Deutschland - Curacao, WM 2026

„Debakel von Boston“?

Nach dem WM-Aus für Deutschland dachte man schon, dieser patriotische Zirkus sei vorüber. Dabei fing er da erst an, bierernst zu werden. Wenigstens für ein paar Tage.

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12 Kommentare

  1. Ein ganzer Roman darüber, dass angeblich irgendwer der Fußball-WM zu viel Bedeutung beimisst, erscheint mir ein wenig selbstwidersprüchlich.

  2. Also, manchmal macht mir „der Deutsche“ richtig Spaß!
    Da ist mal wieder was, worüber man sich so richtig aufregen kann.
    Der öffentliche Debattenraum lässt klar den Eindruck entstehen, das das wichtigste Amt für einen Großteil „der Deutschen“ nicht das des Bundeskanzlers, sondern des Bundestrainers der Fußballnationalmannschaft ist, die Nationalmannschaft der Männer wohlgemerkt!
    Panem et circenses haben die alten Römer schon gewusst.
    Hier allerdings gewinne ich den Eindruck, das die Regierung versucht, durch immer mehr circenses vom immer weniger werdenden panem abzulenken.
    Aber das man sich mal Gedanken über die wahren Ursache seiner Misere macht, nun, ich bin mir sehr sicher, das ich das nicht mehr erleben werde.

  3. Insgesamt hast du ja mit vielem Recht, Georg. Aber der erste Kommentator hatte ebenfalls einen Punkt: Warum zwanzig Minuten damit verbringen, den Irrtum anderer zu katalogisieren? Geht lieber raus und spielt Fußball!

    Denn ob man das Spektakel feiert oder zerredet – man kann sich gleichermaßen darin verlieren. Leute, ihr nennt euch freie Menschen. Aber wenn ein Plastikball einen Aluminiumpfosten auf der falschen Seite passiert, ist euer Sonntag ruiniert. Ernsthaft?

    Und diese Identifikation mit einem übergeordneten »Wir«? Habt ihr letzten Montag einen Pass gespielt? Habt ihr mittrainiert? Standet ihr in Boston auf dem Rasen? Nein? Warum sprecht ihr dann von »wir«?

    Natürlich verstehe ich, dass Menschen dazugehören und gemeinsam etwas feiern wollen. Daran ist nichts auszusetzen. Aber verwechselt ein Spiel nicht mit eurem Leben.

    Wenn jemand behauptet, das Elfmeterschießen spiegele den Zustand Deutschlands wider, bleibt eigentlich nur ein schlichtes: Nein. Es spiegelt höchstens den Zustand der Fantasie dessen wider, der so etwas schreibt. Wären die Renten sicher gewesen, wenn Deutschland Paraguay 5:0 geschlagen hätte? Wäre der Klimawandel verschwunden? Würde ein Drittel des Bundeshaushalts plötzlich nicht mehr in Waffen fließen? Natürlich nicht. Menschen erzählen gern große Geschichten, weil sie Unsicherheit schlecht aushalten.

    Besonders hübsch ist das deutsche Verliererzipperlein. Das Fachblatt „Kicker“ über sich nach dem Achtelfinale im Nachtreten:

    „Mit Respekt und Sportsgeist hat das nichts zu tun – Dass Paraguay gegen die Franzosen sportlich klar unterlegen ist, war klar. Was der Außenseiter allerdings für Mittel wählte, ist einer Weltmeisterschaft nicht würdig.“

    Als wäre Fußball je ein höflicher Debattierclub gewesen! Fußball ist ein Wettkampf. Fußball ist unerquicklich einfach: Einer gewinnt, einer verliert. Und wer gewinnen will, kämpft mit den Mitteln, die das Regelwerk zulässt.

    Der französische Torschütze brachte das nüchterner auf den Punkt:

    „Jeder kämpft mit seinen Waffen, es gibt keine gute oder schlechte Art, um Fußball zu spielen (…) Wenn wir uns die Hände schmutzig machen müssen, machen wir uns die Hände schmutzig. Damit haben wir kein Problem.“

    Das ist bemerkenswert frei von Moralismus und Selbstmitleid.

