Holocaust Mahnmal, Berlin

»Wenn es Erinnerungsorte gibt, muss es auch Orte des Vergessens geben«

Deutschland erinnert sich wie kaum ein anderes Land an die eigene Vergangenheit – und rüstet sich zugleich wieder für den Krieg.

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6 Kommentare

  1. Interessant und wichtig. Tatsächlich liegt es der Tiefenpsychologie nicht nur daran, Vergangenes hervor zu holen und aufzudecken, sondern dieses zu verarbeiten, zu verinnerlichen/zu integrieren, sich selbst und anderen zu vergeben und wieder in eine gewisse Versenkung gleiten zu lassen. Anders als es beispielsweise in Israel geschieht, dessen Jugendliche mit ihren Reisen nach Auschwitz und der Reinszenierung der Verfolgung immer neu traumatisiert werden sollen.
    Bei den Völkern der ehemaligen Sowjetunion ist das offensichtlich anders, denn aus eigenem Erleben und Berichten ist bekannt, wie unglaublich vergebungsbereit und offen die Menschen sind bzw. angesichts der jetzigen Situation WAREN.

    Von anderen südamerikanischen Indigenen, den Kogi, habe ich mal gehört, dass sie bei einem Besuch in einem KZ zutiefst bewegt, aber eben auch ebenso entsetzt waren über diese Art der Erinnerungskultur, die ihrem spirituellen Weltbild nach eher das Fortbestehen dieses Wahnsinns befördert als ihn zu verhindern. Und wie man an Israel/Palästina und im speziellen D und Russland sieht, genau so ist es.

    Ich denke bei dem, was Strasburger sagt, auch an die verdienstvolle Arbeit von Dan Bar-On, dem israelischen Psychologen deutscher Herkunft, der Nachkommen aus Täterfamilien mit denen von Opferfamilien in Gesprächsgruppen zusammenbrachte, was sehr heilsam für beide Seiten war und in Israel auch solche Gruppen von jüdisch-israelischen Studenten mit palästinensischen Studenten gründete, was aber offenbar doch schwieriger war wegen des andauernden Zustands absoluter Asymmetrie zwischen beiden Gruppen.

      1. Noch eine Ergänzung: Vielleicht liegt diese im weitesten Sinne ‚russische‘ Bereitschaft zu vergeben tatsächlich auch an der trotz Sowjetkommunismus unterirdisch sehr verbreiteten tiefen Spiritualität.

  2. Erinnerungskultur reduziert zu einem selbstversicherndes Ritual. Und Rituale sind Beschäftigungen, die des Denkens nicht bedürfen und irgendwann nur noch Mummenschanz produzieren.

    Weiterhin ist Erinnerung wohl kein Muskel, der stärker wird, je öfter er kontrahieren wird. Wie auch das ganze Hirn nicht, denn es kommt nicht nur darauf an, etwas (wieder) zu (er) kennen, es sollte auch gewusst werden, wie etwas anzuwenden ist. Doch wer das ausgeübte Ritual als bereits Anwendung bezeichnet, ist irgendwo angekommen, doch nicht in der Gegenwart, nicht in der Zukunft, aber hierzulande in einem Krieg – und bemerkt es nicht.

    Von daher ist es absolut richtig zu konstatieren, dass es nicht nur Hinweise auf ein

    Totalversagen der Erinnerungskultur in Deutschland

    gibt, sonder dass dies eine Tatsache ist. (Ist das auch ein Preis der Konkurrenzgesellschaft? Wo es „Erfolg“ gibt, muss es auch „Versagen“ geben?)

    Zur »Eutopie«:
    Schönes Konzept, doch wie soll das funktionieren, wenn die Menschen derart zugeneigt sind, dass sich nicht einmal über die Frage »Was ist genau passiert?« geeinigt werden kann, weil jedes hergezeigte allwissende Endgerät etwas anderes „weiß“ bzw. „sagt“?

    Sehr gut gefallen hat mir das hier, wenn ein Maya-Nachkommen sagt:

    »Wir haben uns nicht auf dieses Ereignis reduzieren lassen. Wir sind keine Opfer geworden. Unsere Kultur wurde nicht vernichtet. Wir leben.« Er sagte noch etwas anderes: »Auch dieses Ereignis ist ein Teil von uns geworden. Es ist mitverantwortlich dafür, wer wir heute sind. Man kann sich zwar bei Gelegenheit daran erinnern…

    Gerade aus dem Wissen heraus, dass das Wissen über die Geschichte sich verändert, weil immer etwas hinzukommt, dass vorher unberücksichtigt oder unbekannt war, erscheint mir das irgendwie gesund, weil ungezwungen.

    Bemerkenswertes Interview, soweit.

    PS: Als Wiederholung, denn es wurde schon öfter erwähnt, dass Kognitionswissenschaftler das Vergessen als die größte Leistung des Gehirns ansehen. Freilich ist hier eine andere Größenordnung gemeint.

    PS2: Wahrscheinlich unnötig, aber es sei gesagt, dass „Vergessen“ und „verändernde Geschichte“ nichts mit Geschichtsklitterung zu tun hat.

  3. Die deutsche Erinnerungskultur wäre „dysfunktional“ ?

    Bittschen, was ist im heutigen Deutsch land nicht dysfunktional ? ? Sogar das Volksbad von und zu Lilienthal vor der Volksbühne in Berlin musste wegen ka-putter Duschen gesperrt werden.

  4. Das einzige, was Deutsche können, ist mit dem Finger auf andere zu zeigen. So lief und läuft dann auch die „Vergangenheitsbewältigung“ ab:

    Solange es noch echte Nazis gab, war davon nämlich nicht viel zu sehen.
    Man hätte ja möglicher Weise sich selbst anklagen müssen.

    Dafür nimmt die Aufarbeitung immer mehr Fahrt auf, je länger die Nazizeit zurückliegt.
    Man kann ja wieder so schön auf Andere zeigen, diesmal auf „Oma“ und „Opa“. Oder den „Nazionkel“.
    Die sind ja alle schon tot.

    Das gleiche Spielchen läuft übrigens mit der „Aufarbeitung“ der Schwulenverfolgung im Adenauerstaat ab.
    Da leben dummerweise viele Staatsverbrecher noch, weil das bis in die 1990er lief.
    Deshalb: Anklagen gegen Polizisten, Staatsanwälte oder Richter, die Schwule verfolgt haben: Fehlanzeige.
    Wartet aber mal noch 40 Jahre…

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