Nvidia

Deutschland als Bittsteller: Tür auf für die heilige KI

Beim Berliner Investitionsgipfel wirbt der Kanzler dafür, Unternehmen und ihre Daten für KI zu öffnen. Nvidia bekommt eine zentrale Rolle, der Staat stellt Geld und Garantien bereit. Was die Technik für Beschäftigte und den Sozialstaat bedeutet, bleibt hinter den Wachstumsversprechen zurück.

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Ein Kommentar

  1. Bei der KI-Debatte stellen wir aus meiner Sicht die falsche Frage. Im Artikel geht es um Nvidia, staatliche Garantien, Abhängigkeiten und Profite. Berechtigt. Aber davor steht für mich eine grundsätzlichere Frage: Wer darf die neuen Werkzeuge überhaupt frei benutzen? Für mich ist KI vor allem eines: die Druckerpresse unserer Zeit. Und wer heute unter dem Schlagwort „KI-Sicherheit“ den Zugang zu bestimmten Fähigkeiten und Informationen sperren will, sollte sich einmal ansehen, was man früher mit Druckerpressen gemacht hat.

    Damals ging es nicht nur darum, einzelne Bücher zu verbieten. Man kontrollierte den Druck selbst. In England führte das Parlament 1643 eine Genehmigungspflicht für Veröffentlichungen ein. John Milton antwortete 1644 mit seiner „Areopagitica“, einer Streitschrift gegen die Vorzensur. Es ging ihm um das Recht, ohne vorherige Erlaubnis zu drucken und zu streiten. Genau diesen Punkt übersehen wir heute: Ein KI-System ist nicht bloß ein Regal voller fertiger Antworten. Es ist ein Werkzeug, mit dem ich Wissen prüfen, verbinden und neue Texte oder Lösungen erarbeiten kann. Wer dieses Werkzeug inhaltlich sperrt, greift schon ein, bevor das Manuskript überhaupt entstanden ist. Früher stand der Zensor vor der Druckerei. Heute kann er gewissermaßen direkt in der Druckerpresse sitzen.

    Auch philosophisch ist das nichts Neues. Kant beschrieb 1784 in „Was ist Aufklärung?“ die Vormünder, die Menschen erst an selbstständigem Denken hindern und ihnen anschließend erklären, wie gefährlich es sei, auf eigenen Beinen zu stehen. Er schrieb: „Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.“ Mary Wollstonecraft zeigte 1792 in „A Vindication of the Rights of Woman“, wie verweigerte Bildung Menschen abhängig hält und die Folgen später als angebliche Unfähigkeit ausgelegt werden. Ob ich einer Frau das Lesen nicht beibringe, einem Bürger die Druckerpresse verwehre oder heute bestimmte KI-Fähigkeiten sperre: Das Medium wechselt. Der Anspruch, über den geistigen Handlungsspielraum anderer zu bestimmen, bleibt.

    Mich ärgert dieses ständige Gerede von der „Bedrohung durch KI“. Natürlich können Werkzeuge missbraucht werden, auch Druckerpressen konnten Lügen vervielfältigen. Ebenso können KI-Systeme beim Angriff auf Software helfen. Sie können aber auch Fehler entdecken, die jahrzehntelang unentdeckt in Software steckten und möglicherweise längst von spezialisierten Angreifern ausgenutzt wurden. Die Gefahr entsteht nicht erst dadurch, dass die Allgemeinheit davon erfährt. Wieso soll deshalb jeder, der dieses Werkzeug benutzt, unter Generalverdacht stehen? John Stuart Mill erklärte in „On Liberty“ (1859), warum niemand die eigene Gewissheit zum Maßstab dessen machen darf, was andere diskutieren können. Und die moderne Sicherheitsforschung hat für die politische Seite sogar einen Namen: „Versicherheitlichung“. Ole Wæver und die Kopenhagener Schule beschreiben, wie ein Thema zur existenziellen Gefahr erklärt werden kann, um außergewöhnliche Eingriffe als notwendig erscheinen zu lassen. Man muss keine geheimen Motive unterstellen, um zu sehen, was passiert, wenn aus Warnungen politische Forderungen nach Zugangssperren werden.

    Und dann kommt der Punkt, der mir fast noch wichtiger ist: die Asymmetrie. Stellen wir uns vor, Behörden, Geheimdienste und große Unternehmen können die leistungsfähigsten KI-Systeme mit allen Möglichkeiten einsetzen, während der gewöhnliche Bürger nur die entschärfte, gefilterte Fassung bekommt. Dann wächst nicht nur die Wissens-, sondern auch die Machtlücke. Oben kann man Daten auswerten, planen und überwachen. Unten darf man womöglich gerade die Fragen nicht stellen, mit denen man diese Macht kontrollieren könnte. Der Philosoph Philip Pettit nennt Freiheit nicht einfach die Abwesenheit eines aktuellen Eingriffs, sondern Freiheit von willkürlicher Beherrschung. Schon die Möglichkeit, nach Gutdünken über meine Handlungsspielräume zu verfügen, ist ein Machtproblem. Bei KI betrifft das nicht nur das, was ich tue, sondern auch das, was ich herausfinden kann.

    Deshalb finde ich auch die Frage nach den öffentlichen Milliarden und der Abhängigkeit von Nvidia so wichtig. Wenn Staat und Wirtschaft diese Infrastruktur ausbauen, darf nicht eine kleine Gruppe die besten Druckerpressen besitzen, während der Rest gesagt bekommt, welche Seiten er drucken darf. Ich will keine staatliche oder private Wissensaufsicht, die mir erklärt, welche Erkenntnisse für mich zu gefährlich sind. Die Freiheit des Geistes braucht keinen Vormund. Wer wirklich über KI und Demokratie sprechen will, sollte nicht nur fragen, wer daran verdient. Er sollte fragen, wer Zugang bekommt, wer Ausnahmen erhält und wer sich anmaßt, die Grenzen für alle anderen festzulegen.

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