Bückbürgertum

Flexible Menschen, funktionierende Bürger: der Terror der Anpassung

Und gerade das Land regieren. Eine Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe von 1945 bis 2026. Ein wüster Ritt durch die bürgerlichen Abgründe aus Angst, Feigheit und kulturellem Unvermögen - und was weiße Turnschuhe, E-Autos und die FAZ damit zu tun haben.

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10 Kommentare

  1. Eine herausragende Eigenschaft dieser Plastiktüten wäre zu ergänzen. Das Zeug müffelt elendig. Morgens auf dem Weg ins Büro noch erträglich – sofern frisch vom Kleiderregal. Auf dem abendlichen Rückweg stinkt es dagegen bestialisch und macht den Aufenthalt in den Transportmitteln des ÖPNV zur olifaktorischen Herausforderung. Manchmal reicht auch ein kleiner Schub Angstschweiß, dass der werte Kollege bereits vor der Mittagspause müffelt wie ein Fuchs im Oktober.

  2. Nötig ist eine öko-konservative Politik gemäß Herbert Gruhl. Nach den Wahlen im September können Landesregierungen aus AfD und BSW gebildet werden. Bitte klicke auf „Oneironaut“.

    1. Das wird eine Supersause. Da neben Herbert Gruhl ja auch unweigerlich die ablassenden Winde von Baldur „Stahlhelm“ Springmann wehen.

  3. Man kann über Funktionsjacken spotten und sich dabei für etwas Besseres halten. Okay. Aber wer zählt hier eigentlich die Etiketten? Der wandernde Bückbürger trägt seine Funktion am Körper, der Kolumnist seine Distinktion zur Schau. Beide tragen Uniform. Beide stehen an der Leine – und halten sie jeweils für eine Krawatte. Der freie Hund liegt lieber nackt in der Sonne.

    Vielleicht sollte man weniger über Jacken als über Einbildungen lachen. Wer glaubt, im Maßanzug freier zu sein als im Goretex, verwechselt Stil mit Unabhängigkeit. Und wer ganze Gesellschaftsanalysen aus Trekkinghosen, Trinkflaschen und Jack-Wolfskin-Logos ableitet, betreibt dieselbe Identitätspolitik, die er andernorts verachtet. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Analyse ist das kaum. Eher Geschmackssoziologie für Bessergestellte.

    Die Pointe bleibt unfreiwillig: Während der Text das Funktionieren anklagt, reproduziert er die älteste bürgerliche Sehnsucht überhaupt – sich durch Stil über die Masse zu erheben. Da bleibt dann bloß zu sagen: Overton-Leser, willkommen bei Springer TV!

      1. Zitat 1: „Depp Gladiola“

        Aus den Overton-Kommentarregeln: „Persönliche Übergriffigkeiten und Ehrabschneidungen sind allerdings zu unterlassen. (…) Beleidigungen sind keine Argumente.“

        Zitat 2: „Ich empfehle die Lektüre von Pier Paolo Pasolini’s „Freibeuterschriften“.“

        Pasolini kritisierte die Uniformierung der Menschen. Poschardt kritisiert dagegen eine bestimmte Uniform, die ihm ästhetisch missfällt. Das ist ein Unterschied.

        Natürlich werden westliche Gesellschaften funktionaler, ähnlicher und optimierter. Dass Menschen heute in denselben Codes, Produkten und Routinen leben, ist nicht zu übersehen. Die spannende Frage lautet aber: Warum? Wenn die Antwort bereits „Jack Wolfskin“ heißt, bevor die Analyse beginnt, wird aus Gesellschaftskritik Milieusatire.

        Der Distinktionsgewinn des Stilisten ist keine Flucht aus der Uniformität, sondern nur ihre gehobene Variante. Wer die Anpassung kritisiert, sollte zuerst prüfen, ob seine eigene Haltung nicht längst von der Stange kommt.

        1. Danke für Ihre besonnene Antwort, und „advantage“, dass Sie Pasolini gelesen haben.
          Zum Stil: Ich kenne jemanden, der trägt immer einen alten „Glencheck“, wenn er an die Drehbank oder die Stand-Bohrmaschine geht, um einzelne mechanische Komponenten herzustellen. Habe ihn vor Jahren mal drauf angesprochen: „Es ist mir eine Freude, meiner Arbeit nachzugehen in einem Kleidungsstück, das perfekt sitzt!“, war die Antwort.

    1. Hier bist Du als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet, das schreibe ich solidarisch liab, Sepp.

      … reproduziert er die älteste bürgerliche Sehnsucht überhaupt – sich durch Stil über die Masse zu erheben.

      Ein Ulf Poschardt hat es nicht nötig, sich „über die Masse zu erheben“ – er ist seit Jahrzehnten erhoben, lesbar, sichtbar, hörbar. Das hätte Dich stutzig machen können. Mit dem Buch erhebt er sich offenkundig über seine Peers, das ist eine ganz andere Nummer.

      Vom Realitätscheck ausgehend hättest Du auf die Idee kommen können, zu fragen, an welchem Ort ist zu welcher Zeit eigentlich „die Masse“ zu suchen? Hat die ’ne Wohnadresse? Trägt die physisch ein „Kainsmal“?
      Aktualitätshalber hättest Du an die Fußballstadien denken können. Ja, ob da „die Masse“ wohne oder nicht, darüber ließe sich reden, nur Fakt ist, daß die massenhaft Uniform tragen! Is sich nix mit „erheben“, eher wird eine Gegenrichtung sichtbar gemacht!

      Und überhaupt, „erheben“ – wenn die Massen sich über „die Masse“ erheben – ist das nicht allenfalls eine „la ola“ – Welle, in der „sich erheben“ und „sich erniedrigen“ sinusartig die Vorzeichen wechseln? Ulfs Text ist doch kein schlechtes Dokument dafür! (Da stimmte er sicherlich lachend ein, jedenfalls hat er das 2008 sinngemäß getan, als ich und er mal zufällig bei einem Wein zusammen gehockt sind.)

      „Sich erheben wollen“ ist ein Motiv und Zweck in allen Standesgesellschaften, das ist nicht spezifisch bürgerlich, und vor allem sollte einer es nicht mit einem ganz und gar anderen Motiv und Ziel verwechseln, weil es oftmals ähnlich aussieht oder auch schlicht zwangsläufig verschwistert wird: sich auszeichnen wollen. Das findet man schon für homo erectus neandertalensis zweifelsfrei dokumentiert, etwas schwächer sind die Befunde bei erectus sensu lato vor rd. 600 k Jahren. In Keimform findet man es bei allen Rudel- und Herdentieren, es ist ein Symptom für einen initialen Schritt der Emanzipation der Sexualität von der Fortpflanzungsfunktion.
      Und wenn es nur darum ginge: Spott ist die ubiquitäre komplementäre Antwort auf sowas, worüber die Gecken und Emporkömmlinge in tribal geprägten Gesellschaften glatt dankbar sind – er validiert, daß sich ihr Hervortun im Rahmen des Begrüßten bis Tolerierten hält …

  4. Die Individuen, die im und vom Gemeinwesen des Geldes zu leben haben, machen in ihm mit! Was erlaube Individuum!!

    Folgender Satz dokumentiert den wohlsituiert gepflegten Urlaub vom „Reich der Notwendigkeit“ in der postreligiösen Wahnwelt, denen Adorno und Horkheimer das Bettchengestell gebaut hat:
    Das Aufgehen des Individuums in seiner Funktion ist das Kainsmal der Entfremdung.
    Man könnt auf die Idee kommen, das sei eine anmaßend hoffärtige Selbstbeschreibung …

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