    Der deutsche Sportjournalismus klingt dagegen oft wie ein Kind, das sich darüber beschwert, dass die anderen beim Fangen zu schnell gelaufen sind. Wirklich schade! Aber bei dieser Weltmeisterschaft spielte – anders als in der Geopolitik – einfach niemand mit, der den Deutschen die »Drecksarbeit« abnahm.

    Ach, was soll man zu dem Ganzen noch schreiben? Man kann eigentlich nur lachen. Menschen, die sich „erwachsen“ nennen, leiten aus einem Ballspiel den Zustand einer Nation, den Charakter eines Volkes oder gar den Sinn ihres Sonntags ab. Leute, das Tor steht in der Mitte. Der Ball ist rund. Zweiundzwanzig Menschen laufen ihm hinterher. Danach setzen sich andere an den Laptop und erklären, was das alles über Deutschland, den Westen und den Lauf der Welt verraten soll.

    Hundertzwanzig Minuten Fußball. Drei Tage nationale Selbstdeutung. Das eigentliche Schauspiel beginnt erst nach dem Schlusspfiff!

    1. Yepp, ob im Beruf oder in der Politik, häufig sehe ich Leute an den Schaltstellen sitzen, die für solche Positionen charakterlich (und oft auch fachlich) einfach nicht geeignet sind. Krankhaftes Misstrauen, infantiler Trotz und bodenlose Borniertheit richten dieses Land zugrunde, nicht eine missglückte WM-Teilnahme. Ersatzschuldige sind ja so leicht benannt, so dass asoziale Aussagen „wie Schluss mit sozialer Gerechtigkeit und Gewerkschaftsgewäsch, wir wollen nur noch Erfolg“ den wirklichen VersagerInnen gerade recht kommen.

  4. Kapitalismus halt nichts weiter.

    Mein Essay von 2012 gilt noch immer.

    Ich bin der Meinung, dass diese Fußballverrückten, die es seit Dekaden durch die breite Masse jeglicher Couleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen.
    Hier geht es um eine Form der “Solidarisierung mit dem Deutschen Volk”, die mit der Realität leider nichts mehr zu tun hat.
    Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg.
    Die völlig korrupte FIFA, die Trainer, Manager und sonstigen Sponsoren, erfüllen alles andere als eine Vorbildfunktion in dieser Gesellschaft.
    Es vergeht kaum ein Tag da Fußball, das Zugpferd im Sport des kapitalistischen Betriebs nicht ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks von sich reden macht.
    Um dann solchen Leuten auch noch ein Bundesverdienstkreuz zu verpassen. (Sepp Blatter). Auch ein Herr Hoeneß ist eben kein Vorbild in unserer neoliberalistischen Gesellschaft, war aber auch nicht wirklich anders zu erwarten.
    Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz-Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert.

    Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000″ Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”. Das sollte euch zu denken geben….

    Panem et circenses.

    1. Dafür das du dem Fussball nichts abgewinnen kannst, zuweilen nicht mal den Vergleich mit gewissen Spielen im Römischen Reich scheust, bist du mit deinen Kommentaren zu einem Thema, welches dich angeblich gar nicht tangiert, doch sehr regelmässig mit den ewigen Wiederholungen dabei…

      Wofür bist du eigentlich? Wogegen, nämlich fast allemim, ist ja nun mehr als hinreichend bekannt.

      1. Ja, weil nämlich die gesamte westliche Erzählung eine Lüge ist und ich seit 1974 nach völlig anderen Prämissen lebe als du dir so vorstellen kannst.
        Allein schon rein aus meinem ethischen Verständnis und meinem Gerechtigkeitssinn heraus.
        Mich haben gesellschaftspolitische Dinge immer schon bewogen, Widerstand zu leisten und Fußball ist nun mal der Spiegel der Gesellschaft schlechthin.

    2. Dafür das du dem Fussball nichts abgewinnen kannst, zuweilen nicht mal den Vergleich mit gewissen Spielen im Römischen Reich scheust, bist du mit deinen Kommentaren zu einem Thema, welches dich angeblich gar nicht tangiert, doch sehr regelmässig mit den ewigen Wiederholungen dabei…

      Wofür bist du eigentlich? Wogegen, nämlich fast allem, ist ja nun mehr als hinreichend bekannt.

