Genozid in der Bibel?

Israels Landnahme um 1200 vor der Zeitrechnung soll durch Ausrottung der vorherigen Bewohnerschaft erfolgt sein – doch solche Fiktionen haben Bibelautoren erst Jahrhunderte später ersonnen.

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Ein Kommentar

  1. Schwieriges Thema.
    Ja, warum hat man im Zuge von inhaltlichen Revisionen diese üblen Passagen nicht entfernt?
    Vermutlich deshalb, weil bis in die frühe Neuzeit hinein niemand daran Anstoß nahm.
    Okay, Marcion nahm Anstoß.

    Wie der Autor schon sagt: Die Bibel ist in Wahrheit nicht EIN Buch, sondern eine ganze Bibliothek. Sie ist eben gerade nicht ein Buch aus einem Guss – sie unterscheidet sich insofern stark vom Koran – sondern eine bisweilen seltsam und fast schon willkürlich anmutende Zusammenstellung verschiedenster Texte, die sich auch teils widersprechen und auf unterschiedlichsten geistigen Entwicklungsstufen der Menschheit stehen.
    Hinzu kommt, dass gar nicht der Anspruch erhoben wird, dass alle Autoren der Bibel in stärkerem Maße göttlich inspiriert gewesen seien.

    Man sollte auch nicht annehmen, dass die im AT geschilderte oder zumindest befürwortete Handlungsweise gegenüber unterlegenen Gegnern damals etwas krass Abweichendes oder gar Einmaliges bzw. spezifisch Jüdisches gewesen sei. Der Autor erwähnt daher auch ganz richtig die Orientierung an der Praxis der Assyrer. Noch zu Zeiten der späten Mongolen – etwa unter Timur Lenk – war es doch in bestimmten Gebieten üblich, die besiegten Gegner über die Klinge springen zu lassen. Da konnte schon froh sein, wer bloß zum Sklaven wurde.

    Wir haben es also keineswegs mit einer besonderen jüdischen Praxis zu tun, sondern lediglich mit dem Umstand, dass eine üble Praxis, die vor 3000 oder 4000 Jahren aber allgemein verbreitet war, durch ihre Erwähnung in den Geschichtsbüchern der Bibel bis heute bekannt bleibt. Die ganz ähnlich üble Praxis der nichtjüdischen Moabiter, Mongolen, Ägypter, Assyrer usw. usf. ist hingegen längst vergessen, da es nicht in vergleichbarem Maße aufgeschrieben wurde. Auch die Römer haben sich in Gallien oder Karthago nicht als ethische Größe gezeigt und die Athener gegenüber der griechischen Insel Melos bekanntlich auch nicht.

    Wenn es in diesen Büchern überhaupt eine größere Schnittmenge gibt, dann besteht sie im Suchen nach dem herbeigesehnten und oftmals fernen Gott.

    Es spiegelt sich in diesen Büchern auf fast 2000 Seiten ein langer Prozess geistigen Wachsens, geistiger Entwicklung und Reifung und geistiger Auseinandersetzung: von archaisch-gewaltsamen Anfängen und Geschichtserzählungen sowie aufgeschriebenen mündlichen Überlieferungen aus noch älterer Zeit bis hin zu ethisch weitaus höher stehenden Konzepten. Nur so kann und sollte man sie lesen und deuten.
    Übrigens finden sich auch schon in einigen Spätschriften des Alten Testaments – etwa im Buch Jesus Sirach – höherstehende Gedanken, die etwas ans Neue Testament erinnern.

    Von daher wäre es dann aber verkehrt, das heutige Judentum mit dem Denken im Buch Deuteronomium in Verbindung bringen zu wollen – von einigen Extremisten und Ultraorthodoxen vielleicht mal abgesehen.

    Übrigens gibt es in diesen bewussten alten Passagen – besonders im Rahmen der Gesetzgebung und der verordneten Strafen – auch vieles, was dann in den Koran übernommen wurde.
    Anders gesagt: Was unterscheidet das religiös orthodoxe Makkabäerreich der jüdischen Spätzeit um 150 v.Chr. eigentlich vom sog. „Islamischen Staat“ (IS) um 2015 in Syrien??

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