründet gänzlich auf jener Dissoziation: Wer denkt, Zeiten berechnet, über Materialien nachdenkt, Normen etabliert, handelt niemals – und wer handelt, muss dies gemäß den Regeln, Taktungen und schematischen Vorgaben tun, die ihm von außen aufgezwungen werden. Vor allem soll er nicht über seine Handgriffe, seine Tätigkeit nachdenken. Was er zudem auch gar nicht kann angesichts der Geschwindigkeit der Ausführung. Ideal ist die Handlung dann, wenn sie vollkommen automatisch ausgeführt wird. Und so wird in den Vordergrund gerückt, welch großen Vorteil doch der Arbeiter davon hat, denn er könne ja während der Arbeit träumen oder an »etwas anderes« denken. Doch dabei wird nicht bedacht, dass diese Spaltung, die acht Stunden pro Tag dauert, zwangsläufig Spuren in seinem gesamten Verhalten hinterlässt. Gehen wir nicht weiter darauf ein.

Schockwirkung

Das andere Element, das hier eine entscheidende Rolle spielt, ist Propaganda. Es wird der Hinweis genügen, dass Propaganda eben gerade versucht, Handlungen, Zustimmung, Teilhabe zu erzeugen, indem das Denken ausgespart wird. Unnütz, schädlich ist es, wenn der Mensch denkt. Das hält ihn davon ab, mit der Geradlinigkeit und Einfachheit zu handeln, die für die Politik erforderlich sind. Die Tat muss direkt aus den unbewussten Tiefen an die Oberfläche steigen, sie muss eine Spannung zum Ausdruck bringen, einem Reflex gleichen. Das aber setzt voraus, dass sich das Denken auf einer vollkommen irrealen Ebene abspielt, dass es niemals mit den politischen Entscheidungen ineinandergreift. Genau das lässt sich überall erkennen. Jeder etwas kohärente und differenzierte politische Gedanke kann so unmöglich angewendet werden. Was jemand denkt, ist entweder radikal unwirksam oder bleibt dem Denkenden innerlich. Das ist sogar die Bedingung, die am Grunde der politischen Verfasstheit der modernen Welt steht, und Propaganda ist das Werkzeug dieser impliziten Voraussetzung. Die Umwandlung der Sprache in Propaganda gibt uns ein Beispiel für die radikale Entwertung des Denkens durch die propagandistische Form. Indem sie Gefühle und Reflexe direkt wachruft, avanciert die Sprache als Instrument des Denkens zu dessen »reinem« Symbol. So zeigt sich eine der schwerwiegendsten Spaltungen, die Propaganda in uns erzeugt. Überdies wird sie von einer weiteren begleitet: jene zwischen dem sprachlichen Universum, in dem sie uns leben lässt, und der Wirklichkeit. In manchen Fällen trennt Propaganda absichtlich das von ihr geschaffene sprachliche Universum von der wirklichen Welt des Menschen ab und sucht damit dessen Bewusstsein zu brechen.

Innerhalb der Problematik der »Dissoziation« müssen wir schließlich den Fall eines Individuums untersuchen, das sich zwei intensiven, einander entgegenstehenden und zugleich ihm zugänglichen propagandistischen Zugriffen ausgesetzt sieht. Bisweilen wird dafürgehalten, dass sich in dem Fall beide Propagandamaßnahmen aufheben. Betrachtet man aber Propaganda nicht als eine Debatte, in der Ideen und Vorstellungen ausgetauscht werden, oder als Verbreitung einer bestimmten Doktrin, sondern als eine psychologische Manipulation, um Zustimmung zur und Mitwirkung an der Aktion zu erhalten, so erkennt man, dass die Strömungen von Propaganda – weit davon entfernt, sich aufzuheben, weil sie sich widersprechen – im Gegenteil zu einer wechselseitigen Verstärkung führen. Ein Boxer, der durch eine Linke groggy geschlagen wurde, kehrt nicht wieder zur Normalität zurück, indem er einen Schlag mit der Rechten erhält; er wäre sogar noch etwas mehr groggy. Im Jargon des Propagandisten spricht man von »Schockwirkung«. Es handelt sich im wahrsten Sinne um einen psychologischen Schock, den das solchem Einfluss ausgesetzte Individuum erleidet. Ein zweiter, widerstreitender Schock aber stellt es mitnichten wieder her. Es stellt sich im Gegenteil ein sekundäres Phänomen ein, das für mit Widersprüchen arbeitende Propagandaformen charakteristisch ist. Der Mensch, dessen gesamte psychische Mechanismen in Gang gesetzt wurden, um eine bestimmte Handlung herbeizuführen, wird im normalen Ablauf seines Lebens durch den zweiten Schock, der auf dieselben Mechanismen einwirkt, um jedoch eine andere Handlung zu bekommen, gestört. Ein solcher Mensch wird im Endeffekt für alles und jeden stimmen, das spielt keine Rolle. Was aber zählt, ist, dass die normalen psychischen Prozesse verfälscht werden, und dies in immer stärkerem Maße. Um das zu verhindern, bildet der Mensch natürlicherweise zwei Reaktionen aus.