  5. Zitat:“ Mal wohlwollend gefragt: Ist der hier versammelte Galimatias, der dann noch die ‚Lusche‘ Nagelsmann mit der ‚Niete‘ Merz gleichsetzt und konstruktiv beider Rücktritt vorschlägt, nicht seinerseits peinlich bzw. zum Lachen? Jedenfalls intellektuell gesehen.“

    Kienzle: Was für ein Wort?
    Hauser: Welches Wort meinen Sie denn, lieber Kienzle?
    Kienzle: Werter Hauser, welches Wort könnte das denn sein?
    Hauser: Etwa Galimatias?
    Kienzle: Nein Hauser, das meine ich nicht. Ich meine das Wort „intellektuell“.

    Das ist ein Wort aus längst vergangenen Tagen, aus den Zeiten der Dichter und Denker, aus den Zeiten von Marcel Reich-Ranicki: „Ich nehme diesen Preis nicht an. […] Ich gehöre nicht in diese Reihe.“ oder ein Heinrich Böll, ein Herrmann Hesse, ein Georg Bernhard, ein Aldous Huxley, ein Heinrich Mann (mit seiner genialen Charakterstudie „Der Untertan“ als den typisch Deutschen), ein Sigmund Freud, ein Friedrich Schiller, ein Erich Kästner, ein Theodor Adorno, ein Wolfgang Borchert, ein Erich Mühsam, ein Berthold Brecht, ein Karl Marx, eine Simone de Beauvoir, ein Carl Zuckmayer, ein Jean-Paul Sartre, ein Gerhart Hauptmann, ein Hans Fallada, ein Immanuel Kant, ein Theodor Lessing, ein George Orwell, ein Erich Maria Remarque, ein Kurt Tucholsky, ein Naom Chomsky, ein John Rawls, ein Arno Gruen, eine Hannah Arendt oder einen Carl von Ossietzky (am 4. Mai 1938 verstorben im Krankenhaus Nordend an den Folgen der schweren Misshandlungen durch die SS und einer verschleppten TBC). Wer kennt sie nicht diese Namen und ihre großen Werke?

    Hauser: Ich bin mir sicher, wenn man auf dem Münchner Marienplatz 1.000 Deutsche fragen würde, man würde wahrscheinlich nicht einmal 10 finden, die mit diesen Namen und dem Begriff „intellektuell“ etwas anfangen können.

    Kienzle: Es gibt zwar keine feststehende Definition des Begriffs. Man könnte aber so sagen: Intellektuelle sind Dichter und Denker, die über gesellschaftliche und soziale Probleme nachdenken, um zu Lösungen zu gelangen, die für alle Bürgerinnen und Bürger vorteilhaft sind, und das auch künstlerisch vermitteln können. Das muss nicht immer literarisch sein.

    Intellektuelle gibt es daher nicht nur unter den Schriftstellern, sondern auch bei den Musikern, den Malern und den Filmemachern. Charles („Charlie“) Chaplin gehört sicherlich dazu und auch Stanley Kubrick mit seinem Film „Wege zum Ruhm“ (im Original: Paths of Glory) war sicherlich ein Inellektueller. Der Musiker Roger Waters ist in diesem Sinne ein Intellektueller. Auch die Kabarettisten Dieter Hildebrandt, Volker Pipers, Georg Schramm und der Liedermacher Reinhard Mey gehören zweifelsfrei dazu.

    Daher darf man den Begriff „intellektuell“ auch nie mit „intelligent“ verwechseln. Der Propaganda-Minister des Dritten Reiches, Joseph Goebbels, war sicher ein gebildeter und extrem intelligenter Mensch. Aber er war sicherlich kein Intellektueller im Sinne der obenstehenden Definition, denn von seinen „Lösungsvorschlägen“ haben eben nicht alle Menschen profitiert. Millionen Menschen haben diese „Lösungen“ und „Endlösungen“ das Leben gekostet.

