Musik und Antifaschismus

Wie ist die Beziehung zwischen beiden Kategorien zu verstehen?

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2 Kommentare

  1. Selbstredend kann Musik „antifaschistisch“ sein. Musik kann aber auch totalitär, rassistisch, nationalistisch, menschenverachtend und faschistisch sein wie das bekannte Horst-Wessel-Lied („Die Fahne hoch“) aus dem Jahr 1929.

    Der 2007 verstorbene österreichische Liedermacher Georg Danzer schrieb dazu 1980 ein Lied, weil die Faschisten niemals aussterben. 1980 gab es noch keine AfD und die Frontfrau der blauen AfD war gerade einmal ein Jahr alt. Der „Ehrenvorsitzende“ der AfD, also der Mann, der die Zeit von 1933 bis 1945 und das faschistische Terror-Regime des Dritten Reiches inklusive Holocaust, Euthanasie, den vielen konzentrierten Lagern und den Leichenbergen des Zweiten Weltkrieges einmal als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnete, war damals aber schon 40, also im besten Mannesalter, wie man so schön sagt.

    Der oide Wessely aus dem Album „Traurig aber wahr“ von Georg Danzer (1980):

    Wann der oide Wessely im Wirtshaus sitzt
    Redt er gern von der Vergangenheit
    Nur dass des für eam no ned vergangen is
    Weil er träumt von einer neuen Zeit

    „Ja, i sag′s Euch“ sagt der oide Wessely
    „Damals unterm Hitler war’s scho guat!
    Heut, wann der noch lebn tät, gebert′s sowas ned
    Mit der ganzen Terroristenbruat“

    Seine Feund, die ruafn „Bravo Wessely“
    Und bestölln a neuche Runde Bier
    Und die blade Wirtin setzt si a dazua
    Und sie haut si auf die fettn Knia
    Weu da Wessely grad Judenwitz erzöhd
    Und weu des fuachtbar lustig is
    Sagt die blade Wirtin mit ganz feuchte Augn
    „Gratuliere, gratuliere, Herr Wessely
    Kana kann so Judenwitz erzöhln wie Sie!“

    Und es gibt no immer so fü Wesselys
    Und ihr Mief verstinkt die ganze Wöd
    Und die bladn Wirtin sterbn a ned aus
    Gratuliere, gratuliere, Herr Wessely
    Kana hat die Jugend so versaut wie Sie!

  2. Lieber Moshe Zuckermann,
    aus Ihrem Text lese ich den Schmerz, die Angst, die Verzweiflung heraus, die wir angesichts der aktuellen Situation in der Welt und ganz besonders Sie in Israel empfinden müssen. Und ich weiß Ihr Nachdenken zu schätzen, auch weil Sie mein eigenes anregen.
    Ich möchte zu Beginn daran erinnern, dass unter den Insassen in Bergen-Belsen Menschen lebten, die gebildet genug waren, um für Ihre Mithäftlinge Vorlesungen über Philosophie und auch Musikaufführungen zu geben. Dies geschah aus einem inneren Bedürfnis heraus, um sich und den Mithäftlingen zu zeigen, dass sie Menschen waren, einer humanistischen Überzeugung verpflichtet.
    Nun sind wir noch nicht dort angekommen, sicherlich, aber – gerade weil Ihren Texten hier im Forum immer wieder Leute mit Unverständnis begegnen – will ich betonen, dass, wenn Sie als in Israel Lebender über Kunst nachdenken und schreiben, zumindest mich allsamstäglich aus dem Alltag in ein deutlich höheres Nachdenkniveau mitnehmen. Dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken.

    Das ist aber gerade das Thema Ihres Artikels: Ob Musik geeignet sei, der Barbarei etwas entgegenzusetzen und ob die Barbaren, indem sie Musik für ihre Zwecke einsetzen (Beethoven, Wagner), das humanistische Credo der Musik zerstören. Wie Sie nach einigen meiner Kommentare wissen, stehe ich Adornos Philosophie eher skeptisch, seiner Gesellschaftstheorie von der Dialektik der Aufklärung sogar ablehnend gegenüber. Was Musik betrifft, war er jedoch zweifellos ein Fachmann, auf dessen Urteil man etwas geben sollte, ähnlich wie übrigens auf das des Kommunisten und Komponisten Hans Eisler.

    Ich verstehe es so: In der Schönheit eines Musikstücks, einer Melodie lag im bürgerlichen Zeitalter das Versprechen einer glücklichen Zukunft; die Auflösung der Tonalität entspricht dagegen historisch dem Untergang der Hoffnung, dass dieses Versprechen eingelöst werde und dem Verrat an den behaupteten Zielen des Bürgertums. Ein Verrat, der schließlich im Faschismus endete, mit dem diese Klasse ihren eigenen Untergang in dem Glauben besiegelte, ihr durch kommunistische Widersacher bedrohtes Eigentum nur durch ein mörderisches, inhumanes Nazigesindel sichern zu können.

    Ist erst einmal der humanistische Kern der Kunst zerstört, wird aus der großen Musik der Klassik Programmmusik. Der Gegensatz, den Sie skizzieren, löste sich also nach meinem Verständnis auf, wenn man den historischen Zusammenhang einbezieht.

    Trotzdem bleibt das genannte Versprechen erhalten. Auch im politisch motivierten Lied (die Marseillaise) wird es noch immer vermittelt:
    „Aux armes, citoyens, formez les bataillons…“
    Nicht umsonst wollte die französische woke Bewegung die Gewalt in der Nationalhymne wegbügeln. Es war ihnen peinlich.
    Da ein Kommentar nicht allzu lang sein sollte, abschließend mein Fazit: Musik kann heute nicht mehr „schön“ sein, wie noch im 19. Jahrhundert, weil sie ihren historischen Bezugspunkt verlor. Sie muss aber die technischen Mittel bewahren und für den verloren gegangenen Zweck einsetzen.
    So, wie es Theodorakis und gewiss auch Schostakowitsch getan haben.

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