Trägheit oder Engagement

1) Er flüchtet sich in Trägheit, sodass Propaganda Ablehnung erzeugen kann. Im Grunde ist es die vielfältige Propaganda gegnerischer Parteien, die so zur Enthaltung führt. Doch diese Enthaltung ist nicht die eines freien Geistes, der sich selbst behauptet, sie ist das Ergebnis von Resignation, sichtbarer Ausdruck einer ganzen Reihe von Hemmungen. Nicht dass der Einzelne entschieden hätte, sich zu enthalten, aber unter dem Druck, der von allen Seiten auf ihn ausgeübt wird, den Schocks und Verdrehungen, die er erleidet, kann er nicht mehr (selbst wenn er wollte) politisch handeln. Zudem scheint erschwerend hinzuzukommen, dass derlei Hemmung nicht nur das Politische, sondern fortschreitend das gesamte Sein betrifft und zu einer in der Regel ablehnenden Haltung führt.

Solange die politischen Debatten wenig Bedeutung besaßen und Wahlpropaganda die Wasserversorgung oder Kampagnen zur Elektrifizierung betraf, war der Fluchtreflex nicht die Regel. Doch Propaganda wird immer effektiver, je beunruhigender ihre Themen werden. Handelt es sich heutzutage um den Aufstieg von Diktatoren und das Bevorstehen eines Krieges, kommt das Individuum nicht umhin, sich angegriffen zu fühlen. Es kann nicht mit den Schultern zucken, sodass es durch die Propagandainstrumente zu dieser hemmenden Haltung geführt wird. Dergestalt erfährt die französische Bevölkerung 1950 nicht mehr umfassende Vorbereitung auf den Krieg als dem widersprechende Propaganda für den Frieden. Jene gegenläufige Propaganda wird eine passive Haltung gegenüber der Tatsache zum Ergebnis haben. Und gibt es denn eine bessere Vorbereitung für die Akzeptanz einer rechten oder linken Diktatur als die Propaganda der Organisation de l’armée secrète, die der Propaganda von antifaschistischen Gruppen und der Kommunistischen Partei Frankreichs 1962 gleicht?

Dieselbe Haltung lässt sich feststellen, wenn zwei sich widersprechende Propagandakampagnen zeitlich aufeinander folgen. Die an vielen Stellen untersuchte Skepsis der deutschen Jugend nach 1945, das große »Ohne mich!« resultieren aus dem Gegenschock einer Propaganda, die jener der Nationalsozialisten entgegengesetzt war. Ebenso verfällt die Jugend nach der ungarischen Revolution im Oktober 1956 in Nihilismus, wird gleichgültig und zieht sich auf individuelle Positionen zurück. Dies beweist nicht die Unwirksamkeit von Propaganda, sondern im Gegenteil ihre Macht, das psychische Leben tief greifend zu stören.

2) Den anderen Verteidigungsreflex bildet die Flucht ins Engagement. Ist die Vorstellung, sich politisch zu engagieren, aktuell dermaßen verbreitet, dann weil der Mensch seine Unabhängigkeit insofern nicht mehr ertragen kann, als diese nur den Austragungsort für propagandistische Maßnahmen darstellt. Außerstande, noch länger diesen gegensätzlichen Zumutungen, die die Person in ihrem Innersten treffen, Widerstand zu leisten, »engagiert sich« das Individuum, das heißt, es tritt einer Partei bei, an die es sich so komplett und stark, wie es Propaganda gewünscht hat, bindet. Fortan gibt es für den Einzelnen keine Probleme mehr. Er entgeht dem entgegengesetzten Schock anderer Propagandakampagnen. Alles, was seine Partei sagt, ist wahr und gerecht. Alles, was von anderswo herkommt, ist falsch und ungerecht. Damit ist er durch eine Propaganda gegen andere gewappnet. Die alternative Tatsache steht jedoch nicht in vollkommenem Widerspruch, sie kann bisweilen ergänzenden Charakter haben. So stellte der Conseil Français des Mouvements de Jeunesse (Französischer Rat der Jugendbewegungen) fest, dass die Jugendlichen von einer Skepsis gegenüber dem Politischen ergriffen und gleichzeitig versucht sind, nach extremen Lösungen zu suchen.