    Hauser: Dann wäre auch der Herr Sloterdijk kein Intellektueller, wenn er für die „Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit“ plädiert.“ Das ist elitärer Libertarismus und elitärer Libertarismus führt sicherlich nicht zu Freiheit und Wohlstand für alle Bürgerinnen/Bürger. Das wäre dann kein moderner Sozialstaat, das wäre dann ein Philantropenstaat aus dem späten Mittelalter, wenn die Reichen und Superreichen den Armen das geben, wozu sie gerade Lust haben und wenn die Reichen und Superreichen aka „Leistungsträger“ keine Lust dazu haben, weil die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verloren hat, dann bekommen die Armen eben nichts oder sie kommen ins Armenhaus wie im Feudalstaat. Soweit denkt Herr Sloterdijk aber ganz offenkundig nicht.

    Noch Fragen Kienzle: Ja Hauser: Wo sind die Intellektuellen heute? Heute wird in Deutschland zu viel gedichtet und zu wenig nachgedacht. Das hat schon 1933 Deutschland in die Barbarei geführt.

  6. Dem Aufruf, sich freiwillig zum Wehrdienst zu melden, folgten von 300’000 angeschriebenen jungen Deutschen gerade mal 530. Welch riesige Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage, ganz egal, wen man als Anbieter und wen als Nachfrager definiert! Freilich war’s kein demokratisches Plebiszit, wie es z.B. die Schweiz gelegentlich veranstaltet, sonst wäre nun die viel diskutierte Wehrdienst-Pflicht einfach vom Tisch. So aber können deren Befürworter unverzüglich zu gesetzlichen Zwangsmassnahmen schreiten – aber bevor sie das tun, hier ein Vorschlag, es noch einmal im Guten zu versuchen:
    Ihr Wehrdienst-Begeisterten in Politik und Medien! Gerade jetzt, wo die deutschen National-Fussballer bei der WM schon wieder ausgeschieden sind, wird sich die Jugend leicht für neue National-Helden begeistern lassen. Macht Euch also selbst zu den neuen, aktiven Vorbildern und meldet Euch freiwillig an die ukrainisch-russische Front, wie seinerzeit, in den 1930er Jahren, die berühmten freiwilligen internationalen Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg. Und lasst es ja nicht dabei bewenden, nein: Nutzt Eure geballte Medien-Macht in Print, TV und Online und berichtet Live von den tollen, aufregenden Abenteuern, die Ihr da erleben dürft! Übertragt Eure Heldentaten direkt von der Front, in Dauerschleife, mit Slow-Mo-Nahaufnahmen, bis ins Letzte beleuchtet und kommentiert, ganz wie bei der WM! Da wird der deutsche Nachwuchs Euch bestimmt nacheifern wollen, als wär’s auf dem grünen Rasen!

  7. Die Krönung des Ganzen war ja wohl dieser Poschart: „Schluss mit sozialer Gerechtigkeit und Gewerkschaftsgewäsch, wir wollen nur noch Erfolg.“ Es ist, als ob die Reaktionäre in diesem Land nur auf die Niederlage gewartet hätten. Da können sie mal richtig die Sau rauslassen. Wo man andernorts argumentieren müsste. Wobei Atomkraftwerke und Verbrennerautos nicht fehlen dürfen.
    „Deutschland ist nur dann akzeptabel und liebenswert, wenn es Erfolg hat“. Die Nachbarn werden dann wieder das Bild aus der Schublade holen müssen, das sie nach dem Krieg von den Deutschen hatten. Es sei dies das eigentlich Richtige gewesen, werden sie feststellen.
    Einmal hat ein konkret-Autor berichtet, er sei im Ausland gewesen und hätte sich dort schlecht benommen. Um den guten Eindruck, den durchreisende 68-er hinterlassen hatten, zu konterkarieren. Der ist inzwischen so etwas wie ein Prophet.

  8. Boston ja, das war wirklich mal ein Debakel! Bostoner Teaparty 2.0…
    Die Paraguayos sind dank Mbappés genialem Elfmeter jetzt zwar auch ausgeschieden, aber der neue Nationalfeiertag (29. Juni, Sieg über Deutschland) steht in dem südamerikanischen Land.

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