Jacques Ellul

Jacques Ellul (1912-1994), wuchs in Bordeaux auf, dort Studium der Rechtswissenschaft, das er 1936 mit der Promotion abschloss. Ellul war in der Résistance aktiv und rettete Juden vor der Deportation. 1944-1980 war er als Professor in Bordeaux tätig und bekannter Vertreter des christlichen Anarchismus. Als Autor zahlreicher und oft aufrüttelnder Werke, gilt er heute als einer der wichtigsten französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts.
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14 Kommentare

  1. Das eigentliche Problem, die Betroffenen bestreiten das es sich um Propaganda handelt, dazu kommt die exponentielle Zunahme in den letzten Jahren. Aber schön das man die Auswirkungen mal auftröselt. Dem Einsteiger kann man 1984 ans Herz legen.

  2. Dem Menschen wurde durch fortwährender schlechter Bildung und falscher Konditionierung schon die Möglichkeit genommen selbst zu denken.
    Deswegen hat die Propaganda auch so leichtes Spiel.
    Denn nur mit entsprechender Bildung und entsprechender Anleitung ist es überhaupt erst möglich, die Diskrepanzen, respektive die kognitiven Dissonanzen, die sich tagtäglich durch die herrschende Propaganda ergeben überhaupt zu reflektieren.
    Im Übrigen ist das generierte Bild auch schon wieder Manipulativ und alles Andere als neutral.

    1. „Dem Menschen wurde durch fortwährender schlechter Bildung und falscher Konditionierung schon die Möglichkeit genommen selbst zu denken. …“

      Dem kann man nur zustimmen. Wie schlimm das ist, und auch geplant, kann ich an einem konkreten Beispiel beschreiben. Es gibt die sogenannte ISO 9000, die die Qualtitätssicherung in der Produktion sichern soll – ziemlicher Quatsch, will darauf nicht näher eingehen. Der Gipfel des Ganzen ist aber, dass man diese auch den Kindergärten übergestülpt hat, man hat es zumindest versucht. Unter diesem Deckmantel hat man sogar versucht, Denunziation hoffähig zu machen, schon im Kindergarten. Und „Anpassung ist wichtiger als Intelligenz“ ist eine belegte Aussage der „Ausbilderinnen“. Und vor lauter Dokumentieren kommen die Erzieherinnen nicht mehr dazu, mit den Kindern zu arbeiten.

      So ist auch die Ausbildung der Erzieherinnen heute krottenschlecht. Die Erzieherin, von der ich das alles weiß, ist so früh wie irgend möglich in Rente gegangen, der Kindergarten war für sie unerträglich geworden. Man hat ihr tatsächlich „Verschuligung“ der Kinder vorgeworfen, weil sie ihnen Freude am Lernen vermittelt hat. „Ihre“ Kinder sind ihr dafür allerdings noch heute dankbar, die meisten haben viel erreicht. Noch Fragen?

    2. „………durch fortwährender schlechter Bildung und falscher Konditionierung schon die Möglichkeit genommen selbst zu denken.“

      Ihre Ausführungen basieren auf einer falschen Annahme.

      Die Mehrheit der Menschen will belogen werden.
      Was Otto-Normal-Bürger interessiert ist, ein Job bei dem man für wenig Arbeit viel Kohle bekommt, ein teures Auto und der nächste Wochenendefick ………….(mehr würde auch das Gehirn nicht verkraften)
      DAS ist es, woran seit 30 Jahren alles scheitert und das Land immer weiter Richtung Abgrund rutscht.

      Der kommende Krieg mit Russland wird dann hoffentlich, dem Trauerspiel, ein Ende setzten………

      1. Der „normale Mensch“ belügt sich ja bereits, wenn er „Ich“ sagt, bzw denkt.
        Aber die Normierung ist ja auch Sinn und Zweck der Normalisierung.
        Das erleichtert die Arbeit des Verwaltungsapparates enorm- denn nichts geht hier ja bekanntlich über Effizienz.

      2. Tschuldigung, aber genau das verstehe ich unter „schlechter Anleitung“ respektive „Konditionierung“ durch die vermeintlichen Autoritäten.

  3. Die Überflutung der Medienlandschaft mit KI-Bildern gehört ganz klar in die Kategorie cognitive-warfare, da sie mit der Zeit die Unterscheidungsfähigkeit zwischen „echt“ und „unecht“ zerstört ‒ und somit einen zentralen Kern erlebter Realität trifft. Das gehört also zweifelsohne auch in die Kategorie Propaganda. Dass es Overton fertig bringt, einen solchen Artikel mit einem KI-Bild zu versehen, zeigt, wie wenig man selber von dem versteht, was hier (immer seltener) in manchen sinnvollen Artikeln steht. Es ist ein Trauerspiel.

  4. Eine positive Entwicklung ergab sich im Zuge des Widerstands gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen. Dieser stand im Zusammenhang mit der dritten Lebensreformbewegung. Die zweite Lebensreformbewegung war u. a. von Herbert Gruhl initiiert. Die erste Lebensreformbewegung u. a. von Nietzsche und Rudolf Steiner.
    Bitte klicke auf „Lebensreformer“.

  5. Zitat: „Wie Propaganda zu psychischer Spaltung führt“ (Überschrift des Artikels)

    Propaganda, heute untrennbar verknüpft mit geistiger Manipulation, „führt“ nicht nur zur Spaltung.
    Ihr vorrangiger Zweck IST die Spaltung.
    Und das nicht nur der Individuen untereinander, sondern auch im Individuum selbst, indem mittels absichtlicher „Verzerrung“ die persönliche Wahrnehmung und die objektive Realität gezielt voneinander getrennt werden.

  6. Der Text von Ellul ist nicht wirklich geeignet, die Wirkung von Propaganda zu erklären. Ich weiß nicht, ob Ellul die Experimente Festingers zur Kognitiven Dissonanzreduktion schon kannte – ich denke eher nicht.
    Festingers Ergebnisse gehen weit über die „Verwirrung“ bzw. „Orientierungslosigkeit“ von Ellul hinaus und zeigen, wie man Versuchspersonen dazu bringt, eine objektiv langweilige Aufgabe als eigentlich ganz interessant einzuschätzen, oder erklären, wie es kommt, dass Versuchspersonen Handlungen begehen, die sie „eigentlich“ niemals durchführen würden (Milgram Experiment), und zwar dann, wenn der Ansager, der sie so zu handeln auffordert, eine Autoritätsperson ist.
    Solches funktioniert auch bei politischen Ansagen (Propaganda): Bei der Entscheidung zwischen zwei sich widersprechenden Positionen, wird die Dissonanz in der Regel zugunsten des sog. „stärkeren Senders“ reduziert.
    Besonders eindrucksvoll ist die Immunisierung gegen unliebsame Positionen: Ein Pfarrer, der für den Marxismus predigt, ist die beste Immunisierung gegen den Marxismus.

  7. Ich weiß nicht mehr, von wem es war, aber es gibt da ein Zitat welches Propaganda meiner Meinung nach sehr passend charakterisiert:

    „Der Zweck von Propaganda besteht nicht darin, zu überzeugen, sondern einen gleichmäßigen Trommelschlag, einen konstanten Lärm zu erzeugen, sodass jede Abweichung deutlich hervorsticht und als laute Dissonanz wahrgenommen wird.“

    Das finde ich gerade in der heutigen Zeit erschreckend zutreffend in Anbetracht der teils recht aggressiven Reaktionen, wenn man es wagt, zu einem durchpropagandisierten Thema eine abweichende Meinung zu äußern. Als wären die Leute konditioniert, auf der Stelle getriggert zu werden, sobald jemand aus der Reihe tanzt. Das ist in den letzten Jahren sehr auffällig geworden und war vor vielleicht 10 Jahren definitiv noch nicht so. Und da habe ich mich auch schon immer wieder abweichend geäußert, wenn ich anderer Meinung war.

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